Sonntag, 29. Dezember 2019

Das schlechte Gewissen


Weihnachtsfeiertage. Mit der Familie Zeit verbringen, gutes Essen und Trinken genießen, sich mit Freunden treffen, zuhören, lachen, einander lieb haben …. Aber was! Drauf wird pfiffen. Heuer zieh ich mir mal meine 6 DVDs a 4-5 Folgen zu je 48 min „die Hausmeisterin“ rein. Am Stück, non stop. Im Bett. Mit Laptop auf dem Bauch und Kopfhörer auf dem Schädel. Lasst’s mich doch alle in Ruh mit eurem Weihnachtsgedöns!
Bayrischer Humor gepaart mit viel Wissen über das Leben. Über 30 Jahre alt, diese Serie. Da haben die Frauen noch eine weibliche Figur. Da sind noch keine Spargeltarzane unterwegs. Und die Hausmeisterin, die sorgt sich um alles und kümmert sich um jeden. Die kann besser anpacken wie jedes Mannsbild, die löst die Sachen mit Hausverstand und wenn sie nicht mehr will, trommelt sie ein freudiges „steigt’s mir doch alle aufn Hut“. Ich liebe sie! Und die ersten drei, vier Folgen genieße ich auch noch besonders, ohne viel nachzudenken. Dann aber plötzlich regt sich was in mir…. Es scheint mein Gewissen zu sein. Sollt ich nicht auch ein bisserl putzen oder wenigstens mal der täglichen Systemerhaltung nachgehen? Wie war denn noch schnell mal meine Küche beieinander, als ich diese vor ein paar Stunden zurückließ? Hab ich überhaupt schon das Geschirr von gestern Abend weggeräumt? Ich müsst mal aufs WC, spare es mir aber noch für eine weitere Folge auf. Die Hausmeisterin geht auch nicht ununterbrochen pieseln. Sie bohnert das Treppenhaus und dreht sich ihre Haare ein.
Wann hab ich eigentlich das letzte Mal Staub gesaugt und mein Treppengeländer gereinigt? Und wann hab ich was bei meinen Haaren gemacht? Wurscht. Hab eh Natur-Wuckerl. Brauch sie mir nicht eindrehen. Und das bissl Geschirr in meiner Küche wird auch niemanden töten. Die Hausmeisterin hat nicht einmal einen Geschirrspüler. Alles macht sie mit der Hand. Und dann kocht sie noch einen „Pichelsteiner“. Einen Eintopf. Für ihre Liebsten. 


Mir kracht der Magen. Ich muss mich jetzt mal erheben, komme, was da wolle. Und das Kreuz tut mir weh. Vom Laptop am Bauch. Ihre Sorgen möchten wir haben… Die Hausmeisterin hat auch Kreuzweh. Vom Putzen und vom Reparieren und vom Herumschieben der Koloniakübeln. Irgendwie riecht meine Biotonne aus der Küche auch schon. Nach Kren, sagen mir die Kinder schon seit 3 Tagen. Nicht nach Pichelsteiner Eintopf. Und da rührt es sich wieder, mein Gewissen….
Und wie die Hausmeisterin mit den schwierigen Männern umgeht! Da könnt man auch noch was lernen. Wenn man wollte. Ich entscheide mich dann aber doch eher fürs Pieseln-Gehen. Das ist erfolgreicher als der Umgang mit Männern. Die Hüfte tut mir auch schon weh. Vom vielen Herumliegen. Muss mich mal auf eine andere Seite drehen. Bei Folge siebzehn dann wird eine Umlagerung meinerseits vorgenommen. Die Hausmeisterin hängt jetzt auch noch die Wäsche auf und einen Teil bügelt sie. Himmel Herrgott, das wird immer anstrengender mit meinem Gewissen. Bügeln! Wofür denn jetzt DAS schon wieder!? Die Leute machen sich das Leben unnötig schwer, kommt mir manchmal vor. Und schon meldet sich mein linkes Knie. Was war jetzt wieder falsch? Uj, bin damit auf dem Aufladekabel vom Laptop gelegen.
Wie schnell eigentlich die Tage so vergehen. Da legt man sich am Mittwoch mit reinem Gewissen hin und ehe man sich versieht, hat man sich auch schon 6 DVDs a 4-5 Folgen mit 48 Minuten reingezogen. Im Bett. Mit dem Laptop am Bauch und den Kopfhörern auf dem Schädel. Und mit einem unfassbar schlechten Gewissen.
Als die ersten Vögel am Samstag zwitschern, springe ich aus meinem Bett heraus und putze von oben bis unten mein ganzes Haus, leere die Biotonne aus, koche einen Eintopf – Pichelsteiner wird’s immer noch keiner – und wasche mir die Haare, bis ich vor lauter Wuckerl nicht mehr rausschauen kann.  Und frage nicht! Jetzt hab ich erst recht Hüft-, Knie und Kreuzschmerzen! Ich glaub, ich muss mich augenblicklich wieder in die Horizontale begeben. Schließlich haben die Bayern ja auch noch andere Kultserien, von denen man kein schlechtes Gewissen kriegt….

Sonntag, 3. November 2019

Die wundersame Vermehrung von Tisch und Bett




Die Kinder werden ja so schnell erwachsen. Und dann ziehen sie aus. Und dann brauchen sie Bett und Kasten und Tisch. Und dann sind sie weg. So geschehen mit meinem Ältesten. Auf einmal war er weg. Das war an und für sich noch nicht so schlimm. Das ist der natürliche Lauf der Dinge. Aber auf einmal brauchte er auch Bett und Kasten und Tisch. Da hat sich‘s dann mit dem natürlichen Lauf der Dinge auch schon wieder aufgehört. Da fingen dann die Probleme nämlich erst so richtig an!

Sie sind ja schön anzusehen im Möbelhaus: Bett wie Kasten und Tisch. Auch schnell gekauft sind die Trümmer, da gibt’s nichts. Man bekommt sogar noch Bonus-Sammel-Gutschein-Punkte für ein gratis Einkaufssackerl, wird kurz Mitglied im Vorteils-VIP-GoldenCard-Club und dann hievt man auch schon die Möbel entweder gleich selbst ins Auto oder man wartet ein paar Tage und sie kommen sogar von sich aus in die Wohnung. Aber in welchem Zustand, FRAGE NICHT! Ein flaches Packerl! Ein flaches Paket in einem Karton, daneben das nächste flache Paket in einem Karton und gleich auch noch ein drittes!!!




Da Jugendliche ja ein bisschen Orientierung und Hilfe brauchen, erkläre ich mich bereit, schon mal mit dem Möbelaufbau zu beginnen, indem ich beherzt die Kartons öffne. Der Pappendeckelmüll verstellt mir alleine schon die Hälfte der neuen Wohnung, mein Bewegungsradius ist dadurch etwas eingeschränkt, doch ich grabe mich bis zu den Bedienungsanleitungen vor, die beim Kasten allein schon aus 7 Din-A4-Doppelseiten bestehen und so klein geschrieben sind, dass ich meine Brille dafür benötige. Hmmmm, mal sehen, scheint ja nicht so schwer zu sein, von den 345 Schrauben, Beilagscheiben und anderen kleinen Dingern, deren Namen ich nicht kenne, lasse ich mich nicht so schnell entmutigen. Selbst ist die Frau - ich beginne dann mal zu schrauben. Zuerst geht’s auch noch ganz flugs dahin, doch bald tauchen die ersten Schwierigkeiten auf, die einerseits auf Materialunzulänglichkeiten und andererseits auf körperliche Kalamitäten meinerseits zurückzuführen sind. Die Schrauben lassen sich irgendwie nicht ins Holz oder in den Karton kriegen, ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich nicht statt der Kastenrückseite den Verpackungskarton verwendet habe. Mich schaudert kurz. Auch weiß ich nicht, ob die empfohlene Abstandszahl eines Winkels in Millimeter oder Zentimeter angegeben ist und ob dieser Winkel zum Tisch, zum Bett oder etwa zum Kasten gehört. Und schließlich meldet sich nicht nur mein Kreuz, sondern es treten auch die ersten Schwielen auf den Händen auf, weil ich sehr große Kraft fürs Schraubenreindrehen anwenden muss. Kleines Päuschen, Wirbelsäule zurechtgerückt, mit den Fingern ein paar Mal gekracht und schon weiß ich mir zu helfen. Dunkel erinnere ich mich, dass meine Bohrmaschine ja auch eine Schraubfunktion hat und schon setze ich beim ersten widerspenstigen Ding an und schraube in Windeseile und mit einem Höllenlärm daran herum. Weil’s so gut läuft, tu ich das gleiche auch bei den anderen 4 widerspenstigen Dingern und ehe ich mich versehe, komme ich drauf, dass ich die Bohrfunktion eingeschaltet hatte und nicht nur die Schrauben wieder alle heraussen lagen, sondern das Gewinde samt Bohrer völlig zerstört war. Macht ja nix, hab ja eh noch 340 Schrauben und Beilagscheiben und Sachen, deren Namen ich nicht kenne. Weiter geht’s im Höchsttempo und als sich auch noch mein Knie und die Hüfte und der leere Magen und die volle Blase bei mir melden, beschließe ich, die Sache für heute gut sein zu lassen und schaue mir mein Werk in einer weiteren kleinen Pause bei einer Tafel Schokolade (die hab ich mir sowas von verdient!) mal von der Ferne an:

Der Kasten steht halb da, also eigentlich liegt er irgendwie noch unmotiviert im Raum herum und mich würde wundern, wenn man da jemals auch nur EIN Kleidungsstück aufhängen wird können. Das Bett sieht nicht so aus wie im Möbelhaus, das muss ich zugeben, aber da kann man sich ja oft täuschen, vielleicht hat sich mein Sohnemann wirklich ein Hochbett und kein Spring-Bock-Bett ausgesucht. Und der Tisch? Na ja, der Tisch hat bloß zwei Beine. Wurscht. Man kann ihn im schlimmsten Fall auch an die Wand lehnen.

Was mich aber noch mehr verwundert, ist die Tatsache, dass jetzt auch noch ein SESSEL daneben steht und ich aus Bett, Tisch und Kasten offensichtlich noch ein weiteres Möbelstück gezaubert habe. Mit zwei Beinen zwar nur, aber auch den kann man schließlich im Notfall an die Wand lehnen. Was bin ich doch begabt - Jetzt kann mein Baby endlich einziehen!

(Der Vollständigkeit halber möchte ich noch erwähnen, dass mir dann 4 Freunde sehr, sehr geholfen haben und die Misere wieder ins Reine brachten. Danke an dieser Stelle an G+B und A+G. Jetzt muss sich mein Sohn zwar einen Sessel kaufen, aber der Tisch hat wieder 4 Beine, es gibt kein Hochbett mehr und das erste Hoserl hängt bereits sicher im Kasten.)

Freitag, 16. August 2019

Das geht mir unter die Haut




Eine kleine Auszeit. 5 Tage auf Korfu. Das Hotel kannte ich bereits – überschaubare 3 Gebäude mit köstlichem Essen, Individualtouristen und Pärchen als Hauptzielgruppe, ein kleiner, feiner Sandstrand mit ein paar Liegen, griechische Heiterkeit und Ouzo aus einem Zapfhahn rund um die Uhr. Nichts wie hin, auch heuer wieder.

1. Tag:

„The building L is over the brizzzzzzz“, flötet der Rezeptionist, als ich in der frisch renovierten Halle ankomme, was mich schon etwas stutzig werden lässt: wo, um Himmels Willen, war da jemals eine „brizzzzz“, eine Brücke? Und was meint der Kerl mit „Gebäude L“? Bin ich hier im falschen Film? Noch ehe ich mich verseh, entdecke ich, dass man hinter den 3 ursprünglichen Häusern die „Buildings“ etwas erweitert hat, nämlich auf zwölf. Ja, richtig gelesen: zwölf Gebäude, „A bis L“. Und eine Brizzzzz. Das Areal ist nun ungefähr so groß wie mein Heimatort und hat ungefähr gleich viele Einwohner. Und keine Individualtouristen mehr, nein!, Familien mit Kleinkindern. Jowui!

Alles voll von denen, plärrende, trotzige Kinder mit ihren ebenso plärrenden Eltern, die sich den ganzen Tag von Bar zu Bar und von Pool zu Pool schleppen, immer ein Bierchen in der tätowierten Hand und ein Zigaretterl zwischen den Permanent-Make-Up-Lippen. Aus den Bars dröhnt feinstes Techno, im Kuchenbuffet kommt es zu ersten Raufereien zwischen zwei Damen mit tropfenden Bikini-Unterteilen, die ihre überwuzelten Gesäße nur mangelhaft bedecken und auf die Teller wird am Abend raufgeschaufelt, was das griechische Porzellan hält. Und stehengelassen. Damit die Fliegen auch was davon haben.

Nun bin ich hier also gelandet, in der Touristenhölle. Gefangen durch eine winzige Unachtsamkeit meinerseits, nämlich nicht extra die aktuelle Hotelbeschreibung gelesen zu haben, bevor ich meine Buchung mit einem Klick losschickte. Der Klick ins Unglück sozusagen. Weil ich ja eh schon alles kannte und eh schon alles wusste…

Fragen des Tages: soll ich Rotz und Wasser weinen und hat mein Leben noch einen Sinn?




Tag 2:

Ich renne kurz vor Sonnenaufgang über die Brizzzz, um zum Meer und zu den heiß begehrten Liegen zu kommen, bewaffnet mit meinem Badetuch, das ich sogleich auf ein gerade noch zu ergatterndes Bett werfe, um mir wenigstens heute einen Platz an der Sonne zu reservieren.

Beim Frühstück rammt mich ein Herr, der mit bloßem Oberkörper seinen Kaffffffe zu sich nimmt. Auf der Höhe seiner Leber und schräg über die Nieren bis hin zu Tiefen, in die ich in meinem ganzen Leben nicht vordringen möchte, hat er seine Heimatstadt Nürnberg mit Fachwerkbauten samt Christkindlmarkt tätowiert, seine Frau ist goldbraun von der Sonne durchgebraten und ich stehe daneben wie ein Gespenst, fast schon bläulich schimmernd in dieser unbarmherzigen griechischen Himmelsbeleuchtung. Der Herr rülpst nach getaner Essensaufnahme.

Am Strand spielen zwei Kinder mit Biergläsern aus der Bar vom „Building E“ und bauen damit Sand-Glas-Burgen. Dahinter essen die Eltern Gyros von Plastiktellern, die sie anschließend gewissenhaft mit ein paar Zigarettenstummeln im Sand vergraben.

Ich habe genug für heute, gieße mir einen Ouzo hinter die Binde und schaue Deutsches Fernsehen, während die Techno-Klänge von zwei Bars in Stereo auf mein Zimmer dröhnen und ich meine Wunden lecke, denn meine noble Blässe ist am Nachmittag einem dezenten Feuerrot gewichen. Den Eigenschutz von 7 Minuten habe ich um 4 Stunden, 23 Minuten überschritten, bravo Kriselinde!

Fragen des Tages: wie lange können eigentlich fünf Tage noch sein und löst sich verbrannte Haut als Ganzes oder in kleinen Stückchen?



3. Tag:

Im Morgengrauen quere ich die Brizzzz, lege das Handtuch auf die Liege am Meer, remple – sicher versehentlich – eine Mieze im neon-gelben String-Tanga, als sie sich vor mir ein Bier schnappt und ich schon wieder nur den Schaum im Glas habe. Ist es nicht noch zu früh für einen Gerstensaft, schießt es mir durch den Kopf, aber dann sind bald alle Zweifel weg: die anderen trinken ja auch. Der Fachwerktyp aus Nürnberg hat um 8:30 Uhr schon sein drittes Bier und sein 6-jähriger Sohn wischt sich gerade den Schaum von seinem Mäulchen, er durfte schließlich Vaddern erfolgreich bei der Vertilgung helfen. Dann randaliert es sich gleich besser, er beginnt eine Schlammschlacht mit einem polnischen Jungen, dessen größter Gatschhaufen direkt auf meiner Liege landet. Ich werfe ihnen – sicher versehentlich - ein bemerkenswertes Stück davon zurück und erwische dabei die Pobacken einer Muddi, deren gute Zeiten auch schon länger vorbei sind. Aber was soll’s, jetzt wird’s eben mal richtig lustig hier. Immer in der Sonne brutzeln ist ja auch öd. Zur Belohnung, dass ich mich so tapfer gewehrt habe, gönne ich mir noch vor dem Mittagessen 3 Ouzos on the rocks, auch eher versehentlich, wollte eigentlich ein stilles Mineral…

Am Nachmittag steht ein Ausflug auf dem Programm: das Schloss von Sissi. Die österreichische Kaiserin war ja gerne auf Korfu, ließ sich hier in einer Hafenkneipe einen Anker auf die Schulter tätowieren. Für ein Fachwerkthema war sie offensichtlich zu feig, die Gute!

Am Abend sehen MEINE Schultern übrigens aus, als ob ich den ganzen Tag am Grill gehangen hätte.

Fragen des Tages: Was mache ich eigentlich hier und kann mich bitte wer erschießen?



Tag 4:

Ich sch… auf die Brizzzzzzz, schlafe mich aus, nehme am späten Vormittag einen anderen Weg zum Strand, werfe die paar fremden Handtücher von meiner angestammten Liege direttissimo hinter mir in Sand, verbuddle sie – sicher versehentlich - zwischen den Plastiktellern und den Zigarettenstummeln und gönne mir und meinem knallroten Wamperl Gyros mit Bier zum Frühstück.

Habe dann schließlich bis zum Nachmittag genug Alk im Blut, dass ich mich vom Barhocker aus Building C kaum mehr richtig erheben kann und schwankend, den Kopf zur Techno-Musik beutelnd ins Zimmer torkele. Dort wird mal richtig ausgeschlafen, so ein Urlaub ist doch wirklich was Schönes!

Am Abend mache ich – sicher versehentlich - einen Ausflug an den Hafen. Dort gibt es viele Tattoo-Studios.

Fragen des Tages: Verändert Alkohol Psyche und Charakter und kann man Tattoos eigentlich abwaschen?



Tag 5:

Ein letztes Mal über die Brizzzzzz, ich winke dem Nürnberger freundlich zum Abschied zu, gebe dem Rezeptionisten ein angemessenes Trinkgeld, obwohl er mich aufgrund meiner aktuellen Hautfarbe (saftiges Schweinsrosa mit violetten Einblutungen) nicht zu kennen scheint, gieße mir zwei Ouzos als Frühstück in meinen Suppenschlitz und zeige einem Kleinkind – sicher versehentlich - meine Pobacken. Es läuft kreischend davon. Danach remple ich 7 Leute an, damit ich als Wegzehrung noch ein paar Gyros-Futzerl ergattern kann, bevor wieder das lahme Kuchenbuffet eröffnet wird und ich steige irgendwie widerwillig in den Transferbus, der mich zum Flughafen bringt.

War doch schön hier! So ein großes Hotel, so gute Stimmung, so viel zu essen und zu trinken, so nette Leute! Ob ich nicht nächstes Jahr wieder hierherfahren sollte, schießt es mir durch den Kopf und ich bemerke, dass dies wohl die dümmste aller mir in dieser Woche gestellten Fragen war.

Ich habe jetzt übrigens den Hauptplatz von Leoben samt Christkindlmarkt rechts unter meinem hängenden Gesäß tätowiert. Dieser ist bei Bedarf anzuschauen. In Echt, mein ich natürlich…

Dienstag, 9. Juli 2019

I wü wieda ham ...



Eine Stadtpartie steht an. Mädels in Fahrt. Mit zwei meiner überwutzelten Landmiezen begebe ich mich auf eine Reise in die Großstadt. Schon im Zug überfällt uns der erste Riesenhunger und wir suchen die Speisekarte des neuen Catering-Services auf und ab, können uns jedoch auf kein einziges Essen einigen, da die Unverträglichkeits-Warnungen als Fußnoten größer sind als das Weckerl selbst und wir irgendwie Bammel bekommen, als wir gewahr werden, dass man von so einer Semmel eventuell nicht nur Blähungen, Asthma und Ausschlag bekäme, sondern man im schlimmsten Fall eine hochgiftige Lupine mitfrisst, die wir drei nur allzu gut von unseren blühenden Haus-Gärten kennen. Ja, ticken denn die alle noch richtig? „Kann Spuren von Lupinen enthalten?“ Im Weckerl? Hat sich der Bäcker über eine Sommerwiese gerollt, oder wie kommen Lupinen in den Teig? Das essen wir schon mal gar nicht. Was der Bauer nicht kennt, ….

Hungrig kommen wir in Wien an und wollen auf den erstbesten Kebap-Stand zusteuern, da fällt uns ein, dass man in der U-Bahn nicht mehr essen darf. Man darf auch nicht mehr stinken. Das ist zum Verzweifeln. Wir drei sind hungrig, wir haben eine lange Fahrt hinter uns und es ist brütende Hitze in der Großstadt. Trotzdem: „Stinken in der U-Bahn verboten!“ Mit oder ohne Lupinen. Wir besteigen die erste Garnitur, die der Untergrund bietet und staunen nicht schlecht, als sich uns auf den Türen riesige Nasen präsentieren und man das Ganze mit „Schnupperfahrt“ betitel: durch die Klimaanlage strömt Parfum – allergiegetestet, wie wir anschließend aus der Zeitung erfahren, in den Nuancen „happy enjoy“ oder „relax“.

Relaxed sind wir nun gar nicht mehr, eher betört oder betäubt, noch immer nix zwischen die Beißerchen gekriegt, aber doch guten Willens, wenigstens ein bisschen shoppen zu gehen. Obwohl das Wort „shoppen“ bei uns zuhause ja eine andere Bedeutung hat (O-Ton Muttern: „Tua net so shoppen beim Essen, iss laungsam und nimm kloane Stickerl!“), wissen selbst wir Country-Miezen, dass damit das ausgedehnte Flanieren durch Geschäfte nebst Erstehen von mehr oder minder Brauchbarem gemeint ist. Wir steuern also einen Dessous-Laden an, denn auch ein Landei braucht mal einen hübschen Eierbecher. Uns werden diverse Unterhosen präsentiert, da wir aber von „A… frisst Hose“ langsam alle genug haben, spezialisieren wir uns auf die reiferen Modelle und müssen feststellen, dass in einem ganz speziellen Teil Braun-Algen eingearbeitet sind. ALGEN ! In der Unterhose! Ich möchte es nur wiederholen: ALGEN! Ich frage mich: Ist das deswegen, damit der vorhin erwähnte A…. mal eine andere Geschmacksrichtung kennenlernt oder warum? WIR kriegen nix zum Essen und unser Allerwertester sollte sich an Braunalgen aus isländischen Fjorden delektieren? Eyjafjallajökull und WTF!!!

Rauf auf den Donauturm. Eine herrliche Aussicht. Sofern man keine Höhenangst hat. 2 von uns 3 haben welche, weshalb die Liftfahrt nach oben schon grenzwertig ist, der anschließende Rundgang auf der Plattform tut sein Übriges. Zur Beruhigung setzen wir uns ins Café, in der Hoffnung, endlich ein bisschen Entspannung und vielleicht auch mal was Warmes in den Wanst zu kriegen. Doch weit gefehlt! Das Etablissement dreht sich. Wo gibt’s denn sowas? Gerade noch finden wir einen Platz vis a vis vom Eingang und schon ist der Eingang wieder weg, gerade noch war da die Küche mit den Kellnern und schon sitzen wir vor einer Holzwand, gerade noch waren da die WCs und schon wissen wir wieder nicht, wohin mit unseren Algen-Hoserln. Und Bedienung? Und Essen? Fehlanzeige! Fürs Restaurant hätten wir reservieren müssen und die Kellner verschwinden so schnell hinter der Holzwand wie sich das Ding nur drehen kann. Schwindelig und am Ende unserer Kräfte verlassen wir den verwirrenden Schauplatz.

I wü wieda ham….

Gesagt getan – rein in den nächsten Zug und ab über den Semmering ins Steirische. Dort können wir wieder ordentlich grasen, da brauchen wir nur „a weng douni oda obi gehn und schou shop ma wieda Kernöul und Öipfi in uns eini“… Und die Lupinen lassen wir gefälligst in der Wiese stehen, damit sich nicht im Algen-Hoserl was anderes sammelt.

Donnerstag, 20. Juni 2019

Slipping through my fingers





Schoolbag in hand, she leaves home in the early morning
Waving goodbye with an absent-minded smile
I watch her go with a surge of that well-known sadness
And I have to sit down for a while
SLIPPING THROUGH MY FINGERS ALL THE TIME
I try to capture every minute the feeling in it.
ABBA



Da steht es nun, mein Mädchen. Ganz weit vorne, ganz weit oben. Mit Stöckelschuhen und Lippenstift. Und mit der Matura in der Tasche. Und ich bin sowas von stolz auf sie.

Gerade noch, so kommt es mir vor, hab ich mit ihr geschrien, weil sie wieder nicht wusste, wie man „viele bunte Blätter“ schreibt, weil sie zum x-ten Mal „fiele bunde Bleder“ ins „Formati“-Heftchen kritzelte und mir der Geduldsfaden dabei riss.

Gerade noch, so kommt es mir vor, hat sie mir stolz ihren Side-Cut präsentiert, den ihr der Nachbarsbursch im zarten Alter von 4 Jahren mit der heimlich entwendeten Schere auf der Wohnzimmercouch verpasst hatte, nicht wissend, dass Side-Cuts ein paar Jahre später wirklich in Mode kommen sollten.

Und gerade noch, so kommt es mir vor, war sie in Rollenspiele vertieft, in denen sie rief: „Herr Pforrer, Herr Pforrer, da Jesus is gstorbn!“

Und jetzt steht sie da oben, ganz weit vorne. Und hat die Matura in der Tasche. Auch in Religion. Und in Mathematik. Und in all den anderen Fächern, von denen so mancher gar nicht weiß, dass sie überhaupt existieren.


Und die Zeit rennt. Slipping through my fingers all the time….

Heute noch einmal genug davon, um alles Revue passieren zu lassen. Während mein Mädchen also da oben, ganz weit vorne steht, lassen wir Eltern uns in einer dreieinhalb-stündigen Zeremonie durch sämtliche Wandertage und Ups and Downs des Schulalltags führen. Viele, viele Reden, viel, viel schöne Musik. Anekdoten aus den vergangen 8 Jahren, Philosophien über Bildung und Erwachsenwerden, Fotos und Pralinen-Schachteln-Gleichnisse, wie ein erfüllendes Leben gelingen könnte und viele, viele Menschen, mit denen mein Mädchen in den letzten Jahren wahrscheinlich mehr Zeit als mit mir verbrachte. Lehrer, Begleiter, Kratzbäume und Reibeflächen, Freunde fürs Leben.

Und sie ist da vorne, ganz weit oben.

Sie kriegt nicht wirklich mit, dass mindestens vier Leute in den hinteren Reihen bereits eingeschlafen sind, dass ein Kleinkind mit Elefantenschritten 37 Mal neben den Sesseln hin und her trampelt und uns alle fast zum Wahnsinn treibt; dass mich meine Sitznachbarin bei der Sessellehne schnappt und mich damit beinah zum Kippen bringt (danke D. für die erheiternden Momente!), dass drei Leute glauben, sie müssten immer wieder aufstehen und publikumswirksam durch die Reihen stolzieren und dass mich vom Cranium bis zur Patella vom langen Sitzen alles schmerzt, was in meinem Körper Rang und Namen hat.

Sie steht ganz vorne. Und kriegt nichts mit. Und das ist gut so. Denn der Abend gehört ihr. Sie hat die Matura in der Tasche und mir gleitet mein Mädchen aus den Händen.
Slipping through my fingers all the time. Aber sowas von stolz. Und dankbar.

Montag, 27. Mai 2019

Amore, Amore - mit einem Wisch ist alles weg.


Gott sei Dank ist dieser Frühling heuer nicht so intensiv, es blüht zwar alles in herrlichster Pracht, aber es ist nicht lau, es ist nicht warm, es ist nicht heiß und was das Beste daran ist: es duftet nix, weil’s dauernd regnet. Vom warmen Duft, von den Wogen, die da so aphrodisierend rüber schwappen zu mir, bekomme ich ja sonst immer so ein Kribbeln im Unterleib, wo ich als Unbemannte nicht recht weiß, wohin damit. Zugegeben, es kribbelt auch heuer ein bisschen, aber das dürfte meine überlastete Hüfte sein, die sich mit ihren furchterregenden Abnützungserscheinungen immer wieder bei mir meldet.

Außerdem bin ich verwirrt, ich weiß eigentlich nicht, wie die Männer so ticken, was die so wollen und brauchen, wo man sie halt sein lassen muss wie sie sind oder wo sie herausgefordert werden wollen. Oder wollen sie nur ein bisschen spielen oder brauchen sie eine Frau auf Augenhöhe? ICH WEISS ES NICHT!!!

Nach dem Motto „Was frisst so ein Partner überhaupt und wie alt werden die?“ wage ich mich wieder mal auf die virtuelle Piste, nachdem ich feststelle, dass ich trotz allem noch nicht ganz tot bin und mir vorkommt, dass dort, wo es kribbelt, gar keine Hüfte mehr ist.

So versuche ich mein Glück, Amore, Amore zu finden, eben halt – wie es jetzt so modern und zeitgemäß ist – mit einer App. Es gibt ja schon für alles eine App und deshalb hab ich auch bald die passende für mich gefunden. DA ist was los! Halleluja! „It’s raining men“, zur Abwechslung mal. Da kann sich das Mai-Schlechtwetter hintanstellen. Ein Sammelsurium an Mannsbildern, mit Bart, ohne Bart, mit Hut, ohne Hut, mit Haare, ohne Haare, mit Glatze, ohne Glatze (oder ist das das gleiche?), mit Bärli-Baucherl, mit Six-Pack, mit Sonnenbrillen, mit 8-Dioptrien-Einmachgläsern vor den Sehschlitzen, mit Bierdose in der Hand, mit weißen Tennissocken in den Sandalen, VOR einem Auto, AUF einem Auto (keiner ist UNTER einem Auto – Gott sei Dank!), auf der Maschine, auf dem Berg, im Fallschirm baumelnd …. Was weiß ich wo und wie noch überall. Einer hält eine Flöte in der Hand (ich hoffe, es ist eine Flöte!), ein anderer ein Buch, der dritte steht mit einer Glock da. Den will ich schon mal nicht, das steht fest.

Aber man soll sich ja nicht so auf die Äußerlichkeiten fixieren, weshalb ich eher bei den Charakterbeschreibungen der Kandidaten verhaften bleibe und mir schließlich drei Prachtexemplare von Mannsbildern herauspicke und eine Konversation mit ihnen starte.

Doch irgendwie ist der Wurm drinnen, weil ich ja, wie schon erwähnt, nicht weiß, wie die ticken. Nach einer Zeit des Hin- und Hertippens SCHREIBT der Erste: „du bist eine sehr tiefgründige Frau mit vielen guten Ansichten und scheinst einen sehr starken Charakter zu haben, bist weltoffen, tolerant und offensichtlich sehr resilient. Man kann mit dir sicher Pferde stehlen und sich hundert Prozent auf dich verlassen. Außerdem bist du humorvoll und offenherzig.“

Und MEINEN tut er: „Die ist mir viel zu kompliziert, da fi…e ich lieber das hilflose Haserl aus der Nachbarschaft,“ und wischt mich mit einem Fingerstreich weg.

Recht hat er. Pferde kann man mit mir nämlich eh nicht stehlen, da bin ich nämlich allergisch drauf, das hat er nicht überrissen, der Depp.


Der Zweite SCHREIBT: Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, ich vermisse dich, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl, Herzerl.“

Und MEINEN tut er: „Ich brauche ein Nesterl, ich brauche die Wärme meiner Kindheit zurück, ich brauche eine Putze, eine Mama und jemanden, der mich für immer und ewig liebt.“

Ja, bin ich denn in einem Rosamunde-Pilcher-Film? Ich schicke ihm ein grünes Herz retour und mit einem Wisch entfernt er mich. Es waren ihm zu wenige Herzerl - und nicht rot genug.

Der dritte Reinfall SCHREIBT: „Wau ihr Frauen hir seit ale So Geill das ich mit jeder auf einen Café gehen will.“ Und MEINEN tut er eigentlich: „Wow, ihr Frauen hier seid alle so geil, dass ich mit jeder auf einen Kaffee gehen will.“ Aber viel weiter kommt er nicht beim Schreiben, denn DEN wische ICH weg, so schnell kann der gar net schauen. O Herr, lass Hirn regnen!



Nach diesen Erfahrungen beschließe ich, zum Orthopäden zu gehen und dem mal meine Hüfte zu zeigen. Vielleicht ist’s ja doch eine handfeste Arthrose und ich erspar mir diese blöde App.

Sonntag, 5. Mai 2019

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Ich shoppe. Wieder einmal. Im Internet.

Bestelle mir bei „Snob-Apotheke“ Baldrian-Beruhigungsperlen, einen Hornhaut-Schaber und eine Enthaarungscreme. Via Internet deshalb, weil die Verkäuferin im regionalen Drogeriemarkt ja nicht unbedingt wissen muss, dass ich ein haariges Plüsch-Nerverl mit Grind-Haxen bin. Was folgt, ist eine, mehrere kostbare Lebensmomente dauernde Zeremonie, um überhaupt einen Account in der „Snob-Apotheke“ samt gültigem Passwort zu erstellen. Ich gebe meinen Vornamen ein (wie originell!), dazu ein paar Hashtags und Fragezeichen. Der „Snob“ schreit: Viel zu unsicher, viel zu kurz. Ich erweitere auf den Nachnamen, das Geburtsdatum, Prozentzeichen und Fragezeichen. Der „Snob“ schreit schon wieder. Die Kleinbuchstaben tausche ich gegen große aus und beim Geburtsdatum schummle ich um 20 Jahre vorwärts. Wenn die von der Apotheke mich sehen könnten, würden sie mir den ranzigen End-Vierziger sowieso nicht abkaufen, denk ich mir noch und mach aus dem 69er gleich einen 39er. So fühlt es sich besser an. Der „Snob“ schreit schon wieder. Alles so unsicher, zu wenige Sonderzeichen und zu viele Semikolons und überhaupt und außerdem… Ich schwindle zum eigenen Namen den meiner Kinder und Eltern dazu, füge meinen aktuellen Cholesterinwert und den Geburtsort meiner Altvorderen bei und bin schließlich sehr zufrieden, als der „Snob“ es auch ist.

Ich drehe mich um und vergesse das Passwort. Dann freue ich mich auf meine Bestellungen. Elefantenhaut adé, sanfte Gelassenheit und Gleichmut in allen Lagen – und kein Härchen stört dabei im lauen Frühlingsglanz.


Irgendwie werden die Produkte aber nicht geliefert. So steige ich nach Tagen wieder in der „Snob-Apotheke“ ein und muss feststellen, dass ich das Passwort offensichtlich nicht akribisch genug konfiguriert habe. Der „Snob“ brüllt. Schon wieder. So nehme ich mir meine handgeschriebene Passwort-Liste zur Brust, wo ich eine Reihung von ca. 27 verschiedenen Online-Portalen vor mir habe samt gültigen Einstiegen:

Beim Pibi-Fotoshop hab ich mein Gewicht aus dem Jahr 1988 mit dem Notendurchschnitt meiner Matura (in Worten) angegeben; bei der Bank kombinierte ich einst den Firmennamen samt der drei Vornamen meines Arbeitgebers mit dem windigen Gehalt, das ich seinerzeit erhielt; bei der Telefongesellschaft nahm ich das Wort „Viertelanschluss“ mit den Kennenlerndaten meiner 3 besten Freundinnen und beim Versandhaus meiner Wahl fiel mir etwa „IssNichtJedenTagSchokolade“ ein , verziert mit meinen 90-60-90 Maßen und 3 dicken Fragezeichen. Das Ferienhaus-Online-Portal reagiert nur auf „DasLebenIstKurzNimmDirZeitFürMEER“ samt dem Datum meines letzten Urlaubs (ist zwar schon aus den 2000er Jahren, ansonsten aber sehr verstaubt) und in meinen Blog komm ich nur, weil ich das Passwort offensichtlich auf allen Computern und Handys im Haus gespeichert hab.

Was also bleibt, ist der „Snob“: ich komm und komm nicht mehr drauf, werde schließlich von der Seite gesperrt und warte bis heute auf meine seinerzeitige vermeintliche Bestellung.

Nun kauf ich wieder beim regionalen Dienstleister. Mir doch wurscht, ob die Verkäuferin sich denkt, dass ich eine vertrocknete Ziege mit Nervenschwäche bin, denn mittlerweile lautet mein Passwort stets und überall „HashtagRutschtsMirDochDenBuckelRunterKrawutziKaputziDotCom“

Mittwoch, 17. April 2019

Just married


Der Fotoauftrag einer Freundin ereilt mich: sie heiratet! Ich wäre dazu prädestiniert, die Horde ihrer und ihres Liebsten Verwandtschaft auf ein paar Bildern zu verewigen, flötet sie mir zu, was mich sehr freut. Gerne nehme ich die Herausforderung an, kutschiere dazu in meine alte Heimat und bin sofort nach der offiziellen Zeremonie back to the roots: da werden gleich mal direttissimo nach dem Standesamt Braut und Bräutigam „entführt“. Dies gestaltet sich derlei, dass die Braut in einem schwarzen Auto mit 4 Männern in Krachledernen mit Feitl in der Tasche und mit Schnauzern in Gesicht verschwindet und mir vorher noch schnell zuruft, ich solle einfach dem Wagen folgen und Fotos machen. Leichter gesagt als getan. Noch nie bin ich mit einem solchen Affenzahn durch meinen Heimatort gedonnert, um nur das Entführungsfahrzeug nicht aus den Augen zu verlieren – geblitzt hat dann nicht mein Fotoapparat, sondern das Radar hinter der Johanneskapelle, welcher Heiliger hier übrigens auch noch Schnauzer trägt. Aber keine Krachlederne.

Mit letztem Rotz komme ich im Gasthaus an, die Männerhorde hat meine Freundin bereits in amikaler Umarmung durch die Eingangstür geschliffen, ich halte die Szenen für die Ewigkeit und natürlich für ihren Liebsten fotografisch fest. Dann wird bestellt, was das Zeug hält, Bier, Sekt, Schnaps – es gilt, so schnell wie möglich alles in sich hineinzuschütten. So will es das Gesetz.

Dann entern die Onkels und Tanten, die Neffen 3. Grades und die Cousins samt Nachbarn und Arbeitskollegen das Etablissement in weinseliger Laune und "lösen die Braut aus". Der Bräutigam hat Lippenstift-Kuss-Mündchen über den gesamten Kopf verstreut, ist von 2 Schönen untergehakt und lächelt verträumt vor sich hin. Ich halte auch dies für die Ewigkeit und natürlich für seine Liebste fest.

Inzwischen sind Stunden vergangen, doch es keimt ein kleiner Hoffnungsschimmer auf: der Zielort, ein Restaurant an einem Teich, wird angepeilt und ich werde unterrichtet, es sei nun Zeit, mit der romantischen Fotosession zu beginnen. Gesagt, getan: ich brülle mal über die Onkeln und Tanten hinweg zu den Neffen 3. Grades und zu den Cousins, man möge sich doch bitte für ein Gruppenfoto am Gewässer einfinden, was auch einige brav machen. Einige andere aber leider weniger: der erste Onkel hat vom Entführen die Flitzen und muss dringend den gasthäuslichen Abort aufsuchen, der Cousine 2. Grades ist die Strumpfhose geplatzt, sie braucht einen Uhu oder ein Nähzeug oder sonst was, das ihre Unterkleidung zusammenhält; die zwei Cousins spielen am Wasserrand und entdecken eine Kröte, die sie in ihrer Hand verstecken, um damit die Tanten zu erschrecken. Ein Tantchen fällt sogleich mit dem rechten Fuß ins Wasser, hält sich noch mit letzter Kraft am Schnauzer ihres Gatten fest und rettet sich so ans trockene Ufer. Ich hingegen halte dies alles fotografisch fest. Für die Ewigkeit.

Der erste Diarrhö-Onkel hat seine Peristaltik wieder soweit im Griff, dass er fürs Gruppenfoto stillhalten kann, die Cousine 2. Grades mit dem Loch in der Hose hat beschlossen, diese ganz wegzulassen und die kleinen Cousins halten schließlich der Braut die Kröte vor die Nase und befehlen ihr, sie möge sie küssen – vielleicht kommt ja ein Prinz heraus und man könne den vor wenigen Stunden geschlossenen Ehebund eventuell doch wieder annullieren. Solch freche Biester!

Meine Freundin nimmt sich ein Herz und deutet wenigstens ein Küsschen an, während ihr Liebster noch an den Lippenstift-Flecken auf seinem Haupte herumdoktert – er will ja schön sein fürs Foto. Ich halte auch dies fest. Für die Ewigkeit (und eventuell für den Prinzen…)

In der Zwischenzeit sind drei weitere Leute verschwunden: Rauchpause…., Bekannte getroffen…., was im Auto vergessen…. - die Liste der Erklärungen ist lang. Ebenso die Wartezeit, bis jene wieder auftauchen. Da ich es nun geschafft habe, die Gruppe halbwegs auf den selben trockenen Flecken Erde ohne Krötenpopulation zu stellen, bin ich kurz vorm Ausflippen, als sich ein anderes Tantchen vor die Leute ins grüne Gras legt mit den Worten „I bin so schwindlig!“, was in meinem Heimatort ein Synonym für „i bin so bsoffen“ ist, weshalb die Meute in Lachen ausbricht und von einer ersten Hilfe absieht. Nur ein Cousin bietet sich an, „Mund-zu-Mund-Beatmung“ durchzuführen.

Als nun endlich die ganzen Gäste versammelt zu sein scheinen, der Bräutigam sein Gesicht gereinigt und die Braut ihren Würgereflex den Krötenkuss betreffend unterdrückt hat, bemerke ich, dass ich die Leute nicht alle auf ein Foto bekomme und beschließe, den Bildausschnitt zu vergrößern, indem ich auf ein Bankerl steig. Ein wackeliges Bankerl - mit meinen wackeligen Beinchen. Und es kommt, wie es kommen musste: Bevor ich auch nur ein einziges Mal auf den Auslöser drücke, liege ich kopfüber im grünen Gras, direkt neben der schwindligen Dame, auf einer Kröte - und stehle ihnen allen damit ihre Show!

Resümee: 123 Fotos von der Brautentführung, 54 von der Kröte, 3 verschwommene vom Tantchen im Teich, 4 von der chillig in der Wiese relaxenden Dame mit Schwindelanfall, 45 von den kleinen Cousins – ach, waren die nicht süß! – und 18 Schnauzbärte. Kein Gruppenfoto, aber dafür ein Selfie, wie ich kopfüber auf einer Kröte nach meinem Bankerl-Sturz im Gras liege. Ah ja: und das eine Foto vom Radar hinter der Johanneskapelle. Ich bin eben ein Profi.

(Fotoaufträge werden gerne unter der Nr. 0664/43 XX XXX entgegen genommen)

Sonntag, 7. April 2019

Sachen, die niemals klappen


Zu den Sachen, die niemals klappen, gehört zum Beispiel das richtige Überziehen einer Matratze mit einem Spannleintuch. Niemals erwische ich auch nur den richtigen Zipfel für das korrekte Seitenverhältnis des Bettes. Immer glaube ich, ich habe die Schmalseite endlich ausgeforscht und fixiert und schon kämpfe ich mit der Längsseite, die wiederum durch magische Kraft in der Zwischenzeit offensichtlich zur Breitseite mutierte.

Niemals klappt es auch, dass ein Essen perfekt wird, wenn ich Gäste erwarte. Da passt dann die Menge nicht, die Konsistenz ist ein Skandal, ein Teil ist angebrannt, der nächste eiskalt und ohne Geschmack, der Teller hat einen Depscher, auf dem Löffel klebt das verhärtete Frühstück und im Essen – o Schreck – findet sich gar oft ein langes, gewelltes Haar, das ganz offensichtlich nicht zum Menü, sehr wohl aber zu mir gehört.

Niemals habe ich ordentliche Unterwäsche an, wenn ich mich spontan entkleiden muss. Nicht dass dies oft vorkäme – nein! – aber wenn, dann trage ich niemals ein gut sitzendes Dessous. Entweder es ist der Gummi ausgeleiert oder die Rüscherl hängen schon eher in der Kniekehle herum. Niemals ist der Stoff durchgehend, weil ich den ganzen Tag an dem Fetzen zupfe, zumal die Hoserl mir ja alle irgendwann immer zu eng werden. Blöde Waschmaschine.


Niemals ist die Küche sauber, wenn die Nachbarin spontan auf ein Tratscherl vorbeikommt. Da liegen dann die Krümel vom letzten Essen verteilt über Sesselsitzflächen und Boden, auf der Tischplatte kann man Kernölpunkterl ausmachen, auf den Seitenlehnen der Sessel klebt Tunella in ihrer reinsten braunen Form, das Geschirr türmt sich in wackeligen Bergen und der Geschirrspüler ist vollgeräumt und platzt aus allen Nähten. (Das passiert aber wie gesagt nur, wenn die Nachbarin spontan vorbeikommt. Wenn sie nicht kommt, ist mein Haushalt selbstredend perfekt!)

Niemals klappt es, dass ich eine Fliege fotografieren kann. Überall sind sie, diese Viecher, aber stillhalten? Fehlanzeige! Sie schwirren am Fenster rum, sie krabbeln am Boden, sie sitzen auf meiner Nase. Und wenn ich mich mit meinem Super-Makro nähere und abzudrücken wage, sind sie wie weggeblasen. Selbst die müdesten Oktoberfliegen entwickeln eine ungeahnte Energie, wenn sie meinen schwarzen Schussapparat sehen.

Niemals kann ich eine Landkarte wieder ihrer Originalfaltung zuführen. Nicht dass diese Antiquitäten jetzt noch modern wären, aber manchmal, ja manchmal ertappe ich mich dabei und schau mir tatsächlich noch einen guten alten Stadtplan an, um das große Ganze zu überblicken – aber dann: niemals schaffe ich es, den Plan ordentlich zusammenzulegen, weshalb sämtliche Papiere bei mir – meistens im Ortszentrum zwischen Kirche und Schule – ein riesiges Loch aufweisen, wo man sich eigentlich alles hineindenken könnte: Schlaraffenland und Vergnügungsmeile, Bordell und Folterkammer, Genussgärten und Schlachthöfe, Tanztempel und Beachbar…mitten in Hinterzipfelspatschen sozusagen.

Dasselbe ist es mit rutschfesten Unterlagen unter Teppichen und kleinen Vorlegern: Niemals schaffe ich es, diese nach dem Putzen wieder akkurat darunter zu legen, immer schaut ein gummiartiges Gitternetzerl an einem Rand heraus, beim nächsten Versuch klafft es aus der anderen Seite. Ich schüttle es, ich lass es sanft darübergleiten – ohne Erfolg.

Und niemals noch hatte ich bei einem Arzt einen normalen Blutdruck, denn so wie ich mich auch bemühe, mich nicht aufzuregen, passiert sofort das Gegenteil und ich setze sämtliche Geräte außer Gefecht, da niemand daran denkt, sie so weit aufzublasen, dass diese meinen immensen Druck zu erfassen vermögen.



Aber manchmal …  wenn dann wieder nichts klappt … da habe ich solche Lust, die ganze Misere ad absurdum zu führen. Da reibe ich dann mein Popscherl mit dem schlecht sitzenden Rüschenslip solange auf dem schief aufgezogenen Spannleituch, bis es aus allen Nähten platzt, dann springe ich auf den davonrutschenden Bettvorleger, um damit direkt in die Arme der Nachbarin zu radieren, der ich ein Menü serviere, das schlechter schmeckt als der versehentlich mitgekochte Stadtplan ohne Ortszentrum, aber mit Fliege und Haar, was meinen Blutdruck vor Schreck so tief sinken lässt, dass ich ein Medikament brauche, bei dem ich den Beipacktext wieder nicht zurück in die Kartonverpackung bringe und nicht mehr weiß, wo Norden und Süden ist, damit ich schließlich bei meinem nächsten zwei Problemen angekommen bin: Medikamentenverpackungen und Himmelsrichtungen: sind auch nämlich solche Sachen, die niemals klappen – aber das sind andere Geschichten.

Sonntag, 24. März 2019

So läuft der Hase!


Das geht mir alles viel zu schnell.

Einatmen, ausatmen nicht vergessen. Duraschnell-Hase trommelt und trommelt, läuft und läuft.

Was ist passiert, warum treibt man mich so durchs Leben? Und vor allem: wer?

Die Ampel ist grün, ich starte meine lahmen Hufe und mach ein paar holprige Schritte, die Ampel blinkt, die Ampel ist rot. Ich steh noch mitten auf der Straße. Die ersten Boliden geben bereits Gas, als ich mich an die sichere Gehsteigkante retten kann.

Einatmen, ausatmen nicht vergessen. Hase trommelt und trommelt, läuft und läuft.

Im Geschäft angekommen und einen Verkäufer ergattert, rennt der mit mir quer durch die Halle, als ob die Trud hinter ihm her wär. Dabei bin’s nur ich. Ich kann ihm aber nicht so schnell folgen, rasiere mit meinen akkuraten Beckenschwüngen ein paar Verkaufsständer leer und komme gefühlte 10 Minuten später beim Objekt meines Begehrens an. Beim Gartenschlauch, nicht beim Verkäufer, wohl bemerkt. Denn der ist längst über alle Berge, nachdem er seinen Hatschek auf den Schlauch machte, damit er möglicherweise „schnellster Verkäufer des Monats“ wird.

Einatmen, ausatmen nicht vergessen. Hase trommelt und trommelt, läuft und läuft.

Gut, dass ich mich in der Früh ordentlich geduscht hab: „sei glücklich und verrückt – mit Guarana für den Extrakick“ steht auf dem Duschgel, das ich mir akribisch auf alle Körperteile schmierte. Damit hab ich einen Extra-Speed, der mich freudig trommelnd ins nächste Lebensmittelgeschäft jagt, wo ich das Fließband so schnell voll- und auch wieder leerräume, dass ich gar nicht merke, wie sich meine Bandscheiben lockern, mein Kopf knallrot anläuft und mein Herz sich vierfach überschlägt. Wenn ich hinten noch die Ware auflege, räumt sie vorne die Kassiererin schon wieder ab. Sie wünscht mir einen schönen Tag, ich ihr ebenfalls, doch mein Wunsch verhallt schon im Gruße des nächsten Kunden. Ich muss schneller sprechen lernen. Sonst hören die mich nicht mehr.

Einatmen, ausatmen nicht vergessen. Lauf, Hase, lauf.

Und ich darf nicht mehr so viel schlafen. Und vor allem niemandem davon erzählen. Mach mich doch nicht lächerlich. Schlaf ist unsexy und nicht zeitgemäß. Hinein noch mit ein paar Energydrinks und Kaffees in den Suppenschlitz und weiter geht’s. Produktivität bis in die Nachtstunden. Schade sonst um die Zeit. Handy aufgeschaltet lassen. Könnt sich ja ein Pinguin am anderen Ende des Planeten einer kleinen Flatulenz entledigt haben. Darüber muss ich zeitgerecht informiert sein. Schlaf wird völlig überbewertet.

Einatmen, ausatmen nicht vergessen. Trommelwirbel all night long. So läuft der Hase. Schnell, schnell.

Und wie bitte und was bitte? Der 11-jährige Nachbarsbub hat noch keinerlei Kopulationsambitionen? Ja, ist mit dem was nicht in Ordnung?

Und was? Der hat noch einen Milchzahn? Den müssen sie rausreißen lassen, wenn er bis Mai nicht von selber ausfällt, sonst wird der niemals ein richtiger Mann.

Und um Himmels Willen! Krank war eine Bekannte? 3,5 Stunden war sie krank? Von 8:30 bis 12:00 hatte sie eine Grippe? Dann hat sie sich Gott sei Dank ein paar pharmazeutische Bomben einverleibt. Jetzt funktioniert das Ding wieder.

Und seh ich recht? Jetzt hab ich doch glatt 23 Sekunden für einen ausgiebigen Stuhlgang gebraucht. Wie hol ich diese verlorene Lebenszeit bloß je wieder auf?

Und bitte einatmen und ausatmen nicht vergessen. Sonst läuft gar nix mehr.

Trommel, Trommel, Schnell, schnell.

Lange mach ich das nicht mehr mit. Ostern wär eine gute Gelegenheit, dem Hasen den Garaus zu machen: ein falscher Hase als Sonntagsbraten – und dann hat sich’s ausgetrommelt, Mr. Rabbit!

Donnerstag, 24. Januar 2019

Mein Baby hat Geburtstag!


Nun ist es auch schon wieder ein Jahr her, dass ich meinen Blog startete. Was ist bisher geschehen?

Ich habe insgesamt 5.651 Zugriffe, (1 aus Vietnam, 172 aus den USA, 19 aus Peru, 1 aus Kambodscha und 22 aus einer unbekannter Region – und ich dachte, es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Maps-Kortn…)

16 Follower bekennen sich zu mir, haben allerdings nichts davon, da sie weder über das Erscheinen eines neuen Blogs informiert werden, noch sonstige Vorteile daraus schlagen können.

Zuvor sah ich mir 156 Videos über das Erstellen eines Blogs und 62 über eRecht an, danach jeweils 4 Musikvideos aus der neuen Psytrance- und EDM-Szene sowie einen Film für Erwachsene, um mich zu entspannen. Aber das ist eine andere Geschichte…

Ich habe 30 mehr oder minder kompakte Ergüsse von mir gegeben, bei jedem einzelnen unterlag ich in den ersten 2 Stunden nach Veröffentlichung heftigen Adrenalinstößen, wenn ich mehrere oder auch keine Likes bekam; die Spannung wurde jedes Mal unerträglich, wenn dann auch noch ein oder auch kein Kommentar dazu geschrieben wurde.

An den Rand eines Nervenzusammenbruchs katapultierte mich ein Interview mit der „Kleinen Zeiten“ – als der Artikel schließlich ein ganzes halbes Jahr später auch noch erschien, war kein Halten mehr und ich ließ meiner Freude mit roten Backen und übermäßiger Völlerei freien Lauf.

Ich wurde von Fast-Unbekannten auf mein Geschreibsel angesprochen und habe seitdem 4 Facebook-Freunde mehr.


Was allerdings NICHT geschah:

Die Werbeindustrie hat noch keinen Fuß bei mir drinnen, dabei gäbe es da so schöne Sachen, die sich auf meinem Hinke-Blog bewerben ließen: Hühneraugen-Pflaster und -Cremen zum Beispiel. Oder die Pharma-Industrie könnte mit Muskel-Relaxantien aufspringen. Orthopäden könnten für Gelenksersatzteile aus Titan werben, Feuerbestattungen ebenfalls – schließlich werde ich mal in der Zukunft mit meiner Knieprothese keinen Platz in einer Urne finden.

Die Süßwarenindustrie hätte eine wahre Freude mit mir als Werbeträger, verzehre ich doch täglich mehrere Handvoll an Schoko, Zuckerln und anderem pickigen Kram. Auch die Rotwein-Bauern kämen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Couch- und Polsterproduzenten wären ein idealer Sponsor – Dreiviertel meines Lebens verbringe ich nämlich in der Horizontalen, kombiniert mit Produkten aus obengenannter Süßwaren- und Weinindustrie. Also, Leute, schaltet eure Werbungen bei mir!

Bis es aber soweit sein wird, werde ich weiterhin für die nächste Geschichte ca. 3 Tage für Text und Idee brauchen, weitere 4, um sie 10 Mal laut durchzulesen und 17 Mal wieder zu verwerfen und bei jeder Zugriffssichtung in meiner Statistik und jedem anerkennenden Like eurerseits einen Adrenalinstoß bekommen – das erspart mir die Muskel-Relaxantien, hoffentlich eine weitere Prothese und manchmal auch eine Handvoll glücklich machender Schoko als Ersatzdroge.

Daaaanke euch für ein Jahr Durchhaltevermögen! 😊

Donnerstag, 17. Januar 2019

Eine Frau mit Weitsicht?


Man wird alt. Man und im Besonderen ich. Nicht dass ich mich jetzt über meine krummen Beine mit sämtlichen Folgeerscheinungen ergießen würde – nein! – auch meine Äuglein beginnen schön langsam müde zu werden. Ging ich bisher recht blauäugig, aber durchaus mit einem gewissen Weitblick durchs Leben, so habe ich seit Längerem Schwierigkeiten damit, manche Dinge richtig zu sehen und zuzuordnen. Aber das wird ja wohl nicht SO ein Problem sein, oder?

Na gut, vielleicht kam es mal vor, dass ich auf der Weihnachtsfeier ein bisschen unfreundlich reagierte, als man mir ein Badeöl mit der Aufschrift „Hautarzt“ schenkte. Vielleicht hab ich dort die Chefin etwas angepöbelt, was sie sich einbilde, mir zu unterstellen, ich würde einen Hautarzt benötigen – bei meinem rosa Teint. Vielleicht hat sie sich dann peinlich berührt entschuldigt und vielleicht hab ich dann zuhause, bei besseren Lichtverhältnissen, gesehen, dass nicht „Hautarzt“, sondern „hautzart“ oben stand und dass alle anderen auch so ein nettes Badeöl bekommen haben und vielleicht bin ich draufgekommen, dass das ganz eine liebe Geste von der Chefin war….

Na gut, oder vielleicht kam es mal vor, dass ich im Geschirrspüler den falschen Knopf gedrückt habe und vielleicht hat er mir dann nicht die obere, dreckige Lade gespült, sondern die untere, leere. Und vielleicht hab ich ihn dann aufgerissen und mich geärgert, dass der Gschirrli jetzt auch schon wieder kaputt ist und vielleicht habe ich dann den Kundendienst verärgert angerufen und dem Mitarbeiter mal ordentlich den Marsch geblasen, dass dieses Gerät schon wieder nicht funktioniert.

Na gut, und vielleicht kam es mal vor, dass ich völlig entsetzt den Christbaum meiner betagten Eltern gesehen und mir gedacht habe, die sind wohl jetzt von allen guten Geistern verlassen, weil sie dort Würstel draufgehängt haben. Vielleicht habe ich sie dann ein bisschen entsetzt angeschrien, was denn mit ihnen los sei, dass sie jetzt kleine Frankfurter auf den Baum hängen und ob ihnen denn gar nix mehr heilig sei. Vielleicht hab ich da erst zu spät gesehen, dass es sich um rosa Kerzen handelte, die da am Baume thronten und mich dann bei meinen Oldies entschuldigt. Die haben Gott sei Dank noch alle Tassen im Schrank (im Gegensatz zu mir…).

Na gut, und vielleicht kam es mal vor, dass ich in der Arbeit eine Adresse auf einem Personalausweis nicht so ganz richtig lesen konnte, vielleicht hab ich mal jemandem statt 179,-€ das Zehnfache verrechnet, weil alles so durcheinanderging am Compi und vielleicht hab ich mal die Praktikantin alle Kontoauszüge laut vorlesen lassen, weil die Zahlen doch heutzutage sooo klein gedruckt sind und vielleicht hab ich auch mal das falsche eingekauft, weil ich die kleinen Unterschriften auf den Packungen nicht mehr lesen konnte und vielleicht hab ich mich auch mal bei meiner Lieblingszeitung beschwert und gedonnert, sie müssten jetzt doch nicht auch noch beim Druck ihrem Namen alle Ehre machen und die Buchstaben sooo KLEIN darstellen…

Na gut, vielleicht. Aber ist das gleich ein Grund für eine Brille?

Ist es. Und ehe ich mich versehe, sitze ich auch schon beim Augenarzt im Wartezimmer, habe die Augen eingetropft und muss mit einem potthässlichen Brillengestell von einer futzelkleinen Tafel Buchstaben und Zahlen wie eine Erstklässlerin ablesen. Der Arzt misst meinen Augendruck, obwohl man das erst ab 50 tun sollte, wie ich anschließend beleidigt feststelle und rügt mich, dass ich meine Guckerl nicht offenhalten kann ohne zu blinzeln.

Ich verlasse das Etablissement mit rinnenden Augen und wanke direttissimo ins nächste Brillengeschäft, wo ich per Zufall zwei liebe Freundinnen treffe (danke S. und L.!), die mich sogleich in Stilfragen bestens beraten: die jüngere der beiden versucht es mit einer rosaroten Hexagon-Brille, die reifere rät mir zu einer Lesebrille im Kanzleirat-Style. Der Verkäufer ist verzweifelt. Ich bin es auch. Nach unendlichem Ausprobieren und erschrecktem Zusammenzucken meinerseits, als ich mich mit diesen Nasenfahrrädern im gleißenden Licht des Geschäftes sehe, gefällt uns einstimmig ein bestimmtes Model und alle atmen erfreut auf. Dem Verkäufer fällt ein Stein vom Herzen und er bedankt sich ergriffen bei meinen lieben Freundinnen für die Hilfe. Dann will er mir eine Unterschrift für einen Newsletter entlocken, indem er mir vorgaukelt, dies sei für den Datenschutz. Aber ich bin ja nur schasaugert, nicht blöd! Ich lehne alles ab, was man mir an Vorteilsheften, -Pickerl und -Checks anbietet und hole tags darauf meine neue Brille ab.

Aber dann beginnen die Probleme erst so richtig: ich sehe scharf! Ich sehe alles, was ich zuvor nur mit einem milden Weichzeichner wahrnahm: ich sehe die Chefin, ich sehe meinen verdreckten Geschirrspüler, ich sehe, wie Frankfurter Würstel wirklich aussehen, ich sehe den Unfug auf den sozialen Medien – und: ich sehe mein Spiegelbild! OMG!

Ich gehe zum Brillengeschäft und kaufe mir ein zweites Modell: die rosarote Hexgon-Brille muss her! Denn mit ihr bin ich wieder die Frau mit Weitsicht, die blauäugig durchs Leben geht. Und dieser Zustand gefällt mir eindeutig besser.

Mittwoch, 2. Januar 2019

Die Geister, die ich rief


Einladung zum Weihnachtsessen. Diesmal bei Tantchen. Das ist neu. Das hatten wir noch nie. Meine Eltern, meine Kinder und ich. Tantchen ist in Fahrt und begrüßt uns gleich bei der üppig geschmückten Eingangstür mit einem lustigen Rentiergeweih. Sie sei ein nordischer Typ, ihr passe dies besonders gut, beginnt sie ihre Festrede, nachdem sie uns ebenso lustige Filzpatschen mit roten Rudi-Rentiernasen auf der Großzehenaußenseite offeriert und uns in die gute Stube bittet, wo es nach Leberknödelsuppe und Schweinsbraten duftet. Das mit dem Essen ist in unserer Familie ja so eine Sache: ein paar mimen die Veggies, ein paar essen nichts, was braun ist, ein paar können nix mehr beißen, was härter als Zuckerwatte ist und wieder andere (Überschneidungen und Mehrfachnennungen sind durchaus möglich) bekommen exakt 16 Minuten nach dem Verzehr von Milch, Fleisch oder Gemüse Flatulenzen, dass die Älteren unter uns an die Bombenangriffe von 1940 erinnert werden. Den Teufel werd ich tun und nun verraten, wer welche Rolle hat, doch es sei dem Leser versichert, dass keiner der Verwandtschaft sich so recht wohl fühlt bei dem Gedanken, sich nun die Lebergeschosse und den zähen Braten von Tantchen einverleiben zu müssen.

Die Konversation bei Tisch sieht folgendermaßen aus: Tantchen und Opa führen das Regiment und sinnieren über alte Zeiten. Wie einfach und schön Weihnachten doch damals war, wie rührend, wenn die Tiere in den Raunächten sprechen konnten … oder verwechsle ich da jetzt was …. Ich kann mich gar nicht konzentrieren, weil ich versuche, den Braten von einer Backe zu anderen zu schieben und kauend in meinen Schlund zu verfrachten. Doch dieses zähe Viech will und will nicht aufgeben.

Irgendwas erzählen sie also von den Raunächten und dass man da nichts aufhängen darf: vom simplen Geschirrtuch und Topflappen bis hin zu - Gott bewahre – einer Wäsche! Da verfangen sich die bösen Geister und die richten dann das ganze Jahr über Unheil an. Uje! Und ich hab heut am Vormittag noch fleißig gewaschen. Life must go on - Raunächte und Geister hin oder her.

Doch da hab ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Geister arbeiten sich offensichtlich bereits gnadenlos vorwärts: von der Leberknödelsuppe bis zum Schweindl.

Meine Jungs verziehen das Gesicht, sie werfen sich einen Blick zu, der alles sagt, und stochern im Braten herum, während meine Tochter offensichtlich ohne Erfolg unterm Tisch mit ihrem Handy Snapchats vom Essen zu machen versucht, um es mit ihren Freunden zu teilen und dabei Mitleid zu schinden. Doch sie verheddert sich in der Tischdecke, die bei Tantchen zu den Festtagen 3-lagig aufgespannt ist und hat große Mühe, ihr Telefon wieder aus der Filethäkelei herauszuschälen.

Die Geister tun ihr Werk.

Auch bei mir läuft die Sache nicht runder, denn ich jage das Schweindl noch immer in meinem Mund ohne jeglichen Erfolg von links nach rechts und von rechts nach links. Während ich mit einem leichten Würgereflex kämpfe, patzt mir Tantchen noch ein Stück auf meinen Teller und beginnt zu erzählen, welch juckende, blutende Flecken sich zwischen ihren Brüsten das Jahr über eingeschlichen hätten. Dazu reißt sie plötzlich ihr Rüschenblüschen hoch und zeigt uns allen ihren Jucke-Kobold. Die Jungs haben für heute fertiggegessen, nur meine Mutter zeigt großes Interesse an Tantchens Balkon und wartet mit einer Liste an Arzneimitteln aus ihrem Garten auf, nichts spart sie aus, von Ringelblumen und Arnika bis Johanniskraut und Soiferl (=Salbei). Mein Töchterchen legt für ein paar Augenblicke ihr Handy nieder und mein Vater erinnert sich verklärt an Weihnachten 1945.

Ich glaub, die Wäschegeister machen gerade volle Arbeit. So muss es sein.

Dann aber kommt das Schöne: die Bescherung. Tantchen hat den Raum versperrt, ganz feierlich macht sie es, als ob eines meiner Kinder da noch neugierig wäre und alleine unentdeckt stöbern gehen würde. Aber sie besteht darauf. Sie zündet die Kerzen an, die etwas schief am noch schieferen Baum wackeln und läutet mit Inbrunst ein Glöckchen, auf dass wir uns vom Esstisch erheben und gen Wohnzimmer schreiten. Die ersten Flatulenzen lösen sich aus zwei Popscherln – und auch hier werd ich den Teufel tun und verraten, welche Gesäße es waren, obwohl ich auf Toilettensprache stehe, das gebe ich echt zu. Ohne Sch…ß.

Man entschuldigt sich, die Kinder lachen und nehmen derlei Blähungen und Tantchens Striptease von vorhin offensichtlich zum Anlass, auch selbst sämtliche Hemmungen fallen zu lassen. Die Geister arbeiten anscheinend bereits auf Hochtouren: Bei den nachfolgenden, von uns krächzend interpretierten Liedern tauchen einige Mutationen aus ihren Mündern auf. So wird aus „leise rieselt der Schnee, still und starr ruht der See“ ein „leise pieselt das Reh in den Neusiedlersee“ und aus „Kling Glöckchen Klingelingeling“ wird „Niemand wird es wagen Schalke jetzt zu schlagen, jeder muss es wissen, Stuttgart ist besch….en“

Die Geister haben wohl vor gar nix Respekt!

Die erste Kerze tropft mir auf die Hand und verbrennt kurz meinen Handrücken, was mich aufschreien lässt, doch Tantchen scheint dies wenig zu kümmern, sorgt sie sich doch viel mehr um ihre Fauteuillehne und holt flugs ein Toilettenpapier und ein Bügeleisen, um den Schaden möglichst gering zu halten.

Dann kramt sie in ihrem Wäscheschrank und zaubert einige „Ableger“ hervor, während sie sich mit Opa über die Verstorbenen der letzten Wochen und – was ihr noch mehr Erregung zu bereiten scheint – über die unheilbar Kranken des Ortes unterhält. Währenddessen überreicht sie mir einen ganzen Pack an alten Blusen und Unterleibchen mit einem Augenzwinkern und dem Vermerk, dass ich doch Vintage-Sachen so gerne hätte und sie mir diese nun – mit warmen Händen, wie sie betont - vererben würde.

Oh Geister, bleibt wo ihr seid!

Ich mache gute Miene zum bösen Spiel und probiere ein paar Kleidungsstücke an, um Tantchen zu zeigen, wie gut sie mir stehen und muss entdecken, dass diese dermaßen jucken und auf der Haut scheuern, dass ich mich alleine bei dieser kurzen Modeschau schon blutig kratze. Da haben sich wohl sämtliche Geister der ganzen Ortschaft drin verfangen, schießt es mir durch mein friedhofsblondes Kopferl und ich komme langsam dahinter, dass es sich dabei ausschließlich um jene Wäsche handelt, die sie im Vorjahr unvorsichtigerweise so zwischen 25. Dezember und 6. Jänner gewaschen und provokativ zum Trocknen aufgehängt hatte. So ein falsches Luder, dieses Tantchen!

Schließlich verabschieden wir uns bei gutem Wind und ich empfehle Tantchen einen Weichspüler. Den mit den Faserschmeichlern. Dann klappt’s auch mit den Geistern und Kobolden – ohne Soiferl und Ringelblumen.