Sonntag, 9. Dezember 2018

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt


Die Kinder zünden ganz begeistert nicht nur die zweite Kerze vom Adventkranz an, sondern setzen auch ein laut klingelndes Engerlkarussell in Gang, das ich noch von meiner Großmutter besitze und dessen Prinzip es ist, durch Kerzenwärme kleine Engerl, die an ihren Gesäßen lange Stangen angeheftet haben, zum Rotieren zu bringen, wodurch ein klingendes Geräusch entsteht. Und eine Duftkerze, eine Duftkerze zünden sie an, eine Duftkerze, die einen Gestank verbreitet, dass ich nah einer Ohnmacht bin, noch bevor wir das erste Lied anstimmen. „Kling Glöckchen Klingelingeling.



Missmutig folgen die Kids meiner Bitte, doch wieder mal ihre Musikinstrumente (eine verstimmte, verstaubte Gitarre und eine Blockflöte, die sich in der Mitte immer wieder in ihre Einzelteile auflöst) aus den hintersten Winkeln hervorzuholen und ein bisschen darauf zu spielen. Es folgt ein Streit, welches Licht noch aufgeschaltet bleiben sollte und welches man beruhigt abdrehen würde können, ohne komplett im Dunkeln zu versumpern – denn der zweite Advent ist eben noch nicht sehr reich an Beleuchtung. Wir einigen uns, dass das Wohnzimmerlicht an und die Türe offenbleibt, um wenigstens einen Hauch von Besinnlichkeit zu erzeugen. „Wir sagen euch an….

Die erste, die aufbegehrt, ist meine Tochter, denn akkurat in dieser Minute hat sie eine Heißhungerattacke und besteht darauf, sich in der Küche ein Abendmahl herzurichten. Aber wie? In der Dunkelheit findet sie weder Brot noch Messer. Sie schnappt sich einen Apfel und schmatzt trotzig drauf los.

Und mich nervt das Engerlkarussell, wie können drei Engelpopscherl, wenn sie heiß sind, bloß so ein nerviges Geräusch erzeugen! „Süßer die Glocken nie klingen….“

Inzwischen hat mein Jüngster den unteren Teil der Blockflöte verschmissen, taucht kurz unter den Tisch in die vollkommene Finsternis, um Teil 2 des Instruments zu suchen, schießt am anderen Ende knapp neben der Tischkante wieder hoch und hält einen riesigen Staubwuzel, aufgespießt am zweiten Blockflötenteil, in der rechten und ein lange verschollen geglaubtes Donald Duck-Buch in der linken Hand. Ich sollt mal wieder putzen und aufräumen, aber hat das einen Sinn in dieser dunklen Jahreszeit? Sieht eh keiner. Na ja, fast keiner. Ich befreie die Blockflöte vom Lurchwuzel, lasse das Donald Duck-Buch wieder unter dem Tisch verschwinden, um jegliche Ablenkung zu verhindern und weiter geht’s. Ihr Kinderlein kommet

Mein Ältester kann sich gar nicht aufraffen und liegt gequält mit seinem Handy auf der Eckbank: „Na gehhhh, Mama, nur noch die eine WotSepp-Nachricht, i bin eh glei fertig!“

Schmatz Schmatz aus der einen Ecke, Piep Piep von der Bank und verzweifelte Versuche, die Flöte wieder zusammenzubauen vis a vis von mir. Außerdem ist mir schlecht. Wie kann eine Kerze SOWAS von sich geben. Ich bin kurz davor, das Licht aufzudrehen und mal ordentlich in die Runde zu brüllen, aber ich beherrsche mich. Einmal versuche ich es noch liebevoll, einfühlsam, bittend, flehend, verzweifelt…. und beginne mit krächzender Stimme das nächste Lied. „Lasst uns froh und munter sein“. Mein Ältester legt sein Handy weg, offensichtlich ergriffen vom schönen Moment – und stimmt übergangslos ein Parallel-Hustkonzert an. Das Töchterchen, das noch immer schmatzt, als ob sie 2 Tage lang nichts gegessen hätte, spukt angeekelt ein kleines faules Stückchen gleich neben das Engelskarussell, das immer schneller geworden ist, weil die Kerzen immer heißer und die Flammen immer höher wurden. Die Engerl mit ihren Stangen im Popsch sausen an mir vorüber, die Klangkulisse wird unerträglich. Jingle Bells, jingle bells

Nach einer gefühlten guten Stunde haben wir noch immer keinen Flötenton gehört – ich glaub, mein Jüngster übt sich in Prokrastination, weil er das Spielen wieder verlernt hat; meine Tochter beendet den Apfel mit einem herzhaften Rülpser, gerade als ich „Schneeflöckchen Weißröckchen anstimme und der Älteste hustet und hustet.

Ob das noch was wird mit der Besinnlichkeit? Es ist ja erst der zweite Advent, tröste ich mich selber und denke an Karl Valentin: „wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird’s auch wieder ruhiger.“

Samstag, 1. Dezember 2018

Elternsprechtag


Gearbeitet, gekocht, eingekauft, geputzt, gewaschen, das Mittagessen für meine Spätheimkommenden warmgehalten und eigentlich schon reif für die spätnachmittägliche Couch, für „Pippi Langstrumpf“ im Astrid Lindgren- Special, das zurzeit im Fernsehen läuft, muss ich trotzdem noch einmal aus dem Haus. Es dämmert draußen bereits und ich scheine mein Tagespensum erfüllt zu haben, doch man zwingt mich: ELTERNSPRECHTAG. Das mag ich gar nicht. Lasst’s mich in Ruh, bin ich versucht zu denken, lasst’s mich auf meiner Couch, doch ich reiß mich zusammen: Ich entferne meinen Hausfrauen-Haarlook von zusammengebunden auf lockig-flockig mit ein paar Wasserspritzern auf mein Haupt und auf meine dankbaren Naturlocken, schlüpfe aus meiner Hausfrauen-Jogginghose in eine Jeans, säubere behelfsmäßig mit ebensolchen Wasserspritzern meinen Pulli, der Reste von Zahncreme, Mittagsmenü und ausgefallenen Haaren enthält, trete mutig vors Haus in die dunkle Nacht und schwinge mich per Veloziped Richtung Schule. Krass.

Vor der Schule schon treffe ich ein paar aufgeregte Mamas – wie aus dem Ei gepellt, gut duftend und frisch gestylt, steigen sie aus ihren Boliden. Ich hingegen habe mir neue Spritzer aufgegabelt – diesmal dicke, fette, dunkelschwarze Dreckspritzer vom Radfahren, die sich über mein Gesäß bis hin zum Scheitel ziehen. Sehr hübsch. Die frisch gewaschenen Mamas hingegen unterhalten sich über ihre Kinder und geben exakt den Fehlerverlauf bei der letzten Schularbeit wieder, während ich krampfhaft nachdenke, in welcher Schule und bei welchem Kind ich eigentlich bin. Zur Tarnung aber nicke ich betroffen, schüttle alle paar Sekunden verständnisvoll das Haupt und lächle, wenn ich meine, dass es angebracht ist. Von welchem Examen die beiden sprechen, ist mir ein Rätsel. Ich kann mich nicht an jede Schularbeit erinnern. Meine Kinder machen das schon irgendwie. Sie gehen ihren Weg. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich da so reinreiten und jeden Punkt und Beistrich samt Lehrerkommentar auf die Waagschale legen muss. Außerdem habe ich ganze drei Kinder, was in Summe im besten Fall bedeutet, dass ich 20 lange Jahre durchgehend ein Schulkind habe. Wenn ich mir da über jeden Test ein graues Haar wachsen lasse, habe ich bald nix mehr, was ich mit simplen Wasser- oder bei Gelegenheit auch Dreckspritzern noch zu Locken stylen könnte.
Na gut. Ich betrete das zweistöckige Schulgebäude, die Farben am Boden werden mich leiten, an jeder Säule steht geschrieben, wo sich welcher Lehrer befindet, ich werde das schaffen. Erklimme die erste Stiege, die Prothese knackt, die Locken fliegen. Der Dreck spritzt. Das wär mir auf meiner Couch nicht passiert.

Es grüßt mich jemand ganz vertraulich, ich habe nicht den blassensten Schimmer, wer das ist. Eine Lehrerin? Eine Mutter? Jetzt bleibt sie auch noch stehen und fragt nach meinem Befinden. Himmel! Wo soll ich die hintun? Haben wir ein Kind in einer gemeinsamen Klasse? Ist es die Mutter eines ehemaligen Schulkollegen von meinem Größten, ist es die Tante von einer Freundin meiner Mittleren oder ist es die besorgte Mama eines Kleinen? Vielleicht ist es die Verkäuferin vom Bipa, kommt mir jetzt vor und ich freue mich sehr über meinen Geistesblitz und dass mich die da auf der Stiege so anspricht. Sehr nett. Sehr kundenorientiert. Die hat sicher meine Dreckspritzer auf den Haaren gesehen und will mir jetzt ein neues Shampoo oder irgend sowas Unnötiges andrehen. Aber so gar nix vom Einkaufen redet sie, das ist verdächtig, sie spricht vom Schikurs. Welches Kind hat um alles in Welt demnächst Skikurs?  Ich nicke, ich lächle, ich stimme ihr zu. Wie recht sie doch hat.

Wie es ihr wohl geht, meiner Couch? Kalt wird sie sein. Kalt. Ich komm eh bald, liebe Couch…

Nun bin ich aber im richtigen Stockwerk und suche mal den ersten Lehrer. Vor seinem Kammerl ein Pulk an Wartenden, ganze Familienverbände scheinen da vorstellig zu werden. Von der aufgeregten Großmama bis zum ratlosen Vater schnattert alles durcheinander, sie halten Listen mit zig Lehrern in Händen und schauen besorgt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit komm ich endlich dran, der Lehrer hat nichts Aufregendes zu berichten, was mich sehr freut. Ich mach wie immer ein paar unangebrachte Witzchen, um zu zeigen wie cool und humorvoll ich bin, der Lehrer schlägt vor, mein Söhnchen könne gerne in den nächsten Tagen ein Referat halten. Nicht über den Pausenclown namens Mutter, sondern über Charles Aznavour. Mein Sohn wird es mir danken (und mich bei Gelegenheit ins Heim stecken).

I wü auf mei Couch – da kann ich weit weniger anstellen! Ich hab’s ja gleich gewusst….

Noch ein Stockwerk rauf, die Zeit drängt, man hat mich sehr engmaschig eingeteilt, 5 Minuten Zeit bei jedem Lehrer, jede Verzögerung zieht eine Massenkarambolage hinter sich her. Hier stehen 3 Damen – und schweigen. Sie messen sich mit Blicken: die eine schaut auf die klappernden Hufe der anderen, die zweite lässt ihre Augen um das gebärfreudige Becken der nächsten kreisen und die dritte funkelt zur hochpreisigen Riesentasche der ersten. Und dann komme ICH. Ich galoppiere mit meinen Waldviertlern – also völlig außer Konkurrenz – über den endlos langen Gang daher und fürchte mich. Sie sind aber eh ganz zahm, wenn man näherkommt, tun sie einem eh nix. Also bleibe ich mutig stehen, versuche meine Dreckwuzerl durch geschicktes Wegdrehen zu verbergen und schicke ein paar liebevolle Gedanken an meine Couch. Das kann nie schaden.

Hier dauert die Besprechung noch kürzer als anberaumt, nach einer ersten Vorstellungsrunde mit der mir völlig unbekannten Lehrerin komme ich nämlich drauf, dass ich bei der falschen bin. Im falschen Raum, im falschen Stockwerk. Falsch. Ganz falsch. Oh Couch, meine Couch, könnt ich jetzt in dir versinken…

Am Gang halten mich Schüler auf, die mir drei Muffins, 2 Kaffees, eine Eine-Welt-Schokolade, 3 selbst gebastelte Weihnachtssterne und ein rechtsdrehendes Leitungswasser andrehen wollen. Da es für einen guten Zweck ist, nämlich die Aufbesserung der Maturaballkassa, kaufe und verschlinge ich alles, bis auf die Weihnachtssterne. Die stopf ich in mein kleines, im Übrigen auch mit Dreckspritzern volles Rucksackerl und denke verklärt an die hochpreisige Riesentasche der Dame vorhin. Die kann darin das ganze Buffet samt Hausmeister verschwinden lassen.

Schließlich im richtigen Gang und Stockwerk angekommen, muss ich erkennen, dass meine 5 Minuten beim richtigen Lehrer schon lange abgelaufen sind, was mich dazu veranlasst, den Ort des Schreckens stante pede zu verlassen. Denn seien wir uns ehrlich: außer dass ich meine Kinder mit Referaten ins Unglück gestoßen, Leute und Stockwerke verwechselt und im Allgemeinen keinerlei Schimmer über die Herausforderungen meiner Kids habe, ist in den letzten eineinhalb Stunden ja nicht viel Produktives passiert. Die Zeit hätte man sinnvoller nutzen können. Auf der Couch zum Beispiel - mit Pippi Langstrumpf. Der wären die Dreckspritzer auch egal gewesen.