Dienstag, 29. Mai 2018

in concert


Eine Einladung zu einem Konzert – in rustikalem Rahmen - nehme ich gerne an und schwinge mich mit meiner Mädelsrunde in das örtliche Veranstaltungszentrum, in dem ich ja schon viele schöne Stunden erlebt habe (siehe Speed Dating). Verschiedene Chöre und Drei- oder Viergesänge stehen auf dem Programm, anschließend ein bunter Abend. Das klingt doch gut, oder? Man kann sich doch auch einmal die regionalen Gruppen ansehen, es müssen ja nicht immer die verzweifelten DJs aus der Konserve sein, denk ich mir und schwinge meine lahmen Hufe auf die reservierten Plätze im vorderen Teil des Raumes. Habe sogar eine Bluse an und ein Ketterl mit einem Anhänger, den man mit viel Phantasie auch „trachtig“ nennen könnte.

Nachdem sich der blumengeschmückte Saal langsam mit einem sehr bunten Publikum gefüllt hat (meine Mädels und ich gehören zu den Jüngsten hier, aber auch das ist ok), geht der Vorhang auf und gibt uns einen ersten Einblick in das zu erwartende Programm: Es stehen dort ca. 70 Leute in kleineren oder größeren Grüppchen und freuen sich über unseren Anfangsapplaus. Der Moderator tritt ans Pult und gibt einen ersten Überblick über die zu erwartende Zeitpanne: die 13 Gesangsgruppen werden jeweils in 5 Blöcken Lieder und Gstanzln mit bis zu 23 kurzweiligen Strophen zum Besten geben, dazwischen gibt es 14-strophige Gedichte der ortsansässigen Kindergartengruppe, die jetzt auf der Bühne leider keinen Platz mehr findet und Anekdoten von einem alten Bergfex, der sämtliche Gräben und Gipfel von hier bis ins 2,4 km entfernte Nachbardörfchen kennt. Na wumm. Ich hoffe, ich lebe solange wie der Abend zu dauern verspricht…


Bevor die Sache aber erst so richtig zu eskalieren beginnt, fängt der Moderator mit der Begrüßung en detail an: er hebt hervor den Bürgermeister, Gemeinderäte, Pfarrer, Veranstaltungszentrumsmanager … ok… dazwischen immer tosender Applaus. Aber dann: Rinderzuchtsvereins-Obmann, Feitlklub-Vorsitzender, Klöppeldamen-Chefin, Spinnrunden-Managerin, Wald- und Forstwirtschafts-Chef, Jagdhornblasvereins-Vortrommler, Fußballclub-Trainer, Freie-Liebe-Vereinigungs-Geschäftsführer, Highheels-Hexen-Hauptweib …. tosender Applaus …. mich reißt es kurz, mich dünkt, ich bin schon ein bisschen eingenickt…. Tierschutz-Chefin, Hellsichtigkeits-Club-Häuptling, Wildkräuter-Such-Experte, Hauptverbandsvorstand der Lederhosenboys, Jesus-liebt-dich-Geschäftsführer, Leiter der frustrierten Hausfrauen und last but not least Olfaktorenclubchefin der Scheiß-di-nix-Brigade. Uff. Der Abend wird immer später, meine Laune verdunkelt sich zunehmend, mein rechtes Knie ist schon ganz steif, ich versuche, das Bein auszustrecken – direkt in die Flanke der Dame mit Hochsteckfrisur vor mir, Verzeihung!

Der erste Liederzyklus beginnt, ein Sammelsurium an traurigen Schnulzen aus alten Zeiten, man singt über die Bergleute, über die Bauern, über die tragischen Vorfälle aus dem Tal …. gähn…. ein Lamentieren, die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt, mir scheint, ich bin auf einer Beerdigung. Jetzt schläft mein linker Fuß ein. Wahrscheinlich weil mein verwöhnter Gluteus das harte Holz des Sessels beleidigt an die Nerven der linken Großzehe überträgt … ach, was red ich da, bin schon völlig hinüber, ein in zuckerlrosa gekleidetes Mäderl aus der Kindergartengruppe betritt die Bühne, während unzählige Handys gezückt werden – ist die nicht süß! Sie gibt den ersten unverständlichen Satz eines Gedichtes über das schwere Leben hier im Tal von sich, danach hat sie einen Nervenzusammenbruch und weigert sich, weiterzusprechen. Der siebente Chor rettet die Lage mit einer 18-strophigen Ballade über die Hüttenarbeiter aus der Region. Chrrrrrr…. Schluck ….. bin ich jetzt samt linkem Haxen eingeschlafen? Dann scheint es etwas heiterer zu werden, als der Bergfex seine Anekdoten zu erzählen beginnt. Es scheint aber nur so, denn er verzettelt sich in flachwitzige Nebensächlichkeiten, greift sich permanent zwischen seine Lederhosenbeine, als ob er auf der Suche nach seinen Kronjuwelen sei und lacht selber am lautesten über seine vermeintlichen Schenkelklopfer.

Die Szenerie setzt sich fort wie oben beschrieben, es folgen die Chöre Schönes-Tal-Geräuschebund, steirische-Mägde-Sängertrupp, Moll-Spatzen, Blas-Weiber, Grusel-Stimmen, A-Tonal-Singkreis, Werks-Vocal-Ensemble und Jagd-Liederkranz …. i kann nimma, i will nimma…. ein Königreich für ein Paar Ohropax!

Dann Pause. Endlich.

Ich suche nach einer Fluchtmöglichkeit, bin aber irgendwie in Panikstarre verfallen und kann den Saal kaum verlassen. Urinieren bringt wenig Erleichterung, zumal mir dort die Chorleiterin der Blas-Weiber von ihren Hämorrhoidalbeschwerden erzählt. Ich humple angewidert zurück in den Saal, ernte ein wohlwollendes Nicken meiner Mädels, die schon Angst hatten, dass ich das Gebäude auf Nimmerwiedersehen verlassen hätte. Ein letztes Zusammenreißen – jetzt wird’s sicher besser mit der Unterhaltung, man hat uns ja einen bunten Abend versprochen. Dass es inzwischen mitten in dunkelster Nacht ist und ich normalerweise um diese Zeit meine zweite REM-Phase durchmache, sei nur nebenbei erwähnt.

Bunter Abend, nun ja… ich fasse mich kurz: die ungefähr 70 Sänger finden sich in Duetten zusammen und geben Schlager zum Besten…. „zum Besten“ ist vielleicht etwas übertrieben, denn meine Geduld ist zu Ende, ich bin mittlerweile höchstgradig aggressiv und ziehe einen Amoklauf in Erwägung, nachdem ich mehrere Mädels gebeten habe, mich auf der Stelle erschießen zu wollen und sie dies verweigerten.

Die Sopranistin von den Holodareidulio-Stimmen gibt mit dem Tenor vom Jünglingimfeuerofen-Singkreis „Du hast mich tausendmal belogen“ von sich, der Countertenor vom Mirtutmeinohrsoweh-Liederbund trällert mit einer Mezzospranistin vom Häkeldichfrei-Sänger-Trupp „simple man“ – Klaus Nomi ist ein Lercherschas dagegen – und der Koloratursopran vom Allemeineentlein-Chor gibt sich mit dem Bassbariton von den Einhorn-Spatzen „Zwickt’s mi, i man i tram“. Abschließend bedankt sich der Moderator noch einmal ganz herzlich bei allen, die er auch zu Beginn aufgezählt hat.

Der Morgen graut, wir verlassen das Etablissement durch ein Spalier mit 70 obig genannten Sängern, die Kindergartenkinder liegen auf den Bänken im hinteren Teil des Saales und schlafen alle. Und dann passiert was Unvermutetes: Ich lasse die ganze Nacht noch einmal Revue passieren und es gefällt mir. Ja, wirklich, es gefällt mir! Ich beschließe fortan unterstützendes Mitglied der Chöre Schönestalgeräuschebundsteirischemägdesängertruppmollspatzenblasweibergruselstimmenatonalsingkreiswerksvocalensemblejagdliederkranzjünglingimfeuerofensingkreismirtutmeinohrsowehliederbundhäkeldichfreisängertruppallemeineentleinchoreinhornspatzen zu werden. Vielleicht werde ich dann auch einmal vom Moderator extra begrüßt. Holareidulio!

Dienstag, 15. Mai 2018

Hormonstau mit Autokorrektur


Es ist Frühling. Oh, welch ein Frühling! Es treibt und sprießt an allen Ecken und Enden, der Wald ist rauschig und pulsiert durch Blütenstaubejakulat, das mit Stoßwellen in die Täler gepumpt wird. Da kann man doch nicht so einfach ruhig bleiben, oder? Da regt sich auch in mir ein Hormonwirbel, den es gilt, entweder unter Kontrolle zu bekommen oder auf die Balz zu gehen. Habe mich dieses Jahr für letzteres entschieden und tatsächlich! Es hat sich Einer meiner erbarmt. Mario. Mario, meine neue Flamme. Ein vielversprechendes Anpirschen auf Wot-Sepp hat begonnen und wäre unglaublich gut verlaufen, wenn nicht – ja, wenn ich nicht diese verflixte Autokorrektur auf meinem Handy aktiviert hätte. Die ersten Sätze verliefen ja noch ganz gut, ein vorsichtiges Begrüßen, Smalltalk, regionale Wetterberichte blah blah blah. Aber dann…

Mario: „Wie wär’s mal mit einem Kaffee?“

Ich: „Gerne. Wann hast du Zeitung (=Zeit) ?"

Mario: „Wozu brauche ich eine Zeitung??? Ich weiß auch so, dass ich am Mittwoch frei hätte.“

Was schreibt denn der jetzt von einer Zeitung, denk ich mir so nebenbei, verfolge meine Zweifel aber nicht weiter – Männer sind für mich ohnehin wie das Rätsel von Seite 42 aus besagtem Blatt. Ich antworte aber prompt:

„Da müssen wir besser koordinieren, am Mittwoch geht’s nicht, da meditiere ich abends immer.“

Mario: „Du gehst aber ganz schön ran.“

Ich, noch völlig unbedarft, habe keine Ahnung, was er meint, denke mir, der ist aber ein Mimoserl, man darf sich doch wohl in aller Ruhe einen Termin ausmachen und ehrlich sagen, wann es nicht gut klappt. Dann hege ich erste Zweifel an seinem Verstand, vermute, dass er eventuell getrunken hat oder sich vielleicht in 2 Chats gleichzeitig befindet, bis ich einen zweiten Blick auf meine zuvor abgeschickte Meldung werfe. Folgendes hat die Autokorrektur für mich – und zwar nicht gerade zu meinem Vorteil – geschrieben:

„Da müssen wir besser kopulieren, am Mittwoch geht’s nicht, da menstruiere ich abends immer.“

Verdammt! Ich laufe puerrot an, versuche eine Ausrede zu finden, schicke erstmals ein paar Emojis und werfe hinterher:

„Entschuldige bitte - so ein Missverständnis!“

Aus den Smiley- und Tränen-Lach-Emoticons hat mir die Autokorrektur 3 Kackhaufen gezaubert, so schnell kann ich gar nicht schauen und ich muss es wohl nicht extra erwähnen, dass sie aus meiner Entschuldigung folgendes fabrizierte: „Entscheide bitte – so ein Miststück!“

Dann ist mal kurz Funkstille. Mario wird am anderen Ende vom Sepp jetzt wohl kräftig durchschnaufen müssen. Ob er sich jemals wieder fängt? Oder vielleicht gefällt ihm das sogar?

„Du stehst wohl auf Sexting - ich hab’s verstanden - ginge es aber trotzdem, dass wir uns vorher mal auf einen schlichten Kaffee treffen?“, zirpt er virtuell zurück.

Ich – bauernschlau, wie ich bin – versuche nun die Autokorrektur auszutricksen, indem ich einfach auf Englisch umsteige. Ich darf Mario nicht vergrämen, wir müssen es wenigstens bis zum ersten gemeinsamen Heißgetränk schaffen, weshalb ich langsam und bedacht eintippe:

„I think so!“

Mario: „Das turnt mich jetzt zwar nicht unbedingt an, aber dafür gibt’s ja auch Wasser“

Meine Güte! Männer! Wie wirr ist dieser Typ? Was redet der jetzt wieder vom Wasser? Grad wollte er noch einen Kaffee, jetzt ist er schon wieder umgesprungen. So einen flatterhaften Kerl will ich nicht, spukt es durch meinen Kopf, bis mich ein erneuter Geistesblitz durchfährt und ich gewahr werde, dass die Autokorrektur meines letzten Englischen Satzes wieder volle Arbeit geleistet hat:

„I stink so!“ steht nun da – in breitestem Steirisch…


Himmel! Ich muss hier wohl mit offenen Karten spielen und versuche mich ein letztes Mal aus dem Schlamassel herauszuschreiben:

„Lieber Mario, ich werde meine Autokorrektur jetzt beenden, melde mich später wieder.“

„Ich glaube, wir lassen es einfach gut sein“, kommt vom anderen Wot-Sepp Ende und mir schwant Böses, während ich mein Geschreibsel von vorhin nochmals überfliege:

„Lieber Markus (!!), ich werde meine Autoerotik jetzt beginnen, meide mich später wieder“, war mein letzter verhängnisvoller Satz, der wohl oder übel wieder einmal Wirklichkeit bleiben wird.

Ausgebalzt. Nie wieder hörte ich von Mario oder Markus oder wie die verheißungsvolle Liebe meines Lebens immer auch geheißen haben mag...