Dienstag, 21. September 2021

Weg vom Fenster?

Ein Mutter-Tochter-Ausflug in die Stadt gestaltete sich noch vor ein paar Jahren in etwa so: das Mütterlein, in dem Fall ich, sorgte sich um das passende Fortbewegungsmittel, erkundigte sich vorher ums Weiterkommen in der Metropole, machte sich schlau über Haltestellen, Distanzen, Fahr- und Eintrittskarten, plante den idealen Zeitpunkt und Ort für die Nahrungsaufnahme und sorgte fürs Unterhaltungsprogramm. Das Töchterchen tat nichts außer staunen und genießen.

Was in der Zwischenzeit geschah? Ich weiß es nicht. Denn nicht nur mein Jüngster ist mir ja bekanntlich über den Kopf gewachsen, sondern offensichtlich auch der Zeitgeist, der Fortschritt, die Gesellschaft und überhaupt das ganze moderne Leben, samt meiner Tochter. Dies wurde mir beim letzten Trip in unsere Landeshauptstadt wieder mal so richtig gezeigt, wobei noch zu klären wäre, ob ICH der unflexible Depp bei dieser Geschichte bin oder die Welt irgendwie immer vertrottelter wird.

Meine Tochter startet unseren Boliden in den frühen Morgenstunden, lässt mich am Beifahrersitz gemütlich Platz nehmen und chauffiert mich zielsicher in die steirische Landeshauptstadt. Das Navi nimmt sie zwar zu Hilfe, schaltet jedoch den Ton aus, da sie die Musik von ihrer Playlist hören will, die im Auto wie von Zauberhand mit dem Handy gekoppelt wird, wenn man sich dem Vehikel auch nur auf ein paar Metern nähert. Sie singt lautstark mit und kurvt herum wie eine Große. Bald sind wir angekommen, sofort ist ein Parkplatz gefunden, meine Hilfe, die sich darin gestaltet, dass ich den Straßennamen samt fahrbarem Untersatz fotografiere, lehnt sie ab, denn ihr Handy würde ihr ohnehin mitteilen, wo das Auto steht. Ähm… ok. Nehme ich mal so zur Kenntnis, fotografiere dennoch heimlich das Schild des alten Wirtshauses, vor dem sie geparkt hat, was uns ohnehin nicht weiterhelfen würde, da diese Winde seit Jahren unbewirtschaftet ist und auf keiner „Map“ mehr aufscheint, aber dies sei nur nebenbei erwähnt. Wir beschließen, öffentlich weiter zu fahren.

Meine Tochter lotst mich zielsicher zur Straßenbahn und während ich noch auf dem bitterkalten Metallbankerl in der Haltestelle meine Hämorriden aufgeile und das akribisch abgezählte Bargeld parat halte, das für die Fahrscheine nötig sein würde, bedient sie schon behände den Automaten in der Bahn. Ich suche vergebens nach einem Schlitz fürs Papiergeld und werde sogleich 4 Meter zurückgeschleudert, als die Straßenbahn akkurat in diesem Moment losfährt und ich ja bekanntlich wenig bis gar kein Gleichgewicht halten kann. Ich entschuldige mich bei dem jungen Herrn, auf dessen Schoß ich zu sitzen komme, richte mein Krönlein und meine Maske und nehme erneut Anlauf zum Fahrscheinautomat. Dort hat mein Töchterchen inzwischen in Windeseile mit ihrer Bankomatkarte die Tickets gekauft, und sie schiebt mich auf den nächsten freien Viererplatz. Erneut stolpere ich zum Fenster hin, da der Boden vor den Sitzen nicht etwa gerade ist, sondern hoch hinauf ansteigt. WTF! Warum nur? Warum baut man solche Stolpersteine in diese Wägen, wo ich mit angewinkelten Beinen zu sitzen komme und die Knie mir fast bis ins Gesicht reichen? Ich rege mich bald wieder ab, möchte ich doch schließlich auch die Fahrt ein bisschen genießen und Gegend schauen. Aber nichts da: man hat die Scheiben mit Punkten, gaaaaanz kleinen blöden Punkten verklebt. Was draußen los ist, kann man nur schemenhaft erkennen, von außen allerdings ergeben diese Punkte eine prima Werbefläche. Das ist wichtig. Und Fensterschauen tut heutzutage sowieso keiner mehr, man hat ja ein Handy.

Nachdem ich also nichts von dem mitbekomme, was außerhalb der Bahn passiert, möchte ich mich wenigstens an den Haltestellen-Informationstafeln etwas orientieren, schaffe aber auch das nicht, da diese in dermaßen kleinen Futzelbuchstaben geschrieben sind, dass ich mich direkt davorstellen und weit hinaufstrecken müsste, um etwas zu sehen. Und das würde ja bekanntlich wieder dazu führen, dass ich eventuell durch den Raum geschleudert werde… Himmel Herrschaft!

Wir besichtigen ein paar Socialmedia-Hotspots, meine Tochter versendet 23 Schnapp-Bilder, wo sie nicht etwa die Sehenswürdigkeit hinter sich fotografiert, sondern ihr eigenes Gesicht von allen Seiten und Richtungen. Währenddessen erkundigt sie sich immer wieder nach meinem Befinden, bietet mir ein Taschentuch an, wenn ich niese, trägt die schwere Wasserflasche und lotst mich letztendlich in eine hippe Lokalität, in der wir von einer in Englisch gehaltener Tafel aufgefordert werden, zu warten, bis wir zum Tisch geführt werden. Man erlaubt uns eine Stunde 16 Minuten im Restaurant zu bleiben, danach sei alles reserviert. Uff, welch ein Glück. Der Raum ist dunkel und kalt, die Stühle ungemütlich, über der Bar steht groß „shit happens“, von der Speisekarte versteht man wenig bis gar nichts (selbst wenn man mehreren Fremdsprachen mächtig ist), das Essbesteck schmeckt nach Eisen, die Servietten sehen aus wie aus dem zweiten Weltkrieg und das Lokal ist bummvoll mit Hipstern und Bobos. Und deren hippen Bobo-Kindern. Sie sitzen gelangweilt bei ihren organic scrambled eggs und shakshukas und wünschen sich ein kleines Bröserl mehr pur pur bread, weil das Zeug – was immer das auch sein mag – sehr scharf ist. Aber Hauptsache hip. … „Shit happens“, wie recht sie doch haben!



Wo sind die Lokale, wo man von einem Germknödel eine ganze Woche satt war? Wo gibt es noch die grünen Apfelzuckerl, von denen man eine weitere Woche einen blutenden Gaumen hatte? Wo sind die Geschäfte mit den Wühltischen, in denen man kopfüber auf Schnäppchenjagd gehen konnte? Warum tragen alle Sonnenbrillen, wenn gar keine Sonne scheint, warum gehen sie mit ihrem Kaffee in der Hand (und unglaublich viel Verpackungsmüll) spazieren? Und warum klingelt und piepst es immerzu und überall? Warum geben die alle nicht mal eine Ruhe und setzen sich auf Bankerl und beobachten die Schwäne?

Ich rülpse die Luft meines hippen Essens in meine Maske und während ich überlege, ob mir jetzt auch noch speiübel wird, wird mir klar: ich bin unflexibel, alt und eingefahren.

Oder haben die anderen den Klopfer? Und ist die Welt echt komplett vertrottelt?

Meine Tochter spürt meine Verzweiflung. Und nachdem sie sich von ihrem Lachflash wieder erholt hat, weil auch sie mich für unflexibel, alt und eingefahren hält, spendiert sie mir ein „Dreh und Trink“ und lotst mich zielsicher zum Auto, in das ich zufrieden einsteige und verklärt an diesen schönen Tag zurückdenke.

Mittwoch, 4. August 2021

Knocked out

 

Knocked out.

 

Mein Kleiner, also mein Jüngster, ist mir über den Kopf gewachsen. Er und alles rund um ihn herum.

Gut, man weiß ja, dass die Jugend mit Computern, Handys und Social Media umgeht, als ob man sie schon mittels Muttermilch damit großgezogen hätte, aber dass dieser Kleine, mein Küken und Nesthäkchen, mich mal so ausknocken würde, war mir bis vor kurzem noch nicht bewusst.

So geschieht es, dass ich keine Deckel und Schraubverschlüsse mehr öffnen kann, die er zuvor einmal in seinen Griffeln gehabt hat. Das Kindergarten-Trinkfläschchen, das mittlerweile zu einer überdimensionalen Thermo-Clima-Air-up-Performance-Adventure-Urban-Bottle ausgewachsen ist, kann ich nicht mehr reinigen, weil ich den akribisch, mit festem Druck justierten Deckel nicht runter bekomm. Zuerst dachte ich an einen Rheuma-Schub in meinen Fingern. Nachdem ich die Symptome gegoogelt und mich vom schlimmsten Schock erholt hatte, holte mich mein Küken wieder aus meiner Panik raus und räumte ein, dass es vielleicht die Sachen wirklich unnötig streng zuschraube. Gott sei Dank! Kein Rheuma-Schub!


Für diesen festen Griff trainiert er scheinbar auch heimlich. Hat auf einmal Muskeln wie Arnold. Na ja, fast. Aber was vor kurzem noch wie Zwirnsfäden aus seinem T-Shirt baumelte, sind nun zwei gut konturierte Arme. Und unter seinem Bett – nicht, dass ich da stöbern würde! – fand ich jüngst ganz erstaunt einen Expander. Wann hat sich dieser Kerl den bloß zugelegt? Zu Weihnachten hätte ICH ihm diesen gekauft, berichtet er mir auf meine Anfrage hin. Ich googele nach ersten Demenz-Symptomen und werde unruhig. Wieso kann ich mich daran nicht mehr erinnern? „Stimmt eh nicht“, erlöst mich mein Witzbold-Küken nach drei Tagen Panikgeschiebe meinerseits. Er hätte ihn sich bloß von einem Klassenkollegen ausgeborgt. So ein Glück aber auch. Keine Demenz.

Und wenn ich schon lange im Bett liege, also so zwischen 20:45 und 20:53 Uhr, geht seit neuestem in der Küche ein wildes Treiben vor sich. Da wird er nämlich erst so richtig wach und hungrig, mein Kleiner, da beginnt er zu kochen. Mit Rezepten aus dem Internet. Und Zutaten aus meiner Küche. Beziehungsweise aus der Küche der Nachbarn. Denn stante pede müssen die ausgefallensten Lebensmittel (Eier zum Beispiel) greifbar gemacht werden und weil ja kein Geschäft mehr geöffnet ist um diese Zeit, wird die gesamte Nachbarschaft aufgescheucht. Während dies geschieht, befinde ich mich meist schon in der ersten REM-Phase und bekomme das Chaos erst am nächsten Morgen zu Gesicht, wenn ich nämlich um 5:13 Uhr aufstehe und die geschändeten Töpfe und Pfannen sehe, für deren Reinigung ich im eingetrockneten Zustand ganz schön lange zu werkeln habe. Dieses Spektakel hab ich tags zuvor wegen unfassbarer Müdigkeit leider nicht mehr unter Kontrolle. Die ersten paar Male dachte ich noch, ich habe eine schwere Krankheit, die mich abends so früh ins Bett zwingt, was mir auch Dr. Google bereitwillig bestätigte, nach längerem Nachdenken erkannte ich allerdings, dass es das tägliche frühe Küchenputzen ist, das mich so erschöpft heia machen lässt. Ein furchtbarer Teufelskreis. Aber Gott sei Dank keine schwere Krankheit…

Mein Kleiner hat mich überall übertrumpft, ich muss es gestehen. Er hat mehr Parfums und Duschgels als ich, sein Fahrrad ist fast so viel wert wie ein gebrauchter Mittelklassewagen, seine Schuhe sind doppelt so groß wie meine – und ich habe keine kleinen Füße! – er schlägt mich täglich in einer Quiz-App, er bringt mich mit seiner Fragerei in Sachen Wetter, Klima und Politik zum Haareraufen – und ich habe viiiiiele Haare! – und er hat mehr Ahnung vom aktuellen Weltgeschehen als ich, spricht besser Englisch und Französisch, hat einen noch schwärzeren Humor als ich und überzuckert die verfahrensten psychischen Kalamitäten im Freundeskreis in Windeseile.

Knocked out. Auf allen Linien.

Aber in einer Sache bleibe ICH der Champ: im Erfinden und Heraufbeschwören von Krankheiten. Die tu ich nämlich googeln und binnen 2 sec hab ich sie auch schon.

Donnerstag, 15. April 2021

Die Vermessung der Frau

 

Es ist wieder mal Frühling, alles wächst und sprießt, die Vögel bauen Nester, die Katzen sind rollig, es wird gerammelt, was das Zeug hält und nur der Mensch muss sich vom Menschen möglichst fernhalten, alle Teile von ihm desinfizieren und sein Gesicht hinter Masken verstecken. Was tut man also mit seinen Frühlingsgefühlen?

Es gibt ja jetzt so Dating Apps. Unglaublich viele, so heißt es, die Menschen sehnen sich danach, einander kennenzulernen. ICH war noch nie auf so einer App. Das muss ICH mir nicht antun. ICH doch nicht. Aber eine „Freundin“. Also will ich von dieser Freundin berichten. (meine Nase wächst dabei komischer Weise immer mehr….)

Diese Freundin möchte einen Partner haben, jemanden mit dem sie schöne Stunden verbringen kann, der ihr Herz erwärmt und ihren Körper zum Klingen bringt. Ich …. ähm …. also diese Freundin freut sich auf einen kultivierten Typen mit Herz, Hirn und Humor und wartet auf die ersten Herzerl, die ihr virtuell zufliegen:

Karli, Martin und Horst wollen gleich mal ein paar extra Fotos geschickt bekommen, am besten mit einer tagesaktuellen Zeitung, damit sie sicher gehen, dass die Bilder nicht von vor 20 Jahren sind, denn ansonsten würde meine Freundin „sämtliche Getränke zahlen müssen, die nötig wären, um sie schön zu saufen und damit so aussehen zu lassen wie auf den Fotos von anno dazumal“. Na wumm.



Fritz, Paul und Norbert sind auf der Suche nach „etwas Zwanglosem“ und im realen Leben seit 25 Jahren verheiratet. Die Zwanglose sollte in etwa so zwischen 35 einhalb und 43 dreiviertel Jahre alt sein.

Andreas, Michael und Toni bezeichnen sich selber als „lustig“, haben allerdings das grimmigste Gesicht hervorgeholt, das sie besitzen. Sie sehen aus wie Terroristen. Nach einem Tag mit intensiven Chats sind alle drei am nächsten Morgen verschwunden und haben meine Freundin blockiert. Eh noch a Glück…

Phillipp und Franz schreiben jeden Tag „guten Morgen“ und „gute Nacht“ und sonst keinen einzigen Satz. Wenn sie ganz geil und mutig sind, schicken sie ein Kaffeehäferl-Emoji zusätzlich.

Und Franz und Robert bin ich zu groß …. ähm…. ist meine Freundin zu groß. Wie sehe das denn aus, wenn man mit einer großen Frau über den Hauptplatz marschiert? Und vom Gewicht wollen wir gar nicht reden. Die Frau, mit der sich Franz und Robert einlassen wollen, sollte schon so zwischen 1 Meter 68 Komma 74 und 1 Meter 72 Komma 56 groß sein und wiegen darf sie nicht mehr als 57 Komma 4 Kilo – aber ohne Hose und Push-up.

Stefan wiederum scheint ein Philosoph zu sein: Welche Körbchengröße hast du?“ und Bernhard setzt noch eines drauf: „hast du große Schamlippen?“ Das ist die erste Frage, die er stellt. Der dürfte medizinisch sehr interessiert sein. Möglicherweise ein Doktor.

Meine Freundin hält ihn sich zur Sicherheit warm, ist aber etwas verunsichert und beginnt mit der Vermessung ihres Körpers: 90-60-90 kriegt sie nirgends zusammen, das Bäuchlein, das sie selber gern mit Schoko und Wein verwöhnt, hängt über das Hoserl, das rechte Knie steht in einem 43 Grad Winkel nach innen, der rechte Fuß ist dünner als der linke, die Fledermausarme wackeln 32 Grad bei heftiger Bewegung von innen nach außen, die Krähenfüße, von denen es 4 um jedes Auge gibt, sind bereits 1 Komma 63 cm lang, das zweite Kinn schaut 2 Komma 3 Millimeter über das Ursprungskinn und am Po gibt es 9 Komma 5 Dellen. Na, die schaut aus, diese meine Freundin! Die kriegt wohl nie mehr einen!

Gott sei Dank tu ICH mir das nicht an, ich steh nämlich auf „body positivity“ und Männer mit Tiefgang.

Mittwoch, 3. März 2021

Man wird ja bescheiden

Ja, ich weiß, „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“. Aber wenn die Pandemie eines bei mir bewirkt hat, dann ist es besagte Bescheidenheit. Und Zufriedenheit mit den kleinen Dingen. Und Demut. Denn nichts ist mehr selbstverständlich. Das Gesicht haben wir alle verloren, versteckt hinter Masken, berühren dürfen sich nur mehr die Pommes auf den McDonalds-Plakaten und gemeinsam ein Gläschen trinken darf man nur mehr, wenn einem zuvor ein Staberl bis ins Hirn geschoben wurde.

Ich will mich nun keinesfalls über solche Maßnahmen aufregen, das liegt mir fern. Denn ich habe auch keine bessere Idee, wie man sonst die Sache in den Griff bekommen sollte. Also mach ich halt, so gut es geht, wie man mir befiehlt. Ich bleib ja bei Rot auch an der Ampel stehen und reg mich nicht auf, dass man meine Persönlichkeitsrechte damit einschränkt.

Nun aber ist es so, dass ich begonnen habe, mich irrsinnig über Kleinigkeiten zu freuen, da durfte ich z.B. bei einer Shiatsu-Massage meine Maske runternehmen, obwohl der Masseur die seinige anbehalten musste. „Man müsse die Reaktion des zu Massierenden im Gesicht sehen können“, heißt es im Gesetz. Juhu! Endlich jemand, der meine Mimik sehen will, endlich einer, dem es nicht egal ist, welche Grimasse ich unter meiner Maske ziehe, endlich einer, der auf die gute alte Kommunikation der Körpersprache zurückgreift! Was für ein Feeling, was für eine Massage – zwei Tage später noch war ich wie lahmgelegt, mein Lebermeridian hat gejubelt! Ich bin ja bescheiden.

Apropos Leber: Jüngst trank ich einen Kinderpunsch. Auf der Straße! Mit Freundinnen. Aus Pappbechern prosteten wir uns in der Luft zu, natürlich 50 m vom ausschenkenden Lokal entfernt. Aber wir taten es. Es kamen Erinnerungen hoch, wie es damals war, anno dazumal, sozusagen. Als man noch am Hauptplatz stand und sich auf den Faschingsumzug freute oder einem Konzert lauschte. Fast so war es wieder, jüngst, als ich diesen Kinderpunsch trank…man wird ja, wie gesagt, sehr bescheiden.



Und wie viele Männer in letzter Zeit irgendwas in mich reingesteckt haben – unglaublich! Da war als erstes der Apotheker, der mit seiner langen Stange in mir bohrte, dass es mir schien, als hole er mir das letzte bisschen Liquor aus meinem Kopf. Danach folgte der Zahnarzt, der aufs Orale ganz versessen war und schließlich noch ein junger Sanitäter, der es gleich in beiden (Nasen-)Löchern trieb. Die pikanten Details vom anschließenden Frauenarztbesuch und das dazugehörige Kopfkino erspare ich dem werten Leser.

Doch dann kam der Höhepunkt: es hat neulich jemand gewagt mich zu umarmen!! Frisch getestet beide, eine feine Umarmung zum Abschied. Was kann ich euch sagen: einen Orgasmus bekam ich. Einen multiplen. Man wird ja bescheiden.

Donnerstag, 21. Januar 2021

Das hab ich vorher noch nie gesehen.

 

Ein Spaziergang durch die Stadt. Alle Geschäfte zu. Lockdown Nr. 3. Sie sind teilweise nicht nur vorübergehend zu, sondern wirklich für immer geschlossen. Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich. Keine Kleiderständer und Schütten vor den Auslagen, keine Musik dringt auf die Straße, niemand flaniert herum; wenn ich einen Menschen treffe, so marschiert derjenige zielgerichtet irgendwohin. Keine automatischen Türen öffnen sich, wenn man zu nah an sie herankommt, Zeitungen liegen unbeachtet im Dreck in so manchem Eingang und keinerlei bunte Slogans mit Abverkaufswerbungen und Super-Sonder-Mega-Sales reizen meine Netzhaut. Die Stadt steht sogzusagen nackt vor mir.

Und wenn man so nackert ist, offenbart man ja so manches ansonsten Verborgene, das weiß jedes Kind. Auch bei Städten ist das nicht anders. Also sehe ich zum ersten Mal, dass es unfassbar viele Angebote an Therapiezentren, Ärzten, Alternativmedizinern und Tatooshops gibt. Auch offenbart sich mir eine wunderschöne Architektur, denn erstmals habe ich meinen Blick nicht nur auf Augenhöhe geschraubt, sondern erhebe ihn, um ihn an den Hausfassaden hochklettern zu lassen. Dort sieht man die prachtvollsten Häuser, geschmückt mit feinsten Ornamenten, interessante Fenster, hinter denen sich in meinem Kopf bereits ganze Kinofilme abspielen, für die ich eventuell sogar den Oscar kriegen würde, und wunderschön gestaltete Straßenabschnitte, die ich noch nie gesehen habe, obwohl ich schon tausendmal durch diese Straße gelaufen bin.

In einer zugeklebten Auslage erfahre ich über die Geschichte der Stadt so einiges, was mir bisher total fremd war: die internationale Mode etwa hielt in den 60er Jahren Einzug in der Stadt und „die ältere Generation konnte bei all den Miniröcken nur beschämt wegschauen“, kann man hier lesen. Oder dass der Kaiser Ferdinand und der Napoleon da waren und herumgefahren sind und Verträge unterzeichnet haben und dass Peter Tunner augenscheinlich kein Womanizer war. Und dass es ein Haus gibt, in dem der Scharfrichter wohnte und ich bis heute nicht weiß, wo zum Henker das sein sollte.

Nie hätte ich das alles gesehen, wenn das Leben normal weitergegangen wäre!

Und erst der Blick nach unten offenbart Sachen, ich kann euch sagen! In den Steinplatten am Boden des Hauptplatzes zieht sich ein Schriftzug vom Beginn bis zum Ende, wo genau festgehalten ist, wann die Stadt wie bezeichnet wurde. Nie hätte ich erfahren, dass Leoben „liebliche Gegend“ bedeutet, wenn ich weiterhin auf gleicher Höhe im angesagten Modemarkt geshoppt hätte, nie wäre ich drauf gekommen, dass die Stadt mal „Liubina“ und „Lewben“ geheißen hat, wenn ich weiterhin auf ein, zwei Bierchen ins Lokal inmitten der Häuserzeile gegangen wäre. Noch immer dumm wie eine Pflaume wäre ich, weil ich nicht wüsste, dass man Leoben mal „LeobM“ geschrieben hat, da ich mit meinen Mädels ins angesagteste Tanzlokal des oberen Murtals Gesäßwackeln gegangen wäre, ohne einen Blick nach unten zu wagen. So rein theoretisch.




Und dass mitten am Platz, rund um die Pestsäule, 6 rosafarbene Pimmel in die liebliche Gegend ragen, muss auch mal gesagt werden, obwohl ich sie vorher noch nie gesehen hab. Vielleicht sind’s auch nur harmlose kleine Säulen und ich bin etwas falsch fokussiert zurzeit…

Eventuell überleg ich mir das mit dem A…wackeln im Tanzpalast doch noch einmal – wenn dann das Ganze wieder vorbei ist und ich nicht mehr gezwungen bin, mich für die Geschichte der Stadt zu interessieren. Da kann man dann ja wieder schauen, welche Säulen in der Realität noch aufrecht stehen…

Dienstag, 12. Januar 2021

Bloß ein Vogel?

Manchmal bin ich echt krawutisch, da geht mir alles total schnell auf die Nerven und dann wieder - im Handumdrehen - rührt mich was und ich bin kurz davor in Tränen auszubrechen. Was ist das bloß? Hormonelle Umstellungen kurz vor dem Verdorren? Eine bisher unentdeckte Hochsensibilität? Das Blankliegen der Nerven, weil’s einfach auf der Welt so drunter und drüber geht oder bloß ein Vogel?

Kleinigkeiten sind es, die mich an die Decke gehen lassen:

da legt ein betagter Mann hinter mir im Geschäft seine Ware schon aufs Fließband, wenn ich noch gar nicht fertig bin und vermeintlich keinen Platz mehr habe, und ich könnt ihm schon durch die Maske ein wütendes „Hast keine Augen im Kopf, du Fetzenschädl?“ rüberspradern, doch im selben Moment sehe ich, wie zittrig seine Hände sind und wie erloschen sein Glanz in den Augen, was mir gleich die Tränen ins Gesicht schießen lässt vor Rührung, weil dieses alte Männlein sich so plagt, noch alleine einkaufen zu gehen.

Oder ich sehe auf facebook Postings über Viecher, die ein- oder entgangen sind, und krieg gleich sooooo einen Hals. Lasst’s mich doch in Ruh mit euren zerzausten Läuseteppichen, habt ihr nichts anderes im Kopf als die blöden Tiere, bin ich versucht, in den Kommentaren zu schreiben, kurz bevor es mir im Herzen sticht, wie arm doch diese Hundsis und Katzis sind, welch Qualen sie aushalten mussten und wie grauenvoll die Kreatur Mensch doch sein kann.

Dann schreibt mir ein Bekannter, ob ich mit ihm auf einen „Café“ gehe. Auf einen „Café“ !!!! KAFFEE, KAFFEE, KAFFEE schreibt man das Getränk, das andere ist das WIRTSHÄUSL, wo der KAFFEE serviert wird, hast du denn gar nichts in deinem Schädel, du Loser du, möchte ich zurückschreiben, doch im nächsten Moment schießt es mir durch mein blondes Köpfchen, wie nett der eigentlich ist, möchte sich mit mir treffen, sucht den Kontakt zu mir, bemüht sich und eigentlich ist es doch nur MEIN Rechtschreib-Vogel, der mich so auszucken lässt. Schick ihm ein dickes Café-…ähm… Kaffee-Häferl zurück.

Oder die Kinder stellen das pickige Saftglas zum x-ten Mal ganz an den Rand der Arbeitsfläche, sodass ich es mit meinen weit schwingenden Armen beinah zu Fall bringe und sie merken es sich nicht. Nicht und nicht. Auch nicht nach tausendmaligem Ermahnen. „Ja, seid ihr denn zu gar nichts zu gebrauchen, ihr Gschrappen, wie lange wollt ihr mich noch nerven?“, schreit es in mir und ich bin versucht, sämtliche Gläser wegzusperren und die Kids von der Wasserleitung zuzeln zu lassen, doch dann denk ich mir, wie süß die eigentlich sind, wie pflegeleicht. Und ich bin unendlich dankbar für ihre geistige, körperliche und psychische Gesundheit und dafür, dass wir uns so gut verstehen, obwohl wir 24/7 beieinander picken. Dann wein ich wieder ein bisschen. Wegen eines Saftglases.



Und überhaupt ist es so finster draußen und so kalt und alles und alle sind krank und diese Katastrophe wird immer ärger und die Leute werden immer spinnender und es gibt kein Entrinnen und überhaupt keine Hoffnung auf irgendwas mehr und wir werden alle sterben. (Aber nicht heute). Und außerdem hab ich euch alle so lieb und freue mich schon auf alle wieder so sehr und bin so froh, dass alles seine geregelten Bahnen geht trotz Ausnahmesituation.

Es könnt‘ mir nicht besser gehen. Darauf wird gleich wieder eine Runde geheult! Schluchz.



Dienstag, 8. Dezember 2020

Ein Tag ohne Regeln

Die Kinder sind weg. Ab zum Herrn Papa. Juhu. Gleich eins vorweg, bevor da irgendwelche Missverständnisse entstehen. ICH LIEBE MEINE KINDER. Ich bin sehr, sehr gerne mit ihnen zusammen. Aber ich bin auch gerne allein. Sehr sogar. Einmal nur für mich, unbeobachtet von meinen Teenager-Mitbewohnern, einfach tun und lassen, was ich will, auf die Vorbildfunktion wird für kurze Zeit gsch…en.

Herumliegen, im Bett essen, dummes Zeug im Fernsehen schauen, halbnackt durch das Haus laufen, ungesunde Mahlzeiten zubereiten, am Tisch bröseln und mit dem Handrücken mal so herzhaft das Kernöl vom Goscherl wischen. Ausgedehnte Badewannenaufenthalte mit zu hohem Heißwasserverbrauch, möglicherweise sogar mit einem Gläschen Sekt, am Tag die Vorhänge zuziehen und vor sich hinrüsseln, nicht das Haus verlassen, sich nicht körperlich ertüchtigen, auch auf die Frischluft wird gepfiffen. Naschen, obwohl man Hunger hat und genau weiß, dass ein vernünftiges, nahrhaftes Essen jetzt besser wäre, laute Musik spielen und dazu singen, am Handy hängen, obwohl man schon viereckige Augen hat usw. Das war der Plan.

Und nun zur Realität: nachdem die Kids die Tür hinter sich zugeschlagen haben, weiß ich erst gar nicht, was von den vielen Sachen ich als erstes anpacken soll. Meine vormittäglichen Yoga-Übungen lass ich natürlich aus, bin halt dann ein bisschen steif, aber wurscht. Da ich immer hungrig bin, beschließe ich, mir Spagetti mit Käsesauce zu kochen. Keinen Salat, kein Obst, kein Gemüse. Nur ein primitiver Nudelhaufen mit einer geilen Sauce drauf. Ich habe kein Schlagobers zuhause, aber Sauerrahm wird’s wohl auch tun, einkaufen geh ich nämlich wirklich nicht. Die Nudeln kochen eine Unendlichkeit vor sich hin und bleiben dennoch hart. Ich bereite meine improvisierte Sauce vor, was jedoch darin endet, dass der Sauerrahm zuerst die halben Küchenwände vollspritzt und danach ausflockt, der Käse zwar schmilzt, dann aber wieder nur in großen Klumpen am Löffel picken bleibt. Wurscht. Da muss ich jetzt durch, ich misch mir alles auf einem Teller zusammen, ein Teil der Sauce pickt am Tellerrand und als ich das Essen in mein Bett abschleppe, bemerke ich erst zu spät, dass besagte Saucenkreation auch unter dem Teller klebt und somit mein gesamtes Umfeld, sprich: Hose, Leintuch, Decke verschmutzt. Gut gemacht, Lotta, herzlichen Glückwunsch.

Danach nehme ich ein heißes Vollbad und ja, richtig erraten, ich schleiche zuvor noch in den Keller und will mir Sekt holen. Habe jedoch die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn ich finde nur mehr einen sauren alten, bereits geöffneten Wein. Und der wirkt. Fährt sofort in alle Glieder meines Leibes, gekoppelt mit dem heißen Wasser, bin ich nahe an einem Kreislaufkollaps. Ich habe ein knallrotes Untergestell wie ein Spanferkel, die Wangen glühen, mir ist schwindelig. Und schlecht. Und Sodbrennen hab ich. Mit letzter Kraft entsteige ich ungelenk der Wanne und bete zu Gott, dass ich nicht ohnmächtig werde, in die Wanne zurückfalle und mich am End dann noch die Kinder nackert und gegart mit einem Weinglas in Hand finden und einen Nachbarn rufen, der ihnen dann hilft, mich ins Trockene zu bringen.



Uff, ich hab’s geschafft. Bin zurück in meinem Sauerrahm-Käse-Sauce-Bett, wo ich ein kleines Schläfchen mache. Zur Belohnung für die viele, heute schon geleistete Arbeit. Dabei zieh ich mir eine Serie nach der anderen rein. Als ich wieder zu mir komme, habe ich dermaßen Kreuzweh, dass ich vom Bett kaum mehr hochkomm. Hätte meine Dehnungsübungen am Vormittag doch nicht ausfallen lassen sollen. Außerdem hab ich vom Schlafen jetzt wieder Hunger bekommen und bin total krawutisch. Unausgeglichen und zornig. Hätte doch sollen in die frische Luft gehen, das viele Wohnungshocken tut mir nicht gut. Das übertriebene Schlafen auch nicht.

Ich beschließe, das Naschkasterl zu stürmen, esse die restlichen Osterhasen – jawohl, da waren noch welche übrig – zerlassen auf ein paar fetten Bananen. Während des Essens schreibe ich ein paar unanständige WotSepp-Nachrichten an Leute, mit denen ich seit Monaten, um nicht zu sagen Jahren, keinen Kontakt mehr habe, was noch unangenehme Kommunikationen mit sich ziehen würde. Aber das ist eine andere Geschichte. Und dann drehe ich die Musik mal so richtig laut auf und tanze. Dazu mischt sich erneutes Sodbrennen der bösesten Art, es entfleuchen mir ein paar lautstarke Flatulenzen und der Nachbar klopft das erste Mal, seit wir hier wohnen, an die Wand, weil er den Lärm nicht mehr erträgt. Fast 20 Jahre und 3 Kinder lang hat er durchgehalten, doch mein Auftritt heute lässt das Fass überlaufen.

Damit die Sache nicht noch mehr eskaliert, räume ich die Küche zusammen, was angesichts der an den Wänden klebenden Käsesauce ein Halbtagesprojekt wird, überziehe mein Bett, reinige das Badezimmer und versuche den auf WotSepp angerichteten Schaden in Zaum zu halten. Was für ein Tag – so ganz ohne Regeln…

Bitte, liebe Kinder, kommt recht schnell wieder zurück. Ohne euch ist eure Mami komplett verloren.