Sonntag, 9. Dezember 2018

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt


Die Kinder zünden ganz begeistert nicht nur die zweite Kerze vom Adventkranz an, sondern setzen auch ein laut klingelndes Engerlkarussell in Gang, das ich noch von meiner Großmutter besitze und dessen Prinzip es ist, durch Kerzenwärme kleine Engerl, die an ihren Gesäßen lange Stangen angeheftet haben, zum Rotieren zu bringen, wodurch ein klingendes Geräusch entsteht. Und eine Duftkerze, eine Duftkerze zünden sie an, eine Duftkerze, die einen Gestank verbreitet, dass ich nah einer Ohnmacht bin, noch bevor wir das erste Lied anstimmen. „Kling Glöckchen Klingelingeling.



Missmutig folgen die Kids meiner Bitte, doch wieder mal ihre Musikinstrumente (eine verstimmte, verstaubte Gitarre und eine Blockflöte, die sich in der Mitte immer wieder in ihre Einzelteile auflöst) aus den hintersten Winkeln hervorzuholen und ein bisschen darauf zu spielen. Es folgt ein Streit, welches Licht noch aufgeschaltet bleiben sollte und welches man beruhigt abdrehen würde können, ohne komplett im Dunkeln zu versumpern – denn der zweite Advent ist eben noch nicht sehr reich an Beleuchtung. Wir einigen uns, dass das Wohnzimmerlicht an und die Türe offenbleibt, um wenigstens einen Hauch von Besinnlichkeit zu erzeugen. „Wir sagen euch an….

Die erste, die aufbegehrt, ist meine Tochter, denn akkurat in dieser Minute hat sie eine Heißhungerattacke und besteht darauf, sich in der Küche ein Abendmahl herzurichten. Aber wie? In der Dunkelheit findet sie weder Brot noch Messer. Sie schnappt sich einen Apfel und schmatzt trotzig drauf los.

Und mich nervt das Engerlkarussell, wie können drei Engelpopscherl, wenn sie heiß sind, bloß so ein nerviges Geräusch erzeugen! „Süßer die Glocken nie klingen….“

Inzwischen hat mein Jüngster den unteren Teil der Blockflöte verschmissen, taucht kurz unter den Tisch in die vollkommene Finsternis, um Teil 2 des Instruments zu suchen, schießt am anderen Ende knapp neben der Tischkante wieder hoch und hält einen riesigen Staubwuzel, aufgespießt am zweiten Blockflötenteil, in der rechten und ein lange verschollen geglaubtes Donald Duck-Buch in der linken Hand. Ich sollt mal wieder putzen und aufräumen, aber hat das einen Sinn in dieser dunklen Jahreszeit? Sieht eh keiner. Na ja, fast keiner. Ich befreie die Blockflöte vom Lurchwuzel, lasse das Donald Duck-Buch wieder unter dem Tisch verschwinden, um jegliche Ablenkung zu verhindern und weiter geht’s. Ihr Kinderlein kommet

Mein Ältester kann sich gar nicht aufraffen und liegt gequält mit seinem Handy auf der Eckbank: „Na gehhhh, Mama, nur noch die eine WotSepp-Nachricht, i bin eh glei fertig!“

Schmatz Schmatz aus der einen Ecke, Piep Piep von der Bank und verzweifelte Versuche, die Flöte wieder zusammenzubauen vis a vis von mir. Außerdem ist mir schlecht. Wie kann eine Kerze SOWAS von sich geben. Ich bin kurz davor, das Licht aufzudrehen und mal ordentlich in die Runde zu brüllen, aber ich beherrsche mich. Einmal versuche ich es noch liebevoll, einfühlsam, bittend, flehend, verzweifelt…. und beginne mit krächzender Stimme das nächste Lied. „Lasst uns froh und munter sein“. Mein Ältester legt sein Handy weg, offensichtlich ergriffen vom schönen Moment – und stimmt übergangslos ein Parallel-Hustkonzert an. Das Töchterchen, das noch immer schmatzt, als ob sie 2 Tage lang nichts gegessen hätte, spukt angeekelt ein kleines faules Stückchen gleich neben das Engelskarussell, das immer schneller geworden ist, weil die Kerzen immer heißer und die Flammen immer höher wurden. Die Engerl mit ihren Stangen im Popsch sausen an mir vorüber, die Klangkulisse wird unerträglich. Jingle Bells, jingle bells

Nach einer gefühlten guten Stunde haben wir noch immer keinen Flötenton gehört – ich glaub, mein Jüngster übt sich in Prokrastination, weil er das Spielen wieder verlernt hat; meine Tochter beendet den Apfel mit einem herzhaften Rülpser, gerade als ich „Schneeflöckchen Weißröckchen anstimme und der Älteste hustet und hustet.

Ob das noch was wird mit der Besinnlichkeit? Es ist ja erst der zweite Advent, tröste ich mich selber und denke an Karl Valentin: „wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird’s auch wieder ruhiger.“

Samstag, 1. Dezember 2018

Elternsprechtag


Gearbeitet, gekocht, eingekauft, geputzt, gewaschen, das Mittagessen für meine Spätheimkommenden warmgehalten und eigentlich schon reif für die spätnachmittägliche Couch, für „Pippi Langstrumpf“ im Astrid Lindgren- Special, das zurzeit im Fernsehen läuft, muss ich trotzdem noch einmal aus dem Haus. Es dämmert draußen bereits und ich scheine mein Tagespensum erfüllt zu haben, doch man zwingt mich: ELTERNSPRECHTAG. Das mag ich gar nicht. Lasst’s mich in Ruh, bin ich versucht zu denken, lasst’s mich auf meiner Couch, doch ich reiß mich zusammen: Ich entferne meinen Hausfrauen-Haarlook von zusammengebunden auf lockig-flockig mit ein paar Wasserspritzern auf mein Haupt und auf meine dankbaren Naturlocken, schlüpfe aus meiner Hausfrauen-Jogginghose in eine Jeans, säubere behelfsmäßig mit ebensolchen Wasserspritzern meinen Pulli, der Reste von Zahncreme, Mittagsmenü und ausgefallenen Haaren enthält, trete mutig vors Haus in die dunkle Nacht und schwinge mich per Veloziped Richtung Schule. Krass.

Vor der Schule schon treffe ich ein paar aufgeregte Mamas – wie aus dem Ei gepellt, gut duftend und frisch gestylt, steigen sie aus ihren Boliden. Ich hingegen habe mir neue Spritzer aufgegabelt – diesmal dicke, fette, dunkelschwarze Dreckspritzer vom Radfahren, die sich über mein Gesäß bis hin zum Scheitel ziehen. Sehr hübsch. Die frisch gewaschenen Mamas hingegen unterhalten sich über ihre Kinder und geben exakt den Fehlerverlauf bei der letzten Schularbeit wieder, während ich krampfhaft nachdenke, in welcher Schule und bei welchem Kind ich eigentlich bin. Zur Tarnung aber nicke ich betroffen, schüttle alle paar Sekunden verständnisvoll das Haupt und lächle, wenn ich meine, dass es angebracht ist. Von welchem Examen die beiden sprechen, ist mir ein Rätsel. Ich kann mich nicht an jede Schularbeit erinnern. Meine Kinder machen das schon irgendwie. Sie gehen ihren Weg. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich da so reinreiten und jeden Punkt und Beistrich samt Lehrerkommentar auf die Waagschale legen muss. Außerdem habe ich ganze drei Kinder, was in Summe im besten Fall bedeutet, dass ich 20 lange Jahre durchgehend ein Schulkind habe. Wenn ich mir da über jeden Test ein graues Haar wachsen lasse, habe ich bald nix mehr, was ich mit simplen Wasser- oder bei Gelegenheit auch Dreckspritzern noch zu Locken stylen könnte.
Na gut. Ich betrete das zweistöckige Schulgebäude, die Farben am Boden werden mich leiten, an jeder Säule steht geschrieben, wo sich welcher Lehrer befindet, ich werde das schaffen. Erklimme die erste Stiege, die Prothese knackt, die Locken fliegen. Der Dreck spritzt. Das wär mir auf meiner Couch nicht passiert.

Es grüßt mich jemand ganz vertraulich, ich habe nicht den blassensten Schimmer, wer das ist. Eine Lehrerin? Eine Mutter? Jetzt bleibt sie auch noch stehen und fragt nach meinem Befinden. Himmel! Wo soll ich die hintun? Haben wir ein Kind in einer gemeinsamen Klasse? Ist es die Mutter eines ehemaligen Schulkollegen von meinem Größten, ist es die Tante von einer Freundin meiner Mittleren oder ist es die besorgte Mama eines Kleinen? Vielleicht ist es die Verkäuferin vom Bipa, kommt mir jetzt vor und ich freue mich sehr über meinen Geistesblitz und dass mich die da auf der Stiege so anspricht. Sehr nett. Sehr kundenorientiert. Die hat sicher meine Dreckspritzer auf den Haaren gesehen und will mir jetzt ein neues Shampoo oder irgend sowas Unnötiges andrehen. Aber so gar nix vom Einkaufen redet sie, das ist verdächtig, sie spricht vom Schikurs. Welches Kind hat um alles in Welt demnächst Skikurs?  Ich nicke, ich lächle, ich stimme ihr zu. Wie recht sie doch hat.

Wie es ihr wohl geht, meiner Couch? Kalt wird sie sein. Kalt. Ich komm eh bald, liebe Couch…

Nun bin ich aber im richtigen Stockwerk und suche mal den ersten Lehrer. Vor seinem Kammerl ein Pulk an Wartenden, ganze Familienverbände scheinen da vorstellig zu werden. Von der aufgeregten Großmama bis zum ratlosen Vater schnattert alles durcheinander, sie halten Listen mit zig Lehrern in Händen und schauen besorgt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit komm ich endlich dran, der Lehrer hat nichts Aufregendes zu berichten, was mich sehr freut. Ich mach wie immer ein paar unangebrachte Witzchen, um zu zeigen wie cool und humorvoll ich bin, der Lehrer schlägt vor, mein Söhnchen könne gerne in den nächsten Tagen ein Referat halten. Nicht über den Pausenclown namens Mutter, sondern über Charles Aznavour. Mein Sohn wird es mir danken (und mich bei Gelegenheit ins Heim stecken).

I wü auf mei Couch – da kann ich weit weniger anstellen! Ich hab’s ja gleich gewusst….

Noch ein Stockwerk rauf, die Zeit drängt, man hat mich sehr engmaschig eingeteilt, 5 Minuten Zeit bei jedem Lehrer, jede Verzögerung zieht eine Massenkarambolage hinter sich her. Hier stehen 3 Damen – und schweigen. Sie messen sich mit Blicken: die eine schaut auf die klappernden Hufe der anderen, die zweite lässt ihre Augen um das gebärfreudige Becken der nächsten kreisen und die dritte funkelt zur hochpreisigen Riesentasche der ersten. Und dann komme ICH. Ich galoppiere mit meinen Waldviertlern – also völlig außer Konkurrenz – über den endlos langen Gang daher und fürchte mich. Sie sind aber eh ganz zahm, wenn man näherkommt, tun sie einem eh nix. Also bleibe ich mutig stehen, versuche meine Dreckwuzerl durch geschicktes Wegdrehen zu verbergen und schicke ein paar liebevolle Gedanken an meine Couch. Das kann nie schaden.

Hier dauert die Besprechung noch kürzer als anberaumt, nach einer ersten Vorstellungsrunde mit der mir völlig unbekannten Lehrerin komme ich nämlich drauf, dass ich bei der falschen bin. Im falschen Raum, im falschen Stockwerk. Falsch. Ganz falsch. Oh Couch, meine Couch, könnt ich jetzt in dir versinken…

Am Gang halten mich Schüler auf, die mir drei Muffins, 2 Kaffees, eine Eine-Welt-Schokolade, 3 selbst gebastelte Weihnachtssterne und ein rechtsdrehendes Leitungswasser andrehen wollen. Da es für einen guten Zweck ist, nämlich die Aufbesserung der Maturaballkassa, kaufe und verschlinge ich alles, bis auf die Weihnachtssterne. Die stopf ich in mein kleines, im Übrigen auch mit Dreckspritzern volles Rucksackerl und denke verklärt an die hochpreisige Riesentasche der Dame vorhin. Die kann darin das ganze Buffet samt Hausmeister verschwinden lassen.

Schließlich im richtigen Gang und Stockwerk angekommen, muss ich erkennen, dass meine 5 Minuten beim richtigen Lehrer schon lange abgelaufen sind, was mich dazu veranlasst, den Ort des Schreckens stante pede zu verlassen. Denn seien wir uns ehrlich: außer dass ich meine Kinder mit Referaten ins Unglück gestoßen, Leute und Stockwerke verwechselt und im Allgemeinen keinerlei Schimmer über die Herausforderungen meiner Kids habe, ist in den letzten eineinhalb Stunden ja nicht viel Produktives passiert. Die Zeit hätte man sinnvoller nutzen können. Auf der Couch zum Beispiel - mit Pippi Langstrumpf. Der wären die Dreckspritzer auch egal gewesen.

Montag, 5. November 2018

Maturaball


Meine Tochter hat Maturaball. Kinder, wie die Zeit vergeht! Noch wackelte ich mit ihr im Kinderwagen schnaufend meinen Hügel hoch, während sie vor sich hin brabbelnd an ihren Jackenknöpfchen zupfte und schon bald würde sie im weißen Kleid ihr Tanzbein schwingen. Apropos Kleid: Man kann auf so einen Ball ja nicht etwa mit Jazz Pants und Sweater auftauchen, das ist ja schon mal der erste Haken an so einem Event. Ich brauche also ein Kleid. Ein anständiges. Ein elegantes. Es sollte vieles können: es sollte die Fledermausarme kaschieren - gar nicht auszudenken was passiert, wenn ich dem Töchterchen im Getümmel zuwinken wollte und der Unterarm streift schwabbelnd das Weinglas! Auch sollte es die Leibesmitte so darstellen, dass man mir nicht versehentlich zum vierten Kind gratulieren wollte, und es muss zu meinen Schuhen passen, die aus Jesus-Sandalchen mit Schnürriemen bestehen, weil ich nur darin den rechten, viel kleineren Fuß festzurren kann und weil eine Freundin (danke, A.!) mir sagte, meine Lieblings-Waldvierter-Schuhe seien in diesem Fall nicht angebracht. Ujujui – soviel zu bedenken und zu behirnen. Oder sollte mich das alles gar nicht tangieren? Sollte ich nicht so oberflächlich sein und ohne mit der Wimper zu zucken mein Wohlstandsbaucherl raushängen lassen und mit meinen Fledermausärmeln und meinen Gleichgewichtsstörungen bei Gelegenheit gleich den ganzen Tisch mit einem Wisch abräumen?



Auf weiteres Anraten einer Freundin (danke, A.!) suche ich mich durch ganz Emezon und lasse mir mal 4 Galaroben, die dort „Brautjungfernkleider“ genannt werden, zuschicken, um sie anzuprobieren. Das erste Päckchen kommt auch prompt, es ist aus Singapur. Ich schlüpfe in das Kleid, es ist mir nicht möglich das vermeintliche XL-Dress auch nur über meinen Lockenkopf zu pressen, von der Taille ganz zu schweigen. Retourschein angefordert, folgende Antwort erhalten:

„Es tut uns leid, die Größe nicht passt, obwohl wir in Produktbeschreibung klar gezeigt. wir werden unsere Kunden zufrieden sein zu lassen. weil internationale Versandkosten, das ist nicht die beste Lösung. Sie haben Freund, dem passt Kleid.“

Nein, hab ich nicht. Mir fällt kein einziger Mann in meinem Freundeskreis ein, dem dieses Kleid passen würde. Habe d’Ehre, was mach ich nun mit diesem Miniatur-Barbie-Fetzen?

Dann kommt die nächste Botschaft vom nächsten Händler, diesmal aus Taiwan: „Sie geben Masse. Wir machen Kleid.“ Ujegerl! Eine Maßanfertigung! Und wenn sich das nicht ausgeht bis zum Ball? Oder wenn es mir dann nicht gefällt? Oder ich darin wie eine Walküre ausseh? Ich storniere sofort meine Bestellung, noch am selben Tag kommt eine Mail:

„Aus welchem Grund moechten Sie Kleid stornieren? Wegen der Massebestaetigung oder? Machen Sie sich nichts Sorge. Fuer Massanfertigung keine Einfluss fuer die Ruecksendung. Bitte um kurze beantwort.“

Ich beantwort es kurz und mache denen am anderen Ende der Welt klar, dass ich mich über ihr Kleidl nicht drübertrau.



Eine Woche später nun wieder ein verheißungsvolles Packerl: In dieser Robe sehe ich aus wie eine Gottesanbeterin. Nicht wie eine Göttin. Nein, wie der Heuschreck, vor dem sich die Männchen fürchten. Retourschein anfordern, jetzt bin ich ja schon in Übung. Die Antwort folgt prompt aus Indien:



„Hier ist mein Vorschlag, unser Preis weniger ist 10%, wenn Sie das Kleid haben, dann Sie bei der Schneiderin anders, ging das?“

Nein, das ging nicht. Denn die Schneiderin ist ja keine Zauberin. Aus einem männerfressenden Viech kann man schließlich keine Gottheit machen.

Ja, gibt’s denn das auch! Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, gleich nach der Fangschrecken-Kopulation.



Und da ist es auch schon: das vierte Packerl trifft pünktlich ein, ich schlüpfe ins Kleid und es passt wie angegossen! Herrlich! Rot, lang, eine Spitze umspielt sanft die Fledermaushanderl, die Leibesmitte hat ah drinnen Platz. Ach, wie bin ich froh! Doch hat natürlich auch dieses Kleid seine Tücken, das sei schon mal vorweggenommen.

Bevor es auf den Ball geht, mach ich kurz einen finanziellen Überschlag: habe mir also 4 Kleider gekauft, bezahlt und mit diversen hohen Versandkosten rund um die Welt zurückgeschickt. Natürlich hab ich bis jetzt keinen Cent/Rupie/Dollar zurückbekommen, sodass ich sagen kann, mein aktuelles Ballkleid war das teuerste, das ich mir in meinem Leben je kaufte.

Auf dem Ball angekommen und im Festsaal Platz genommen, zieh ich mir mit meinem Gesäß auch gleich den Rückenteil kräftig nach unten, sodass ich nach kurzer Zeit im BH dasitze. Eine Freundin (danke, A.!) macht mich darauf aufmerksam und versucht es mir erfolglos mit Leibeskräften zurück hinauf zu schieben.

Der Ball ist wunderbar, mein Mädchen tanzt und vollführt akrobatische Hebefiguren, wonach ich mich über eine Treppe auf die Toilette schleppe – im wahrsten Sinn des Wortes, denn das Kleid wird immer länger und verheddert sich mit den Riemchensandalen, sodass ich es aufheben und in einem dicken Wurstelknoten über die Stiege ziehen muss. Noch bevor ich meine Notdurft verrichten kann, reiß ich im Zuge einer Kleid-Sandalen-Befreiungsaktion drei Riemen aus den Schuhen und vier Löcher ins Kleid. Bergauf geht die Sache etwas leichter, bilde ich mir zumindest ein, bis besagte Freundin (danke, A.!) hinter mir herrennt und wieder am Rücken peinlich berührt zu zupfen beginnt: „Dir schaut der gaunze BH aussa und den Popsch siecht ma a schon!“, keucht sie mir auf der Stiege nach. Mir wird’s jetzt langsam wurscht, was hab ich noch zu verlieren?

Offensichtlich einiges, denn als ich mich zum Kuchenbuffet begebe, beginnt sich jener Teil von unten aufzulösen, in den ich in der Toilette die Löcher gerissen habe, sodass ich mit einer Art ungewollter Schärpe zurück in den Ballsaal humple, meine aufmerksame Freundin (danke, A.!) wieder hinter mir her, diesmal schon puterrot vor lauter Fremdschämen. Ich sitze zufrieden am Tisch mit meinem vollen Baucherl, worüber sich jetzt auch noch der Unterteil des Kleides zu wölben beginnt, während sich die obere Spitze immer fester um den Hals dreht und mich fast abwürgt. Gut, dass wir anschließend Fototermin im Keller haben, jetzt muss ich wirklich wieder mal aufstehen. Der Fetzen ist in der Zwischenzeit um ein zweifaches gewachsen, der Stiegenabstieg hat was von einem Festakt. Wir kommen deshalb 10 Minuten zu spät. Der Fotograf ist peinlich berührt, es muss eine zweite Hintergrundleinwand aufgestellt werden, da Schärpe und Spitzen samt der gesamten neben mir verschwindend kleinen Verwandtschaft nicht genug Platz haben würden.

Ein unvergessliches Ballerlebnis!

Abschließender Bericht vom Fotografen: man musste sich ein neues Fotobearbeitungsprogramm zulegen, damit man meine Unterwäsche wegretuschieren, die Schärpe mit den Löchern ausbessern und mein Dekolletee freilegen konnte.

Abschließender Bericht meinerseits: Ich fand eine Schneiderin, die aus diesem Kleid insgesamt 3 neue machen konnte. Meine Freundin A. bekommt ganz sicher eines und zwei männliche Freunde in meinem Bekanntenkreis treib ich auch noch auf, denen ich eines andrehen kann. Dann ist auch Singapur zufrieden.

Dienstag, 30. Oktober 2018

Büro Büro


Mich hat eine Arbeit gefunden! Nein, halt, falsch! Man sagt ja jetzt „Tschob“. Also: ich habe jetzt einen Tschob.

Nach gefühlten 300 Motivationsschreiben samt Storytelling und der Angabe der geforderten Hard und Soft Skills, unter subtiler Anwendung von „Attention-Interest-Desire-Action“ hat mich ein Recruiter zu sich berufen und konstatiert, dass ich im "Back Office" tätig sein könnte – und sollte ich mal durch ein gepflegtes Erscheinungsbild hervorstechen, auch im "Front Office", das hat er mir versprochen. Ich habe ihm gesagt, ich ziehe meine orthopädischen Schuhe und meine Strickpullis nur im Bett aus, darauf könne er sich einer Flatulenz entledigen. Bin ja vornehm.

Kurzum und zu Deutsch: nach mehreren Bewerbungen arbeite ich nun in einem Büro. Eher eine Reihe hinter der Budl. Also hinten. Back. Weil wegen Schuhe und Pulli und Schoaserl und so....

Aber was ist im Büro eigentlich in der Zwischenzeit geschehen? In der Zeit, in der ich 13.140 Windeln besorgt und befüllt wieder entsorgt habe, wo ich 12.480 Nägel meiner Kinder geschnitten und gefeilt, 500 Hopp-Glaserl gekauft und 3.285 mal meine nährende Mutterbrust zur Verfügung gestellt habe. In jenen Tagen, in denen 2 Kinderwägen, 3 Maxi Cosis, 2 Gehschulen, 34 Puppen, 12 Mini-Traktoren, 9 Malbücher und 1 Laufrad zu Schrott gefahren wurden. Was ist da in den Büros dieser Erde eigentlich passiert?



Folgende Neuigkeiten kann ich bass erstaunt berichten: Man schreibt kein Telex mehr, wo ich doch seinerzeit die Königin der Telexschreiberinnen vom 4. Wiener Hieb war; kein Loch war vor mir sicher, kein Streifen war mir zu lang. 
Und Faxe -  man verschickt auch keine Faxe mehr; ach was hab ich in den 1990ern Faxen gemacht! In aller Herren Länder: gewählt, gewartet, gepiepst, wieder gewählt und gewartet….pieps, pieps, pieps.

Man geht auch nimmer auf die Post, weil es keine Briefe mehr gibt. Wo sind die Zeiten, in denen man sich die Zunge vorm Postbeamten mit den Briefmarken wund geleckt und lustvoll „ach“ und „herrje“ gerufen hat?

Es gibt auch keine Schlüssel mehr. Man betritt die Räume mit einer Handy-App. Und ist man erst mal drinnen, sucht man den „Hausmaster“ vergeblich. Er ist nun der „facility manager“, denn „Master“ darf sich nur einer nennen, nämlich der Chef persönlich -  vorausgesetzt, er hat ein abgeschlossenes Studium.

Wo ist die gute alte elektrische Schreibmaschine geblieben? Die hat man nicht mehr. Auch nicht mehr nur als Reserve. Kein Korrekturband, kein Pauspapier. Dass ich die Queen der Anschläge war, brauch ich wohl nicht extra zu erwähnen. Ich glaub, ich bin jetzt endgültig weg vom Window.
Und wo bleibt die gute alte Kalligraphie, mit der man noch anständige Buchstaben aufs Papier brachte? Heut ist alles so ein kleines seelenloses Gefutzel. Ich könnt mir auch meine fortschreitende Altersweitsichtigkeit eingestehen und eine Brille kaufen. Aber das will ich nicht. Ich bestehe auf eine ordentliche Kalligraphie.

Was wurde eigentlich aus dem Inhalt? „Corporate Wording“ nennt sich der hippe Schreibstil – wir reden uns nicht mehr mit „sehr geehrt“ an oder verabschieden uns mit „freundlichen Grüßen“, oh nein! „Einen wunderschönen guten Tag, Herr XY“ wird da eingangs geschrieben und vertschüssen tut man sich mit „sonnige Grüße aus dem Ar….“

I werd narrisch!

Aber manchmal…. Ja manchmal, wenn keiner zusieht, da nehm ich dann heimlich ein Pauspapier mit ins Büro und leg es ins Papierfach vom Kopierer, dann klemme ich eine Floppy Disk in den Laptop und klimpere ganz laut mit der Tastatur. Anschließend bohr mit dem Zeigefinger alle Flügeltüren auf – die Handy-App kann mir gestohlen bleiben; ich kauf mir heimlich Briefmarken und leck darauf so lang herum, bis ich gar keinen Hunger mehr hab und der Postbeamte rot anläuft. Und im stillen Kämmerlein schreibe ich mit Feder und Tinte einen verschnörkelten Brief an meinen Schöpfer – in Kurrent, wohlbemerkt: „Sehr geehrter Allmächtiger! Ich bitte untertänigst um Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Mit sonnigen Grüßen, Deine unflexible, schasaugade Christl.“

Donnerstag, 30. August 2018

Gott und Sch(l)af


Wenn die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel. Soweit so gut.

Jetzt ist er also flügge geworden, mein Großer. Er geht fort, wirft sich auf die Piste. Legt sein lässigstes Hemd an, trommelt ein paar Kumpels zum Vorglühen zusammen und verlässt gegen 22:00 Uhr das häusliche Anwesen Richtung Disco. An und für sich nichts Ungewöhnliches, ich kenne ihn ja: nach spätestens 3 Stunden steht er wieder auf der Tacke, ein bisschen schwindelig vom Gerstensaft, aber immer noch verlässlich in seinen Handlungen: schließt die Haustür brav ab, dreht alle Lichter aus und schleicht sich flinken Fußes in sein Bett, ohne viel Aufhebens zu machen. Normalerweise.

2:35 Uhr: ich erwache, nachdem ich bereits die vierte REM-Phase durchgemacht habe und bin leicht verunsichert. Hab ich heute überhört, dass mein Großer heimgekommen ist, hat der sich heute so leise rauf geschlichen, dass ich – der Hausdrache, der sonst alles checkt – das nicht mitbekommen haben sollte? Komisch. Ich geh mal vorsorglich aufs WC, um mich danach wieder voll meinem Schönheitsschlaf widmen zu können.

Bitte, lieber Gott, lass mich gleich einschlafen. Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe….

2:56 Uhr: ich mache kein Auge mehr zu, das gibt’s doch nicht, jetzt ist der Kerl am End wirklich noch nicht zhaus? Das kann nicht sein, da hab ich mich wohl getäuscht. Ich stehe wieder auf und probiere an der Haustüre, ob diese von innen versperrt ist. Sie ist offen, eine erste leichte Panik überkommt mich. Noch nie ist er so spät nach Hause gekommen. Dann tröste ich mich mit einem Geistesblitz: er ist sehr wohl daheim, hat jedoch vergessen zuzusperren. Ja, das wird es sein.

Bitte, lieber Gott, lass es so sein. Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe…..


3:23 Uhr: Fix Laudon, jetzt wird’s bald halb vier! Ich gehe nochmals schauen, ob vielleicht seine Schuhe in der Garderobe stehen. Schuhe ….hmmmmm…. Schuhe stehen einige da, kleine Schuhe, große Schuhe, schmutzige Schuhe, elegante Schuhe. Über meine Hendlschuhe stolpere ich gleich mal so richtig – man hat ja sonst nix zu tun mitten in der Nacht! Als ich mich kurz vor der Kellerstiege wieder fasse und mein Gleichgewicht wiedererlange, muss ich erkennen, dass ich keine Ahnung habe, welche Schuhe mein Großer heute anhat und ob die jetzt hier stehen oder nicht.

Bitte, lieber Gott, lass die Schuhe hier stehen. Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe…

3:45 Uhr: Da muss was passiert sein! Vor Aufregung muss ich erneut für kleine Mädchen, bei dieser Gelegenheit gehe ich mal die Ereignisse der letzten Monate aus den Erzählungen meiner Kinder durch: 3 Schlägereien, 1 versuchte Vergewaltigung, 5 Alk-Vergiftungen standen da alleine in dieser Dorfdisco auf dem Programm. Wenn mein Großer da jetzt in irgend sowas verwickelt ist?

Bitte, lieber Gott, bring mir meinen Jungen wieder heil nach Hause. Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe….

4:14 Uhr: An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Die ersten Vögel zwitschern, es dämmert. Hoffentlich hat er nicht alles durcheinandergetrunken und liegt schon im Spital. Und was ist, wenn ihn irgend so ein aggressiver Rabauke niedergeschlagen hat, meinen süßen Kleinen? Da würd ich doch informiert werden, oder?

Lieber Gott, sollte er jemals wieder heimkommen, gehe ich zu Fuß nach Mariazell. Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe….

4:48 Uhr: Ich schaue auf Gesichtsbüchl, Dekagram und WotSepp, wann er das letzte Mal online war, bis mir einfällt, dass er mir weder folgt, noch meine Freundschaft erwidert und gar nicht zu erkennen ist, wann er das letzte Mal aktiv war. Aber seine Freunde! Die sind mir alter Suppenhenne zugeneigter, weshalb ich sie auf der Stelle stalke und bloß bei einem sehe, dass er um 23:00 Uhr „angsoffn mit die Besten“ gepostet hat. Sehr beruhigend.

Bitte, lieber Gott, lass ihn keine Alkoholvergiftung haben, ich schwöre, auch ich werde in meinem ganzen Leben nichts mehr trinken, wenn die Sache heute gut ausgeht. Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe …

5:17 Uhr: Die werden jetzt im Hintergrund sicher schon ein Kriseninterventionsteam formieren, denn da ist mindestens ein Verkehrsunfall oder ein Fall von schwerster Körperverletzung passiert. Das ist nicht mein Junge. Der bleibt nicht freiwillig so lange von seiner lieben Mami weg. DER nicht. Ich habe völlig verfrüht meinen Morgen-Stuhlgang.

Lieber Gott, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Kein Schaf. Kein einziges mehr.

5:53 Uhr: Es kracht an der Haustüre und mein kleiner Großer steht mit roten Backen im Türrahmen. Zu Fuß sei er jetzt ein schönes Stück gegangen, nachdem er total nette Stunden in der Disco verbracht hätte. Es wäre eine gelungene Veranstaltung gewesen, gar nicht gemerkt hätte er, wie schnell die Zeit vergangen wäre…. HIMMEL !!!! Er ist wieder da: unversehrt.

Ich danke dem lieben Gott und vereinbare mit ihm, dass er den Schwur mit der Fuß-Wallfahrt doch bitte nicht ganz so ernst nehmen sollte und auch die Sache mit dem Nicht-Mehr-Trinken. Da hat ja schließlich keiner was davon, wenn ich mich völlig überanstrenge bei so einem Fußmarsch oder mir nie mehr auch nur ein Gläschen Rotwein gönnen würde. Das wäre ja ein Blödsinn, der liebe Gott hätte das sicher nicht so gewollt…. Brot und Wein … eh schon wissen.

Ein letztes Mal stolpere ich über meine Hendl-Schuhe, als ich wieder zurück ins Bett zu meinen Schafen will – diesmal mit einer Talfahrt über die Kellerstiege – direttissima in die Hölle sozusagen. Kleine Sünden bestraft der liebe Gott nämlich postwendend.

Mittwoch, 15. August 2018

Kalorien sind doch diese Tierchen...


….die nachts die Kleidung enger nähen, oder?
Man lernt jemanden ja nicht am Anfang einer Beziehung so richtig kennen, sondern erst am Ende, heißt es – und ich kann echt ein Lied davon singen. Wie kommt’s?

Essenseinladung meinerseits im Freundeskreis: es kommt ein Häufchen Leute, die bis jetzt wenig auffällig bei ihrer Nahrungsaufnahme waren, doch von nun an sollte alles anders sein. Vier hüpfen schon, enthusiastisch auf ihre neue Fitness-Uhr blickend, bei den Eingangsstiegen herauf, als ob sie für ein Steinbock-Ranking kandidieren wollten und sind enttäuscht, dass sie heute erst 5.321 von den von der Uhr unverhohlen geforderten 12.000 Schritten geschafft haben. Drei der Gäste rümpfen die Nase über das von mir liebevoll gestaltete Gebäckskörberl und den dargebotenen Reis, weil sie ja von nun an eine „no carb“-Diät machen, zwei sind über Nacht strikte Veganer geworden und eine verbeißt sich anstatt in mein Essen in ihre Handy-App und fragt mir Löcher in Bauch, wo ich die Kartoffeln, das Henderl und den Salat gekauft hätte und wieviel Gramm davon nun auf ihrem Tellerchen liegen - sie müsse das auf der Stelle exakt in ihre Abnehm-App eintragen, damit dort ausgerechnet werden könne, wieviel sie heute noch essen dürfe. Zwei Leute sind plötzlich gluten-, histamin- und laktoseintolerant, der Rest rührt keinen Alk mehr an und eine schwafelt was von einem Eiweiß-Brot, um die leeren Speicher wieder aufzufüllen. Oral-Verkehr hat den selben Effekt - verkneif ich mir noch, bevor die Sache so richtig zu eskalieren beginnt: die vier Fitness-Uhren fangen während des Essens nämlich an, laut zu piepsen und in Neonschrift den Befehl „Los!“ von sich zu geben, was meine Gäste veranlasst, abrupt den Tisch zu verlassen und 12x meine Stiege ins Obergeschoß auf und ab zu rennen. Ja, bin ich denn jetzt in der Hölle gelandet?

Ich esse ja für mein Leben gern und ignoriere seit Jahren etwaige mir attestierte Allergien erfolgreich – da pups ich mich lieber durch den Tag und sitze mit dunkelrot gefärbten Wangen nach einem Gläschen Rotwein am Abend auf der Terrasse, um danach erleichtert den Hosenbund zu öffnen, weil mein Baucherl schon ziemlich zwickt. Die Hosen werden ja schließlich nicht durch Gewichtszunahme, sondern beim Waschen immer enger – das weiß man ja….

Essen tu ich viermal am Tag. Wenn ich nicht alle paar Stunden was zwischen die Beißerchen bekomm, werde ich zu Diva und doch juckt es mich nun, auch mal die eigenen Essensgewohnheiten ein bisschen unter die Lupe zu nehmen, weshalb ich mir – ich gebe es zu - eine Abnehm-App auf meinem Handy installiere. Ich gebe als Ziel an, „mein Gewicht halten“ zu wollen und trage ein paar Tage lang brav ein, was ich so alles in meinem Suppenschlitz verschwinden lasse. Dazu gebe ich Aktivitäten wie Spazieren gehen, Rad fahren oder Hausarbeit ein. Alles klappt bestens, ich staune, dass ich mit meinen vier Mahlzeiten gar nicht so daneben liege – na gut, die Kohlenhydrate sind immer ein bisschen am Limit, aber Fett und Eiweiß sind gut angelegt. Die App fordert mich manchmal dazwischen auf, ein Gläschen Wasser zu trinken, dann lobt sie mich wieder mit einem Daumen-hoch-Zeichen, dass ich so gut bin und motiviert mich, doch weiter am Ball zu bleiben. Die Beziehung mit meiner App läuft also wie am Schnürchen. Jetzt. Am Anfang. Sie ist freundlich zu mir, ich gebe ihr, was sie sich wünscht, ich bin gewissenhaft in meinen Eintragungen, dafür bekomme ich viel Anerkennung von ihr. Eine win-win-Beziehung wie aus dem Bilderbuch. Jetzt noch…

Doch irgendwann reicht es mir mit der Eintipp-Disziplin und schon geht das Dilemma los: „Du hast vergessen, dein Mittagessen einzutragen“, „hast du heute noch gar kein Wasser getrunken?“ und „werde aktiv und geh doch ein bisschen Drachenfliegen, Bungee Jumping oder Angeln. Du verbrauchst dabei insgesamt 260 kcal, wenn du bei allen Tätigkeiten 30 Minuten durchhältst“ sind noch die freundlicheren Meldungen, die ich bald von meiner App bekomm. Ha! Wenn die wüsste! Wenn ich Bungee-jumpen würde – noch dazu eine halbe Stunde lang! – wäre ich entweder auf einer „happy-ranch“, vollgepumpt mit 32 Tranquilizern oder im kühlen Grab. Sch… auf meine zwickende Hose!

Aber die App gibt nicht auf und wird immer penetranter: „fahre eine halbe Stunde mit deinem Einrad und verbrauche 144 kcal“ oder „geh für 101 kcal mit deinem Hund spazieren“ folgt auf den Fuß. Jetzt werd ich aber langsam grantig. Habe ich denn einen Hund? Habe ich denn ein Einrad und falls ja, könnte ich mit meinen Gleichgewichtsproblemen in irgendeiner Weise darauf in der Vertikalen bleiben? Man kann mir nicht irgendwelche Sachen befehlen, die mir unmöglich sind auszuführen. Das ist ungut mit dieser App. Immer wieder ein neues Pop-up: „Du hast vergessen, deinen Snack einzutragen“, „fälle für 153 kcal 30 Minuten lang einen Baum oder arbeite für 87 kcal in deinem Garten“. Das ist ja ein Eingriff in meine Privatsphäre! Was geht diese App mein Garten an? Natürlich schaut der hie und da aus wie Kraut und Rüben, aber man muss die Natur ja schließlich auch mal machen lassen…

In den nächsten Tagen zwingt sie mich des Weiteren zum Boxen mit einem Sparringpartner (153 kcal), zum Skydiving (110 kcal) und Wrestling (173 kcal), fragt alle 2 Stunden nach, was ich getrunken habe und schickt schließlich ein Tränensmiley mit „ich bin enttäuscht von dir – gib nicht auf“. Jetzt kommt sie mir mit DIESER Tour. Tränendrückerdrüse und auf Mitleid schinden. Wenn ich sowas schon seh!

Und dann, ja dann kommt der Punkt für mich, an dem sie zu weit geht: „hattest du heute schon Sex für 52 kcal, wenig aktiven Sex für 38 oder aktiven Sex für 82 kcal? Investiere doch mal bloß 30 Minuten dafür!“ Was geht denn diese App mein Sexualleben an? Ob ich dalieg wie ein nasser Fetzen oder im Bett wie ein Springingal bin? Jetzt lösche ich aber dieses versaute Luder und stopfe weiter Kohlenhydrate in mich hinein, in der Hoffnung, bei Gelegenheit trotzdem noch recht schnell aus meiner viel zu engen Hose zu kommen…

Donnerstag, 2. August 2018

Kuchl-Psychologie beim Diskonter ums Eck


Der Lebensmitteleinkauf gehört ja zu den anstrengendsten Dingen, die man in einem Hausfrauenleben so zu bewältigen hat. Na ja, fast: Man nimmt die Ware aus dem Regal, gibt sie in den Wagen, nimmt sie aus dem Wagen, legt sie aufs Fließband, gibt sie von dort wieder zurück in den Wagen, holt sie aus selbigem wieder raus, um sie in eine Tasche zu geben, holt sie zuhause aus der Tasche und verstaut sie letztendlich im Kastel. Uff. Man ist ja schließlich keine 21 mehr...



Beim Einkaufen kann man ganz schön was erleben, sag ich Euch!
Aufgrund meiner Beobachtungen beim regionalen Nahversorger kann ich die Kunden nämlich in vier Kategorien einteilen – frei nach der Temperamentenlehre:

Typ 1: der Gesellige, Unstrukturierte: Sanguiniker: heiter, lebhaft, leichtsinnig, phantasievoll, gesprächig, optimistisch, häufige Exzesse, wenig Skrupel, Unstetigkeit

Bevor er den Laden betritt, unterhält er sich bereits beim Aussteigen aus dem Auto mit 2 Leuten, die zufällig neben ihm parken über die angenehme Parkplatzordnung; bei den Einkaufswägen bittet er 3 Frauen um Wechselgeld, 2 von ihnen fragt er um die Handynummer, um anschließend mit dem Mega-Föhn-Verkäufer die politische Lage in Afrika durchzudiskutieren. Am Eingang lässt er einer betagten Dame den Vortritt, wie auch vier weiteren Personen, die den Konsumtempel gerade verlassen. Unstrukturiert streift er durch das ganze Geschäft, kostet ein paar Weintrauben – man will ja schließlich nicht die Katze im Sack kaufen – reißt 2 Verpackungen mit den neuesten Shorties auf, hält sie sich an sein Gemächt und rennt fünfmal wieder aus der Kassaschlange, weil er was vergessen hat. An der Kassa schließt er mit 2 Leuten Freundschaft auf Facebook, während das Fließband läuft und läuft und er nicht dazu kommt, seine Ware hinaufzulegen. Nachdem ihm schließlich die Kassiererin dabei hilft und er auch noch von ihr die Telefonnummer verlangt, sucht er seelenruhig nach seinem Geldbörserl, das er doch irgendwo hingetan hatte. Aber wo nur? Dass sich hinter ihm bereits eine Schlange bis zur Tiefkühltruhe gebildet hat, schert ihn wenig, es ist fast so, als ob er diese Menschen als sein Publikum ansieht und auf Beifall hofft, als er endlich sein Geld findet. Er lacht lauthals über das Schild über das Kassa, auf dem steht, man müsse bei Alkoholeinkauf einen Ausweis vorweisen, wenn man noch nicht 21 sei. "Ja, sind wir denn hier in Pennsylvania?", prustet es aus ihm heraus, bevor der das Geschäft mit 4 anderen Kunden verlässt, die nicht hinausgehen können, weil ER mit seinem Einkaufswagen quersteht und den Gang blockiert.

Typ 2: der Revoluzzer – Choleriker: willensstark, furchtlos, entschlossen, jähzornig, Wutanfälle, leicht erregbar.

Er kümmert sich weder um Konventionen, noch um Gesetze. Parken tut er grundsätzlich vor der Tür des Geschäftes. Und zwar wortwörtlich. Wenn er könnte, würde er direkt ins Geschäft fahren, ein drive-in, sozusagen, doch er muss sich mit einem Platz direkt neben den Einkaufswägen und den Fahrräder-Ständern begnügen. Nicht auf einer markierten Fläche – nein! Er parkt dort, wo er die wenigstens Schritte auf sich nehmen muss, um in den Konsumtempel zu gelangen. Dann packt er sein Wagerl voll mit Diät-Produkten und mit dem Angebot der Woche, nämlich einem Stepper samt Fitness-Uhr, die den Kalorienverbrauch anzeigt. Fit mach mit, ist die Devise. Aber langes Stehen und Warten hält er nicht aus, er webert ungeduldig in der Warteschlange herum und ruft schließlich laut in die Menge, ob man denn nicht noch eine Kassa aufmachen könne. Und dann, ja dann gibt er Gas, prescht allen anderen vor und ist als erster an der noch immer nicht geöffneten zweiten Kassa, wo er vor sich hin nörgelt, dass die Sackerl schief im Regal liegen, dass das Fließband beschmutzt ist, dass die Klimaanlage ihm sein letztes Haar vom Kopf weht und schließlich dass die Kassiererin - sollte sie jemals auftauchen – wieder alles teurer gemacht hat. Er streitet mit ihr über vier Sonderangebote, die nicht mehr oder noch nicht gelten, hält wütend seine Handy-App vor den Scanner, schimpft auf die „Lebensmittel-Mafia“ und alteriert sich über das Schild über der Kassa, auf dem steht, man müsse bei Alkoholeinkauf einen Ausweis vorweisen, wenn man noch nicht 21 sei. "Ja, sind denn die in den Siebzger-Jahren stehengeblieben, oder was?", würgt er noch heraus, danach steigt er in sein akkurat vor dem Eingang geparktes Auto und freut sich, dass er durch das viele Aufregen sage und schreibe 34 kcal abgebaut hat, wie er auf seiner neuen Errungenschaft auch gleich ablesen kann.

Typ 3: Is-eh-schon-ois-wurscht-Typ: Melancholiker: Misstrauen, Kritik, Schwermut, emotionale Labilität, Introversion

Dieser Typ geht schwerfällig in den Laden, sieht sich in der Überwachungskamera, schüttelt den Kopf und resigniert ob seines Erscheinungsbildes; er schiebt den Wagen vor sich her und testet sämtliche Waren einmal durch, indem er sie dreht und wendet – so oft, dass ihnen, hätten sie einen Gleichgewichtssinn, schwindlig wäre. Die Pflaumen werden abgedrückt, der Salat wir kurz gezupft, die Äpfel hochgehoben, die Kartoffeln gerochen, die Haferflocken umgedreht, das Fleisch ob seines Ablaufdatums kontrolliert, bei der Marmelade wird der Vakuumdeckel leicht verschoben, bei der Milch der Verschluss, das Toilettenpapier dreht er dreimal um die eigene Achse, danach vergleicht er jeweils den Kilo- und Gesamtpreis sämtlicher Artikel und kontrolliert das Ursprungsland. Aber eigentlich ist ihm das eh alles egal, denn er als kleiner Mann kann da eh gar nichts ändern, aber man müsse trotzdem irgendwie dahinter sein, denn alles könne man mit ihm nun auch nicht machen, irgendwo seien Grenzen. Dann sieht er das Schild über der Kassa, auf dem steht, man müsse bei Alkoholeinkauf einen Ausweis vorweisen, wenn man noch nicht 21 seit und er denkt an früher, wo alles besser war, als er noch im „Konsum“ einkaufen ging, da hatte man noch einen Bezug zum Filialleiter, da wusste die Kassiererin die Preise noch auswendig und die Verkäufer kannten das Alter eines jeden Kunden. Aber was soll’s, is jo eh schon alles wurscht. 21 wird er eh nimmer werden, seine Jugend kann ihm ohnehin keiner mehr zurückgeben. Jemand bittet ihn, ob er an der Kassa vorgehen kann, er lässt es zu, das Leben meint es ohnehin nicht sonderlich gut mit ihm. Es braucht eine halbe Ewigkeit, bis er sein Geld herausgesucht hat, dann zieht er tapsig von dannen.

Typ 4: der Pedante - Phlegmatiker: langsam, ruhig, friedliebend, ordentlich, zuverlässig

Dieser Typ schwebt gleichsam durch die Flügeltüren, richtet sich in der darüber hängenden Beobachtungskamera noch einmal kurz seine Frisur und geht Schritt für Schritt seinen Einkaufszettel durch, den er zuhause schon nach der Anordnung der Gänge im Geschäft aufgelistet hat. Im Einkaufswagen ordnet er seine Lebensmittel nach dem Alphabet, wenn er gut drauf ist, sogar nach Kaloriengehalt oder Preis. In absteigender Reihenfolge, versteht sich. Doch an der Kassa geht er immer nach dem gleichen Schema vor: er legt die Sachen gewissenhaft nach Verbrauchsdatum auf – das Produkt, das am frühesten abläuft, kommt zuerst in die Hände der Kassiererin, man will ja schließlich keine Zeit verlieren. Schlimm für den Pedanten ist ein Kunde vor oder nach ihm, der etwa den Warentrenner schief oder gar auf den Kopf gestellt platziert hat, doch er lässt sich wenig anmerken und greift in einer für ihn unheimlich schnellen Bewegung dorthin und richtet wieder alles ins Lot. Er sieht das das Schild über der Kassa, auf dem steht, man müsse bei Alkoholeinkauf einen Ausweis vorweisen, wenn man noch nicht 21 sei und beginnt vorsichtig mit seiner Belehrung: "In Österreich wurde das Alter der Volljährigkeit im Jahr 1973 von 21 auf 19 und im Jahr 2001 von 19 auf 18 Jahre per Gesetz herabgesetzt!", raunzt er der verständnislos blickenden Kassiererin ins Gesicht. Ohne Erfolg. Aber er hat es wenigstens angebracht. Das Geschäft verlässt er stets, nachdem auch schon der 15. Kunde nach ihm selbes verlassen hat – er braucht schließlich Zeit zum Einpacken und Ordnen in der Tasche: entweder nach Verpackungsfarbe und nach Aussehen bzw. Form – je nach Wochentag, versteht sich.

Und ich? Was bin ich eigentlich für ein Typ?

Ich bin eine Mischform: beim Betreten analysiere ich in der Überwachungskamera genauestens mein Gangbild, dann rieche ich mich durch Erdäpfeln und Damenhygieneprodukte, gehe auf Schnäppchenjagd bei den Sonderangeboten, tratsche mit den Leuten, bestehe auf den mir avisierten Mengenrabatt, resigniere vor der Handy-App und freue mich sicher, wenn jemand um meine Handy-Nr. fragt. Tut aber keiner. Und um einen Ausweis hat mich auch noch keiner gefragt. Man ist ja schließlich keine 21 mehr. Uff.


Montag, 23. Juli 2018

Woman Day


Im heimischen Kino gibt es des Öfteren einen unter der hiesigen Bevölkerung liebevoll genannten „Woman day“ – einen „Frau-Tag“. Mein Vater pflegt diesen Tag ja in Verbindung mit dem „grossen-Frou-Tog“ („Großer Frauentag“) zu bringen und meint damit den 15. August – Himmelfahrt der Mutter Gottes. In modernen Zeiten, wo alles Englisch spricht und der Feiertag Mitte August höchstens noch zum Autowaschen, Grillen oder zum extracurrikularen Wochenbeischlaf verwendet wird, spricht keiner mehr von Mary, der Gottesgebärerin, sondern jeder weiß genau, dass dies eine Veranstaltung ist, bei der speziell Frauen irgendwelche Leckerlis bekommen, wenn sie sich freiwillig zu einem Event zusammenrotten. „Women’s day“ müsste es eigentlich heißen, aber das sei nur am Rande kluggesch***en. Die offizielle Bezeichnung ist nämlich eh mittlerweile „ladiesnight“, was die Sache nicht besser macht, das sei schon mal verraten. Und dass ich gerne ein Mann sein möchte, das sei auch vorweggenommen.

Nun gut, man sollte ja im Leben (fast) alles mal ausprobieren, wieso dann nicht eine „ladiesnight“. Mit 3 lieben Bekanntinnen und 221 anderen Menschen mit Menstruationshintergrund begebe ich mich nun also ins Kino, es dampft an der Kassa nach Östrogen, es dampft im Foyer nach Östrogen und ganz schlimm dampft es dann im Vorraum zu den Sälen, wo man uns verdächtig lange warten lässt – vor einem Tresen mit Schmuckangeboten von Peter Kurz, an dem man nicht vorbeikann, selbst wenn man es wollte. Die 224 Ladies sind alle tiptop gestylt, nur ich steh da wie ein begossener Pudel mit meinen Waldviertler Schuhen und meinem Rosen-Reserl-Bluserl. Irgendwie kratz ich modisch nie so recht die Kurve, ich lach dafür am lautesten und bin die größte hier im Foyer. Auch was wert. Am Buffet bekommen wir mit unseren Tickets das erwähnte Leckerli, das offensichtlich auf Frauengaumen zugeschnitten ist: ein Gintonic in einer rosa Blechbüchse und ein paar Schokokugerl in einer mit Luft gefüllten Riesenplastikpackung. Wir drücken uns in 215 verschiedenen Parfümewolken durch die Saaltür – 10 Weibsen tragen Naturduft. Mir wird kurz übel. Nachdem sich der Saal bis auf den letzten Plüschsessel gefüllt hat, beginnen nicht etwa Werbungen, Filmteaser oder gar der Film – oh nein! – eine Dame mit Mikro betritt die Bühne, die mir bis dato noch nie in einem Kino aufgefallen ist. Die Bühne meine ich, und nicht die Dame; aber die kenn ich eh auch nicht. Sie begrüßt uns Ladies, stellt sich vor als unsere Peter-Kurz-Beraterin und gibt ein 7-minütiges Verkaufsgespräch über Pretiosen von sich. Und wieder fährt es mir durch mein friedhofsblondes Kopferl: Lieber Gott, warum bin ich kein Mann geworden? Und weil heute ja der Frau-Tag wäre, gebe es auch was zu gewinnen, raunzt sie durchs Mikro. Sie hätte unter einem der 225 Sitze ein Kuvert versteckt und diejenige, die es finden würde, bekäme von ihr eine Überraschung. Blitzartig bücken sich 225 Haarbuschen mit ausgestrecktem Hinterteil unter die Sessel frei nach dem Motto „alle meine Entlein schwimmen auf dem See – Köpfchen unters Wasser, Schwänzchen in die Höh‘!“ Ein paar raunzen beim enttäuschten Zurückauftauchen über Kreuzschmerzen, ein paar bekommen Kreislaufprobleme und nehmen Notfalltropfen, aber nur eine hat schließlich ein Kuvert in der Hand und strahlt über beide Ohren. Die Dame befindet sich exakt in meiner Reihe, ein paar Sitze weiter. Ich atme erleichtert auf, dass nicht ICH die „Glückliche“ bin, denn ich würde sofort in Panikstarre verfallen, müsste ich vor den ganzen Geschlechtsgenossinnen auf die Bühne gehen und mich von allen anstarren lassen. Und was würde ich außerdem mit einem Armreifen anfangen? Der fällt mir beim Abwaschen ja sicher in den Ausguss.

Nach auf Frauen zugeschnittener Werbung (Zeitschriften, kleine Orgasmus-Helferlein, Haarentfernungsprodukte, Damenhygieneartikel, Diätware) und auf Frauen zugeschnittenen Filmteasern aus den Genres Liebe, Tiere und Kindererziehung beginnt nun endlich der Hauptact. Wir prosten uns mit unseren Gintonics zu und nehmen ein Häppchen von unseren Schokokugerln, womit die Packung auch schon leer wäre – allen Unkenrufen nach Diäten und gesunder Ernährung zum Trotz. Das Gesöff hat mehr Kohlensäure als eine ganze Kiste Mineralwasser, bestimmt 12 Zuckerwürfel und schmeckt wie ein Kindersekt. Ich rülpse viermal und überlege, ob ich schon erwähnt habe, dass ich lieber ein Mann wäre. Dann würd’s vielleicht auch was Anständiges zum Trinken geben.


Mamma mia! Das geht ja über keine Kuhhaut. Der Film ist ein Dahingeplätschere ohne jegliche Logik, aber es steht mir nicht zu, hier auch noch eine Kritik zu üben. Aufgrund des hohen Gintonic-Konsums verlassen während der Vorstellung 14 Damen mit kleinen Trippelschritten den Saal Richtung Abort, 5 kehren nie wieder, 7 jammern noch immer über ihren vermeintlichen Bandscheibenvorfall, den sie sich beim Bücken unter den Kinosessel zugezogen haben, 2 singen, mit den Händen wild vor der Leinwand fuchtelnd, lautstark mit und ich kämpfe damit, meine verstärkte Luftblasenaufnahme durch dieses Teufelsgebräu bei sämtlichen Körperöffnungen zurückzuhalten, riechen doch meine Bäuerchen verdächtig nach Salami, die ich zuhause noch schnell mit einer Semmel runterschlang. Eine Zumutung in einem Saal mit 224 Frauen, ich kann’s euch sagen….Und das ist der nächste Grund, weshalb ich lieber ein Mann wäre, da würden SOLCHE Sachen wohl kaum ins Gewicht fallen.

Nach einem Lachflash aus 225 Weiberkehlen, als Cher „Fernando“ zum Besten gibt, hat die Ladiesnight seinen Höhepunkt und gleichzeitig auch ihr Ende gefunden. Ich fahre rülpsend nach Hause und google mal nach, ob ich noch Chancen habe, ein Mann zu werden. Die nächste „Men’s Night“ wartet nämlich schon Anfang August im Kino meiner Wahl.

Samstag, 7. Juli 2018

Zimmer mit Frühstück


Die Ferien sind hier, da drängt sich die Frage auf: wo soll’s heuer auf Urlaub hingehen? Ich berufe den Familienrat ein und frage mal meine Kinder so einzeln durch, worauf sie Lust hätten. Das Mädel und der Kleinere sind sich sofort einig: es soll ans Meer gehen. Palmen, blauer Himmel, Wasser. Der Größere hält etwas hinterm Berg mit seinen Wünschen, gesteht dann aber doch nach einiger Zeit, er will eigentlich gar nirgends hin. Und wenn, dann sicher nicht mit dem Flugzeug – die Bahn wäre eine ideale Reisemöglichkeit, um nicht zu sagen: die für ihn einzig in Frage kommende. Die beiden anderen reden ihn in voller Lautstärke nieder, protestieren unverhohlen, woraufhin er uns kurzerhand zu verstehen gibt, dass er somit aus dem Rennen ist und wir ihm bestenfalls den Buckel runterrutschen können – von ihm aus mit dem Flugzeug. Nun gut, eine Reise für drei Leute –in ein fernes Land, steht auf dem Programm. Ich beginne im Internet zu suchen, der Angebote gibt es ja viele. Doch halt! Wann wollen wir denn eigentlich fahren? Ich selber bin für die letzte Ferienwoche, mein Mädel steht auf die Hitze und die menschliche Überbevölkerung im August, der Kleine möchte sofort nach der Schule nix wie weg. Also gut, ich erweitere meine Internetsuche auf alle 9 Wochen im Sommer, wir präferieren Griechenland und haben auch da wieder tausende Angebote zur Verfügung.

So geht das nicht, wir müssen uns auf ein Datum und auf eine Art des Urlaubs einigen: All inclusive, Appartement mit Auto, Frühstückspension in den Bergen… waaaas? Das sei ihnen alles egal, flöten die zwei mir zu, Hauptsache free WIFI! Na, echt jetzt? Nun denn, ich schränke meine Suche drastisch ein und konzentriere mich bloß mehr auf die Hotels mit gratis Internetzugang. Das sind schon nicht mehr so viele. Und die im Juli und Anfang bis Mitte August sind eigentlich schon ausgebucht, wenn ich mich genauer dafür interessiere und weiterklicke. Und dann gerät die Sache ordentlich ins Stocken, als wir alle noch ein wenig nachzudenken beginnen: Eigentlich mag ich kein Etablissement, wo es ein berieselndes Entertainment gibt, fällt mir ein und mein Töchterchen wirft noch hinzu, dass es fein wäre, wenn wir zum Strand eigentlich einmal um die eigene Achse rollen könnten, denn weitere Wege möge sie gar nicht und dann denke ich mir noch, ich will mich eigentlich um gar kein Essen kümmern müssen, obwohl ich alle 3 Stunden hungrig bin und deshalb bräuchten wir Dauerverpflegung und relative Stadtnähe wäre eigentlich auch nicht schlecht, denn man will ja nicht nur den Strand sehen, aber Autofahren mag ich im Ausland eigentlich schon gar nicht, und fliegen, ja fliegen mag ich am Abend eigentlich nicht, denn ich möchte ja noch bei Helligkeit am Urlaubsziel ankommen und vom Tag was haben und eigentlich ist das Preis-Leistungsverhältnis etwas schief und eigentlich ist es viel zu heiß dort, das ist ja eine Frechheit und eigentlich sind mir die großen Hotels mit den vielen Touristen zuwider und dieses viele Kofferschleppen halt ich eigentlich auch gar nicht aus und meinem Söhnchen ist das eigentlich alles ziemlich piep schnurz  und…. uff … eigentlich….

Und uneigentlich? Uneigentlich gibt es dann eigentlich überhaupt gar kein Angebot mehr, das unseren Ansprüchen gerecht wird. Die Suche wird wegen Aussichtslosigkeit abgebrochen, der Große lacht sich ins Fäustchen und zeigt unterm Tisch seinen Geschwistern den Stinkefinger.

Jetzt sind wir wieder am Anfang mit unserer Planung, doch plötzlich fällt es uns wie Schuppen von den Augen: Urlaub auf Balkonien! Juli UND August. Da sind wir alle dabei, da kann sich jeder aussuchen, was er will und WLAN gibt’s noch dazu: wir kaufen uns also für die nächsten Wochen griechische Spezialitäten wie Feta, Olivenöl, ein Fläschchen Ouzo für die Mami, getrocknete, eingelegte Oliven mit und ohne Knoblauch, dazu 7 kg Eis vom Feinsten, Holzstäbchen fürs hauseigene Souvlaki, Fladenbrot, soweit das Auge reicht und Wein, ja griiiiiiiiiiiiiechischen Wein – scheeeeeeenk doch mal ein….Danach besorgen wir uns zum endlosen Music-Streamen mehrere Schpottifisch-Zugänge, laden uns sämtliche Greystation-Spiele herunter, machen uns mit Alexandra bekannt, die uns jeden Wunsch von den Augen abliest und abends sogar das Licht ausdreht, wenn man vom griiiiiiiiiiiechischen Wein schon etwas orientierungslos ist. Der Jüngere bekommt ein neues Radl und einen mega coolen Fußball, das Töchterchen kriegt ein neues Schminkset, 4 neue Outfits sowohl fürs Relaxen in der Hängematte als auch fürs Chillen in der City, der Größere bekommt ein Bahnticket für ganz Österreich und 4 Kisten von seinem Lieblingsyogurt und ich leg mich in mein angenehm kühles Zimmer und schau mir Geo-Reportagen von fernen Ländern mit schwitzenden Menschen an, dann kauf ich mir einen neuen Fotoapparat, halte das Ganze als Erinnerung fest, poste es auf Facebook und bekomme 43 Likes dafür. Das wird der schönste Urlaub aller Zeiten !


Dienstag, 26. Juni 2018

Notenschluss


Die Schlacht ist geschlagen. Bei drei Kindern. Das Schuljahr ist zu Ende.

UND ICH WAR IMMER DABEI.

WIR bereiteten 5 Portfolios vor zu Themen, die uns Null-Komma-Josef interessieren, wobei WIR nebenbei 93 Snaps ohne Filter und 18 mit einem solchen machten.

WIR aßen 552 Jausenbrote an insgesamt 184 Schultagen, von low carb keine Rede.

WIR fuhren jeden Tag 12 km mit dem Rad, dem Moperl, der Bim, oder mit dem Bus, auch fuhren WIR 140 km mit dem Zug.

WIR machten 12 Lesejournale über Bücher, deren Inhalt so lahm war wie das Rückspulen einer Musikkassette vor 30 Jahren.

WIR bereiteten 7 Referate vor, wozu WIR 3 verschiedene Computer-Module verwendeten und das WLAN zigmal verfluchten. Danach trugen WIR diese vor, wobei UNS fast immer ein Frosch im Hals steckte, den WIR dann mit viel Mut runterschluckten – Schluss mit dem Veggie-Zeugs…

WIR hatten 32 Schularbeiten, für die WIR uns tage-, wenn nicht oft wochenlang vorbereiteten, WIR lernten mit vollem Bauch nach dem Mittagessen, WIR lernten mit einer Funsn von Schreibtischlampe bis zum Einbruch der Nacht, und auch dann, wenn UNS der Schädel schon zu zerbersten drohte.

WIR hatten 27 Stundenwiederholungen über den Stoff der Vorwoche, den WIR nur mehr mühsam nachvollziehen konnten, weil WIR den Text in den Büchern mit lustigen Kugelschreiber-Manderln überschrieben hatten.


Sogar 10 Probematuren absolvierten WIR in Latein, ohne jetzt zu wissen, ob das Plural von „Matura“ „Maturen“ heißt oder etwa „Maturae“. Oder ob es „die Plural“ heißt.

WIR begannen schon mit UNSERER vorwissenschaftlichen Arbeit und zitierten aus 7 verschiedenen Büchern und Internetseiten, wobei WIR bei der Hälfte der Zitate die Quelle vor den Autor schrieben.

WIR beantworteten in 53 Tests an die 399 Fragen und vergaßen bereits beim Ertönen der Pausenglocke, was das byzantinische Reich war, wie eine Desoxyribonukleinsäure aufgebaut ist und vor allem warum in Hinterzipfelspatschen so eine hohe Abwanderung besteht.

Wir ließen 27.453 Mal die Augen rund um den Augapfel kreisen - wegan Schaß.

WIR hatten 824 Hausübungen und 53 Arbeitsaufträge, WIR lernten 1719 Vokabeln aus 3 verschiedenen Sprachen, verbrauchten 2 Zirkel, 7 Kullis, 21 Tintenpatronen, 4 Tintenkiller und 23 kg Papier.

WIR schrieben 34 Lernzielkontrollen in 9 verschiedenen Fächern, bei denen WIR ganz sicher nicht immer alles unter Kontrolle hatten.

WIR machten 7 Politikmappen, während WIR lautstark gangstaghettorap hörten.

Und ich war immer dabei.

Ja, ich war immer mit dabei, meine lieben Kinder!

AUF DER COUCH.

Aber mit dem Herzen.

…Man braucht ja schließlich auch mal ein kleines Päuschen von alledem.

Freitag, 15. Juni 2018

Pumperlxund?


Frei nach dem Motto: „habe meine Symptome gegoogelt: es gibt 3 Möglichkeiten - Pest, Borkenkäfer oder die Zylinderkopfdichtung“ zwickt und juckt es mich seit ein paar Tagen im unteren Bauch. Was tun? Natürlich frage ich nicht Dr. Google, ich bin ja kein Hypochonder, ich doch nicht. Nein! Ich gehe brav zum Arzt.

Als ich endlich drankomme, werde ich auch gleich gefragt, ob ich Stress und normalen Stuhlgang hätte. Ersteres nein, zweiteres ja – aber so genau will das hier vielleicht auch gar keiner wissen (außer der Arzt meines Vertrauens). Dann muss ich mich auf eine Pritsche legen, wo unten meine Füße weit hinausragen – sie sind kurz davor, im dahinter befindlichen Mistkübel zu landen. Sind denn diese medizinischen Liegen alle für eine Puppenküche gebaut, frag ich mich noch, während der Arzt bereits die Hose öffnet – also meine, nicht seine!  - und mit seinen kalten Griffeln auf meinem Bauch herumzudrücken beginnt. Je weiter er nach unten griffelt, desto schmerzhafter und juckender wird die Sache, was ich mit einem leisem Wimmern quittiere. Sein ernster Blick sagt mir, dass es da was Gröberes hat und mir steigen die ersten Grausbirnen auf. Deshalb bekomme ich eine Überweisung für eine Sonographie und die Aufforderung, zum Gynäkologen zu gehen wegen „abdominaler Schmerzen unklarer Genese“.

Jetzt aber nichts wie nach Hause und rein ins Internet – allen Unkenrufen zum Trotz muss das jetzt mal mit Dr. Google geklärt werden, man braucht ja schließlich eine Zweitmeinung. Und die lässt nicht lange auf sich warten: 46.354 Ergebnisse in 0,3 Sekunden beim Begriff „Bauchschmerzen“. Die Galle, die Leber, die Milz, der Magen, der Darm und sogar die Nieren, alles kann es sein; nur nicht die Bauchspeicheldrüse, die tut – selbst wenn man seinem Schöpfer schon empfindlich nah gekommen ist – nicht weh. Die ist es also nicht… Die einzelnen Organe werden vom www wieder in kleine Untergruppen-Krankheiten sortiert, jedes vermag noch einmal ca. 34 verschiedene Bilder aufzuweisen, die ich in zig Fenstern meines Computers öffne. Dazu gibt es Foren, in denen sich Leute stundenlang darüber unterhalten, wie schmerzhaft so ein schlecht ausgedrücktes Wimmerl sein könne, vor allem dann, wenn man denkt, man hätte dabei die ersten Anzeichen eines Herzinfarktes. Ruhig bleiben, Chrisserl, ruhig bleiben. Ich gehe mal auf die Seite mit den „Hausmittel-Tipps aus Omas reichem Erfahrungsschatz“, stoße dabei auf den allseits beliebten Käsepappeltee und beschließe, mir einen solchen einzuverleiben, ziehe aber auch noch andere Heilmethoden in Erwägung und mache einen Termin bei einer Shiatsu-Massage und bei einer Chakren- und Aurakerzen-Energetikerin. Es sei dringend, schluchze ich durch mein Handy, die Prognose sei ungewiss.
Die Shiatsu-Masseurin hat als erstes Zeit für mich, sie beginnt mit einer Bauchmassage: der Käsepappeltee gluckst und gurrt, die dabei entstehenden Luftblasen wollen an die Öffentlichkeit. Mein Unterbauch juckt. Dann checkt sie meine Meridiane durch, indem sie drückt und wischt und bohrt – überall tut sie das, bis sie mir prophezeit, es sei entweder eine Verkühlung im Anmarsch oder meine Bronchien wären von irgendetwas anderem beleidigt, ich würde doch wohl nicht etwa rauchen, oder? Ertappt! Vor der kann man aber auch gar nix verbergen! Danach versuche ich aufzustehen, bin jedoch dermaßen bleiern, dass ich am liebsten an Ort und Stelle einschlafen würde. Das muss mit meiner schweren Erkrankung im Unterbauch zusammenhängen…

Nach einer wunderbaren Nacht, in der ich schlafe wie ein Neugeborenes, schleppe ich mich zur Sonographie, wo man mir dankenswerter Weise einen Notfalltermin um 5:45 Uhr in der Früh gegeben hat. Der Arzt nimmt schlaftrunken meine inneren Werte genauestens unter die Ultraschall-Lupe, konstatiert, dass ich einen langen Bauchspeicheldrüsenschwanz habe und verschreibt mir ein Medikament, welches das Baucherl ein bisschen beruhigen sollte. Ich hole es mir prompt in der Apotheke, spüle die erste Tablette mit einer weiteren Schale Käsepappeltee hinunter und warte geduldig auf die Nebenwirkungen, die 2,5 von 1000 Probanden aufwiesen und die auf einem Beipacktext stehen, der dreimal so groß wie mein Küchentisch ist: trockener Mund, Schwindel, Panikattacken, Halluzinationen, Libido-Verlust – dass ich nicht lache! So gejuckt hat mein Unterleib schon lange nicht mehr und irgendwie kommt mir heute sogar vor, dass sich der Schmerz auch langsam in eine Art von Lust verwandelt. Na, habe d’Ehre!

Da kann mir nur noch die Kerzen-Energetikerin helfen, zu der ich anschließend fahre: sie erzählt mir eingangs einiges über meine im Zellgedächtnis gespeicherten Blockaden, über Selbstheilungskräfte des Körpers und über die Liebe zu sich und anderen Wesen. „Hab euch eh alle lieb, tu endlich was gegen mein Bauchziehen und -jucken“, denk ich mir und ehe ich mich versehe, brennt ein unter meinem Nabel aufgestelltes Kerzerl lichterloh. Nachdem die Zeremonie beendet ist, schmiert sie meinen Bauch noch mit einem gut duftenden Öl ein und hält mich an, heute noch sehr viel zu trinken. Käsepappeltee, ich komme!

Tags darauf – und dies sollte der Tag der Erlösung in meinem Unterbauch-Drama werden – starte ich noch meinen letzten Versuch, um meiner heimtückischen Krankheit Herr zu werden, indem ich zum Gynäkologen gehe. Ein Einschub- und Wartetermin, versteht sich. 4 Stunden später sitze ich auch schon mit gespreizten Beinen vor seiner Nase und nach dem üblichen Prozedere, das ich hier aus Pietätsgründen nicht ausführlich beschreiben möchte, ruft er mir in die Umkleide-Kabine noch nach:
„Alles in Ordnung, nur gegen den riesigen Gelsenstich in ihrer Leistengegend sollten Sie was unternehmen, der hat sich schon ein bisschen entzündet. Nicht dass Sie davon noch Bauchschmerzen bekommen und am Ende denken, Sie hätten eine schwere Erkrankung!“

Dienstag, 29. Mai 2018

in concert


Eine Einladung zu einem Konzert – in rustikalem Rahmen - nehme ich gerne an und schwinge mich mit meiner Mädelsrunde in das örtliche Veranstaltungszentrum, in dem ich ja schon viele schöne Stunden erlebt habe (siehe Speed Dating). Verschiedene Chöre und Drei- oder Viergesänge stehen auf dem Programm, anschließend ein bunter Abend. Das klingt doch gut, oder? Man kann sich doch auch einmal die regionalen Gruppen ansehen, es müssen ja nicht immer die verzweifelten DJs aus der Konserve sein, denk ich mir und schwinge meine lahmen Hufe auf die reservierten Plätze im vorderen Teil des Raumes. Habe sogar eine Bluse an und ein Ketterl mit einem Anhänger, den man mit viel Phantasie auch „trachtig“ nennen könnte.

Nachdem sich der blumengeschmückte Saal langsam mit einem sehr bunten Publikum gefüllt hat (meine Mädels und ich gehören zu den Jüngsten hier, aber auch das ist ok), geht der Vorhang auf und gibt uns einen ersten Einblick in das zu erwartende Programm: Es stehen dort ca. 70 Leute in kleineren oder größeren Grüppchen und freuen sich über unseren Anfangsapplaus. Der Moderator tritt ans Pult und gibt einen ersten Überblick über die zu erwartende Zeitpanne: die 13 Gesangsgruppen werden jeweils in 5 Blöcken Lieder und Gstanzln mit bis zu 23 kurzweiligen Strophen zum Besten geben, dazwischen gibt es 14-strophige Gedichte der ortsansässigen Kindergartengruppe, die jetzt auf der Bühne leider keinen Platz mehr findet und Anekdoten von einem alten Bergfex, der sämtliche Gräben und Gipfel von hier bis ins 2,4 km entfernte Nachbardörfchen kennt. Na wumm. Ich hoffe, ich lebe solange wie der Abend zu dauern verspricht…


Bevor die Sache aber erst so richtig zu eskalieren beginnt, fängt der Moderator mit der Begrüßung en detail an: er hebt hervor den Bürgermeister, Gemeinderäte, Pfarrer, Veranstaltungszentrumsmanager … ok… dazwischen immer tosender Applaus. Aber dann: Rinderzuchtsvereins-Obmann, Feitlklub-Vorsitzender, Klöppeldamen-Chefin, Spinnrunden-Managerin, Wald- und Forstwirtschafts-Chef, Jagdhornblasvereins-Vortrommler, Fußballclub-Trainer, Freie-Liebe-Vereinigungs-Geschäftsführer, Highheels-Hexen-Hauptweib …. tosender Applaus …. mich reißt es kurz, mich dünkt, ich bin schon ein bisschen eingenickt…. Tierschutz-Chefin, Hellsichtigkeits-Club-Häuptling, Wildkräuter-Such-Experte, Hauptverbandsvorstand der Lederhosenboys, Jesus-liebt-dich-Geschäftsführer, Leiter der frustrierten Hausfrauen und last but not least Olfaktorenclubchefin der Scheiß-di-nix-Brigade. Uff. Der Abend wird immer später, meine Laune verdunkelt sich zunehmend, mein rechtes Knie ist schon ganz steif, ich versuche, das Bein auszustrecken – direkt in die Flanke der Dame mit Hochsteckfrisur vor mir, Verzeihung!

Der erste Liederzyklus beginnt, ein Sammelsurium an traurigen Schnulzen aus alten Zeiten, man singt über die Bergleute, über die Bauern, über die tragischen Vorfälle aus dem Tal …. gähn…. ein Lamentieren, die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt, mir scheint, ich bin auf einer Beerdigung. Jetzt schläft mein linker Fuß ein. Wahrscheinlich weil mein verwöhnter Gluteus das harte Holz des Sessels beleidigt an die Nerven der linken Großzehe überträgt … ach, was red ich da, bin schon völlig hinüber, ein in zuckerlrosa gekleidetes Mäderl aus der Kindergartengruppe betritt die Bühne, während unzählige Handys gezückt werden – ist die nicht süß! Sie gibt den ersten unverständlichen Satz eines Gedichtes über das schwere Leben hier im Tal von sich, danach hat sie einen Nervenzusammenbruch und weigert sich, weiterzusprechen. Der siebente Chor rettet die Lage mit einer 18-strophigen Ballade über die Hüttenarbeiter aus der Region. Chrrrrrr…. Schluck ….. bin ich jetzt samt linkem Haxen eingeschlafen? Dann scheint es etwas heiterer zu werden, als der Bergfex seine Anekdoten zu erzählen beginnt. Es scheint aber nur so, denn er verzettelt sich in flachwitzige Nebensächlichkeiten, greift sich permanent zwischen seine Lederhosenbeine, als ob er auf der Suche nach seinen Kronjuwelen sei und lacht selber am lautesten über seine vermeintlichen Schenkelklopfer.

Die Szenerie setzt sich fort wie oben beschrieben, es folgen die Chöre Schönes-Tal-Geräuschebund, steirische-Mägde-Sängertrupp, Moll-Spatzen, Blas-Weiber, Grusel-Stimmen, A-Tonal-Singkreis, Werks-Vocal-Ensemble und Jagd-Liederkranz …. i kann nimma, i will nimma…. ein Königreich für ein Paar Ohropax!

Dann Pause. Endlich.

Ich suche nach einer Fluchtmöglichkeit, bin aber irgendwie in Panikstarre verfallen und kann den Saal kaum verlassen. Urinieren bringt wenig Erleichterung, zumal mir dort die Chorleiterin der Blas-Weiber von ihren Hämorrhoidalbeschwerden erzählt. Ich humple angewidert zurück in den Saal, ernte ein wohlwollendes Nicken meiner Mädels, die schon Angst hatten, dass ich das Gebäude auf Nimmerwiedersehen verlassen hätte. Ein letztes Zusammenreißen – jetzt wird’s sicher besser mit der Unterhaltung, man hat uns ja einen bunten Abend versprochen. Dass es inzwischen mitten in dunkelster Nacht ist und ich normalerweise um diese Zeit meine zweite REM-Phase durchmache, sei nur nebenbei erwähnt.

Bunter Abend, nun ja… ich fasse mich kurz: die ungefähr 70 Sänger finden sich in Duetten zusammen und geben Schlager zum Besten…. „zum Besten“ ist vielleicht etwas übertrieben, denn meine Geduld ist zu Ende, ich bin mittlerweile höchstgradig aggressiv und ziehe einen Amoklauf in Erwägung, nachdem ich mehrere Mädels gebeten habe, mich auf der Stelle erschießen zu wollen und sie dies verweigerten.

Die Sopranistin von den Holodareidulio-Stimmen gibt mit dem Tenor vom Jünglingimfeuerofen-Singkreis „Du hast mich tausendmal belogen“ von sich, der Countertenor vom Mirtutmeinohrsoweh-Liederbund trällert mit einer Mezzospranistin vom Häkeldichfrei-Sänger-Trupp „simple man“ – Klaus Nomi ist ein Lercherschas dagegen – und der Koloratursopran vom Allemeineentlein-Chor gibt sich mit dem Bassbariton von den Einhorn-Spatzen „Zwickt’s mi, i man i tram“. Abschließend bedankt sich der Moderator noch einmal ganz herzlich bei allen, die er auch zu Beginn aufgezählt hat.

Der Morgen graut, wir verlassen das Etablissement durch ein Spalier mit 70 obig genannten Sängern, die Kindergartenkinder liegen auf den Bänken im hinteren Teil des Saales und schlafen alle. Und dann passiert was Unvermutetes: Ich lasse die ganze Nacht noch einmal Revue passieren und es gefällt mir. Ja, wirklich, es gefällt mir! Ich beschließe fortan unterstützendes Mitglied der Chöre Schönestalgeräuschebundsteirischemägdesängertruppmollspatzenblasweibergruselstimmenatonalsingkreiswerksvocalensemblejagdliederkranzjünglingimfeuerofensingkreismirtutmeinohrsowehliederbundhäkeldichfreisängertruppallemeineentleinchoreinhornspatzen zu werden. Vielleicht werde ich dann auch einmal vom Moderator extra begrüßt. Holareidulio!