Donnerstag, 21. Januar 2021

Das hab ich vorher noch nie gesehen.

 

Ein Spaziergang durch die Stadt. Alle Geschäfte zu. Lockdown Nr. 3. Sie sind teilweise nicht nur vorübergehend zu, sondern wirklich für immer geschlossen. Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich. Keine Kleiderständer und Schütten vor den Auslagen, keine Musik dringt auf die Straße, niemand flaniert herum; wenn ich einen Menschen treffe, so marschiert derjenige zielgerichtet irgendwohin. Keine automatischen Türen öffnen sich, wenn man zu nah an sie herankommt, Zeitungen liegen unbeachtet im Dreck in so manchem Eingang und keinerlei bunte Slogans mit Abverkaufswerbungen und Super-Sonder-Mega-Sales reizen meine Netzhaut. Die Stadt steht sogzusagen nackt vor mir.

Und wenn man so nackert ist, offenbart man ja so manches ansonsten Verborgene, das weiß jedes Kind. Auch bei Städten ist das nicht anders. Also sehe ich zum ersten Mal, dass es unfassbar viele Angebote an Therapiezentren, Ärzten, Alternativmedizinern und Tatooshops gibt. Auch offenbart sich mir eine wunderschöne Architektur, denn erstmals habe ich meinen Blick nicht nur auf Augenhöhe geschraubt, sondern erhebe ihn, um ihn an den Hausfassaden hochklettern zu lassen. Dort sieht man die prachtvollsten Häuser, geschmückt mit feinsten Ornamenten, interessante Fenster, hinter denen sich in meinem Kopf bereits ganze Kinofilme abspielen, für die ich eventuell sogar den Oscar kriegen würde, und wunderschön gestaltete Straßenabschnitte, die ich noch nie gesehen habe, obwohl ich schon tausendmal durch diese Straße gelaufen bin.

In einer zugeklebten Auslage erfahre ich über die Geschichte der Stadt so einiges, was mir bisher total fremd war: die internationale Mode etwa hielt in den 60er Jahren Einzug in der Stadt und „die ältere Generation konnte bei all den Miniröcken nur beschämt wegschauen“, kann man hier lesen. Oder dass der Kaiser Ferdinand und der Napoleon da waren und herumgefahren sind und Verträge unterzeichnet haben und dass Peter Tunner augenscheinlich kein Womanizer war. Und dass es ein Haus gibt, in dem der Scharfrichter wohnte und ich bis heute nicht weiß, wo zum Henker das sein sollte.

Nie hätte ich das alles gesehen, wenn das Leben normal weitergegangen wäre!

Und erst der Blick nach unten offenbart Sachen, ich kann euch sagen! In den Steinplatten am Boden des Hauptplatzes zieht sich ein Schriftzug vom Beginn bis zum Ende, wo genau festgehalten ist, wann die Stadt wie bezeichnet wurde. Nie hätte ich erfahren, dass Leoben „liebliche Gegend“ bedeutet, wenn ich weiterhin auf gleicher Höhe im angesagten Modemarkt geshoppt hätte, nie wäre ich drauf gekommen, dass die Stadt mal „Liubina“ und „Lewben“ geheißen hat, wenn ich weiterhin auf ein, zwei Bierchen ins Lokal inmitten der Häuserzeile gegangen wäre. Noch immer dumm wie eine Pflaume wäre ich, weil ich nicht wüsste, dass man Leoben mal „LeobM“ geschrieben hat, da ich mit meinen Mädels ins angesagteste Tanzlokal des oberen Murtals Gesäßwackeln gegangen wäre, ohne einen Blick nach unten zu wagen. So rein theoretisch.




Und dass mitten am Platz, rund um die Pestsäule, 6 rosafarbene Pimmel in die liebliche Gegend ragen, muss auch mal gesagt werden, obwohl ich sie vorher noch nie gesehen hab. Vielleicht sind’s auch nur harmlose kleine Säulen und ich bin etwas falsch fokussiert zurzeit…

Eventuell überleg ich mir das mit dem A…wackeln im Tanzpalast doch noch einmal – wenn dann das Ganze wieder vorbei ist und ich nicht mehr gezwungen bin, mich für die Geschichte der Stadt zu interessieren. Da kann man dann ja wieder schauen, welche Säulen in der Realität noch aufrecht stehen…

Dienstag, 12. Januar 2021

Bloß ein Vogel?

Manchmal bin ich echt krawutisch, da geht mir alles total schnell auf die Nerven und dann wieder - im Handumdrehen - rührt mich was und ich bin kurz davor in Tränen auszubrechen. Was ist das bloß? Hormonelle Umstellungen kurz vor dem Verdorren? Eine bisher unentdeckte Hochsensibilität? Das Blankliegen der Nerven, weil’s einfach auf der Welt so drunter und drüber geht oder bloß ein Vogel?

Kleinigkeiten sind es, die mich an die Decke gehen lassen:

da legt ein betagter Mann hinter mir im Geschäft seine Ware schon aufs Fließband, wenn ich noch gar nicht fertig bin und vermeintlich keinen Platz mehr habe, und ich könnt ihm schon durch die Maske ein wütendes „Hast keine Augen im Kopf, du Fetzenschädl?“ rüberspradern, doch im selben Moment sehe ich, wie zittrig seine Hände sind und wie erloschen sein Glanz in den Augen, was mir gleich die Tränen ins Gesicht schießen lässt vor Rührung, weil dieses alte Männlein sich so plagt, noch alleine einkaufen zu gehen.

Oder ich sehe auf facebook Postings über Viecher, die ein- oder entgangen sind, und krieg gleich sooooo einen Hals. Lasst’s mich doch in Ruh mit euren zerzausten Läuseteppichen, habt ihr nichts anderes im Kopf als die blöden Tiere, bin ich versucht, in den Kommentaren zu schreiben, kurz bevor es mir im Herzen sticht, wie arm doch diese Hundsis und Katzis sind, welch Qualen sie aushalten mussten und wie grauenvoll die Kreatur Mensch doch sein kann.

Dann schreibt mir ein Bekannter, ob ich mit ihm auf einen „Café“ gehe. Auf einen „Café“ !!!! KAFFEE, KAFFEE, KAFFEE schreibt man das Getränk, das andere ist das WIRTSHÄUSL, wo der KAFFEE serviert wird, hast du denn gar nichts in deinem Schädel, du Loser du, möchte ich zurückschreiben, doch im nächsten Moment schießt es mir durch mein blondes Köpfchen, wie nett der eigentlich ist, möchte sich mit mir treffen, sucht den Kontakt zu mir, bemüht sich und eigentlich ist es doch nur MEIN Rechtschreib-Vogel, der mich so auszucken lässt. Schick ihm ein dickes Café-…ähm… Kaffee-Häferl zurück.

Oder die Kinder stellen das pickige Saftglas zum x-ten Mal ganz an den Rand der Arbeitsfläche, sodass ich es mit meinen weit schwingenden Armen beinah zu Fall bringe und sie merken es sich nicht. Nicht und nicht. Auch nicht nach tausendmaligem Ermahnen. „Ja, seid ihr denn zu gar nichts zu gebrauchen, ihr Gschrappen, wie lange wollt ihr mich noch nerven?“, schreit es in mir und ich bin versucht, sämtliche Gläser wegzusperren und die Kids von der Wasserleitung zuzeln zu lassen, doch dann denk ich mir, wie süß die eigentlich sind, wie pflegeleicht. Und ich bin unendlich dankbar für ihre geistige, körperliche und psychische Gesundheit und dafür, dass wir uns so gut verstehen, obwohl wir 24/7 beieinander picken. Dann wein ich wieder ein bisschen. Wegen eines Saftglases.



Und überhaupt ist es so finster draußen und so kalt und alles und alle sind krank und diese Katastrophe wird immer ärger und die Leute werden immer spinnender und es gibt kein Entrinnen und überhaupt keine Hoffnung auf irgendwas mehr und wir werden alle sterben. (Aber nicht heute). Und außerdem hab ich euch alle so lieb und freue mich schon auf alle wieder so sehr und bin so froh, dass alles seine geregelten Bahnen geht trotz Ausnahmesituation.

Es könnt‘ mir nicht besser gehen. Darauf wird gleich wieder eine Runde geheult! Schluchz.