Donnerstag, 26. März 2020

...es is ja eh alles da!



Sorget euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet … sehet die Vögel unter dem Himmel an … sie sammeln nicht in die Scheunen … und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? Mt 6, 25-26



Corona-Ausnahmezustand: nach Möglichkeit nicht jeden Tag einkaufen gehen, haben sie gesagt, besser gleich für eine Woche, haben sie gesagt. Aber nicht hamstern. Den anderen Mitmenschen auch noch was übriglassen, haben sie gesagt und mit Hausverstand shoppen gehen. Tu ich. Mach ich. Für eine Woche eingekauft. Check. In zwei Tagen alles zusammengefressen. Check. Jeans spannen ein bisschen, is aber eh wurscht, bin eh nur mehr in Schlabberhosen. Da hat noch viiiiel Eingekauftes Platz.

Jetzt ist es nun aber so, dass ich dann langsam doch begonnen habe, alte Sachen aufzuarbeiten, sei es aus coronatechnischen Gründen der häuslichen Inhaftiertung oder weil man halt einfach einen Frühlingsputz um diese Zeit macht. Ich habe die Winterkleidung gewaschen und eingemottet, die Sitzpolster bis ins kleinste Eck durchgesaugt, in den Kinderzimmern die Regale abgestaubt usw. Und dann passierte das Unfassbare:

Am 3. Tage nach dem letzten Wochen-Einkauf, also genau dann, als wir nichts mehr Verwertbares im Haus hatten und ich mich nicht raus zum Einkaufen traute – könnte ja ein Nachbar beobachten und heimlich eine Stricherl-Liste über meine Freigänge führen – bereitete ich eben besagte Winterkleidung für die Waschmaschine vor, indem ich die Taschen leerte. Es fanden sich folgende Gegenstände: 5 durchaus noch verwendbare Taschentücher, Haarspangen in 4 verschiedenen Ausführungen, originalverpackte Damenhygiene-Artikel mit 2 Buchstaben, Kleingeld im Wert von 23,40 €, Zuckerl von 2 verschiedenen Markenfirmen, der Schlüssel einer Nachbarin, die uns im Sommer gebeten hat, auf ihr Haus zu schauen, ein Zettel mit dem Namen „Friedrich“ samt seiner Telefon-Nummer und ein Müsli-Riegel. 


Im Wohnzimmer ging es erfolgreich weiter: Beim Durchsaugen der Sitzpolster stieß ich auf diverses Knabbergebäck, auf weitere Haarspangen, 2 Kondome mit nur ganz kleinen Rissen und Taschentücher mit vorzüglich erhaltenem Mentol-Aroma. Bei den anschließend durchgeführten Aufräumungsarbeiten in den Kinderzimmern kamen 2 gefüllte Jausenboxen mit Äpfeln, Butter-Keksen mit was-weiß-ich-wie-vielen Zähnen, 4 isotonische Getränke, 2 Mineral und eine Packung Gummibärchen ans Tageslicht, außerdem fanden 4 Paar Socken wieder zueinander und Buben- und Mädchen-Kleidung – vor Jahren in die falschen Kästen eingeordnet – wurde dem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben. Beim Zeug der Kinder befanden sich des Weiteren 4 Probepackungen Instant-Nudeln mit Asia-Geschmack als Werbegeschenke noch vom Schulbeginn, 2 Versicherungspolizzen für mögliche Unfälle auf dem Schulweg, meine seit Jahren verschwundene Lieblings-Haar-Bürste und Katzenfutter für ein ganzes Tierheim.

Nur Klopapier fand sich nirgends. Mist, ich werd‘ wohl doch wieder einkaufen gehen müssen …

Donnerstag, 19. März 2020

Nein, meinen Keller putz ich nicht!





Entlehnt aus: „Der Struwwelpeter/die Geschichte vom Suppen-Kasper“



CORONA lebt – und was nun?
Zuhause bleiben und alles tun,
was man seit Jahren liegen ließ:
sortieren, räumen – ist das fies!
Doch Lotta fing gleich an zu schrei’n:
„Ich putz nicht meine Küche! Nein!
Ich putze meine Küche nicht!
Nein, meine Küche putz ich nicht!“


Am n ä c h s t e n Tag – ja sieh nur her!
Da war es noch viel dreckiger.
Da fing sie wieder an zu schrei’n:
„Ich wische keinen Boden! Nein!
Ich wische meinen Boden nicht!
Nein, meinen Boden wisch ich nicht!“


Am d r i t t e n Tag, o weh und ach!
Da wurd‘ sie erst um elfe wach!
Sie wollt‘ sich machen hübsch und fein,
doch keine Wäsche war mehr rein:
Ich wasche keine Kleidung! Nein!
Ich wasche meine Kleidung nicht!
Nein, meine Kleidung wasch ich nicht!“


Am v i e r t e n Tage endlich gar
der Garten ruft – das war ganz klar,
heute mal rechen, kehren,
Hecken trimmen mit großen Scheren.
Da fing sie wieder an zu schrei’n:
„Ich mache keinen Garten! Nein!
Ich mache meinen Garten nicht!
Nein, meinen Garten mach ich nicht!“




Am f ü n f t e n Tag, o weh, o Graus,
der Keller schaut verheerend aus,
man könnte ordnen und entleeren
oder all den Staub nach unten kehren.
Wie kann man nur so trotzig sein?
„Ich räume keinen Keller! Nein!
Ich räume meinen Keller nicht!
Nein, meinen Keller räum ich nicht!“


Am s e c h s t e n Tag, es ist ein Jammer,
voller Bücher ist die Kammer.
Die Schriften woll‘n gelesen sein,
doch sind sie all gedruckt so klein.
„Ich brauche keine Brille! Nein!
Ich brauche meine Brille nicht!
Nein, meine Brille brauch ich nicht!“


Doch dann kriegt Lotta großen Mut.
Der Streik im Haus tut ihr sehr gut.
„Dieses Gschafteln mach ich nicht,
da hol mich eher noch die Gicht!
So a g’störte Pandemie
zwingt mich nimmer in die Knie;
spielt nur blöd mit unserer Not!“


Am s i e b t e n Tag war CORONA tot.




Freitag, 13. März 2020

Also mal angenommen, ich wäre ein Hamster




Also mal angenommen, ich hätte mich in den letzten Tagen auch von der leichten Massenhysterie des bevorstehenden akuten Hungertodes anstecken lassen und wäre zum Discounter ums Eck gestürmt und hätte mich mit den anderen Angesteckten verbal um das letzte Packerl Mehl geprügelt. Also mal angenommen, es wäre so gewesen und ich hätte aber nur mehr das Bio-Mehl um 400,-€, das von nachhaltig regional gehaltenen glücklichen Weizenkörnern stammt, ergattert und wäre dann damit nach Hause gefahren, beruhigt, dass mir jetzt nix mehr zustoßen könne. Also mal angenommen, das wäre so gewesen, … dann wüsste ich jetzt eigentlich nicht, was ich mit diesem Mehl in Mangelzeiten so wirklich anfangen könnte.

Weiß das sonst irgendwer?

Sicher, ich könnte Palatschinken oder Spätzle machen, bräuchte jedoch dazu Eier, die ich jetzt aber nicht gebunkert habe – hat mich kein Paniker in diese Richtung angesteckt. Auch könnte ich Pizza machen, dazu bräuchte ich aber eine Germ, die ich allerdings vergessen habe vorrätig in Trockenform zu lagern. Aber das war’s dann auch schon mit meinen Rezepten.

Oder fangen wir jetzt alle zum Brotbacken an? Dazu bräuchte man aber auch eine Germ – hab ich zumindest gegoogelt. Denn wissen tu ich sowas nicht. Hab in meinem ganzen Leben noch kein Brot gebacken. Und die Dunkelziffer, wie viele von den Mehl-Hamsterern es auch noch nie gemacht haben, ist angeblich höher als die Virus-Sterbe-Rate.



Marie Antoinette hatte seinerzeit ja einen guten Tipp, was man mit Mehl machen könnte: „wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen“, unterstellt man ihr gesagt zu haben. Also könnte ich Kuchen backen, wobei ich gerne an meinen ersten „Becherkuchen“ zurückdenke. Das Rezept besagt, man nehme ein Jogurt-Becherl und messe darin Mehl, Zucker, Kakao etc. Am Schluss des Rezeptes schrieb mir mein Mütterlein: „1/2 Backpulver“. Ich gehorchte. Und schüttete ein halbes Yogurt-Becherl voll Backpulver dazu. Da gab’s kein Verhungern mehr. Der gute Kuchen vermehrte sich binnen Minuten im Backrohr auf ein Vielfaches seiner selbst, ich verwendete mehrere Gefäße und Formen und zehrte einige Wochen von diesem explosiven Stück. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und dann? Am Ende der Verdauungskette? Mal angenommen, ich hätte mich in den letzten Tagen auch von der Hysterie des Toilettenpapierkaufes anstecken lassen, und ich hätte davon so viel zur Verfügung, dass ich selbst die vielen Ärsche damit nicht in die Flucht schlagen könnte, die mir in meinem Leben noch so begegnen werden. Was dann?

Dann könnte ich ja mit dem vorrätigen Bio-Weizen-Mehl unter Zugabe von Wasser ein wenig Kleister produzieren und mit dem Häuslpapier eine gediegene Papiermaché-Maske anfertigen, um die Menschheit vor meinen Ausdünstungen zu schützen. Ohne Germ und ohne Eier.

Also alles mal nur so angenommen. Ist aber eh nicht so...

Ich werde nämlich jämmerlich verhungern, jedoch in Würde - mit blitzeblankem Po.

Sonntag, 1. März 2020

Nicht witzig. Echt nicht.




Jetzt bin ich schon in einem Alter, in dem man nostalgisch zurückblickt in seine Jugend, in seine Kindheit. Man tendiert dazu, 70er Partys zu veranstalten, Vintage-Kleidung zu tragen, sich nach den Süßigkeiten von damals zu sehnen, Sprüche über die „wahre Kindheit“ zu liken, die Musik von anno dazumal zu hören und so manchen Kalenderspruch als Lebensweisheit gutzuheißen. Da war die Welt noch in Ordnung.

Ach, wie war das damals aufregend, wenn man eine „Strahler80“-Zahncreme-Werbung sah, was die einem nicht alles versprach, was im Leben noch verheißungsvoll auf einen zukommen würde „so ein Strahlerkuss ist ein Hochgenuss“, hieß es da. Und die Femina-Slipeinlagen waren „selbstklebend und anschmiegsam“, der Bac-Deo-Stift versprach Frische für dich und mich („mein Bac, dein Bac“), die Haare band man sich mit einem schlichten Gummiringerl zusammen und schon war man frisiert. Vor der grün-braun gemusterten Kugel-Blumen-Tapete flimmerte „Familie Petz“ in FS1, dazu gab’s Krachmandeln zum Naschen und am Ende eines Tages verabschiedete man sich von seinen Freunden mit einem flapsigen „bis morgen um drei – in der Vogelscheißerei“. Danach hockte man sich zu seinem Rekorder und nahm ein paar Lieder auf Kassette auf, gestaltete sich also kreativ seinen eigenen Mix. Eine unschuldige Zeit, kein Gehetze, kein Gejammer, kein Corona-Virus, eine paradiesische Epoche.

Na ja, und dann war da ja noch wer…. ähm…. also, das ist jetzt nicht witzig. Echt nicht. Also bitte nicht lachen. Ich trau es mich fast nicht zu erwähnen. Mich begleiteten damals zwei schwarze, ca. 15 cm große Strichmännchen: Frau Krönlein und Frau Spinada. Niemand konnte sie sehen. Nur ich. Die waren wirklich da. Ich schwörrrrrre. Sie sprangen meist fröhlich im Türöffner der Küchenkredenz herum, das war so eine lange Schiene, da konnten sie selbst tanzend nicht rausfallen. Die waren immer sehr beschwingt, manchmal gingen sie auch auf der Dorfstraße mit mir mit und kletterten mit einer ungemeinen Leichtigkeit auf die Fensterbänke diverser Häuser. Frau Spinada hatte ein Kleid an, Frau Krönlein war nackt. Nur so zur Info. Und meine Mutter hatte große Sorge um meine geistige Gesundheit. Auch nur so zur Info. Aber witzig war das echt nicht.

Na ja, und jetzt eben, in der Gegenwart, also jetzt unlängst, mit 50, also in einem durchaus reifen Alter …. ähm ….lüfte ich morgens mein Schlafzimmerfenster und da huscht was Schwarzes, ganz Zartes, etwas Leichtes, Beschwingtes seitlich rein und ehe ich mich verseh, sind die zwei wieder da: Frau Krönlein und Frau Spinada. In meinem Schlafzimmer. Mit 50. In der Früh beim Lüften. Das ist nicht witzig. Echt nicht. Das darf ich gar niemandem erzählen, denk ich mir und verbringe halt einige Zeit mit den beiden. Die zipfen mich aber bald an. Brauch ich die eigentlich jetzt immer noch? Was die können, das kann ich allein schon lang, schießt es mir durch mein friedhofsblondes Kopferl. Beschwingt durchs Leben hüpfen, nackt, wenn’s sein muss, das Krönlein richten und tanzen. Das kann ich auch, da brauch ich die zwei nicht, das hab ich nun erkannt. Ich schicke sie weg. Ich will sie nicht mehr. Echt nicht.



Und im Übrigen: die Zeit damals war gar nicht sooo herrlich, denn die Strahlerküsse waren nicht immer Hochgenüsse, die Slipeinlagen schmiegten sich gar nirgends an, sondern verrutschten widerborstig im Höschen und wenn man Pech hatte, kamen sie bei den Socken wieder ans Tageslicht, der Bac-Stift verklebte mit Aluminium die Drüsen samt üppig sprießendem Achselhaar und die Gummiringerl zerfraßen einem die Zöpfe. Die Krachmandeln machten einen wunden Gaumen, der Großvater vom Petz war ein bösartiger Tyrann mit patriarchischen Erziehungsmethoden ohne Herz, die Tapeten schauten grauenvoll aus und ließen bei näherer Betrachtung eine unfassbare innerliche Unruhe entstehen. Aus den Musikkassetten löste sich immer und immer wieder das Band und wenn man den Song auch mal von Anfang an erwischte, konnte man sicher sein, dass der Udo Huber nach ein paar Takten wieder reinquatscht. Und war es damals auch kein Corona-Virus, so war es die Tollwut, die uns dazu veranlasste, im Haus zu bleiben, wenn man einen streunenden Hund sah oder gar im Wald einen Fuchs. Quarantäne in den 70ern.
Und unter uns: was eine „Vogelscheißerei“ ist, ist mir bis heute auch ein Rätsel. Vielleicht wissen Frau Krönlein und Frau Spinada das. Ich werd sie bei Gelegenheit mal fragen