Montag, 27. Juli 2020

Die Verwandlung 2020 (Kafka reloaded)



Ein Friseurbesuch ist wieder mal dringend nötig, die Borsten lichten sich bereits an allen Enden, der Einstein sieht cooler aus als ich – also: tempus fugit und rein in den Laden, Maske rauf, Hände desinfiziert und schon sitze ich auf dem Stuhl. Rundherum alles kleine Tiegel auf polierten und gut beleuchteten Glasboards an den Wänden. Die Titel sind vielversprechend, weil Englisch: „Maintenance conditioner“ zum Beispiel. Bei näherer deutscher Betrachtung („Wartungs-Weichspüler“) eher beunruhigend. Bin ich eine Maschine und gar kein Mensch? Bedarf es wirklich einer Wartung?
Links von mir sitzt ein Mann, rechts eine Frau. Der Mann, natürlich ebenfalls mit Maske, hat sein ehrenwertes Haupt mit einer grünen Paste überzogen, die ihm weit in die Stirn und über die Ohren geschmiert wurde. Er schaut so jämmerlich drein, so erbärmlich hab ich noch nie ein Mannsbild dreinschauen gesehen. In keiner Extremsituation: weder in einem Krankenhaus, noch auf einem Begräbnis oder unter einem Wirtshaustisch. Das personifizierte Elend sitzt hier und ich denke an meine Oma selig, die immer schon sagte „Hoffart muss leiden und aus dem Spiegel schaut der Teifl raus“. Nun ist es also soweit.
Ich erhasche ein paar Wortfetzen, die er mit seiner Friseurin wechselt. Corona sei hausgemacht, ein böser Amerikaner habe es in die Welt gesetzt, man wolle das System herunterfahren, die Mittelschicht entmachten, die Menschen hörig machen und die Armen alle sterben lassen. Und bei der bevorstehenden Impfpflicht wird einem ein Chip initiiert, mit dem „die da“ weiß Gott was anstellen würden können.
Ich bin mir nicht sicher, ob’s bei dem Herrn nicht unter der grünen Paste auf seiner Stirn sogar ein paar Mal „Pieps“ gemacht hat, ein Geräusch kam auf jeden Fall aus ihm raus.
Jetzt werde ICH in die Mängel genommen, man wäscht mir die Haare, das Wasser und ein bisschen vom englischen Wartungs-Weichspüler tropft mir über die Stirn; die zuhause akribisch aufgetragene Anti-Falten-Creme rinnt mir in die Augen, was dieselben blitzschnell brennen und sich entzünden lässt. Und als ich mich wieder im Spiegel sehe, habe ich rote, verquollene Bindehäute und Luft krieg ich unter der Maske jetzt irgendwie auch nimmer, weil die Friseurin so enthusiastisch meine Spitzen schneidet, dass mir dieselben auf der Seite wieder zurück in die Maske fliegen und ich nur mehr keuchend spucke und grünlich anlaufe.

Und die Frau zu meiner rechten? Was soll ich euch sagen? Hat Alufolie, akkurat in kleinen quadratischen Briefchen geordnet, auf ihrem Kopf, dazwischen auch grüne Paste. Eine Spur dunkler wie der Herr vielleicht. Aber auch grün. Sie liest ein Magazin und schüttelt mit jedem Umblättern ihr Aluhut-Köpfchen.
Ein Blödsinn sei das alles, was da in der Zeitung steht, alles Lug und Trug, die Statistiken völlig verfälscht. Keine Grippetoten gebe es mehr, wo sind denn die alle hingekommen? Und jeder Verkehrsunfall wird als „‚mit‘ oder ‚an‘ Corona verstorben“ bezeichnet. Was dies alles für ein Unfug sei. Seit Monaten halte sie keinen Abstand, der Elefant sei ihr Blunzn und was sei passiert? Nixi. Rein gor nixi. Also was sollen dann die ganzen Lügengeschichten? „Pieps. Pieps“, macht es bei der Dame. Könnte die Trockenhaube gewesen sein. Hätte sie bloß eine aufgehabt….
Na Bumm. Was waren das noch für Zeiten, als man beim Friseur Themen behandelte wie: wann kommt mal wieder die Sonne oder wo Haare überall nicht mehr wachsen dürfen, wo der nächste Urlaub hingeht und ob sich die Kellnerin vom Café nebenan nach ihrer letzten Schicht schon wieder hat flachlegen lassen. Diese Bitch.
Und wo sind die guten alten Zeiten, wo Mann noch viereinhalb Minuten für einen Haarschnitt brauchte und Frau sich mit einem Minipli zufriedenstellen ließ?
Ich bekomme Angst. Große Angst. Nicht vor Corona, nicht vor den Illuminati, sondern vor meinen Sitznachbarn und vor dem Blick in den Spiegel, wo mir meine Verwandlung langsam sehr zusetzt. Ich verlasse so schnell es geht mit einem unüberhörbaren Piiiiiieps aus meinem Hinterteil das Etablissement und steige ins nächste Raumschiff ….ähm … Taxi, das frei wird.
Bis dann, meine lieben Freunde. Ich komme euch alle holen. PIEPS.