Donnerstag, 30. August 2018

Gott und Sch(l)af


Wenn die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel. Soweit so gut.

Jetzt ist er also flügge geworden, mein Großer. Er geht fort, wirft sich auf die Piste. Legt sein lässigstes Hemd an, trommelt ein paar Kumpels zum Vorglühen zusammen und verlässt gegen 22:00 Uhr das häusliche Anwesen Richtung Disco. An und für sich nichts Ungewöhnliches, ich kenne ihn ja: nach spätestens 3 Stunden steht er wieder auf der Tacke, ein bisschen schwindelig vom Gerstensaft, aber immer noch verlässlich in seinen Handlungen: schließt die Haustür brav ab, dreht alle Lichter aus und schleicht sich flinken Fußes in sein Bett, ohne viel Aufhebens zu machen. Normalerweise.

2:35 Uhr: ich erwache, nachdem ich bereits die vierte REM-Phase durchgemacht habe und bin leicht verunsichert. Hab ich heute überhört, dass mein Großer heimgekommen ist, hat der sich heute so leise rauf geschlichen, dass ich – der Hausdrache, der sonst alles checkt – das nicht mitbekommen haben sollte? Komisch. Ich geh mal vorsorglich aufs WC, um mich danach wieder voll meinem Schönheitsschlaf widmen zu können.

Bitte, lieber Gott, lass mich gleich einschlafen. Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe….

2:56 Uhr: ich mache kein Auge mehr zu, das gibt’s doch nicht, jetzt ist der Kerl am End wirklich noch nicht zhaus? Das kann nicht sein, da hab ich mich wohl getäuscht. Ich stehe wieder auf und probiere an der Haustüre, ob diese von innen versperrt ist. Sie ist offen, eine erste leichte Panik überkommt mich. Noch nie ist er so spät nach Hause gekommen. Dann tröste ich mich mit einem Geistesblitz: er ist sehr wohl daheim, hat jedoch vergessen zuzusperren. Ja, das wird es sein.

Bitte, lieber Gott, lass es so sein. Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe…..


3:23 Uhr: Fix Laudon, jetzt wird’s bald halb vier! Ich gehe nochmals schauen, ob vielleicht seine Schuhe in der Garderobe stehen. Schuhe ….hmmmmm…. Schuhe stehen einige da, kleine Schuhe, große Schuhe, schmutzige Schuhe, elegante Schuhe. Über meine Hendlschuhe stolpere ich gleich mal so richtig – man hat ja sonst nix zu tun mitten in der Nacht! Als ich mich kurz vor der Kellerstiege wieder fasse und mein Gleichgewicht wiedererlange, muss ich erkennen, dass ich keine Ahnung habe, welche Schuhe mein Großer heute anhat und ob die jetzt hier stehen oder nicht.

Bitte, lieber Gott, lass die Schuhe hier stehen. Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe…

3:45 Uhr: Da muss was passiert sein! Vor Aufregung muss ich erneut für kleine Mädchen, bei dieser Gelegenheit gehe ich mal die Ereignisse der letzten Monate aus den Erzählungen meiner Kinder durch: 3 Schlägereien, 1 versuchte Vergewaltigung, 5 Alk-Vergiftungen standen da alleine in dieser Dorfdisco auf dem Programm. Wenn mein Großer da jetzt in irgend sowas verwickelt ist?

Bitte, lieber Gott, bring mir meinen Jungen wieder heil nach Hause. Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe….

4:14 Uhr: An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Die ersten Vögel zwitschern, es dämmert. Hoffentlich hat er nicht alles durcheinandergetrunken und liegt schon im Spital. Und was ist, wenn ihn irgend so ein aggressiver Rabauke niedergeschlagen hat, meinen süßen Kleinen? Da würd ich doch informiert werden, oder?

Lieber Gott, sollte er jemals wieder heimkommen, gehe ich zu Fuß nach Mariazell. Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe….

4:48 Uhr: Ich schaue auf Gesichtsbüchl, Dekagram und WotSepp, wann er das letzte Mal online war, bis mir einfällt, dass er mir weder folgt, noch meine Freundschaft erwidert und gar nicht zu erkennen ist, wann er das letzte Mal aktiv war. Aber seine Freunde! Die sind mir alter Suppenhenne zugeneigter, weshalb ich sie auf der Stelle stalke und bloß bei einem sehe, dass er um 23:00 Uhr „angsoffn mit die Besten“ gepostet hat. Sehr beruhigend.

Bitte, lieber Gott, lass ihn keine Alkoholvergiftung haben, ich schwöre, auch ich werde in meinem ganzen Leben nichts mehr trinken, wenn die Sache heute gut ausgeht. Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe …

5:17 Uhr: Die werden jetzt im Hintergrund sicher schon ein Kriseninterventionsteam formieren, denn da ist mindestens ein Verkehrsunfall oder ein Fall von schwerster Körperverletzung passiert. Das ist nicht mein Junge. Der bleibt nicht freiwillig so lange von seiner lieben Mami weg. DER nicht. Ich habe völlig verfrüht meinen Morgen-Stuhlgang.

Lieber Gott, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Kein Schaf. Kein einziges mehr.

5:53 Uhr: Es kracht an der Haustüre und mein kleiner Großer steht mit roten Backen im Türrahmen. Zu Fuß sei er jetzt ein schönes Stück gegangen, nachdem er total nette Stunden in der Disco verbracht hätte. Es wäre eine gelungene Veranstaltung gewesen, gar nicht gemerkt hätte er, wie schnell die Zeit vergangen wäre…. HIMMEL !!!! Er ist wieder da: unversehrt.

Ich danke dem lieben Gott und vereinbare mit ihm, dass er den Schwur mit der Fuß-Wallfahrt doch bitte nicht ganz so ernst nehmen sollte und auch die Sache mit dem Nicht-Mehr-Trinken. Da hat ja schließlich keiner was davon, wenn ich mich völlig überanstrenge bei so einem Fußmarsch oder mir nie mehr auch nur ein Gläschen Rotwein gönnen würde. Das wäre ja ein Blödsinn, der liebe Gott hätte das sicher nicht so gewollt…. Brot und Wein … eh schon wissen.

Ein letztes Mal stolpere ich über meine Hendl-Schuhe, als ich wieder zurück ins Bett zu meinen Schafen will – diesmal mit einer Talfahrt über die Kellerstiege – direttissima in die Hölle sozusagen. Kleine Sünden bestraft der liebe Gott nämlich postwendend.

Mittwoch, 15. August 2018

Kalorien sind doch diese Tierchen...


….die nachts die Kleidung enger nähen, oder?
Man lernt jemanden ja nicht am Anfang einer Beziehung so richtig kennen, sondern erst am Ende, heißt es – und ich kann echt ein Lied davon singen. Wie kommt’s?

Essenseinladung meinerseits im Freundeskreis: es kommt ein Häufchen Leute, die bis jetzt wenig auffällig bei ihrer Nahrungsaufnahme waren, doch von nun an sollte alles anders sein. Vier hüpfen schon, enthusiastisch auf ihre neue Fitness-Uhr blickend, bei den Eingangsstiegen herauf, als ob sie für ein Steinbock-Ranking kandidieren wollten und sind enttäuscht, dass sie heute erst 5.321 von den von der Uhr unverhohlen geforderten 12.000 Schritten geschafft haben. Drei der Gäste rümpfen die Nase über das von mir liebevoll gestaltete Gebäckskörberl und den dargebotenen Reis, weil sie ja von nun an eine „no carb“-Diät machen, zwei sind über Nacht strikte Veganer geworden und eine verbeißt sich anstatt in mein Essen in ihre Handy-App und fragt mir Löcher in Bauch, wo ich die Kartoffeln, das Henderl und den Salat gekauft hätte und wieviel Gramm davon nun auf ihrem Tellerchen liegen - sie müsse das auf der Stelle exakt in ihre Abnehm-App eintragen, damit dort ausgerechnet werden könne, wieviel sie heute noch essen dürfe. Zwei Leute sind plötzlich gluten-, histamin- und laktoseintolerant, der Rest rührt keinen Alk mehr an und eine schwafelt was von einem Eiweiß-Brot, um die leeren Speicher wieder aufzufüllen. Oral-Verkehr hat den selben Effekt - verkneif ich mir noch, bevor die Sache so richtig zu eskalieren beginnt: die vier Fitness-Uhren fangen während des Essens nämlich an, laut zu piepsen und in Neonschrift den Befehl „Los!“ von sich zu geben, was meine Gäste veranlasst, abrupt den Tisch zu verlassen und 12x meine Stiege ins Obergeschoß auf und ab zu rennen. Ja, bin ich denn jetzt in der Hölle gelandet?

Ich esse ja für mein Leben gern und ignoriere seit Jahren etwaige mir attestierte Allergien erfolgreich – da pups ich mich lieber durch den Tag und sitze mit dunkelrot gefärbten Wangen nach einem Gläschen Rotwein am Abend auf der Terrasse, um danach erleichtert den Hosenbund zu öffnen, weil mein Baucherl schon ziemlich zwickt. Die Hosen werden ja schließlich nicht durch Gewichtszunahme, sondern beim Waschen immer enger – das weiß man ja….

Essen tu ich viermal am Tag. Wenn ich nicht alle paar Stunden was zwischen die Beißerchen bekomm, werde ich zu Diva und doch juckt es mich nun, auch mal die eigenen Essensgewohnheiten ein bisschen unter die Lupe zu nehmen, weshalb ich mir – ich gebe es zu - eine Abnehm-App auf meinem Handy installiere. Ich gebe als Ziel an, „mein Gewicht halten“ zu wollen und trage ein paar Tage lang brav ein, was ich so alles in meinem Suppenschlitz verschwinden lasse. Dazu gebe ich Aktivitäten wie Spazieren gehen, Rad fahren oder Hausarbeit ein. Alles klappt bestens, ich staune, dass ich mit meinen vier Mahlzeiten gar nicht so daneben liege – na gut, die Kohlenhydrate sind immer ein bisschen am Limit, aber Fett und Eiweiß sind gut angelegt. Die App fordert mich manchmal dazwischen auf, ein Gläschen Wasser zu trinken, dann lobt sie mich wieder mit einem Daumen-hoch-Zeichen, dass ich so gut bin und motiviert mich, doch weiter am Ball zu bleiben. Die Beziehung mit meiner App läuft also wie am Schnürchen. Jetzt. Am Anfang. Sie ist freundlich zu mir, ich gebe ihr, was sie sich wünscht, ich bin gewissenhaft in meinen Eintragungen, dafür bekomme ich viel Anerkennung von ihr. Eine win-win-Beziehung wie aus dem Bilderbuch. Jetzt noch…

Doch irgendwann reicht es mir mit der Eintipp-Disziplin und schon geht das Dilemma los: „Du hast vergessen, dein Mittagessen einzutragen“, „hast du heute noch gar kein Wasser getrunken?“ und „werde aktiv und geh doch ein bisschen Drachenfliegen, Bungee Jumping oder Angeln. Du verbrauchst dabei insgesamt 260 kcal, wenn du bei allen Tätigkeiten 30 Minuten durchhältst“ sind noch die freundlicheren Meldungen, die ich bald von meiner App bekomm. Ha! Wenn die wüsste! Wenn ich Bungee-jumpen würde – noch dazu eine halbe Stunde lang! – wäre ich entweder auf einer „happy-ranch“, vollgepumpt mit 32 Tranquilizern oder im kühlen Grab. Sch… auf meine zwickende Hose!

Aber die App gibt nicht auf und wird immer penetranter: „fahre eine halbe Stunde mit deinem Einrad und verbrauche 144 kcal“ oder „geh für 101 kcal mit deinem Hund spazieren“ folgt auf den Fuß. Jetzt werd ich aber langsam grantig. Habe ich denn einen Hund? Habe ich denn ein Einrad und falls ja, könnte ich mit meinen Gleichgewichtsproblemen in irgendeiner Weise darauf in der Vertikalen bleiben? Man kann mir nicht irgendwelche Sachen befehlen, die mir unmöglich sind auszuführen. Das ist ungut mit dieser App. Immer wieder ein neues Pop-up: „Du hast vergessen, deinen Snack einzutragen“, „fälle für 153 kcal 30 Minuten lang einen Baum oder arbeite für 87 kcal in deinem Garten“. Das ist ja ein Eingriff in meine Privatsphäre! Was geht diese App mein Garten an? Natürlich schaut der hie und da aus wie Kraut und Rüben, aber man muss die Natur ja schließlich auch mal machen lassen…

In den nächsten Tagen zwingt sie mich des Weiteren zum Boxen mit einem Sparringpartner (153 kcal), zum Skydiving (110 kcal) und Wrestling (173 kcal), fragt alle 2 Stunden nach, was ich getrunken habe und schickt schließlich ein Tränensmiley mit „ich bin enttäuscht von dir – gib nicht auf“. Jetzt kommt sie mir mit DIESER Tour. Tränendrückerdrüse und auf Mitleid schinden. Wenn ich sowas schon seh!

Und dann, ja dann kommt der Punkt für mich, an dem sie zu weit geht: „hattest du heute schon Sex für 52 kcal, wenig aktiven Sex für 38 oder aktiven Sex für 82 kcal? Investiere doch mal bloß 30 Minuten dafür!“ Was geht denn diese App mein Sexualleben an? Ob ich dalieg wie ein nasser Fetzen oder im Bett wie ein Springingal bin? Jetzt lösche ich aber dieses versaute Luder und stopfe weiter Kohlenhydrate in mich hinein, in der Hoffnung, bei Gelegenheit trotzdem noch recht schnell aus meiner viel zu engen Hose zu kommen…

Donnerstag, 2. August 2018

Kuchl-Psychologie beim Diskonter ums Eck


Der Lebensmitteleinkauf gehört ja zu den anstrengendsten Dingen, die man in einem Hausfrauenleben so zu bewältigen hat. Na ja, fast: Man nimmt die Ware aus dem Regal, gibt sie in den Wagen, nimmt sie aus dem Wagen, legt sie aufs Fließband, gibt sie von dort wieder zurück in den Wagen, holt sie aus selbigem wieder raus, um sie in eine Tasche zu geben, holt sie zuhause aus der Tasche und verstaut sie letztendlich im Kastel. Uff. Man ist ja schließlich keine 21 mehr...



Beim Einkaufen kann man ganz schön was erleben, sag ich Euch!
Aufgrund meiner Beobachtungen beim regionalen Nahversorger kann ich die Kunden nämlich in vier Kategorien einteilen – frei nach der Temperamentenlehre:

Typ 1: der Gesellige, Unstrukturierte: Sanguiniker: heiter, lebhaft, leichtsinnig, phantasievoll, gesprächig, optimistisch, häufige Exzesse, wenig Skrupel, Unstetigkeit

Bevor er den Laden betritt, unterhält er sich bereits beim Aussteigen aus dem Auto mit 2 Leuten, die zufällig neben ihm parken über die angenehme Parkplatzordnung; bei den Einkaufswägen bittet er 3 Frauen um Wechselgeld, 2 von ihnen fragt er um die Handynummer, um anschließend mit dem Mega-Föhn-Verkäufer die politische Lage in Afrika durchzudiskutieren. Am Eingang lässt er einer betagten Dame den Vortritt, wie auch vier weiteren Personen, die den Konsumtempel gerade verlassen. Unstrukturiert streift er durch das ganze Geschäft, kostet ein paar Weintrauben – man will ja schließlich nicht die Katze im Sack kaufen – reißt 2 Verpackungen mit den neuesten Shorties auf, hält sie sich an sein Gemächt und rennt fünfmal wieder aus der Kassaschlange, weil er was vergessen hat. An der Kassa schließt er mit 2 Leuten Freundschaft auf Facebook, während das Fließband läuft und läuft und er nicht dazu kommt, seine Ware hinaufzulegen. Nachdem ihm schließlich die Kassiererin dabei hilft und er auch noch von ihr die Telefonnummer verlangt, sucht er seelenruhig nach seinem Geldbörserl, das er doch irgendwo hingetan hatte. Aber wo nur? Dass sich hinter ihm bereits eine Schlange bis zur Tiefkühltruhe gebildet hat, schert ihn wenig, es ist fast so, als ob er diese Menschen als sein Publikum ansieht und auf Beifall hofft, als er endlich sein Geld findet. Er lacht lauthals über das Schild über das Kassa, auf dem steht, man müsse bei Alkoholeinkauf einen Ausweis vorweisen, wenn man noch nicht 21 sei. "Ja, sind wir denn hier in Pennsylvania?", prustet es aus ihm heraus, bevor der das Geschäft mit 4 anderen Kunden verlässt, die nicht hinausgehen können, weil ER mit seinem Einkaufswagen quersteht und den Gang blockiert.

Typ 2: der Revoluzzer – Choleriker: willensstark, furchtlos, entschlossen, jähzornig, Wutanfälle, leicht erregbar.

Er kümmert sich weder um Konventionen, noch um Gesetze. Parken tut er grundsätzlich vor der Tür des Geschäftes. Und zwar wortwörtlich. Wenn er könnte, würde er direkt ins Geschäft fahren, ein drive-in, sozusagen, doch er muss sich mit einem Platz direkt neben den Einkaufswägen und den Fahrräder-Ständern begnügen. Nicht auf einer markierten Fläche – nein! Er parkt dort, wo er die wenigstens Schritte auf sich nehmen muss, um in den Konsumtempel zu gelangen. Dann packt er sein Wagerl voll mit Diät-Produkten und mit dem Angebot der Woche, nämlich einem Stepper samt Fitness-Uhr, die den Kalorienverbrauch anzeigt. Fit mach mit, ist die Devise. Aber langes Stehen und Warten hält er nicht aus, er webert ungeduldig in der Warteschlange herum und ruft schließlich laut in die Menge, ob man denn nicht noch eine Kassa aufmachen könne. Und dann, ja dann gibt er Gas, prescht allen anderen vor und ist als erster an der noch immer nicht geöffneten zweiten Kassa, wo er vor sich hin nörgelt, dass die Sackerl schief im Regal liegen, dass das Fließband beschmutzt ist, dass die Klimaanlage ihm sein letztes Haar vom Kopf weht und schließlich dass die Kassiererin - sollte sie jemals auftauchen – wieder alles teurer gemacht hat. Er streitet mit ihr über vier Sonderangebote, die nicht mehr oder noch nicht gelten, hält wütend seine Handy-App vor den Scanner, schimpft auf die „Lebensmittel-Mafia“ und alteriert sich über das Schild über der Kassa, auf dem steht, man müsse bei Alkoholeinkauf einen Ausweis vorweisen, wenn man noch nicht 21 sei. "Ja, sind denn die in den Siebzger-Jahren stehengeblieben, oder was?", würgt er noch heraus, danach steigt er in sein akkurat vor dem Eingang geparktes Auto und freut sich, dass er durch das viele Aufregen sage und schreibe 34 kcal abgebaut hat, wie er auf seiner neuen Errungenschaft auch gleich ablesen kann.

Typ 3: Is-eh-schon-ois-wurscht-Typ: Melancholiker: Misstrauen, Kritik, Schwermut, emotionale Labilität, Introversion

Dieser Typ geht schwerfällig in den Laden, sieht sich in der Überwachungskamera, schüttelt den Kopf und resigniert ob seines Erscheinungsbildes; er schiebt den Wagen vor sich her und testet sämtliche Waren einmal durch, indem er sie dreht und wendet – so oft, dass ihnen, hätten sie einen Gleichgewichtssinn, schwindlig wäre. Die Pflaumen werden abgedrückt, der Salat wir kurz gezupft, die Äpfel hochgehoben, die Kartoffeln gerochen, die Haferflocken umgedreht, das Fleisch ob seines Ablaufdatums kontrolliert, bei der Marmelade wird der Vakuumdeckel leicht verschoben, bei der Milch der Verschluss, das Toilettenpapier dreht er dreimal um die eigene Achse, danach vergleicht er jeweils den Kilo- und Gesamtpreis sämtlicher Artikel und kontrolliert das Ursprungsland. Aber eigentlich ist ihm das eh alles egal, denn er als kleiner Mann kann da eh gar nichts ändern, aber man müsse trotzdem irgendwie dahinter sein, denn alles könne man mit ihm nun auch nicht machen, irgendwo seien Grenzen. Dann sieht er das Schild über der Kassa, auf dem steht, man müsse bei Alkoholeinkauf einen Ausweis vorweisen, wenn man noch nicht 21 seit und er denkt an früher, wo alles besser war, als er noch im „Konsum“ einkaufen ging, da hatte man noch einen Bezug zum Filialleiter, da wusste die Kassiererin die Preise noch auswendig und die Verkäufer kannten das Alter eines jeden Kunden. Aber was soll’s, is jo eh schon alles wurscht. 21 wird er eh nimmer werden, seine Jugend kann ihm ohnehin keiner mehr zurückgeben. Jemand bittet ihn, ob er an der Kassa vorgehen kann, er lässt es zu, das Leben meint es ohnehin nicht sonderlich gut mit ihm. Es braucht eine halbe Ewigkeit, bis er sein Geld herausgesucht hat, dann zieht er tapsig von dannen.

Typ 4: der Pedante - Phlegmatiker: langsam, ruhig, friedliebend, ordentlich, zuverlässig

Dieser Typ schwebt gleichsam durch die Flügeltüren, richtet sich in der darüber hängenden Beobachtungskamera noch einmal kurz seine Frisur und geht Schritt für Schritt seinen Einkaufszettel durch, den er zuhause schon nach der Anordnung der Gänge im Geschäft aufgelistet hat. Im Einkaufswagen ordnet er seine Lebensmittel nach dem Alphabet, wenn er gut drauf ist, sogar nach Kaloriengehalt oder Preis. In absteigender Reihenfolge, versteht sich. Doch an der Kassa geht er immer nach dem gleichen Schema vor: er legt die Sachen gewissenhaft nach Verbrauchsdatum auf – das Produkt, das am frühesten abläuft, kommt zuerst in die Hände der Kassiererin, man will ja schließlich keine Zeit verlieren. Schlimm für den Pedanten ist ein Kunde vor oder nach ihm, der etwa den Warentrenner schief oder gar auf den Kopf gestellt platziert hat, doch er lässt sich wenig anmerken und greift in einer für ihn unheimlich schnellen Bewegung dorthin und richtet wieder alles ins Lot. Er sieht das das Schild über der Kassa, auf dem steht, man müsse bei Alkoholeinkauf einen Ausweis vorweisen, wenn man noch nicht 21 sei und beginnt vorsichtig mit seiner Belehrung: "In Österreich wurde das Alter der Volljährigkeit im Jahr 1973 von 21 auf 19 und im Jahr 2001 von 19 auf 18 Jahre per Gesetz herabgesetzt!", raunzt er der verständnislos blickenden Kassiererin ins Gesicht. Ohne Erfolg. Aber er hat es wenigstens angebracht. Das Geschäft verlässt er stets, nachdem auch schon der 15. Kunde nach ihm selbes verlassen hat – er braucht schließlich Zeit zum Einpacken und Ordnen in der Tasche: entweder nach Verpackungsfarbe und nach Aussehen bzw. Form – je nach Wochentag, versteht sich.

Und ich? Was bin ich eigentlich für ein Typ?

Ich bin eine Mischform: beim Betreten analysiere ich in der Überwachungskamera genauestens mein Gangbild, dann rieche ich mich durch Erdäpfeln und Damenhygieneprodukte, gehe auf Schnäppchenjagd bei den Sonderangeboten, tratsche mit den Leuten, bestehe auf den mir avisierten Mengenrabatt, resigniere vor der Handy-App und freue mich sicher, wenn jemand um meine Handy-Nr. fragt. Tut aber keiner. Und um einen Ausweis hat mich auch noch keiner gefragt. Man ist ja schließlich keine 21 mehr. Uff.