Donnerstag, 22. Februar 2018

FASTEN (your seatbelt)

Gürtel enger schnallen - FASTEN your seatbelt


Aschermittwoch


Fastenzeit. Entschleunigen, zu sich finden, gesund leben, verzichten, zum Wesentlichen zurückkommen, Unnötiges weglassen, sein lassen, loslassen, auftanken – ja, ja, ich weiß, klingt eh alles super! 40 Tage, 7 Wochen, Sonntage ausgenommen. Aber fangen wir mal beim Aschermittwoch an. Ein strenger Fasttag sagen Religion, Kirche und der Vati. Und die Oma hat’s auch immer gesagt. Nun, was bleibt mir dann anderes übrig, als mich ins allgemeine Gedöns einzufügen.

Bei mir ist es aber nun so, dass ich alle 2-3 Stunden etwas essen muss, ansonsten wird es unangenehm. Erstens für mich und zweitens für die anderen, mutiere ich dann nämlich nicht bloß zur keifenden Diva, sondern verliere viel mehr unglaublich an Energie, vergleichbar mit dem Nicht-Duracell-Haserl. Schweißattacken, Herzrasen und ein Tremor, der sich gewaschen hat, sind die lästigen Begleiterscheinungen. Ich bin keine Frau, die sich „an Salot“ bestellt und mit schlechtem Gewissen wie ein Hase darauf rumnagt, ich bin eine, die ihre Speicher auffüllt – oft bis zum Zerbersten. Deshalb beschließe ich, mich weniger aufs quantitative Speisefasten zu konzentrieren, sondern viel mehr auf Dinge, die mir besonders schmecken und die ich eigentlich das restliche Jahr über recht lasterhaft zu mir nehme: Schokolade und Wasabi-Nüsse und Rotwein und Kaffee mit viel Zucker und ähm…. Zigaretten und Bier und Gutserl und Chips. Das kann doch nicht so schwer sein, auf die paar Sachen zu verzichten…

6:30 Uhr: Frühstück, Kaffee gibt’s keinen, auch keinen Kakao, es steht ungesüßter Tee oder eine warme Milch auf dem Speisplan, dazu ein paar Butterbrote. Kein Gebäck, das ist zu gut, keine Marmelade, kein Honig, Wurst sowieso nicht. Guten Morgen! Ich esse 3 Stück Brot mit jeweils 2 cm Butter darauf, man braucht ja schließlich Kraft für den Vormittag.

6:45 Uhr: ich habe einen komischen Geschmack im Mund, ich möchte einen Kaffee. Ich putze mir noch einmal die Zähne, schlucke sogar versehentlich ein Stück Zahnpaste, wähhhh.

6:54 Uhr: habe schon wieder einen komischen Geschmack im Mund, jetzt sind nicht mal die Kinder noch aus dem Haus und schon rotiere ich irgendwie herum. Kraft hab ich ja noch genug von meinen Butterbroten. Immerhin.

7:20 Uhr: die Kinder sind in die Schule gegangen, ich streife mehrmals bei der Kaffeemaschine herum, schleiche vorbei, sehe sie mir an – sieht sie nicht herrlich aus!? Ein Prachtexemplar, das ist mir noch gar nie so aufgefallen. Wie es da wohl im Inneren riecht? Sollte ich mal den Kapsel-Slot öffnen, nur um zu erahnen, wie so ein Kaffee am Morgen wohl duftet. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern. Reiß dich, zamm, Chrisserl, schießt es mir durch den Kopf und ich denke an den Herrn Jesus. Der hat das auch durchgehalten in der Wüste. Da hab ich eh noch a Glück in meiner wohltemperierten Küche mit meinen 73 gr Butter im Wamperl.

7:35 Uhr: Heut krieg‘ ich aber auch gar nix auf die Reihe, ich lege mich zur Vorsicht mal wieder zurück ins Bett und überdenke nochmals meinen Fastenplan. Außerdem seh ich vom Bett aus die Kaffeemaschine nicht.

8:30 Uhr: Jetzt werd‘ ich irgendwie schwach, um nicht zu sagen, schwindelig. Meine morgendliche Turneinheit werde ich wohl heute ausfallen lassen müssen, weil man will ja schließlich nicht zu viel Energie auf einmal verschwenden, der Tag kann ja noch lang werden! Und frisieren ist wohl auch vertane Liebesmüh‘, von der Entsorgung der sandmännlichen Augenrammerl will ich gar nicht reden, also lasse ich den Weg ins Bad. Wieder was gespart.

Wenn du fastest, pflege dein Haar und wasche dir das Gesicht wie sonst auch, damit die Leute dir nicht ansehen, dass du fastest; nur dein Vater, der auch im Verborgenem gegenwärtig ist, soll es wissen. Mt 6

9:00 Uhr: vielleicht sollt ich mal das Frühstücksgeschirr wegräumen, ich zaudere kurz, schwinge mich ungelenk aus dem Bett und lasse einen lauten Schrei los, weil sich mein Kreuz meldet, marschiere dann aber tapfer wieder in die Küche, wo mich die Kaffeemaschine anglitzert und die Brösel auf den Tellern dazu verleiten, ein paar aufzupicken und schnell im Mund verschwinden zu lassen. Is ja schad‘ drum!

9:30 Uhr: Jemand spricht zu mir. Es ist Dany Sigel. Sie sagt „rrrrrrrrrröstfrisch“, immer wieder höre ich „rrrrrrrrröstfrisch“. Keiner kann das „R“ so rollen wie die Sigel. Aber warum hör ich das gerade jetzt? Ich glaub, ich geh jetzt mal eine rauchen, sonst dreh ich hier noch durch. Ups. Stopp! Mit Rauchen ist ja heute auch nix. Keine Zigarette. Kein Kaffee. Kein „rrrrrrröstfrisch“.

10:00 Uhr: Jetzt wird’s mir aber zu bunt. Wie lange dauert dieser Tag denn heute noch? Ich bin schon ganz schwach, hab immerhin noch nichts Gscheites gegessen, geschweige denn getrunken. Das hält ja kein Mensch durch!

10:14 Uhr: Aber warum nehme nur ich das so streng, ich sollte mal etwas lockerer werden, kein Mensch in meiner Umgebung führt sich so auf wie ich. Und Kaffeefasten? Was soll dieser Blödsinn überhaupt? Und wer hat da was davon?

10:32 Uhr: Jetzt muss ich aber was essen! Das hat ja alles keinen Sinn! Ich nehme mir eine Bananenmilch. Das ist legitim. Ein bisserl süß zwar, aber doch gesund, oder? Ich werfe 3 Riesenbananen in den Mixbehälter und der Stab hat zu kämpfen, dass er die Runden fertigdreht, soviel Inhalt ist da zu bewältigen. Aber ich brauche schließlich Kraft an so einem Fasttag!

11:00 Uhr: Woutti! Jetzt wird die Sache schon grenzwertig! Hardcore, sozusagen. Dany Sigel hat sich zu einem Permanent-Tinnitus ins Ohrwaschl gesetzt und zirpt mit hellem Stimmchen „rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr“

11:45 Uhr: Vielleicht schau ich ein bisschen fern. Dazu lege ich mich kurz auf die Couch, bin irgendwie noch immer schwach. Diese Essensreduktion fordert ihren Tribut. Ich muss nicht erwähnen, dass gerade auf 17 von 46 Kanälen Werbung läuft. Und was wird da um die Mittagszeit gesendet? Haftcremes für Zahnprothesen und Rheumasalben sind es nicht. Aber Essenswerbung: Luigo Pizzi und JummieJummie haben was Neues erfunden, das Maier Mousse au Chocolat fließt nur so den Gaumen runter, Pierce Postmann kocht Schrimps vom Spar, die Triplo-Praline wird in der U-Bahn ausgeteilt und was weiß ich noch was für ein Unfug. Gut, dass Zigarettenwerbungen inzwischen verboten sind. Der Marlboro-Man, der wär jetzt was…den würd ich nicht von meiner Bettkante stoßen….

13:03 Uhr: Ich muss mich wirklich aufraffen und was kochen, schließlich kommen die Kinder bald heim, denen ich übrigens ans Herz gelegt habe, sie mögen doch heute auch versuchen, wenigstens auf Naschzeug zu verzichten. Aber wie komm ich jetzt wieder ohne Kreuzschmerzen von der Couch hoch? Ich versuche es über einen Seitstütz, die Bauchmuckis flattern. Dann koche ich eine Erdäpfelcremesuppe. Das ist ok für einen Couch-Potato. Eine bodenständige Fastensuppe. Mit einer Packung Sauerrahm und 18 Löffel Öl zum Zwiebelanschwitzen. Und ein paar Stück Brot dazu. Oder so. Und einen Salat. Mit ein bisserl steirischem Kernöl. Das wird man wohl noch dürfen. Ich muss mich immer wieder an der Arbeitsplatte in der Küche stützen, so schwach bin ich schon….Dazwischen reiß ich den Kühlschrank auf und rieche am Wurstpackerl. Einen Lungenzug mit Salami – jawui!

13:50 Uhr: so ein Zigaretterl nach dem Essen…. Oder so ein Kaffee…. Das wär doch was, nicht? Ich überleg mir, ob ich nicht einen Nachmittagsspaziergang machen sollte und dabei als Vorwand irgendwas an der Tanke kaufe, denn da drinnen riecht‘s unheimlich nach Rauch, da ist ja ein angeschlossenes Café und da könnt ich dann drinnen stehen und mal so richtig durchatmen. Und mir eine durchziehen. Die volle Yogaatmung: Zuerst in den Brustkorb, bis er sich an den Flanken weitet und dann weiter hinunter, ganz tief hinein in den Bauch. Eh nur passiv. Ja, bist denn du noch zu retten, denk ich mir noch, und krieg irgendwie zeitgleich auch schon Kopfschmerzen. Linke Gehirnhälfte. Das muss der Entzug sein.

14:34 Uhr: Bin voll auf Turkey. Der Schädel schmerzt, ich kriege Schweißhände. Das kann nicht gesund sein. So gut wie nichts gegessen heute und keinerlei Aufputschmittel. Das wird den Herrn Jesus jetzt aber auch nicht sonderlich glücklich machen, wenn’s mir so schlecht geht. Der Bauch vibriert, das Kreuz zieht, die Sigel zirpt „rrrrrrrrrrrrrrröstfrisch“. Ich muss mich erneut hinlegen.

Ist das vielleicht ein Fasttag, wie ich ihn liebe, wenn ihr auf Essen und Trinken verzichtet, euren Kopf hängen lasst und euch im Sack in die Asche setzt? Nennt ihr das ein Fasten, das mir gefällt? Nein, ein Fasten, wie ich es haben will, sieht anders aus! Jes 58

15:00 Uhr: Eine WhatsApp-Nachricht von einer Freundin: Ob ich denn heute zum Heringsschmaus mit anschließendem gemütlichen Beisammensein bei Bier und Wein Zeit und Lust hätte. Zeit und Lust, schreibt sie, diese Henne! Was bildet die sich eigentlich ein! So eine rotzfreche Göre, besitzt die Stirn und lädt mich ein! Mir schwindelt, ich wanke zurück auf die Couch, rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr, die zweite Gehirnhälfte beginnt zu schmerzen. Wie kann die mich einladen, wo ich doch heute nichts zu mir nehme, was mir schmeckt, wo ich doch heute eindeutig faste! Ich schreibe ihr eine geharnischte Kurzmeldung mit meiner Absage. Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr

15:34 Uhr: Die ersten Halluzinationen mischen sich mit der Realität – ich sehe einen Hering mit einer Zitrone im Maul, er liegt auf meinem Küchentisch. Und Majo! Alles voller Majo! Ich halte das nicht mehr aus! Ich muss etwas essen, am End kollabier ich noch, ich brauch doch die Kraft für meine Kinder und meinen Haushalt, weshalb ich mich erneut über den Seitstütz in die Vertikale befördere und mal schaue, was es in der Küche Neues gibt: das Geschirr türmt sich vom Mittagessen, die Kaffeemaschine hat eine Aura, von der ich hin und weg bin, auf einem Board liegen die Zigaretten, im Regal verströmt Schokolade einen süßlichen Duft und aus dem Kühlschrank strömt zarter Wurstgeschmack.

16:05 Uhr: Ich habe die Küche geputzt. Also, geputzt ist zu viel gesagt: ich habe das Geschirr in den Spüler geworfen und die Arbeitsflächen sporadisch abgewischt, während mich der Hering weiterhin anstarrt und Dany Sigel auch noch am Küchentisch Platz genommen hat. Jetzt übertreibt sie aber ein bisschen. Hoffentlich redet die nicht mit mir. Dann müsste ich nämlich einen Arzt konsultieren. Mein Kopf ist ein einziger Schmerz. Bin auf Entzug. Bin fertig mit mir und der Welt. Nur noch 39 Tage und 8 Stunden. Das wird doch wohl zu schaffen sein.

16:45 Uhr: Mir kracht der Magen, als mein Jüngster die Küche betritt und mit seinem zarten Stimmchen fragt: „Darf i Schoko-Pops?“ Himmel Herrschaft! Da ich mit meinen Kräften völlig am Ende bin, verkneife ich mir den Hinweis, dass dies kein grammatikalisch korrekter Satz ist, weil das Verb fehlt. Auch frage ich ihn nicht zum 40.000sten Mal, was er mit den Schoko-Pops wohl machen will: „verkaufen?“ „zerquetschen?“ „in die Luft hauen?“ oder vielleicht – wie es korrekt heißen würde: „essen“. Ich resigniere. Ich bin zu schwach. Ich erkläre ihm auch nicht, dass Schoko-Pops sehr wohl etwas zum Naschen sind und wohl kaum unter Gemüse einzuordnen seien. Sollen doch alle machen, was sie wollen. Mit mir geht es sowieso zu Ende….

17:30 Uhr:  Es wird dunkel. Ein Hoffnungsschimmer. Da darf man ja dann essen, oder? Verflixt, jetzt hab ich mich doch glatt in der Religion geirrt – ich besinne mich meiner christlichen Wurzeln. Aber man könnte doch … konvertieren…. Nach Sonnenuntergang mit dem Fasten aufhören, das wär’s doch jetzt. Ich muss mich da mal erkundigen.

18:03 Uhr: Zeit für ein kleines Abendessen: ich schmiere mir mit letzter Kraft – während ich auf einem Stuhl sitze – vier Käsebrote mit insgesamt 40 gr Butter und 75 gr Gouda. Zitternd esse ich, während ich Dany Sigel ein Schnittchen anbiete. Sie will aber nicht, sie verschwindet einfach. Als ob ich am Abend noch einen rrrrrrrrrröstfrischen Kaffee wollte – ha! Die soll woanders zirpen.

19:00 Uhr: Es ist stockdunkel draußen, ich gähne seit einer halben Stunde, während ich mir eine Sitcom nach der nächsten reinziehe, die Kopfschmerzen haben ihren Höhepunkt erreicht, ich denke, ich werde mich zurückziehen und ins Bett gehen. Von meinen Kindern verabschiede ich mich kurz, aber intensiv, ich drücke sie noch einmal fest und sage ihnen, wie gern ich sie habe und wie sie mein Leben seit Jahren bereichern und dass es schön mit ihnen war und dass sie jetzt womöglich sehr tapfer sein müssen und dann manövriere ich mich mit einem letzten Seufzer in mein Bett. Ich weiß ja schließlich nicht, ob ich noch einmal aufwachen würde, so geschwächt und am Boden zerstört wie ich nun mal bin...


Donnerstag, 4:46 Uhr:


Ich erwache. Ich lebe noch. Stolz bin ich auf mich. So eine Beherrschung braucht der Mensch, da könnten sich einige ein Scheibchen von mir abschneiden: mit nur 10 Broten, 3 Teller Erdäpfelcremesuppe, ein Dreiviertel Kilo Käse, 3 Bananen, einem halben Liter Milch, einer Schüssel Salat und einer halben Butterpackung musste ich 12 Stunden auskommen. Low carb Diät á la Chrisserl. Ich habe Bauchmuskel-Kater vom Couch-aufstehen und wieder niederlegen, schrammte knapp an einem Bandscheibenvorfall vorbei und litt unter Migräne, Tremor und Schweißausbrüchen, nebenbei habe ich eine Freundin beleidigt und meine Kinder verzogen. Das Haus schaut aus wie nach einem Bombenangriff, da ich unfähig war, auch nur die geringste Systemerhaltung zu verrichten, ich verzichtete auf mein Training, auf Bewegung, auf Frischluft und auf buntes, gesundes Essen. Habe 2 Kilo zugenommen.

Ich hatte meine Tiefen, ja, das geb ich zu. Aber hab ich einmal auch nur gejammert? Hat man mich einmal nur mein Leiden nach außen tragen sehen? Habe ich einmal nur geklagt oder Zähne geknirscht? NEIN! Definitiv NEIN.

Wenn ihr fastet, setzt keine Leidensmiene auf wie die Heuchler. Sie vernachlässigen ihr Aussehen, damit die Leute ihnen ansehen, dass sie fasten. Mt 6

Nur noch 39 Tage, denk ich mir, doch dann drehe ich mich auf die Seite und sehe Dany Sigel schnarchend in meinem Bett: „rchrchrrrrrrchrrrrrchrrrrrr“. Sie hat ein Nachthemd aus Fischschuppen und eine Zigarette im Mund!!!

Das ist der Moment, in dem ich beschließe, es für heuer mit dem Fasten gut sein zu lassen.

Mittwoch, 14. Februar 2018

Be my valentine - Speed Dating


Speed Dating – Be my valentine


In meiner Umgebung findet derzeit ein extremer Männerschwund statt: in jedem 2. Haus ist einer verschwunden – und das in Wirklichkeit, nicht nur statistisch. Sie wurden dahingerafft durch Scheidung, Trennung oder Rauswurf von Seiten des schwachen Geschlechts; kein einziger ist eines natürlichen Todes gestorben, im Gegenteil, sie sind alle bei bester Gesundheit – aber einfach eben nicht mehr da. Die Ämter und Behörden prosperieren durch die Einhebung von unzähligen Gebühren und Abgaben, um den formellen Schlussstrich zu setzen und haben ihre hellste Freude daran. Nicht so erfreut sind die hinterbliebenen Damen in ihren großen Häusern mit ihren gebrochenen Herzen. Aber dem kann man ja Abhilfe schaffen, weshalb einige bald nach ihrem schweren Verlust beschließen, am Valentinstag zu einem Speed-Dating zu gehen. Und ich geh natürlich mit.

Wir sind zu dritt, wir sind gestylt, wir sind bereit. Na ja, zu dritt sind wir. Das steht fest. Das mit dem Styling ist ja so eine Sache, vor allem bei mir, die mehr dem Wolldesign und gemütlichen Waldviertler Schuhen zuspricht als einem zeitgemäßen Fashion-Look. Und bereit? Nach außen hin, ja. Da müssen wir jetzt durch. Man muss sich den Markt ja wenigstens mal anschauen. Frischfleisch beschnuppern, auch wenn wir alle drei noch heimlich den guten, alten Zeiten nachheulen und alles am besten so geblieben wäre, wie zwei Wochen nach dem ersten Schäferstündchen. Jojojojo… ich weiß, das will jeder und entbehrt eh jeglicher Realität…

Zeit für Frischfleisch!


Wir setzen uns ins örtliche Veranstaltungszentrum jede an einen einsamen Tisch mit noch einem einsamen Sesserl und warten aufgeregt. Dann marschiert das Frischfleisch ein. Mehr oder minder pfundige Kerle, da fehlt’s an nix.

Ich empfange den Ersten, ein hochgewachsener, bierbaucherltragender Mittvierziger mit schütterem Haupthaar und Intellektuellenbrille. Er hat Schwitzehände, erzählt mir von politischen Unruhen im Baskenland und fragt mich nach meiner Meinung dazu. Jetzt schwitze ICH. Wo, um alles in der Welt, ist das Baskenland? Ich kenne eine Baskenmütze. Vielleicht bin ich modisch gar nicht so daneben, denke ich mir noch direkt ein bisschen stolz, bevor mich wieder Geographie und Politik auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Ich stottere herum, mache ein paar unpassende Witze, hoffe, dass die Zeit bald um ist. Ist sie nicht. Es geht weiter. Er beginnt über Zuma zu reden, ich nicke betroffen. Hat der jetzt Zumba gesagt? Will der jetzt allen Ernstes mit mir über Zumba reden oder gar noch in irgendeinen Kurs gehen? Oder ist er mit seinen Gedanken in Südafrika – fährt mir noch ein Geistesblitz durch mein Blondinenhaupt.  Doch es ist zu spät. Er entschuldigt sich, da er offensichtlich doch erkennt, dass man mit mir hier nicht weit kommt, Politik, Geographie und Geschichte seien seine Steckenpferde, dafür sei er Feuer und Flamme. Das ist grundsätzlich ja nicht schlecht, wenn einer für eine Sache brennt, denk ich mir noch und dann ertönt die erlösende Pausenglocke.Zeit für die Jungs, einen Tisch nachzurücken.

Des Pudels Kern an Lebensweisheit


Meine zwei Mitstreiterinnnen und ich werfen uns verstohlene Blicke zu und schon sitzt mir der nächste Bursche gegenüber: Markenkleidung, Sonnenbrille am Kopf, Gel in den Haaren. Er erzählt mir in den ersten drei Sätzen, dass ihn seine Arbeit anzipft, dass die Ausländer und die Regierung an allem schuld seien und dass er ein hochpreisiges Auto besitze. Uje! Aber er freue sich jedes Jahr auf seinen Urlaub im Ausland, denn da gönne er sich schon mal was. Und noch einmal: Uje! Wie krieg ich den wieder los und vor allem: was erzähl ich dem jetzt von mir? Dass ich arbeitslos, geschieden und behindert bin und daran sicher kein einziger Ausländer schuld ist. Dass ein Auto für mich von A nach B fahren muss und sonst auch schon gar nix. Und dass es schade um die Lebenszeit ist, wenn man nur für seine 5 Wochen Urlaub im Jahr lebt. Nein, das sag ich natürlich nicht! Sondern im Gegenteil: ich nicke mitfühlend und betroffen und freue mich auf den nächsten, aber das kann dauern… der Gelbursche hält weiterhin sein Referat über sein engstirniges, armseliges Spießerleben, wobei erwähnt sei, dass er dafür weder für den Friedens-, noch für den Literaturnobelpreis nominiert werden würde, das steht schon mal fest. Ich sage nicht viel dazu, man will sich ja nicht die Zunge unnötig verbrennen, doch es kocht in mir. Der Flirtpegel ist unter Null, die Verzweiflung auf dem Höhepunkt. Die erlösende Glocke beschert mir den nächsten:

Speed and fun(ction)


Ein Bild von einem Mann! Braungebrannt, sportlich, Funktionskleidung, Bart. Seine Augen strahlen, sein Händedruck ist fest, er ist ein Schneller, verliert keine Zeit. Wenn er spricht, überlappen sich teilweise die Wörter, ich kann ihm schlecht folgen. Aber es kommt eigentlich eh nur Dampf heraus. Am Anfang will er noch wissen, wie viele Bergtouren ich schon gemacht habe, ob ich schon mal Kitesurfen war und welchen Ruhepuls ich besitze. Momentan zirka 120, weil der Typ reißt mich mit und macht mich mit seinem Tempo völlig nervös. Und dann fällt ihm gar nichts mehr ein. Zugegeben, ich mach’s ihm auch nicht leicht: ich erwähne kurz meine körperlichen Kalamitäten, ich sehe, wie ihm die Bräune aus dem Gesicht rutscht, aber ich versuche, das Thema umzulenken. Ich sei sehr wohl naturbegeistert, hätte einen schönen Garten, würde kleinere Radtouren unternehmen, würde gerne fotografieren oder auch mal nur zuhause auf der faulen Haut liegen. Wusch. Dann war’s auch schon aus mit dem Redeschwall meines Gegenübers. Ich komme mir blöd vor. Er sich offensichtlich auch. Er starrt auf sein Handy, wischt herum, schreibt. Er schreibt! Neben mir, mitten im Gespräch… ähm… also mitten im Schweigen beginnt der einfach zu schreiben. Er entschuldigt sich, denn er müsse dies jetzt unbedingt beantworten. Dann wieder peinliches Schweigen. Die 7 Minuten Kennenlernzeit werden zu gefühlten 7 Stunden. Dann ist er weg. So schnell wie er gekommen ist.

Ich blicke noch einmal hilflos zu meinen Mädels, die alle schon freudig erregt mit roten Backen dasitzen – mir kommt sogar vor, ich sehe Herzen in ihren Augen. Das kann aber auch täuschen, ich sehe ja immerhin überall Herzen.

Im Zuchthaus


Der vierte Mann schleicht zu meinem Tisch, ein schlaksiger Typ mit stechend blauen Augen und einem schelmischen Lächeln. Sein Hemd ist fast bis zum Nabel offen, er präsentiert mir stolz seine komplett rasierte Brust, seinen Kopf hält er schief, er begutachtet mich, macht mir gleich ein Kompliment: ich hätte so schöne lange Hände, da könne er sich gut vorstellen, was die alles bei ihm anstellen würden. Schluck. Er grinst überlegen, erzählt ein bisschen von seiner Arbeit als Verkäufer, und erwähnt, dass er in seiner Freizeit gerne fotografiert. Oh, eine Gemeinsamkeit, wie schön! Doch er kommt bald zum Punkt: Er hätte beobachtet, dass wir zu dritt gekommen wären, meine Mädels gefielen ihm auch sehr, wir könnten doch mal eine Fotosession machen. Gerne ginge er dazu in den Wald und rate den Damen, sich nur spärlich zu bekleiden. Mir wird heiß. Ich brauche meine Strick-Seelenwärmer und meine dicken Schuhe, sonst komm ich nicht mit in den Wald. Das denk ich mir aber nur, sagen tu ich nicht mehr viel, dafür geht er gleich in medias res: ob ich denn rasiert sei, denn eigentlich würde er den vollen Busch bevorzugen, bei Frauen auf jeden Fall, selber aber würde er jedes Härchen kopfabwärts bekämpfen und töten. Und ob ich denn immer brav gewesen sei, sonst wüsste er schon ein paar Methoden zur Züchtigung. Ich hätte doch wohl wenigstens den Film mit den Shades gesehen, so blauäugig könne ich doch gar nicht tun, dass ich von solchen Dingen keine Ahnung hätte und er würde mir das schon richtig beibringen. Nein, danke. Wir können ja mal ein paar Blumen in meinem Garten fotografieren, schlage ich zur Güte vor, doch das gefällt ihm weniger. Es läutet. Dem Himmel sei Dank!

Und was passiert dann? Nichts.


Es kommt keiner mehr an meinen Tisch. Um Gottes Willen. Jetzt hab ich die Herrschaften verärgert. Das kann doch nicht wahr sein, wieso passiert das immer nur mir? Alle anderen Damen unterhalten sich leidenschaftlich: die eine mit dem Sportlichen, bei ihr wischt er nicht auf seinem Handy herum. Und die andere sehe ich schon in eine heiße Diskussion verwickelt über das schwere Leben in einem Sozialstaat mit all seinen Ungerechtigkeiten.

Auch die restlichen Frauen werden von den übrigen Männern belabert, mir kommt vor, eine zeigt dem Sado-Maso-Nackt-Mädels-Fotografierer sogar ihre bewaldete Achsel.

Und bei mir? Keiner da. Niemand. Doch dann kommt der Speed-Dating-Leiter mit einem Zettel, den er mir stumm auf den Tisch legt. Darauf steht:

„Ich schreibe sehr gerne ein langes Gedicht.

Du bist so fein, ich bin es nicht.

Auch bist du keine Blede

Musste fort – stante pede.

Mama wurde krank.

Sie braucht mich, Gott sei Dank.

Wir sehen uns ganz sicher bald,

dein Herz ist warm, meins ist kalt.

Jetzt mach ich Schluss, sonst wird’s zu spät,

Küsschen, Grüßchen, Dein Poet.

P.S.: habe obiges Gedicht auf Facebook, Twitter und Instagram veröffentlicht und dafür 4 likes, 3 retweets und 5 Herzen bekommen, freue mich auf ein Wiedersehen mit Dir.“

JoWui! Das funzt! Ein geheimnisvoller Fremder, der mit Sprache äußerst gut umgehen kann, eine soziale Ader hat, weil er gut auf seine Mami schaut und auch noch präzise Menschenkenntnis besitzt, bescheiden und selbstreflektierend sowie intelligent ist. Der wär‘ was für mich! Er ist aber leider nicht da. Er würde auch niemals da sein. Aber das erfahre ich erst, als wir endlich das Veranstaltungszentrum verlassen dürfen.

Hobby-Veggie mit Hang zu Spinnweben


Es läutet nämlich doppelt und sehr laut – ein Zeichen, dass der Spuk vorbei ist. Die Fleischbeschau hat ein Ende, wir verabschieden uns freundlich und gehen zurück in unsere großen, leeren Häuser voller Träume.

Ich reflektiere kurz den heutigen Nachmittag und komme zur Erkenntnis, dass ich eigentlich ja gar kein Frischfleisch mag. Bin ja quasi Hobby-Vegetarierin. So beschließe ich, fürderhin nicht mehr auf die Suche zu gehen und mir an wenig genutzten Stellen meines Körpers flotte Spinnweben wachsen zu lassen.

Freitag, 9. Februar 2018

Tempus fugit - Sprechdurchfall


Tempus fugit – Leben ist Veränderung


Wie die Zeit vergeht und vor allem wie sie sich ändert, kann man ja u.a. an der Sprache sehr gut erkennen.

Als ich jung war, gab ich meinem Erstaunen oder meiner Verwunderung Ausdruck mit einem herzhaften „Woutti!“, was meine Kinder heute mit „Oida!“ machen. In gehobeneren, gebildeteren Kreisen beliebte man auch ein überraschtes „Troutti!“ von sich zu geben, das gegenwärtig mit dem Englischen „#WTF“ (What the fu*) ersetzt wird.

Ach, was schreib ich da: Man sagt ja nicht mehr „Kinder“, das sind jetzt ja „die kids“. Wenn ich früher „Kids“ hörte, dachte ich an die Ziegenkitze in Omas Stall. Jetzt hab ich drei davon und habe oft Mühe, ihnen sprachlich folgen zu können.

 Des Kaisers neue Kleider

Was wir am Leib trugen und simpel als „Seelenwärmer“ = „Pullunder“ oder „Joppn“ bezeichneten, nennt die Jugend von heute „hoody“. Sogar „sweater“ ist out. Sie tragen nur mehr „tank tops“, „longsleeves“ und „funktionswäsche“. Was um alles in der Welt ist das?

Ich glaub, damit gehen sie dann in die Mucki-Bude und machen dort „Konga“ und „Jagua“, um einen „jungle body“ zu bekommen. Wir waren seinerzeit einfach im „Fitness-Zenter“ und machten „Aerobic“. Also, ich nicht wirklich mit meinem Hinkebein. Ich trieb mich mehr in den LKHs und auf den Physiotherapien herum. Mit Grobstrickstrumpfhose und Seelenwärmer. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und die Zeiten, in denen mich meine Oma erstaunt fragte: „wos host dir gekauft? An Tischherd?“, als ich mit einem neuen T-Shirt heimkam, sind auch längst vorbei.

Chillig oder Chili?

Wenn der Jugend etwas gefällt und gut funktioniert, dann „funzt“ das; wenn sie abends fortgehen, müssen sie „vorglühen“, was ich zugegebener Maßen auch immer mache. Ich trinke dann jedoch ausschließlich Kaffee, sonst schlaf ich ja um halb 10 an der Bar ein. Was heißt „Kaffee“ … einen „Latte Chiligeschmack“, „Macchiato mit Gulaschodeur“, „Ristretto geräuchert“ oder „Irish Guinnessflavour“ trink ich da. Mit Geschmacksrichtungen, davon konnten wir früher nur träumen.

Die Kids „chün“(=“chillen“) auch sehr viel, was eigentlich dem gelangweilten „woutti/troutti, is mia fad, wos moch ma denn?“ der 80er entspricht.

Ein Mittagsschlaferl auf der Eckbank ist plötzlich ein „powernapping in der lounge“, die Mama, die früher an der Abwasch stand, heißt heute „gschirrli“, gebadet wird in „guter Laune-Fluid“, „Harmonie für den Abend-Bubbles“ oder „prickelnd durch Nacht-Kugeln“ - und nicht mehr bloß im fichtennadelduftenden „Bade-Das“ vom Lebensmitteldiscounter in der Bezirkshauptstadt.

Die gute alte Zeit....


Keinerlei Weiterentwicklung erfuhren allerdings die Ausrufungen „Do geht’s um – im Konsum“, weil es selbiges Geschäft, das mich quasi ab der Mutterbrust großzog, nicht mehr gibt, „bis morgn um drei, in der Vogelscheißerei“ und „servas, griaß di, geh ham und daschiaß di“. Man ist heute einander offensichtlich freundlicher gesinnt. In den Achtziger-Jahren war die Aufforderung zum Suizid scheinbar noch kein „no-go“. Auch jegliche andere Tötungsarten konnte man sich, sogar auf Buttons gedruckt, an den Revers heften: „wer Popper ist und Vespa fährt, ist nicht einmal die Kugel wert.“ Na bum. Heutzutage tut man höchstens noch „poppen“, aber das hat mit den selbstverliebten Typen auf ihren Mofas nur bedingt zu tun.

Bei manchen Sachen sind die Kitz von heute also eindeutig fortgeschrittener und sie warnen sich im Winter sogar gegenseitig: „don’t eat the yellow snow, bro!“ – wir hingegen haben uns damals richtig reingelassen in die Materie: kristallisierter Natursekt hat ja durchaus auch seinen Reiz… Sah aus wie ein „Zitronenkracherl“. Wähhhh

Fahnenflüchtig


Und wenn man in der „Mittelschui“ (= heute „Gymi“, nicht zu verwechseln mit „NMS“, was eher wie eine Krankheit als eine Bildungsanstalt klingt) einen Rock oder ein Kleid anhatte, wurde man von seinen männlichen Klassenkollegen quasi sexuell belästigt mit der Frage: „liebst du Österreich? – dann ‚Fahne hoch!‘“, was ein zeitgleiches Hochreißen des Rockes mit sich zog und man dann in Schlüpfer und Grobstrickstrumpfhose vor der Klasse stand. Ich kann nur sagen: #metoo. Da hat einen der „Seelenwärmer“ auch nicht mehr rausreißen können.

Das hat mir nicht gefallen. Wenn einem aber etwas gefällt, dann nennt man das jetzt „grenzgenial“, obwohl „woutti, du host an Schuss!“ der eigentlichen Aussage oft näherkommen würde.

Exit(us)

Grenzgenial ist auch, dass bei mittlerweile schon fast allen Frauen der Liebste, den sie einst als „der Meinige“ bezeichneten, jetzt nur mehr kurz und bündig zum „Ex“ mutiert ist.

Aber so ist das Leben. Veränderung eben. Alles ist gut – solange man von seinem Partner nur nicht als „Mama“ oder „Vati“ bezeichnet wird. Da bin ich dann doch lieber eine „Exe“ mit einer nach Fichtennadeln duftenden Grobstrickstrumpfhose, die um halb 8 auf der Couch einschläft, weil ihr Jungle body wieder mal nicht hält, was er verspricht. Troutti!

Freitag, 2. Februar 2018

Herz(en)-Attacke


Herz(en)-Attacke


Zefix! – jetzt kommt er auch schon wieder bald, dieser Valentinstag. Man wird auf Schritt und Tritt von der Werbung verfolgt, man wird von Herzerln fast erdrückt, hier ein Polsterl, da ein Unterhoserl mit einem Herz-Ausschnitt – on fleek, selbstverständlich; beim Bäcker werden die Semmeln nur mehr in Herzform produziert, auf den frisch-saftig-steirisch-Äpfeln ist ein Herz gebleicht, die Schablonen für die Intimfrisur in Herzform sind wochenlang vorher schon ausverkauft und Abwaschfetzen, Schlüsselanhänger, Papiersackerln und Hausschlapfen tun das Ihrige. Nichts zipft mich so an wie diese Herzen. Nichts hat für mich so wenig mit Liebe und Romantik zu tun wie dieses Herzerl-Zeug.


Und dann passiert mir DAS: Seit ein paar Wochen bin ich eine „Sehende“: Es formen sich vor meinen Augen Herzen - aus dem Nichts! Überall: in der Natur, in der Küche, auf der Straße, mitten in meinem Essen, in der Badewanne und am Himmel: Patzt ein Kind einen Tropfen Saft auf den Boden, formt er sich zu einem Herzen, bleibt in der Schüssel ein Blatterl Salat übrig, wird es zu einem Herzen, schlage ich ein Ei in einen Mehlhaufen, formt sich ein Herz daraus, nähe ich einen Knopf ein, zwirbelt sich der Zwirn hinter der Nadel zu einem Herzen, schmeißt jemand ein angerotztes Taschentuch auf die Straße – ein Herz! Bleibt der Schnee im Garten liegen, bildet sich ein Herz daraus, tropft es vom Dach auf die Terrasse, dann tut es dies in Herzform, werden die Leitlinien am Radweg neu gespritzt, erscheint dazwischen ein Herz, trinke ich meinen Kaffee aus, bleibt am Häferlboden ein getrocknetes Herz über, knülle ich die Decke zusammen, formt sich daraus ein Riesenherz, schabe ich den Ruß von der wieder mal verbrannten Pizza runter, fallen kleine Rußherzerln auf den Tisch. Ich werd‘ narrisch!


Der Duschschaum – ein Herz an den Fliesen, eine Tasse zu schroff angegriffen – die Delle wird ein Herz, Erdäpfel geschnitten – sie fallen in Herzform in die Schüssel, Fenster geputzt – ein verschmiertes Herz spiegelt sich bei Sonneneinstrahlung, der Kaktus bekommt neue Triebe – in Herzform selbstredend. Zünde ich eine Kerze an, tropft ein Wachsherz auf den Tisch, gebe ich einen Schuss Kernöl in die Erdäpfelcremesuppe, erscheint ein Herz an der Oberfläche, gebe ich mir Ketchup auf den Teller, spritzt es mit einem lauten Pups in Gestalt eines Herzens an den Rand, sitze ich auf irgendeinem Amt, in einer Ordination oder bei einer Veranstaltung, sehe ich auf den Bodenbelägen ein aus Flüssigkunststoff gespritztes Herz!


Aus ästhetischen Gründen möchte ich nicht weiter ausführen, welche Form oft ein Sputum auf einem Gehsteig annehmen kann oder wessen ich auf dem Abort schon Gewahr wurde. Wähhhhh! Das Bild kriegt man ja nie wieder raus aus dem Kopf. (Erinnern Sie sich, werter Leser, an meine Worte, wenn Sie das nächste Mal auf die Toilette gehen…)

Ich mag das alles nimmer sehen und deshalb bitte ich von Herzen alle Herzen: Herz auf damit !