Donnerstag, 20. Juni 2019

Slipping through my fingers





Schoolbag in hand, she leaves home in the early morning
Waving goodbye with an absent-minded smile
I watch her go with a surge of that well-known sadness
And I have to sit down for a while
SLIPPING THROUGH MY FINGERS ALL THE TIME
I try to capture every minute the feeling in it.
ABBA



Da steht es nun, mein Mädchen. Ganz weit vorne, ganz weit oben. Mit Stöckelschuhen und Lippenstift. Und mit der Matura in der Tasche. Und ich bin sowas von stolz auf sie.

Gerade noch, so kommt es mir vor, hab ich mit ihr geschrien, weil sie wieder nicht wusste, wie man „viele bunte Blätter“ schreibt, weil sie zum x-ten Mal „fiele bunde Bleder“ ins „Formati“-Heftchen kritzelte und mir der Geduldsfaden dabei riss.

Gerade noch, so kommt es mir vor, hat sie mir stolz ihren Side-Cut präsentiert, den ihr der Nachbarsbursch im zarten Alter von 4 Jahren mit der heimlich entwendeten Schere auf der Wohnzimmercouch verpasst hatte, nicht wissend, dass Side-Cuts ein paar Jahre später wirklich in Mode kommen sollten.

Und gerade noch, so kommt es mir vor, war sie in Rollenspiele vertieft, in denen sie rief: „Herr Pforrer, Herr Pforrer, da Jesus is gstorbn!“

Und jetzt steht sie da oben, ganz weit vorne. Und hat die Matura in der Tasche. Auch in Religion. Und in Mathematik. Und in all den anderen Fächern, von denen so mancher gar nicht weiß, dass sie überhaupt existieren.


Und die Zeit rennt. Slipping through my fingers all the time….

Heute noch einmal genug davon, um alles Revue passieren zu lassen. Während mein Mädchen also da oben, ganz weit vorne steht, lassen wir Eltern uns in einer dreieinhalb-stündigen Zeremonie durch sämtliche Wandertage und Ups and Downs des Schulalltags führen. Viele, viele Reden, viel, viel schöne Musik. Anekdoten aus den vergangen 8 Jahren, Philosophien über Bildung und Erwachsenwerden, Fotos und Pralinen-Schachteln-Gleichnisse, wie ein erfüllendes Leben gelingen könnte und viele, viele Menschen, mit denen mein Mädchen in den letzten Jahren wahrscheinlich mehr Zeit als mit mir verbrachte. Lehrer, Begleiter, Kratzbäume und Reibeflächen, Freunde fürs Leben.

Und sie ist da vorne, ganz weit oben.

Sie kriegt nicht wirklich mit, dass mindestens vier Leute in den hinteren Reihen bereits eingeschlafen sind, dass ein Kleinkind mit Elefantenschritten 37 Mal neben den Sesseln hin und her trampelt und uns alle fast zum Wahnsinn treibt; dass mich meine Sitznachbarin bei der Sessellehne schnappt und mich damit beinah zum Kippen bringt (danke D. für die erheiternden Momente!), dass drei Leute glauben, sie müssten immer wieder aufstehen und publikumswirksam durch die Reihen stolzieren und dass mich vom Cranium bis zur Patella vom langen Sitzen alles schmerzt, was in meinem Körper Rang und Namen hat.

Sie steht ganz vorne. Und kriegt nichts mit. Und das ist gut so. Denn der Abend gehört ihr. Sie hat die Matura in der Tasche und mir gleitet mein Mädchen aus den Händen.
Slipping through my fingers all the time. Aber sowas von stolz. Und dankbar.