Montag, 5. November 2018

Maturaball


Meine Tochter hat Maturaball. Kinder, wie die Zeit vergeht! Noch wackelte ich mit ihr im Kinderwagen schnaufend meinen Hügel hoch, während sie vor sich hin brabbelnd an ihren Jackenknöpfchen zupfte und schon bald würde sie im weißen Kleid ihr Tanzbein schwingen. Apropos Kleid: Man kann auf so einen Ball ja nicht etwa mit Jazz Pants und Sweater auftauchen, das ist ja schon mal der erste Haken an so einem Event. Ich brauche also ein Kleid. Ein anständiges. Ein elegantes. Es sollte vieles können: es sollte die Fledermausarme kaschieren - gar nicht auszudenken was passiert, wenn ich dem Töchterchen im Getümmel zuwinken wollte und der Unterarm streift schwabbelnd das Weinglas! Auch sollte es die Leibesmitte so darstellen, dass man mir nicht versehentlich zum vierten Kind gratulieren wollte, und es muss zu meinen Schuhen passen, die aus Jesus-Sandalchen mit Schnürriemen bestehen, weil ich nur darin den rechten, viel kleineren Fuß festzurren kann und weil eine Freundin (danke, A.!) mir sagte, meine Lieblings-Waldvierter-Schuhe seien in diesem Fall nicht angebracht. Ujujui – soviel zu bedenken und zu behirnen. Oder sollte mich das alles gar nicht tangieren? Sollte ich nicht so oberflächlich sein und ohne mit der Wimper zu zucken mein Wohlstandsbaucherl raushängen lassen und mit meinen Fledermausärmeln und meinen Gleichgewichtsstörungen bei Gelegenheit gleich den ganzen Tisch mit einem Wisch abräumen?



Auf weiteres Anraten einer Freundin (danke, A.!) suche ich mich durch ganz Emezon und lasse mir mal 4 Galaroben, die dort „Brautjungfernkleider“ genannt werden, zuschicken, um sie anzuprobieren. Das erste Päckchen kommt auch prompt, es ist aus Singapur. Ich schlüpfe in das Kleid, es ist mir nicht möglich das vermeintliche XL-Dress auch nur über meinen Lockenkopf zu pressen, von der Taille ganz zu schweigen. Retourschein angefordert, folgende Antwort erhalten:

„Es tut uns leid, die Größe nicht passt, obwohl wir in Produktbeschreibung klar gezeigt. wir werden unsere Kunden zufrieden sein zu lassen. weil internationale Versandkosten, das ist nicht die beste Lösung. Sie haben Freund, dem passt Kleid.“

Nein, hab ich nicht. Mir fällt kein einziger Mann in meinem Freundeskreis ein, dem dieses Kleid passen würde. Habe d’Ehre, was mach ich nun mit diesem Miniatur-Barbie-Fetzen?

Dann kommt die nächste Botschaft vom nächsten Händler, diesmal aus Taiwan: „Sie geben Masse. Wir machen Kleid.“ Ujegerl! Eine Maßanfertigung! Und wenn sich das nicht ausgeht bis zum Ball? Oder wenn es mir dann nicht gefällt? Oder ich darin wie eine Walküre ausseh? Ich storniere sofort meine Bestellung, noch am selben Tag kommt eine Mail:

„Aus welchem Grund moechten Sie Kleid stornieren? Wegen der Massebestaetigung oder? Machen Sie sich nichts Sorge. Fuer Massanfertigung keine Einfluss fuer die Ruecksendung. Bitte um kurze beantwort.“

Ich beantwort es kurz und mache denen am anderen Ende der Welt klar, dass ich mich über ihr Kleidl nicht drübertrau.



Eine Woche später nun wieder ein verheißungsvolles Packerl: In dieser Robe sehe ich aus wie eine Gottesanbeterin. Nicht wie eine Göttin. Nein, wie der Heuschreck, vor dem sich die Männchen fürchten. Retourschein anfordern, jetzt bin ich ja schon in Übung. Die Antwort folgt prompt aus Indien:



„Hier ist mein Vorschlag, unser Preis weniger ist 10%, wenn Sie das Kleid haben, dann Sie bei der Schneiderin anders, ging das?“

Nein, das ging nicht. Denn die Schneiderin ist ja keine Zauberin. Aus einem männerfressenden Viech kann man schließlich keine Gottheit machen.

Ja, gibt’s denn das auch! Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, gleich nach der Fangschrecken-Kopulation.



Und da ist es auch schon: das vierte Packerl trifft pünktlich ein, ich schlüpfe ins Kleid und es passt wie angegossen! Herrlich! Rot, lang, eine Spitze umspielt sanft die Fledermaushanderl, die Leibesmitte hat ah drinnen Platz. Ach, wie bin ich froh! Doch hat natürlich auch dieses Kleid seine Tücken, das sei schon mal vorweggenommen.

Bevor es auf den Ball geht, mach ich kurz einen finanziellen Überschlag: habe mir also 4 Kleider gekauft, bezahlt und mit diversen hohen Versandkosten rund um die Welt zurückgeschickt. Natürlich hab ich bis jetzt keinen Cent/Rupie/Dollar zurückbekommen, sodass ich sagen kann, mein aktuelles Ballkleid war das teuerste, das ich mir in meinem Leben je kaufte.

Auf dem Ball angekommen und im Festsaal Platz genommen, zieh ich mir mit meinem Gesäß auch gleich den Rückenteil kräftig nach unten, sodass ich nach kurzer Zeit im BH dasitze. Eine Freundin (danke, A.!) macht mich darauf aufmerksam und versucht es mir erfolglos mit Leibeskräften zurück hinauf zu schieben.

Der Ball ist wunderbar, mein Mädchen tanzt und vollführt akrobatische Hebefiguren, wonach ich mich über eine Treppe auf die Toilette schleppe – im wahrsten Sinn des Wortes, denn das Kleid wird immer länger und verheddert sich mit den Riemchensandalen, sodass ich es aufheben und in einem dicken Wurstelknoten über die Stiege ziehen muss. Noch bevor ich meine Notdurft verrichten kann, reiß ich im Zuge einer Kleid-Sandalen-Befreiungsaktion drei Riemen aus den Schuhen und vier Löcher ins Kleid. Bergauf geht die Sache etwas leichter, bilde ich mir zumindest ein, bis besagte Freundin (danke, A.!) hinter mir herrennt und wieder am Rücken peinlich berührt zu zupfen beginnt: „Dir schaut der gaunze BH aussa und den Popsch siecht ma a schon!“, keucht sie mir auf der Stiege nach. Mir wird’s jetzt langsam wurscht, was hab ich noch zu verlieren?

Offensichtlich einiges, denn als ich mich zum Kuchenbuffet begebe, beginnt sich jener Teil von unten aufzulösen, in den ich in der Toilette die Löcher gerissen habe, sodass ich mit einer Art ungewollter Schärpe zurück in den Ballsaal humple, meine aufmerksame Freundin (danke, A.!) wieder hinter mir her, diesmal schon puterrot vor lauter Fremdschämen. Ich sitze zufrieden am Tisch mit meinem vollen Baucherl, worüber sich jetzt auch noch der Unterteil des Kleides zu wölben beginnt, während sich die obere Spitze immer fester um den Hals dreht und mich fast abwürgt. Gut, dass wir anschließend Fototermin im Keller haben, jetzt muss ich wirklich wieder mal aufstehen. Der Fetzen ist in der Zwischenzeit um ein zweifaches gewachsen, der Stiegenabstieg hat was von einem Festakt. Wir kommen deshalb 10 Minuten zu spät. Der Fotograf ist peinlich berührt, es muss eine zweite Hintergrundleinwand aufgestellt werden, da Schärpe und Spitzen samt der gesamten neben mir verschwindend kleinen Verwandtschaft nicht genug Platz haben würden.

Ein unvergessliches Ballerlebnis!

Abschließender Bericht vom Fotografen: man musste sich ein neues Fotobearbeitungsprogramm zulegen, damit man meine Unterwäsche wegretuschieren, die Schärpe mit den Löchern ausbessern und mein Dekolletee freilegen konnte.

Abschließender Bericht meinerseits: Ich fand eine Schneiderin, die aus diesem Kleid insgesamt 3 neue machen konnte. Meine Freundin A. bekommt ganz sicher eines und zwei männliche Freunde in meinem Bekanntenkreis treib ich auch noch auf, denen ich eines andrehen kann. Dann ist auch Singapur zufrieden.