Dienstag, 26. Juni 2018

Notenschluss


Die Schlacht ist geschlagen. Bei drei Kindern. Das Schuljahr ist zu Ende.

UND ICH WAR IMMER DABEI.

WIR bereiteten 5 Portfolios vor zu Themen, die uns Null-Komma-Josef interessieren, wobei WIR nebenbei 93 Snaps ohne Filter und 18 mit einem solchen machten.

WIR aßen 552 Jausenbrote an insgesamt 184 Schultagen, von low carb keine Rede.

WIR fuhren jeden Tag 12 km mit dem Rad, dem Moperl, der Bim, oder mit dem Bus, auch fuhren WIR 140 km mit dem Zug.

WIR machten 12 Lesejournale über Bücher, deren Inhalt so lahm war wie das Rückspulen einer Musikkassette vor 30 Jahren.

WIR bereiteten 7 Referate vor, wozu WIR 3 verschiedene Computer-Module verwendeten und das WLAN zigmal verfluchten. Danach trugen WIR diese vor, wobei UNS fast immer ein Frosch im Hals steckte, den WIR dann mit viel Mut runterschluckten – Schluss mit dem Veggie-Zeugs…

WIR hatten 32 Schularbeiten, für die WIR uns tage-, wenn nicht oft wochenlang vorbereiteten, WIR lernten mit vollem Bauch nach dem Mittagessen, WIR lernten mit einer Funsn von Schreibtischlampe bis zum Einbruch der Nacht, und auch dann, wenn UNS der Schädel schon zu zerbersten drohte.

WIR hatten 27 Stundenwiederholungen über den Stoff der Vorwoche, den WIR nur mehr mühsam nachvollziehen konnten, weil WIR den Text in den Büchern mit lustigen Kugelschreiber-Manderln überschrieben hatten.


Sogar 10 Probematuren absolvierten WIR in Latein, ohne jetzt zu wissen, ob das Plural von „Matura“ „Maturen“ heißt oder etwa „Maturae“. Oder ob es „die Plural“ heißt.

WIR begannen schon mit UNSERER vorwissenschaftlichen Arbeit und zitierten aus 7 verschiedenen Büchern und Internetseiten, wobei WIR bei der Hälfte der Zitate die Quelle vor den Autor schrieben.

WIR beantworteten in 53 Tests an die 399 Fragen und vergaßen bereits beim Ertönen der Pausenglocke, was das byzantinische Reich war, wie eine Desoxyribonukleinsäure aufgebaut ist und vor allem warum in Hinterzipfelspatschen so eine hohe Abwanderung besteht.

Wir ließen 27.453 Mal die Augen rund um den Augapfel kreisen - wegan Schaß.

WIR hatten 824 Hausübungen und 53 Arbeitsaufträge, WIR lernten 1719 Vokabeln aus 3 verschiedenen Sprachen, verbrauchten 2 Zirkel, 7 Kullis, 21 Tintenpatronen, 4 Tintenkiller und 23 kg Papier.

WIR schrieben 34 Lernzielkontrollen in 9 verschiedenen Fächern, bei denen WIR ganz sicher nicht immer alles unter Kontrolle hatten.

WIR machten 7 Politikmappen, während WIR lautstark gangstaghettorap hörten.

Und ich war immer dabei.

Ja, ich war immer mit dabei, meine lieben Kinder!

AUF DER COUCH.

Aber mit dem Herzen.

…Man braucht ja schließlich auch mal ein kleines Päuschen von alledem.

Freitag, 15. Juni 2018

Pumperlxund?


Frei nach dem Motto: „habe meine Symptome gegoogelt: es gibt 3 Möglichkeiten - Pest, Borkenkäfer oder die Zylinderkopfdichtung“ zwickt und juckt es mich seit ein paar Tagen im unteren Bauch. Was tun? Natürlich frage ich nicht Dr. Google, ich bin ja kein Hypochonder, ich doch nicht. Nein! Ich gehe brav zum Arzt.

Als ich endlich drankomme, werde ich auch gleich gefragt, ob ich Stress und normalen Stuhlgang hätte. Ersteres nein, zweiteres ja – aber so genau will das hier vielleicht auch gar keiner wissen (außer der Arzt meines Vertrauens). Dann muss ich mich auf eine Pritsche legen, wo unten meine Füße weit hinausragen – sie sind kurz davor, im dahinter befindlichen Mistkübel zu landen. Sind denn diese medizinischen Liegen alle für eine Puppenküche gebaut, frag ich mich noch, während der Arzt bereits die Hose öffnet – also meine, nicht seine!  - und mit seinen kalten Griffeln auf meinem Bauch herumzudrücken beginnt. Je weiter er nach unten griffelt, desto schmerzhafter und juckender wird die Sache, was ich mit einem leisem Wimmern quittiere. Sein ernster Blick sagt mir, dass es da was Gröberes hat und mir steigen die ersten Grausbirnen auf. Deshalb bekomme ich eine Überweisung für eine Sonographie und die Aufforderung, zum Gynäkologen zu gehen wegen „abdominaler Schmerzen unklarer Genese“.

Jetzt aber nichts wie nach Hause und rein ins Internet – allen Unkenrufen zum Trotz muss das jetzt mal mit Dr. Google geklärt werden, man braucht ja schließlich eine Zweitmeinung. Und die lässt nicht lange auf sich warten: 46.354 Ergebnisse in 0,3 Sekunden beim Begriff „Bauchschmerzen“. Die Galle, die Leber, die Milz, der Magen, der Darm und sogar die Nieren, alles kann es sein; nur nicht die Bauchspeicheldrüse, die tut – selbst wenn man seinem Schöpfer schon empfindlich nah gekommen ist – nicht weh. Die ist es also nicht… Die einzelnen Organe werden vom www wieder in kleine Untergruppen-Krankheiten sortiert, jedes vermag noch einmal ca. 34 verschiedene Bilder aufzuweisen, die ich in zig Fenstern meines Computers öffne. Dazu gibt es Foren, in denen sich Leute stundenlang darüber unterhalten, wie schmerzhaft so ein schlecht ausgedrücktes Wimmerl sein könne, vor allem dann, wenn man denkt, man hätte dabei die ersten Anzeichen eines Herzinfarktes. Ruhig bleiben, Chrisserl, ruhig bleiben. Ich gehe mal auf die Seite mit den „Hausmittel-Tipps aus Omas reichem Erfahrungsschatz“, stoße dabei auf den allseits beliebten Käsepappeltee und beschließe, mir einen solchen einzuverleiben, ziehe aber auch noch andere Heilmethoden in Erwägung und mache einen Termin bei einer Shiatsu-Massage und bei einer Chakren- und Aurakerzen-Energetikerin. Es sei dringend, schluchze ich durch mein Handy, die Prognose sei ungewiss.
Die Shiatsu-Masseurin hat als erstes Zeit für mich, sie beginnt mit einer Bauchmassage: der Käsepappeltee gluckst und gurrt, die dabei entstehenden Luftblasen wollen an die Öffentlichkeit. Mein Unterbauch juckt. Dann checkt sie meine Meridiane durch, indem sie drückt und wischt und bohrt – überall tut sie das, bis sie mir prophezeit, es sei entweder eine Verkühlung im Anmarsch oder meine Bronchien wären von irgendetwas anderem beleidigt, ich würde doch wohl nicht etwa rauchen, oder? Ertappt! Vor der kann man aber auch gar nix verbergen! Danach versuche ich aufzustehen, bin jedoch dermaßen bleiern, dass ich am liebsten an Ort und Stelle einschlafen würde. Das muss mit meiner schweren Erkrankung im Unterbauch zusammenhängen…

Nach einer wunderbaren Nacht, in der ich schlafe wie ein Neugeborenes, schleppe ich mich zur Sonographie, wo man mir dankenswerter Weise einen Notfalltermin um 5:45 Uhr in der Früh gegeben hat. Der Arzt nimmt schlaftrunken meine inneren Werte genauestens unter die Ultraschall-Lupe, konstatiert, dass ich einen langen Bauchspeicheldrüsenschwanz habe und verschreibt mir ein Medikament, welches das Baucherl ein bisschen beruhigen sollte. Ich hole es mir prompt in der Apotheke, spüle die erste Tablette mit einer weiteren Schale Käsepappeltee hinunter und warte geduldig auf die Nebenwirkungen, die 2,5 von 1000 Probanden aufwiesen und die auf einem Beipacktext stehen, der dreimal so groß wie mein Küchentisch ist: trockener Mund, Schwindel, Panikattacken, Halluzinationen, Libido-Verlust – dass ich nicht lache! So gejuckt hat mein Unterleib schon lange nicht mehr und irgendwie kommt mir heute sogar vor, dass sich der Schmerz auch langsam in eine Art von Lust verwandelt. Na, habe d’Ehre!

Da kann mir nur noch die Kerzen-Energetikerin helfen, zu der ich anschließend fahre: sie erzählt mir eingangs einiges über meine im Zellgedächtnis gespeicherten Blockaden, über Selbstheilungskräfte des Körpers und über die Liebe zu sich und anderen Wesen. „Hab euch eh alle lieb, tu endlich was gegen mein Bauchziehen und -jucken“, denk ich mir und ehe ich mich versehe, brennt ein unter meinem Nabel aufgestelltes Kerzerl lichterloh. Nachdem die Zeremonie beendet ist, schmiert sie meinen Bauch noch mit einem gut duftenden Öl ein und hält mich an, heute noch sehr viel zu trinken. Käsepappeltee, ich komme!

Tags darauf – und dies sollte der Tag der Erlösung in meinem Unterbauch-Drama werden – starte ich noch meinen letzten Versuch, um meiner heimtückischen Krankheit Herr zu werden, indem ich zum Gynäkologen gehe. Ein Einschub- und Wartetermin, versteht sich. 4 Stunden später sitze ich auch schon mit gespreizten Beinen vor seiner Nase und nach dem üblichen Prozedere, das ich hier aus Pietätsgründen nicht ausführlich beschreiben möchte, ruft er mir in die Umkleide-Kabine noch nach:
„Alles in Ordnung, nur gegen den riesigen Gelsenstich in ihrer Leistengegend sollten Sie was unternehmen, der hat sich schon ein bisschen entzündet. Nicht dass Sie davon noch Bauchschmerzen bekommen und am Ende denken, Sie hätten eine schwere Erkrankung!“