Mittwoch, 17. April 2019

Just married


Der Fotoauftrag einer Freundin ereilt mich: sie heiratet! Ich wäre dazu prädestiniert, die Horde ihrer und ihres Liebsten Verwandtschaft auf ein paar Bildern zu verewigen, flötet sie mir zu, was mich sehr freut. Gerne nehme ich die Herausforderung an, kutschiere dazu in meine alte Heimat und bin sofort nach der offiziellen Zeremonie back to the roots: da werden gleich mal direttissimo nach dem Standesamt Braut und Bräutigam „entführt“. Dies gestaltet sich derlei, dass die Braut in einem schwarzen Auto mit 4 Männern in Krachledernen mit Feitl in der Tasche und mit Schnauzern in Gesicht verschwindet und mir vorher noch schnell zuruft, ich solle einfach dem Wagen folgen und Fotos machen. Leichter gesagt als getan. Noch nie bin ich mit einem solchen Affenzahn durch meinen Heimatort gedonnert, um nur das Entführungsfahrzeug nicht aus den Augen zu verlieren – geblitzt hat dann nicht mein Fotoapparat, sondern das Radar hinter der Johanneskapelle, welcher Heiliger hier übrigens auch noch Schnauzer trägt. Aber keine Krachlederne.

Mit letztem Rotz komme ich im Gasthaus an, die Männerhorde hat meine Freundin bereits in amikaler Umarmung durch die Eingangstür geschliffen, ich halte die Szenen für die Ewigkeit und natürlich für ihren Liebsten fotografisch fest. Dann wird bestellt, was das Zeug hält, Bier, Sekt, Schnaps – es gilt, so schnell wie möglich alles in sich hineinzuschütten. So will es das Gesetz.

Dann entern die Onkels und Tanten, die Neffen 3. Grades und die Cousins samt Nachbarn und Arbeitskollegen das Etablissement in weinseliger Laune und "lösen die Braut aus". Der Bräutigam hat Lippenstift-Kuss-Mündchen über den gesamten Kopf verstreut, ist von 2 Schönen untergehakt und lächelt verträumt vor sich hin. Ich halte auch dies für die Ewigkeit und natürlich für seine Liebste fest.

Inzwischen sind Stunden vergangen, doch es keimt ein kleiner Hoffnungsschimmer auf: der Zielort, ein Restaurant an einem Teich, wird angepeilt und ich werde unterrichtet, es sei nun Zeit, mit der romantischen Fotosession zu beginnen. Gesagt, getan: ich brülle mal über die Onkeln und Tanten hinweg zu den Neffen 3. Grades und zu den Cousins, man möge sich doch bitte für ein Gruppenfoto am Gewässer einfinden, was auch einige brav machen. Einige andere aber leider weniger: der erste Onkel hat vom Entführen die Flitzen und muss dringend den gasthäuslichen Abort aufsuchen, der Cousine 2. Grades ist die Strumpfhose geplatzt, sie braucht einen Uhu oder ein Nähzeug oder sonst was, das ihre Unterkleidung zusammenhält; die zwei Cousins spielen am Wasserrand und entdecken eine Kröte, die sie in ihrer Hand verstecken, um damit die Tanten zu erschrecken. Ein Tantchen fällt sogleich mit dem rechten Fuß ins Wasser, hält sich noch mit letzter Kraft am Schnauzer ihres Gatten fest und rettet sich so ans trockene Ufer. Ich hingegen halte dies alles fotografisch fest. Für die Ewigkeit.

Der erste Diarrhö-Onkel hat seine Peristaltik wieder soweit im Griff, dass er fürs Gruppenfoto stillhalten kann, die Cousine 2. Grades mit dem Loch in der Hose hat beschlossen, diese ganz wegzulassen und die kleinen Cousins halten schließlich der Braut die Kröte vor die Nase und befehlen ihr, sie möge sie küssen – vielleicht kommt ja ein Prinz heraus und man könne den vor wenigen Stunden geschlossenen Ehebund eventuell doch wieder annullieren. Solch freche Biester!

Meine Freundin nimmt sich ein Herz und deutet wenigstens ein Küsschen an, während ihr Liebster noch an den Lippenstift-Flecken auf seinem Haupte herumdoktert – er will ja schön sein fürs Foto. Ich halte auch dies fest. Für die Ewigkeit (und eventuell für den Prinzen…)

In der Zwischenzeit sind drei weitere Leute verschwunden: Rauchpause…., Bekannte getroffen…., was im Auto vergessen…. - die Liste der Erklärungen ist lang. Ebenso die Wartezeit, bis jene wieder auftauchen. Da ich es nun geschafft habe, die Gruppe halbwegs auf den selben trockenen Flecken Erde ohne Krötenpopulation zu stellen, bin ich kurz vorm Ausflippen, als sich ein anderes Tantchen vor die Leute ins grüne Gras legt mit den Worten „I bin so schwindlig!“, was in meinem Heimatort ein Synonym für „i bin so bsoffen“ ist, weshalb die Meute in Lachen ausbricht und von einer ersten Hilfe absieht. Nur ein Cousin bietet sich an, „Mund-zu-Mund-Beatmung“ durchzuführen.

Als nun endlich die ganzen Gäste versammelt zu sein scheinen, der Bräutigam sein Gesicht gereinigt und die Braut ihren Würgereflex den Krötenkuss betreffend unterdrückt hat, bemerke ich, dass ich die Leute nicht alle auf ein Foto bekomme und beschließe, den Bildausschnitt zu vergrößern, indem ich auf ein Bankerl steig. Ein wackeliges Bankerl - mit meinen wackeligen Beinchen. Und es kommt, wie es kommen musste: Bevor ich auch nur ein einziges Mal auf den Auslöser drücke, liege ich kopfüber im grünen Gras, direkt neben der schwindligen Dame, auf einer Kröte - und stehle ihnen allen damit ihre Show!

Resümee: 123 Fotos von der Brautentführung, 54 von der Kröte, 3 verschwommene vom Tantchen im Teich, 4 von der chillig in der Wiese relaxenden Dame mit Schwindelanfall, 45 von den kleinen Cousins – ach, waren die nicht süß! – und 18 Schnauzbärte. Kein Gruppenfoto, aber dafür ein Selfie, wie ich kopfüber auf einer Kröte nach meinem Bankerl-Sturz im Gras liege. Ah ja: und das eine Foto vom Radar hinter der Johanneskapelle. Ich bin eben ein Profi.

(Fotoaufträge werden gerne unter der Nr. 0664/43 XX XXX entgegen genommen)

Sonntag, 7. April 2019

Sachen, die niemals klappen


Zu den Sachen, die niemals klappen, gehört zum Beispiel das richtige Überziehen einer Matratze mit einem Spannleintuch. Niemals erwische ich auch nur den richtigen Zipfel für das korrekte Seitenverhältnis des Bettes. Immer glaube ich, ich habe die Schmalseite endlich ausgeforscht und fixiert und schon kämpfe ich mit der Längsseite, die wiederum durch magische Kraft in der Zwischenzeit offensichtlich zur Breitseite mutierte.

Niemals klappt es auch, dass ein Essen perfekt wird, wenn ich Gäste erwarte. Da passt dann die Menge nicht, die Konsistenz ist ein Skandal, ein Teil ist angebrannt, der nächste eiskalt und ohne Geschmack, der Teller hat einen Depscher, auf dem Löffel klebt das verhärtete Frühstück und im Essen – o Schreck – findet sich gar oft ein langes, gewelltes Haar, das ganz offensichtlich nicht zum Menü, sehr wohl aber zu mir gehört.

Niemals habe ich ordentliche Unterwäsche an, wenn ich mich spontan entkleiden muss. Nicht dass dies oft vorkäme – nein! – aber wenn, dann trage ich niemals ein gut sitzendes Dessous. Entweder es ist der Gummi ausgeleiert oder die Rüscherl hängen schon eher in der Kniekehle herum. Niemals ist der Stoff durchgehend, weil ich den ganzen Tag an dem Fetzen zupfe, zumal die Hoserl mir ja alle irgendwann immer zu eng werden. Blöde Waschmaschine.


Niemals ist die Küche sauber, wenn die Nachbarin spontan auf ein Tratscherl vorbeikommt. Da liegen dann die Krümel vom letzten Essen verteilt über Sesselsitzflächen und Boden, auf der Tischplatte kann man Kernölpunkterl ausmachen, auf den Seitenlehnen der Sessel klebt Tunella in ihrer reinsten braunen Form, das Geschirr türmt sich in wackeligen Bergen und der Geschirrspüler ist vollgeräumt und platzt aus allen Nähten. (Das passiert aber wie gesagt nur, wenn die Nachbarin spontan vorbeikommt. Wenn sie nicht kommt, ist mein Haushalt selbstredend perfekt!)

Niemals klappt es, dass ich eine Fliege fotografieren kann. Überall sind sie, diese Viecher, aber stillhalten? Fehlanzeige! Sie schwirren am Fenster rum, sie krabbeln am Boden, sie sitzen auf meiner Nase. Und wenn ich mich mit meinem Super-Makro nähere und abzudrücken wage, sind sie wie weggeblasen. Selbst die müdesten Oktoberfliegen entwickeln eine ungeahnte Energie, wenn sie meinen schwarzen Schussapparat sehen.

Niemals kann ich eine Landkarte wieder ihrer Originalfaltung zuführen. Nicht dass diese Antiquitäten jetzt noch modern wären, aber manchmal, ja manchmal ertappe ich mich dabei und schau mir tatsächlich noch einen guten alten Stadtplan an, um das große Ganze zu überblicken – aber dann: niemals schaffe ich es, den Plan ordentlich zusammenzulegen, weshalb sämtliche Papiere bei mir – meistens im Ortszentrum zwischen Kirche und Schule – ein riesiges Loch aufweisen, wo man sich eigentlich alles hineindenken könnte: Schlaraffenland und Vergnügungsmeile, Bordell und Folterkammer, Genussgärten und Schlachthöfe, Tanztempel und Beachbar…mitten in Hinterzipfelspatschen sozusagen.

Dasselbe ist es mit rutschfesten Unterlagen unter Teppichen und kleinen Vorlegern: Niemals schaffe ich es, diese nach dem Putzen wieder akkurat darunter zu legen, immer schaut ein gummiartiges Gitternetzerl an einem Rand heraus, beim nächsten Versuch klafft es aus der anderen Seite. Ich schüttle es, ich lass es sanft darübergleiten – ohne Erfolg.

Und niemals noch hatte ich bei einem Arzt einen normalen Blutdruck, denn so wie ich mich auch bemühe, mich nicht aufzuregen, passiert sofort das Gegenteil und ich setze sämtliche Geräte außer Gefecht, da niemand daran denkt, sie so weit aufzublasen, dass diese meinen immensen Druck zu erfassen vermögen.



Aber manchmal …  wenn dann wieder nichts klappt … da habe ich solche Lust, die ganze Misere ad absurdum zu führen. Da reibe ich dann mein Popscherl mit dem schlecht sitzenden Rüschenslip solange auf dem schief aufgezogenen Spannleituch, bis es aus allen Nähten platzt, dann springe ich auf den davonrutschenden Bettvorleger, um damit direkt in die Arme der Nachbarin zu radieren, der ich ein Menü serviere, das schlechter schmeckt als der versehentlich mitgekochte Stadtplan ohne Ortszentrum, aber mit Fliege und Haar, was meinen Blutdruck vor Schreck so tief sinken lässt, dass ich ein Medikament brauche, bei dem ich den Beipacktext wieder nicht zurück in die Kartonverpackung bringe und nicht mehr weiß, wo Norden und Süden ist, damit ich schließlich bei meinem nächsten zwei Problemen angekommen bin: Medikamentenverpackungen und Himmelsrichtungen: sind auch nämlich solche Sachen, die niemals klappen – aber das sind andere Geschichten.