Sonntag, 28. Januar 2018

Yoga vs Kath.Messe






Yoga - Fernöstliche Entspannungstechnik


Mit hängender Zunge erreiche ich den Yogakurs, nachdem ich mich von meinen Kochtöpfen und Staubfetzen losreißen kann und per Veloziped im Nieselregen den Ort der vermeintlichen Entspannung betrete. Ich schüttle alles, was nass ist, von mir, grüße freundlich die bereits auf ihren exakt platzierten Matten sitzenden Damen und den einen Herren, der immer in der letzten Reihe seine Asanas verrichtet (vielleicht damit er die Verrenkungen aller vor ihm sich befindlichen Damen genauestens beobachten kann) und schlüpfe in mein Trainingsgewand, während ich ein Gespräch zweier Kolleginnen über ihre Enkelkinder in der Umkleidekabine mithören muss. Es ist ja schließlich nichts lähmender als Erzählungen über fremde Kinder. Was die nicht mit 10 schon alles können, was die mit 10 nicht schon alles sind, wie die mit 10 nicht clever, gewieft und zum Teufel noch mal einzigartig agieren. Allerdings weiß ich jetzt nicht, ob der Fratz 10 Monate oder 10 Jahre alt ist. Sollte besser zuhören, denke ich mir und begebe mich mit den noch in den Ohren klingenden Geschichten auf meine Matte, die vom vorherigen Babyturnen etwas mit Öl und Spuke angeschlatzt ist und werfe mein eigenes Riesenbadetuch sowie mein Yogapolsterl darüber, in der Hoffnung, dass die Sache nicht etwa plötzlich verrutscht und ich dann den Speichel (oder gar noch andere Körperflüssigkeiten!) von irgendeinem fremden Kleinkind im eigenen Mund habe. Weiters hoffe ich, dass die Yoga-Einheit bald beginnt, denn die Wortfetzen, die so durch den Raum fliegen, will ich eigentlich auch gar nicht hören: Da ist vom Rauchfangkehrer die Rede, der heute zu einer Kollegin kommt, da wird das letzte Wochenende durchbesprochen, wie schön’s doch auf der Alm war, da kommen Jammereien von den Unter-Hundertjährigen, wie verzweifelt sie seien, dass sie jetzt immer so ein leichtes Ziehen im Knie hätten, da wird die gesamte Society der Stadt zerlegt und schließlich fängt wieder irgendeine an, von ihren Enkerln zu erzählen. Ich weiß, dass ich jetzt runterkommen sollte, ich weiß, dass mich das alles gar nichts angeht und ich eigentlich zur Erbauung und Entspannung hier bin und dennoch steigt es in mir hoch: ich bin wahrscheinlich um die Hälfte jünger als die Kniejammernde und habe bereits jetzt ein künstliches Gelenk, es ist mir weiters piepschnurz, was die ganze „gehobene“ Gesellschaft so treibt, außerdem juckt es mich mit keiner Faser, ob zu irgendwem heute der Rauchfangkehrer kommt und das Thema mit den Enkerln hatten wir ohnehin schon mal durch.

Endlich beginnt unsere Yogalehrerin, die sanfte Musik immer lauter werden zu lassen, was ein Zeichen dafür ist, dass wir unsere Schnäbel halten und uns sammeln sollten.

Pinocchio hängt am Fädchen


Wir setzen uns aufrecht hin, denken uns einen Faden auf unserem Kopf, der uns hinaufzieht, richten die Wirbelsäule auf, atmen mit einem tiefen Atemzug aus, schließen die Augen und beginnen mit der Energieatmung: Wir atmen ein, zählen bis acht, heben den Beckenboden und lassen die Energie über die Wirbelsäule bis ganz nach oben in den Kopf wandern, der noch immer von einem unsichtbaren Faden aufrecht gehalten wird. Sieben, acht – ausatmen – Beckenboden lockerlassen, zwei, drei, …. Mir wird schwindlig. Schon bei der ersten Einheit, ich atme hastig dazwischen, hyperventiliere, ein leichter Hustenreiz macht sich bemerkbar, ach, vielleicht sollte ich doch weniger rauchen, mir schmeckt’s ja gar nicht so b‘sonders,  einatmen, Beckenboden hochziehen, verdammt, ich krieg keinen hoch, mein ganzes Untergestell bleibt innen wie außen dick und fett im Yogapolsterl picken, ich weiß nicht mehr, ob ich ein- oder ausatmen muss, außerdem bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht den Herd zuhause versehentlich auf kleiner Flamme eingeschaltet habe lassen, einatmen, drei, vier, fünf – Beckenboden loslassen, ausatmen, so- und jetzt macht jeder in seinem eigenen Atemrhythmus weiter. Ich hyperventiliere erneut, meine Knie beginnen unangenehm im abgewinkelten Zustand zu stechen und der rechte Fuß beginnt einzuschlafen. Hoffentlich sieht niemand meine schwarzen Wuzerln, die zwischen den Zehen von den Socken kleben, die muss ich später dann irgendwie unauffällig entfernen. Sieben, acht… wo war ich stehengeblieben? Ah ja, ich konzentriere mich auf meine Wirbelsäule, neben mir schnauft eine, als ob sie mit ihrem Beckenboden ganz was anderes hochzieht, ich glaub, die übt schon für den Rauchfangkehrer… so, und wieder loslassen, wir beenden die Übung mit einem tiefen Atemzug, öffnen wieder die Augen und spüren der Übung nach. Ich habe vergessen, den Müll in die Tonne zu schmeißen, das Sackerl stinkt jetzt vor der Haustür vor sich hin, schießt es mir beim Nachspüren ein, da freu ich mich, dass heute die Sonne nicht scheint, sonst …Halleluja!

Wie tief kann man sinken?

Wir schütteln die Beine aus und stehen langsam auf. Schulterbreiter Stand, Becken leicht kippen, Knie angewinkelt, nun lassen wir uns Wirbel für Wirbel hinuntergleiten und berühren mit unseren Händen neben unseren Füßen den Boden. Und wir sinken tiefer. Ich schaue nach hinten und denke, ich kann nicht mehr tiefer sinken, außerdem kommt mir vor, der Typ starrt uns Damen jetzt sicher auf unsere Gesäße und kriegt Stielaugen, was natürlich auch so ist. Zweiteres zumindest. Und die Äuglein quellen nicht etwa aus männlicher Neugier hervor, sondern weil ihm das Blut selber so sehr in den Kopf schießt. … Pada hastasanaund immer weiter nach unten beugen, wir spüren ein leichtes Ziehen in der hinteren Oberschenkelmuskulatur … ja, das spüre ich. Von leicht kann allerdings keine Rede sein, auch von der hinteren Oberschenkelmuskulatur alleine nicht. Es zieht überall, als ob ich Schwerter drinnen stecken hätte: die Schultern renke ich mir fast aus, die Waden spannen, die Füße wollen nicht am Boden bleiben und im Kreuz tut sich auch einiges. Apropos Füße: die Wuzerln, die Wuzerln – jetzt ist die Gelegenheit, meine Sockenwuzerln zu entfernen. Nur wohin damit? Mit einem schmerzhaften Ruck nähern sich meine Hände den Störenfrieden und das Stechen auf besagten Stellen erlebt seinen Höhepunkt. Wir geben das rechte Bein zurück, schauen schräg nach oben und drücken das Bein soweit zurück, bis wir einen sanften Druck auf den Hüftbeugern spüren. Uuuuaaaahhh Hüftbeuger, Wuzerln, keine Ahnung, wo ich die jetzt hingeschmissen hab, die kleben jetzt wahrscheinlich am Babyöl unter meinem inzwischen heillos verrutschten Handtuch, die Hüftbeuger ziehen, die Hände brennen am Boden, den Kopf krieg ich kaum mehr hoch. Meine Güte, ich hab heute meiner neuerdings vegetarischen Tochter die kalten Schnitzerl von gestern in eine Semmel gefüllt und als Jause mitgegeben, fällt mir grad so ein … und ein letztes Mal nach hinten strecken und ausatmen, dann kommen wir sanft in die Rückenlage … mein Kreuz, mein Kreuz, heiliger Bimbam, mein Kreuz, da muss ich jetzt etwas schummeln und mit Brachialkraft meinen müden Leib auf die ranzige Matte fallen lassen. Plumps. Nun heben wir die Beine zum halben Schulterstand und tief ein- und ausatmen, weiter zurück in den Pflug. Was soll ich heute kochen? Nudeln? Reis? Erdäpfel oder was Süßes? Und was dazu? Ujujujui, mir drückt’s den Brustkorb ordentlich zusammen, auch hinter mir hör ich die ersten stöhnen, manche klatschen schon wieder mit voller Wucht auf der Unterlage auf, noch ehe ein erlösendes Wir gehen langsam heraus aus dem Pflug und wechseln zum Fisch kommt. Darin bin ich gut, diese zwei Übungen kann ich, denk ich noch so bei mir und merke, dass ich mir eigentlich hätte ein anderes Leiberl anziehen können, dieses rutscht nämlich in ungeahnte Höhen hoch und gibt Schmerbauch und BH-Unterseite frei. Wurscht is es a...

Den Blick nach innen gerichtet

Außerdem sollten wir uns alle auf uns selber konzentrieren und eigentlich die Augen geschlossen halten. Eigentlich. Aber wenn wir schon dabei sind, wage ich halt auch mal einen verstohlenen Blick auf meine Nachbarin, die für ihr fortgeschrittenes Alter wirklich noch gut beieinander ist, was mich etwas neidisch werden lässt. So, wieder zurück zu mir. ….Bauchlage, Hände in Schulterhöhe aufstützen und NUR mit den Rückenmuskeln den Kopf hochziehen, nicht die Hände dabei verwenden… Bhujangasana – die Kobra. Rückenmuskeln? Fehlanzeige. Die Beine drehen sich irgendwie hinten mit, der Kopf ist so schwer, das kann ich gar nicht in Worte fassen und ich weiß jetzt gar nicht, wie viele Schulstunden mein Ältester heute hat. Der hat doch noch was von Nachmittagsunterricht geschwafelt. Da ist es nicht g’scheit, Palatschinken zu machen, die werden ja dann so gruselig dürr, bis der zuhause ist … und ausatmen. Ich klatsche mit dem Mund auf die Baby-Öl-Matte, erhasche noch ein Frotteefranserl meines Badetuchs und kann mich gerade noch ins Trockene retten. Meine Zehen krampfen irgendwie spastisch, ich muss mich jetzt erst mal auslockern. Wir gehen über in den Drehsitz. Dies ist eine sehr verdauungsfördernde Übung, die erste Kollegin hüpft auf und rennt aufs WC, ihr folgen eine zweite und ein Gruppen-Lachflash.

Einkaufsliste nicht vergessen!

Und heiß ist’s auf einmal da herinnen, so heiß, um Himmels willen, bald hätt‘ ich’s vergessen: ich brauche noch eine Vignette, Toilettenpapier ist zu kaufen, Druckerpatronen und ein Düngemittel für meine Zimmerpflanzen … Die Heuschrecke - fünf, sechs, sieben, acht und ausatmen, Christine! Tuast nimma mit? Wo waren wir jetzt stehengeblieben? Ups, hat die meinen Namen gesagt? Ah ja! Die Heuschrecke, hat die nicht was von der Heuschrecke gesagt? Ja! Bin schon wieder bei der Sache. Jo, Halleluja, mein Kreuz! Ich sehe mich im Raum um, kann das sonst auch niemand? Leider doch, alles voller reifer Heuschrecken rund um mich herum, Gottesanbeterinnen könnte man fast sagen. Hab ich eigentlich letztens beim Drogeriemarkt meinen Kunden-Card-Bonus eingefordert? Das muss ich unbedingt machen, noch bevor er verfällt, das Quartal ist ja bald aus … und dann gehen wir mit einem tiefen Seufzer in die Endentspannung, Shavasana. Wir lassen alles los. Du darfst loslassen und sein, wie du gerade bist. Dein Körper, deine Gedanken dürfen sein, wie sie gerade sind. Lass die Welt sich ruhig ohne dich drehen, geh in dein Inneres, dort drinnen ist so viel, du schöpfst die Kraft aus deinem Inneren, nur so kannst du auch im Außen etwas bewegen…da fällt mir Karl Valentin ein: „heute mache ich mir eine Freude und besuche mich selbst“. Der war immer lustig mit seinen „Semmelnknödeln“, oder soll ich heute Knödel machen? Mit Kraut? Oder mit Linsen – ah, nein, die isst ja wieder keiner … du entspannst dein Gesicht, deine Stirn ist glatt wie ein See… nein, ist sie nicht, die ist faltig, da fegt ein Sturm übern See, die krieg ich weder im Außen noch im Inneren wieder so hin wie sie mal war, ich weiß nicht, wieso immer ICH so ausschau, meine Stirn hat bereits ein Karomuster, da könnten meine Kinder ihre Mathe-Aufgabe drauf machen… und außerdem bin ich mir nicht sicher, ob ich die Bescheide nicht gestern eh schon geordnet und ausgedruckt habe. Und die Schnitzelsemmel hab ich ja eh dem Kleinen in die Schultasche gepackt, jetzt fällt’s mir wieder ein. Nicht meiner Möchtegern-Vegetarierin. Ich glaub, das passt eh alles, alles ist gut, alles ist gut… du stehst im roten Licht des Regenbogens, das Licht strömt aus der Erde über deine Füße hinauf in deine Mitte und gibt dir Wärme, Kraft und Energie…. Chrrrrrrrrr …… Himmel! Hab ich jetzt geschnarcht? Bin ich jetzt eingeschlafen? Bei welcher Farbe ist sie? Schon beim Indigoblau, wo ich noch immer nicht weiß, wie das aussieht. Muss ich mal googeln, warum vergess ich das zuhause immer? … und du spürst wieder die Matte, auf der du liegst und reckst und streckst dich wie eine Katze. Du bist wieder im Hier und Jetzt. Ja, mir fehlt ein großer Teil, vom Hier, vom Jetzt und vom Vorhin auch. Da war ich wohl wirklich im Träumeland.

Schlaf, Kindlein, schlaf.

Ich schaue mich um, meine Kolleginnen liegen dick eingepackt unter ihren Decken, es sieht fast aus wie eine Notschlafstelle, langsam rühren sie sich, langsam erheben wir uns alle wieder und machen mit den Worten „Om Namah Shivaya“ die dafür vorgesehene abschließende Hand- und Kopfbewegung. Soll ich jetzt noch was einkaufen gehen oder hab ich noch einen Salat zuhause? Ich werde doch wieder mal Nudeln machen. Und die Enkerl von meiner Kollegin zur Rechten, mein Gott, die sind wirklich lieb, stimme ich ins allgemeine Raunen ein und der Kollegin, die den Rauchfangkehrer erwartet, lasse ich in der kleinen Umkleidekabine den Vortritt, damit sie ihn ja nicht verpasst und  dann stimm ich noch ein in die Lobgesänge über das schöne Wetter, das einen ja so verleitet zum vielen Wandern, dann steig ich im Nieselregen auf mein Rad und wackle gen Heimat.

Mein Gott, was war das heute wieder für eine entspannende Einheit. Ich fühle mich pudelwohl. Nirgends kann ich so gut abschalten, alle Gedanke fallen lassen und einfach nur ICH sein wie beim Yoga!



Christliche Tradition: Die Hl. Sonntagsmesse


Frühmorgens stolpere ich mit meinem von mir geschobenen Rad über den Friedhof vorbei an einem Bettler in die Kirche, die mich mit ihrem herrlichen Duft nach Kerzen, ihrem herrlich nass-kalten Ambiente empfängt. Das Volk sitzt bereits, als ob es sich schon gestern hier herein gesetzt hätte, alle sind startklar. Es rührt sich keiner. Ich hoffe, die leben alle noch. Ich versuche den anmarschierenden Rotz in der Nase zu behalten, weil ich eben mit Schrecken erkenne, dass ich wieder einmal kein Taschentuch mithabe, ich ziehe hoch, was die Akustik in den heiligen Hallen hergibt und scheine nach dem dritten Mal gewonnen zu haben.

Es riecht nach Mottenkugeln. Die Dame vor mir dürfte ihren Mantel heute wieder das erste Mal ausführen. In diesem Jahr das erste Mal, meine ich. Riechen tut er, als ob sie ihn schon 68 Jahre lange trägt.

Einzug:

Der Priester tritt ein, das Volk erhebt sich, wir singen „Zu dir, o Gott, erheben wir die Seele“ (GL Nr.462). Da mich dies nicht sonderlich befriedigt, beginne ich mit meinem morgendlichen Übungsprogramm: Festigung des Gluteus maximus und vastus lateralis (Gewicht auf rechts verlagern, den Fuß in den Boden hinein verlängert denken, als ob ein Spitz in die Erde getreten werden würde). Gluteus schmerzt. Ich webere unnötig am Stand herum. Das Knie quietscht. Nimm du hinweg der Sünde Schuld, mit unsrer Schwachheit hab Geduld. Endlich! Wieder niedersetzen.

Heute ist Sonntag, was werde ich da noch alles anstellen? Mich fadisieren, so wie immer. Soll ich heut‘ auf Facebook was posten? Aber was bloß? Kyrie: Das Lied, „Herr, erbarme Dich“ (GL Nr. 463), reißt mich mit und aus meinen Gedanken und ich wippe mit meinem Vorfuß, trainiere somit den Soleus, wodurch sich auch das Articulatio genus wieder besser bewegen lässt. Jetzt krieg ich schön langsam „Spatzen“, jetzt lass ich’s lieber sein. Der Pfarrer geht nahtlos über zum eigentlichen Fitnessprogramm:

Gloria:

Gott, in der Höh’ sei Preis und Ehr’“ (GL Nr. 464) folgt auf den Fuß, niedersetzen, aufstehen, niedersetzen, aufstehen – Der Rectus femoris wird phantastisch mittrainiert. Du wohnst im Licht des Vaters, Amen. Niedersetzen. Aufstehen. Niedersetzen.

Aufstehen zum Evangelium:

Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Mt 6, 28-29, Na ja, das erzähl mal der Dame im Mottenpelz vor mir! Ich glaub, die taut jetzt irgendwie auf – und riecht. Nicht nach Lilien. Niedersetzen.



Predigt:

Wer glaubt, man kann während der Predigt nichts machen, der irrt: Der Musculus puboccygeus lässt sich super hochziehen – ausatmen, senken – einatmen, hochziehen – ausatmen, senken – einatmen. Oder war’s umgekehrt? Wie machen es die Yogis? Wie machen es die Christen? Wie macht es die Christine am besten und vor allem: was hat er nochmals schnell gesagt, der Herr Pfarrer?! Da war doch sicher was fürs Leben dabei. Mist. Hat der Pfarrer schon mal Sex gehabt? Oder hat der am End noch mehr als ich?

Wandlung:

Durchs Knien und den gleichzeitigen Aufbau einer Körperspannung trainiere ich den Rectus abdominus und den Serratus anterior, was nicht heißt, dass ich dies lange durchstehe, denn auf dieser harten hölzernen Bank wird es bald zur Riesenqual. Ich webere hin und her, ich bete zu Gott, dass der Pfarrer schneller macht, es nützt alles nichts, ich muss mich der Blamage hingeben und auf der Stelle aufstehen. Die Mottenkugel vor mir kniet noch immer, allerdings hat sie ihr Gesäß an der Hinterbank angelehnt. Die schummelt.

Der gesellschaftliche Höhepunkt der heutigen Messe folgt sogleich:

Friedensgruß:

Handgymnastik „Der Friede sei dir, der Friede sei mit dir, der Friede sei mit dir“ – Handshake, Smile, Drehung links, Handshake, Smile, Drehung rechts, Vorbeuge. Niedersetzen. Schweißhände, verlegene Gesichter, leise, getragene Stimmen. Ob der Bettler draußen schon mein Radl gestohlen hat?

Aber dann wird’s locker: Kommunion.

Trab, Trab, Schritt, Schritt. Ich mag das nicht, das Herumgehen vor den Leuten. Ich gehe aber. Eine fällt vorm Pfarrer auf die Knie. Auf den harten Marmorboden. Wie die wieder hochkommt, ist mir persönlich ein Rätsel. Sie tut es aber. Andere wechseln die Schlange, weil sie nur aus des Priesters Hand die Hostie empfangen wollen. Unfassbar. Ich möchte jetzt aber nicht alles zu Fuß heimgehen müssen, wenn der Bettler wirklich….

Nach dem Veranstaltungskalender und einer Einladung zum Pfarrcafé, zu dem die Mottenkugel einen Kuchen beigesteuert hat, erfolgt der Auszug: „Christus, unser Licht“ (GL Nr. 845) – noch einmal strammgestanden, Gewicht auf beide Körperhälften verteilt, Beckenboden und Po hochziehen, Bauchmuskeln aktivieren, Füße tief in den Kirchenboden drücken, Hände falten. Gehet hin in Frieden. Mein Rad ist noch da. Dank sei Dir, o Herr! Amen.


Bock auf Blog


Blog oder Block?


So, es ist nun also vollbracht. Ich habe einen eigenen Blog. Die Kinder sind begeistert: „Wos host, Mama? An Block? Din A4? Den könnt i für Englisch auch brauchen!“


Zugegeben – ein aufgelegter Witz, aber gar nicht so weit hergeholt, denn was mir in meiner Recherche zur Entstehung und Wartung eines Blogs vor mein blauäugiges Antlitz kommt, sorgt bei mir ordentlich für Verwirrung:
Wann kommt man als mittelalterliche Hausfrau auch schon in Berührung mit einem Gadget, einer Lightbox oder einem Favicon? Handelt es sich dabei etwa um Geschirr, Lampen oder Waschmaschinen? Keinen Dunst. Die OpenID-URL ist keine Großmutter, der Crawler krabbelt nicht als launiger Käfer zwischen Krümeln am Küchenboden, im Sinne von „bei mir kannst vom Boden essen, da findest immer was“ und ein Header ist kein Kopfwehpulverl für unentspannte Migräne-Singles. Soviel habe ich gleich begriffen. Man kann sich auch nicht, wenn man einen schlechten Meta Tag hatte, einfach in eine Sidebar setzen und mit Post Feed Footer zuschütten, auch die Navbar ist dafür völlig ungeeignet. Und mit Tools kannst keinen Platten beim Fahrrad reparieren.
Ich stürze mich aber trotzdem ins kalte Wasser und es handelt sich dabei nicht um War Diving, wie vielleicht allgemein bekannt. Ach, was red ich  - die sollen mir doch alle mein Dashboard runterrutschen! Ich schreib da einfach weiter und warte mal, was sich so tut…obwohl…. den Block für Englisch könnt ich sicher auch gut gebrauchen, wie man sieht.

Freitag, 26. Januar 2018

Nicht alles, was stinkt, ist Käse.


AMSAlles Macht Spaß


Erkenntnis des Tages: Nicht alles, was stinkt, ist Käse.

Was soll ich machen? Beruflich, meine ich. Die Kinder sind aus dem Gröbsten raus, weshalb ich keine Ausrede mehr habe, nicht wieder arbeiten zu gehen. Aber was? Jobs in Büros für Schnuckerl wie mich gibt’s selten bis nie. Schon gut. Ich bin am Arbeitsmarkt nicht das Gelbe vom Ei, das weiß ich. Auf den ersten Blick auf jeden Fall nicht. Dass viel mehr in mir steckt, weiß leider nur ich. Aber wer will schon eine abgetakelte Bürotante, die ihre Fratzen alleine groß zieht, 20 Jahre offensichtlich gar nichts Produktives für die Wirtschaft geleistet hat und dann noch dazu vor sich hin hinkt, sodass man ihr nur leichte Tätigkeiten zumuten kann?

Ich könnte einen Blog schreiben.

Das wäre die Alternative. Aber eher eine Traumvariante.

Deshalb schleppe ich mich eines schönen Tages zum AMS.  Den Blog könnte ich ja noch später mal anfangen. Oder dazwischen, so nebenbei.

Zimmer 2-Punkt-Was?


Ich werde schnell bedient, brauche mich kaum anstellen, gebe mein Innerstes preis, man fragt nach allem, was ich habe bzw. nicht mehr und schon werde ich mit 3 Zettelhaufen in den zweiten Stock komplimentiert. Um 10:25 Uhr müsste ich dort sein. Wird sich ausgehen, die vier Stiegen da rauf, denk ich mir noch und kann meinem Wirrwarr an Zetteln entnehmen, dass ich in Zimmer 2.002 – A erwartet werde. Dort findet sich ein Schild, dass der „10:25 Uhr-Termin“ bei Raum 2.009-B Platz nehmen sollte, was ich nach einer kurzen Orientierung auch mache. Am Gang lungern Leute herum, von denen man nicht recht weiß, ob sie Zimmer, Küche, Kabinett in ihren bunten Taschen eingepackt haben oder bloß vorher beim Lebensmitteldiscounter vorbeischauten. Ich klopfe um Punkt 10:25 Uhr bei Zimmer 2.009-B, werde akkurat hereingebeten und muss erfahren, dass ich in den ersten Stock gehöre, da es sich bei der Mitteilung auf Raum 2.002-A um einen Schreibfehler handelte und es richtig Raum 1.009-B heißen müsste. Auf ein Neues: 2 Stiegen abwärts, neue Orientierung – ich schwinge meine lahmen Hufe, der Zettelhaufen fliegt zu Boden bei der dritten Flügeltür, die keine ist, wie ich erst später feststelle, als ich in der Horizontalen nach meinen Dokumenten suche. Ein Stich im Kreuz – L4 – auweh, ja ich kenn das! Aber ich lasse mir nichts anmerken, suche tapfer weiter nach meinem Ziel und werde auch bald fündig.

In der Warteschleife....

Ich setze mich in die Wartezone, ein attraktiver Herr nimmt neben mir Platz. Was heißt attraktiv… er hat Zähne, er hat geschnittene Nägel und die Haare dürfte er sich auch in den letzten 3 Wochen mal gewaschen haben. Ob er allerdings die „dass“-Schreibung beherrscht, wird man noch separat herausfinden müssen, denn das ist ein absolutes Kriterium bei meiner Partnerwahl, das erfüllt werden will. Aber so vom ersten Drüberschauen her würd’s passen. Was will man mehr? Ich hab meine Ansprüche ja schon auf ein Minimum herabgeschraubt. Wir sehen uns an, er hat schöne Augen, ich lächle errötend. Das kann doch nicht wahr sein, oder? Da hätt‘ ich ja zwei Fliegen auf einen Schlag erledigt: habe Aussicht auf einen Job und gable mir nebenbei noch meinen Traummann auf? Kann denn das mir passieren? So viel Zufall und Glück auf einmal?

Cheeeeeeese - einfach nur lächeln

Er nimmt gegenüber von mir am Tischchen Platz und spricht etwas. Er spricht! Der hat Mumm! Der redet mich einfach an…. Leider verstehe ich nicht, was er sagt, denn es beginnt ein Gemurmel der besonderen Art, das er – plötzlich gebückt unter dem Tisch verschwindend – in den Untiefen seiner Füße fortsetzt. Mein „wie bitte?“ ändert nichts am Gesprudel, das unter der Tischkante hervorkommt. Binnen ein paar Sekunden taucht sein Kopf, der mir jetzt gar nicht mehr so gewaschen vorkommt wie noch gerade eben, wieder auf und in der Hand hält er – nein! keine Blumen, oder so – seine Schuheinlage! Er legt sie auf den Tisch vor meine Nase und begutachtet sie akribisch. Danach beginnt er mit seinen gar nicht mehr sooo gepflegten Fingernägeln darauf herumzukratzen, sie zu biegen und eine kleine Delle auszubügeln. Und schwups – schon ist er samt Einlage wieder unter dem Tisch verschwunden. Mir wird etwas mies, handelte es sich doch eindeutig gerade um ein olfaktorisches Attentat. Ehe ich aber noch überlege, ob ich als Antwort laut rülpsen sollte, fährt sein Schädel wieder hoch und er strahlt mich zufrieden an. Mit Zahnreihen eines Einjährigen – Himmel, wie konnte ich mich schon wieder so täuschen?


Big brother is watching you


Ob der Gute die „dass“-Schreibung beherrscht war anschließend nicht mehr Gegenstand meiner Ermittlungen, denn ich wurde zeitgleich in den Raum 1.009-B gerufen und eine Dame mit einer bunten Brille und Bugs Bunny-Zähnen  (aber alle vollständig!) begrüßt mich mit der Frage: „Sagen Sie, haben Sie eine anerkannte Behinderung?“ Wusch. Ein Schlag ins Gesicht! Gehe ich jetzt schon so auffällig, dass die 5,6 Dioptrien-Bebrillte nicht wenigstens bis zum vierten, fünften Satz damit hinter dem Berg halten kann? Oder hat sie das aus ihren Unterlagen? Big brother is watching you. Als ich ihr erkläre, dass ich eine 60 Prozentige Behinderung habe und Anspruch auf einen geschützten Arbeitsplatz, winkt sie ab und meint, sie wäre für mich dann auf keinen Fall zuständig, sie müsse mich an die Kollegin weiterleiten, der nächste Termin wäre in 2 Monaten, ich solle wieder nach Hause gehen und weshalb ich das nicht früher gesagt hätte. Wusch.

Wieder nix....


Jetzt schickt die mich heim. Ich möchte einen Job – und einen Mann. Na ja, das mit dem Mann, der Käsefuß-Imitator von vorhin, kann ich mir ja wieder aus dem Kopf schlagen. Aber das mit dem Job? Ja, ist denn die verrückt? Ich möchte Angebote, Tipps, Vorschläge für Schulungen, Informationen etc. Aber sie spricht nicht mit mir. Bugs Bunny bleibt stumm. Sie unterhält sich nicht mit einer Behinderten. Sie ist dafür nicht zuständig.

Ich geh dann mal wieder, sie ruft Käsefuß zu sich. Der hinkt nicht. Der hat ja eine tadellose Schuhsohle, die sitzt wie angegossen.

Und ich werde doch eher einen Blog schreiben, oder?

Mittwoch, 24. Januar 2018

Schwangerschafts-Zahnarzt-Röntgen


Heutige Erkenntnis:

Man ist alt, wenn man als Frau vor dem Röntgen nicht mehr gefragt wird, ob man eine mögliche Schwangerschaft ausschließen könne.


Ich werde nicht gefragt. Nicht einmal eine Andeutung wird gemacht, als ich heute beim Zahnarzt hinter das Panorama-Gerät gestellt und mir der schwere Bleischurz umgehängt wird. Nicht der leiseste Hinweis. Im Gegenteil: recht schroff geht man mit mir um, lässt mich auf einen schwarzen Plastikzweig beißen und fixiert meinen Kopf mit zwei schwarzen Ringen, die man um meine Backen zurrt, bevor das Gerät munter um mich herumkreist und meine Haare mitzuschleifen und in einen Innenrotationswirbel zu verwickeln droht. Ich solle stillstehen und Augen und Lippen schließen, gibt man mir als Anweisung, was schon alleine eine gewisse Herausforderung darstellt, da ich mit Gleichgewichtsproblemen zu kämpfen habe. Gelegentlich auf jeden Fall. Wenn ich ein Schlückchen zu viel trinke oder wenn ich auf Kommando stillstehen sollte. Und auch noch kerzengerade.

Eine Hebamme ...

in den düsteren End-Sechziger Jahren war offenbar nicht ganz bei der Sache und verwechselte Fontanelle mit Anus, zog sich während meiner Menschwerdung mit einer Tasse Tee zurück in ihr Schwesternkammerl und überließ mich dem Schicksal und nicht einem Chirurgen, der vielleicht durch einen kaiserlichen Eingriff das Schlimmste hätte verhindern können. Mein Kopf ist sozusagen bloß eine Sicherheitskopie von meinem Gesäß. Spastische Parese, rechts betont. Dachschaden sozusagen. Seitdem fällt es mir schwer, gerade zu stehen. Und zu sitzen. Und zu gehen. Und nicht nur wenn ich besagtes Schlückchen zu viel habe. Und Tee mag ich auch keinen. Seit jenem unglücklichen Vorfall, der im Schwesternzimmer mit einem unüberlegten Heißgetränk seinen Lauf nahm.

Aber ich reiß mich zusammen -

beim Zahnarzt, schließe brav meine blauen Äuglein und meine Lippen und habe gar keinen Gedanken ans Umfallen, denn viel nervöser macht mich dieser Panorama-Drehflügel, der, wie gesagt, meine Mähne einzusaugen droht. Damit hatten die dort nicht gerechnet. Niemals! Mit so einem Lockenkopf, einem von Kraft strotzenden Wirbelkopf in blond. Na ja, friedhofsblond, um ehrlich zu sein. Ein paar Strähnchen sind da schon dabei, die laut Goethes Farbenlehre im eigentlichen Sinn per se gar keine Farbe mehr ergeben, sondern bloß die hellste Abstufung einer jeden Couleur sind. Bald jedoch kommt das erlösende Piepsen, bevor ich haartechnisch in Panik ausbreche. Ich werde befreit und direttissima auf den Marterstuhl gebeten, wo es nicht lange dauert, bis sich der Arzt mit seinen Latex-Handschuhen in meine Mundhöhle gräbt. Mit dabei hat er Spitzharken, Messer, Schwerter und Lanzen. So kommt es mir auf jeden Fall vor. Ich bin da ja ein wenig eigen.

Man zupft ja recht viel an mir herum.

Immer schon. Man zupft mich an der Schulter nach links, weil ich rechtslastig stehe, man drückt mir in den Hals, weil der Nacken verspannt ist, man schiebt mein Becken nach vorne und wieder zurück, weil ihnen die Stellung nicht gefällt. Nein, nicht das, wonach es vielleicht jetzt klingen mag. Bin unbemannt. Und eine Schwangerschaft ist absolut auszuschließen. Deshalb und ausschließlich deshalb. Nicht weil ich schon zu alt wäre – neeeeein! Ich habe auch schon etliche hinter mir. Schwangerschaften, meine ich. Drei, um genau zu sein. Die beste Legehenne im Stall. Und freue mich, mich eine „proud mum“ nennen zu dürfen. Auch da haben sie an mir rumgezupft. Überall reingeschaut. Mit Latexhandschuhen hantiert, mit Lanzen, Schwertern und Pfeilen. So schien es wenigstens. Aber die durften das: Hebammen, Ärzte, Physiotherapeuten, Masseure – zupf, zupf, zurr, zurr. Die dürfen das. Doch dieser Zahnarzt! Im Mund! Mit Latexhandschuhen! O nein, o nein. Das geht gar nicht. Ich möchte mich wehren, irgendwie Kontakt mit diesem Typen aufnehmen, doch umsonst. Er setzt unbeirrt sein Werk fort, das, so komme ich später dahinter, lediglich aus Zahnsteinabschleifen besteht und keinerlei Grund zur Panik bieten würde. Normalerweise. Aber ich bin da ja ein wenig eigen.

Bilder erscheinen,...

wie man mich schon quälte, ohne dass ich etwas mitbekommen hätte. Aber man kann ja ein wenig übertreiben und auftrumpfen. Kaiserschnitte, Knieprothese. Da hat man mir den Knochen abgesägt. Einfach abgesägt. Der ist nicht mehr da. Unwiederbringlich verloren. Der Gedanke daran lässt mich erschaudern. Aber ich kann wenigstens wieder schmerzfrei gehen, seit jener Geschichte. Ich will also nicht klagen, nicht die Welt zumüllen mit düsteren, längst vergangenen Geschichten, den „richtigen Wolf füttern“, wie es so schön heißt. Und freudig meinen Alltag genießen. Wäre da nur nicht dieser Zahnarzt. Seit Wochen fürchte ich mich vor diesem Termin, die Kinder nehmen es locker: strahlend weiße Zähne. Doch mein Bergwerk lässt mich immer wieder zaudern und bangen.

Erst als mir der Arzt seine Latexhandschuh-Hand entgegenhält und sich freundlich von mir verabschiedet, habe auch ich verstanden, dass es vorüber ist. Alles ist vorüber. Ich habe wieder einmal eine Zahnsteinentfernung ohne Anästhesie überlebt. Ach, was bin ich doch guuuut!

Aber offensichtlich alt.