Dienstag, 30. Oktober 2018

Büro Büro


Mich hat eine Arbeit gefunden! Nein, halt, falsch! Man sagt ja jetzt „Tschob“. Also: ich habe jetzt einen Tschob.

Nach gefühlten 300 Motivationsschreiben samt Storytelling und der Angabe der geforderten Hard und Soft Skills, unter subtiler Anwendung von „Attention-Interest-Desire-Action“ hat mich ein Recruiter zu sich berufen und konstatiert, dass ich im "Back Office" tätig sein könnte – und sollte ich mal durch ein gepflegtes Erscheinungsbild hervorstechen, auch im "Front Office", das hat er mir versprochen. Ich habe ihm gesagt, ich ziehe meine orthopädischen Schuhe und meine Strickpullis nur im Bett aus, darauf könne er sich einer Flatulenz entledigen. Bin ja vornehm.

Kurzum und zu Deutsch: nach mehreren Bewerbungen arbeite ich nun in einem Büro. Eher eine Reihe hinter der Budl. Also hinten. Back. Weil wegen Schuhe und Pulli und Schoaserl und so....

Aber was ist im Büro eigentlich in der Zwischenzeit geschehen? In der Zeit, in der ich 13.140 Windeln besorgt und befüllt wieder entsorgt habe, wo ich 12.480 Nägel meiner Kinder geschnitten und gefeilt, 500 Hopp-Glaserl gekauft und 3.285 mal meine nährende Mutterbrust zur Verfügung gestellt habe. In jenen Tagen, in denen 2 Kinderwägen, 3 Maxi Cosis, 2 Gehschulen, 34 Puppen, 12 Mini-Traktoren, 9 Malbücher und 1 Laufrad zu Schrott gefahren wurden. Was ist da in den Büros dieser Erde eigentlich passiert?



Folgende Neuigkeiten kann ich bass erstaunt berichten: Man schreibt kein Telex mehr, wo ich doch seinerzeit die Königin der Telexschreiberinnen vom 4. Wiener Hieb war; kein Loch war vor mir sicher, kein Streifen war mir zu lang. 
Und Faxe -  man verschickt auch keine Faxe mehr; ach was hab ich in den 1990ern Faxen gemacht! In aller Herren Länder: gewählt, gewartet, gepiepst, wieder gewählt und gewartet….pieps, pieps, pieps.

Man geht auch nimmer auf die Post, weil es keine Briefe mehr gibt. Wo sind die Zeiten, in denen man sich die Zunge vorm Postbeamten mit den Briefmarken wund geleckt und lustvoll „ach“ und „herrje“ gerufen hat?

Es gibt auch keine Schlüssel mehr. Man betritt die Räume mit einer Handy-App. Und ist man erst mal drinnen, sucht man den „Hausmaster“ vergeblich. Er ist nun der „facility manager“, denn „Master“ darf sich nur einer nennen, nämlich der Chef persönlich -  vorausgesetzt, er hat ein abgeschlossenes Studium.

Wo ist die gute alte elektrische Schreibmaschine geblieben? Die hat man nicht mehr. Auch nicht mehr nur als Reserve. Kein Korrekturband, kein Pauspapier. Dass ich die Queen der Anschläge war, brauch ich wohl nicht extra zu erwähnen. Ich glaub, ich bin jetzt endgültig weg vom Window.
Und wo bleibt die gute alte Kalligraphie, mit der man noch anständige Buchstaben aufs Papier brachte? Heut ist alles so ein kleines seelenloses Gefutzel. Ich könnt mir auch meine fortschreitende Altersweitsichtigkeit eingestehen und eine Brille kaufen. Aber das will ich nicht. Ich bestehe auf eine ordentliche Kalligraphie.

Was wurde eigentlich aus dem Inhalt? „Corporate Wording“ nennt sich der hippe Schreibstil – wir reden uns nicht mehr mit „sehr geehrt“ an oder verabschieden uns mit „freundlichen Grüßen“, oh nein! „Einen wunderschönen guten Tag, Herr XY“ wird da eingangs geschrieben und vertschüssen tut man sich mit „sonnige Grüße aus dem Ar….“

I werd narrisch!

Aber manchmal…. Ja manchmal, wenn keiner zusieht, da nehm ich dann heimlich ein Pauspapier mit ins Büro und leg es ins Papierfach vom Kopierer, dann klemme ich eine Floppy Disk in den Laptop und klimpere ganz laut mit der Tastatur. Anschließend bohr mit dem Zeigefinger alle Flügeltüren auf – die Handy-App kann mir gestohlen bleiben; ich kauf mir heimlich Briefmarken und leck darauf so lang herum, bis ich gar keinen Hunger mehr hab und der Postbeamte rot anläuft. Und im stillen Kämmerlein schreibe ich mit Feder und Tinte einen verschnörkelten Brief an meinen Schöpfer – in Kurrent, wohlbemerkt: „Sehr geehrter Allmächtiger! Ich bitte untertänigst um Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Mit sonnigen Grüßen, Deine unflexible, schasaugade Christl.“