Donnerstag, 24. Januar 2019

Mein Baby hat Geburtstag!


Nun ist es auch schon wieder ein Jahr her, dass ich meinen Blog startete. Was ist bisher geschehen?

Ich habe insgesamt 5.651 Zugriffe, (1 aus Vietnam, 172 aus den USA, 19 aus Peru, 1 aus Kambodscha und 22 aus einer unbekannter Region – und ich dachte, es gibt keine weißen Flecken mehr auf der Maps-Kortn…)

16 Follower bekennen sich zu mir, haben allerdings nichts davon, da sie weder über das Erscheinen eines neuen Blogs informiert werden, noch sonstige Vorteile daraus schlagen können.

Zuvor sah ich mir 156 Videos über das Erstellen eines Blogs und 62 über eRecht an, danach jeweils 4 Musikvideos aus der neuen Psytrance- und EDM-Szene sowie einen Film für Erwachsene, um mich zu entspannen. Aber das ist eine andere Geschichte…

Ich habe 30 mehr oder minder kompakte Ergüsse von mir gegeben, bei jedem einzelnen unterlag ich in den ersten 2 Stunden nach Veröffentlichung heftigen Adrenalinstößen, wenn ich mehrere oder auch keine Likes bekam; die Spannung wurde jedes Mal unerträglich, wenn dann auch noch ein oder auch kein Kommentar dazu geschrieben wurde.

An den Rand eines Nervenzusammenbruchs katapultierte mich ein Interview mit der „Kleinen Zeiten“ – als der Artikel schließlich ein ganzes halbes Jahr später auch noch erschien, war kein Halten mehr und ich ließ meiner Freude mit roten Backen und übermäßiger Völlerei freien Lauf.

Ich wurde von Fast-Unbekannten auf mein Geschreibsel angesprochen und habe seitdem 4 Facebook-Freunde mehr.


Was allerdings NICHT geschah:

Die Werbeindustrie hat noch keinen Fuß bei mir drinnen, dabei gäbe es da so schöne Sachen, die sich auf meinem Hinke-Blog bewerben ließen: Hühneraugen-Pflaster und -Cremen zum Beispiel. Oder die Pharma-Industrie könnte mit Muskel-Relaxantien aufspringen. Orthopäden könnten für Gelenksersatzteile aus Titan werben, Feuerbestattungen ebenfalls – schließlich werde ich mal in der Zukunft mit meiner Knieprothese keinen Platz in einer Urne finden.

Die Süßwarenindustrie hätte eine wahre Freude mit mir als Werbeträger, verzehre ich doch täglich mehrere Handvoll an Schoko, Zuckerln und anderem pickigen Kram. Auch die Rotwein-Bauern kämen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Couch- und Polsterproduzenten wären ein idealer Sponsor – Dreiviertel meines Lebens verbringe ich nämlich in der Horizontalen, kombiniert mit Produkten aus obengenannter Süßwaren- und Weinindustrie. Also, Leute, schaltet eure Werbungen bei mir!

Bis es aber soweit sein wird, werde ich weiterhin für die nächste Geschichte ca. 3 Tage für Text und Idee brauchen, weitere 4, um sie 10 Mal laut durchzulesen und 17 Mal wieder zu verwerfen und bei jeder Zugriffssichtung in meiner Statistik und jedem anerkennenden Like eurerseits einen Adrenalinstoß bekommen – das erspart mir die Muskel-Relaxantien, hoffentlich eine weitere Prothese und manchmal auch eine Handvoll glücklich machender Schoko als Ersatzdroge.

Daaaanke euch für ein Jahr Durchhaltevermögen! 😊

Donnerstag, 17. Januar 2019

Eine Frau mit Weitsicht?


Man wird alt. Man und im Besonderen ich. Nicht dass ich mich jetzt über meine krummen Beine mit sämtlichen Folgeerscheinungen ergießen würde – nein! – auch meine Äuglein beginnen schön langsam müde zu werden. Ging ich bisher recht blauäugig, aber durchaus mit einem gewissen Weitblick durchs Leben, so habe ich seit Längerem Schwierigkeiten damit, manche Dinge richtig zu sehen und zuzuordnen. Aber das wird ja wohl nicht SO ein Problem sein, oder?

Na gut, vielleicht kam es mal vor, dass ich auf der Weihnachtsfeier ein bisschen unfreundlich reagierte, als man mir ein Badeöl mit der Aufschrift „Hautarzt“ schenkte. Vielleicht hab ich dort die Chefin etwas angepöbelt, was sie sich einbilde, mir zu unterstellen, ich würde einen Hautarzt benötigen – bei meinem rosa Teint. Vielleicht hat sie sich dann peinlich berührt entschuldigt und vielleicht hab ich dann zuhause, bei besseren Lichtverhältnissen, gesehen, dass nicht „Hautarzt“, sondern „hautzart“ oben stand und dass alle anderen auch so ein nettes Badeöl bekommen haben und vielleicht bin ich draufgekommen, dass das ganz eine liebe Geste von der Chefin war….

Na gut, oder vielleicht kam es mal vor, dass ich im Geschirrspüler den falschen Knopf gedrückt habe und vielleicht hat er mir dann nicht die obere, dreckige Lade gespült, sondern die untere, leere. Und vielleicht hab ich ihn dann aufgerissen und mich geärgert, dass der Gschirrli jetzt auch schon wieder kaputt ist und vielleicht habe ich dann den Kundendienst verärgert angerufen und dem Mitarbeiter mal ordentlich den Marsch geblasen, dass dieses Gerät schon wieder nicht funktioniert.

Na gut, und vielleicht kam es mal vor, dass ich völlig entsetzt den Christbaum meiner betagten Eltern gesehen und mir gedacht habe, die sind wohl jetzt von allen guten Geistern verlassen, weil sie dort Würstel draufgehängt haben. Vielleicht habe ich sie dann ein bisschen entsetzt angeschrien, was denn mit ihnen los sei, dass sie jetzt kleine Frankfurter auf den Baum hängen und ob ihnen denn gar nix mehr heilig sei. Vielleicht hab ich da erst zu spät gesehen, dass es sich um rosa Kerzen handelte, die da am Baume thronten und mich dann bei meinen Oldies entschuldigt. Die haben Gott sei Dank noch alle Tassen im Schrank (im Gegensatz zu mir…).

Na gut, und vielleicht kam es mal vor, dass ich in der Arbeit eine Adresse auf einem Personalausweis nicht so ganz richtig lesen konnte, vielleicht hab ich mal jemandem statt 179,-€ das Zehnfache verrechnet, weil alles so durcheinanderging am Compi und vielleicht hab ich mal die Praktikantin alle Kontoauszüge laut vorlesen lassen, weil die Zahlen doch heutzutage sooo klein gedruckt sind und vielleicht hab ich auch mal das falsche eingekauft, weil ich die kleinen Unterschriften auf den Packungen nicht mehr lesen konnte und vielleicht hab ich mich auch mal bei meiner Lieblingszeitung beschwert und gedonnert, sie müssten jetzt doch nicht auch noch beim Druck ihrem Namen alle Ehre machen und die Buchstaben sooo KLEIN darstellen…

Na gut, vielleicht. Aber ist das gleich ein Grund für eine Brille?

Ist es. Und ehe ich mich versehe, sitze ich auch schon beim Augenarzt im Wartezimmer, habe die Augen eingetropft und muss mit einem potthässlichen Brillengestell von einer futzelkleinen Tafel Buchstaben und Zahlen wie eine Erstklässlerin ablesen. Der Arzt misst meinen Augendruck, obwohl man das erst ab 50 tun sollte, wie ich anschließend beleidigt feststelle und rügt mich, dass ich meine Guckerl nicht offenhalten kann ohne zu blinzeln.

Ich verlasse das Etablissement mit rinnenden Augen und wanke direttissimo ins nächste Brillengeschäft, wo ich per Zufall zwei liebe Freundinnen treffe (danke S. und L.!), die mich sogleich in Stilfragen bestens beraten: die jüngere der beiden versucht es mit einer rosaroten Hexagon-Brille, die reifere rät mir zu einer Lesebrille im Kanzleirat-Style. Der Verkäufer ist verzweifelt. Ich bin es auch. Nach unendlichem Ausprobieren und erschrecktem Zusammenzucken meinerseits, als ich mich mit diesen Nasenfahrrädern im gleißenden Licht des Geschäftes sehe, gefällt uns einstimmig ein bestimmtes Model und alle atmen erfreut auf. Dem Verkäufer fällt ein Stein vom Herzen und er bedankt sich ergriffen bei meinen lieben Freundinnen für die Hilfe. Dann will er mir eine Unterschrift für einen Newsletter entlocken, indem er mir vorgaukelt, dies sei für den Datenschutz. Aber ich bin ja nur schasaugert, nicht blöd! Ich lehne alles ab, was man mir an Vorteilsheften, -Pickerl und -Checks anbietet und hole tags darauf meine neue Brille ab.

Aber dann beginnen die Probleme erst so richtig: ich sehe scharf! Ich sehe alles, was ich zuvor nur mit einem milden Weichzeichner wahrnahm: ich sehe die Chefin, ich sehe meinen verdreckten Geschirrspüler, ich sehe, wie Frankfurter Würstel wirklich aussehen, ich sehe den Unfug auf den sozialen Medien – und: ich sehe mein Spiegelbild! OMG!

Ich gehe zum Brillengeschäft und kaufe mir ein zweites Modell: die rosarote Hexgon-Brille muss her! Denn mit ihr bin ich wieder die Frau mit Weitsicht, die blauäugig durchs Leben geht. Und dieser Zustand gefällt mir eindeutig besser.

Mittwoch, 2. Januar 2019

Die Geister, die ich rief


Einladung zum Weihnachtsessen. Diesmal bei Tantchen. Das ist neu. Das hatten wir noch nie. Meine Eltern, meine Kinder und ich. Tantchen ist in Fahrt und begrüßt uns gleich bei der üppig geschmückten Eingangstür mit einem lustigen Rentiergeweih. Sie sei ein nordischer Typ, ihr passe dies besonders gut, beginnt sie ihre Festrede, nachdem sie uns ebenso lustige Filzpatschen mit roten Rudi-Rentiernasen auf der Großzehenaußenseite offeriert und uns in die gute Stube bittet, wo es nach Leberknödelsuppe und Schweinsbraten duftet. Das mit dem Essen ist in unserer Familie ja so eine Sache: ein paar mimen die Veggies, ein paar essen nichts, was braun ist, ein paar können nix mehr beißen, was härter als Zuckerwatte ist und wieder andere (Überschneidungen und Mehrfachnennungen sind durchaus möglich) bekommen exakt 16 Minuten nach dem Verzehr von Milch, Fleisch oder Gemüse Flatulenzen, dass die Älteren unter uns an die Bombenangriffe von 1940 erinnert werden. Den Teufel werd ich tun und nun verraten, wer welche Rolle hat, doch es sei dem Leser versichert, dass keiner der Verwandtschaft sich so recht wohl fühlt bei dem Gedanken, sich nun die Lebergeschosse und den zähen Braten von Tantchen einverleiben zu müssen.

Die Konversation bei Tisch sieht folgendermaßen aus: Tantchen und Opa führen das Regiment und sinnieren über alte Zeiten. Wie einfach und schön Weihnachten doch damals war, wie rührend, wenn die Tiere in den Raunächten sprechen konnten … oder verwechsle ich da jetzt was …. Ich kann mich gar nicht konzentrieren, weil ich versuche, den Braten von einer Backe zu anderen zu schieben und kauend in meinen Schlund zu verfrachten. Doch dieses zähe Viech will und will nicht aufgeben.

Irgendwas erzählen sie also von den Raunächten und dass man da nichts aufhängen darf: vom simplen Geschirrtuch und Topflappen bis hin zu - Gott bewahre – einer Wäsche! Da verfangen sich die bösen Geister und die richten dann das ganze Jahr über Unheil an. Uje! Und ich hab heut am Vormittag noch fleißig gewaschen. Life must go on - Raunächte und Geister hin oder her.

Doch da hab ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Geister arbeiten sich offensichtlich bereits gnadenlos vorwärts: von der Leberknödelsuppe bis zum Schweindl.

Meine Jungs verziehen das Gesicht, sie werfen sich einen Blick zu, der alles sagt, und stochern im Braten herum, während meine Tochter offensichtlich ohne Erfolg unterm Tisch mit ihrem Handy Snapchats vom Essen zu machen versucht, um es mit ihren Freunden zu teilen und dabei Mitleid zu schinden. Doch sie verheddert sich in der Tischdecke, die bei Tantchen zu den Festtagen 3-lagig aufgespannt ist und hat große Mühe, ihr Telefon wieder aus der Filethäkelei herauszuschälen.

Die Geister tun ihr Werk.

Auch bei mir läuft die Sache nicht runder, denn ich jage das Schweindl noch immer in meinem Mund ohne jeglichen Erfolg von links nach rechts und von rechts nach links. Während ich mit einem leichten Würgereflex kämpfe, patzt mir Tantchen noch ein Stück auf meinen Teller und beginnt zu erzählen, welch juckende, blutende Flecken sich zwischen ihren Brüsten das Jahr über eingeschlichen hätten. Dazu reißt sie plötzlich ihr Rüschenblüschen hoch und zeigt uns allen ihren Jucke-Kobold. Die Jungs haben für heute fertiggegessen, nur meine Mutter zeigt großes Interesse an Tantchens Balkon und wartet mit einer Liste an Arzneimitteln aus ihrem Garten auf, nichts spart sie aus, von Ringelblumen und Arnika bis Johanniskraut und Soiferl (=Salbei). Mein Töchterchen legt für ein paar Augenblicke ihr Handy nieder und mein Vater erinnert sich verklärt an Weihnachten 1945.

Ich glaub, die Wäschegeister machen gerade volle Arbeit. So muss es sein.

Dann aber kommt das Schöne: die Bescherung. Tantchen hat den Raum versperrt, ganz feierlich macht sie es, als ob eines meiner Kinder da noch neugierig wäre und alleine unentdeckt stöbern gehen würde. Aber sie besteht darauf. Sie zündet die Kerzen an, die etwas schief am noch schieferen Baum wackeln und läutet mit Inbrunst ein Glöckchen, auf dass wir uns vom Esstisch erheben und gen Wohnzimmer schreiten. Die ersten Flatulenzen lösen sich aus zwei Popscherln – und auch hier werd ich den Teufel tun und verraten, welche Gesäße es waren, obwohl ich auf Toilettensprache stehe, das gebe ich echt zu. Ohne Sch…ß.

Man entschuldigt sich, die Kinder lachen und nehmen derlei Blähungen und Tantchens Striptease von vorhin offensichtlich zum Anlass, auch selbst sämtliche Hemmungen fallen zu lassen. Die Geister arbeiten anscheinend bereits auf Hochtouren: Bei den nachfolgenden, von uns krächzend interpretierten Liedern tauchen einige Mutationen aus ihren Mündern auf. So wird aus „leise rieselt der Schnee, still und starr ruht der See“ ein „leise pieselt das Reh in den Neusiedlersee“ und aus „Kling Glöckchen Klingelingeling“ wird „Niemand wird es wagen Schalke jetzt zu schlagen, jeder muss es wissen, Stuttgart ist besch….en“

Die Geister haben wohl vor gar nix Respekt!

Die erste Kerze tropft mir auf die Hand und verbrennt kurz meinen Handrücken, was mich aufschreien lässt, doch Tantchen scheint dies wenig zu kümmern, sorgt sie sich doch viel mehr um ihre Fauteuillehne und holt flugs ein Toilettenpapier und ein Bügeleisen, um den Schaden möglichst gering zu halten.

Dann kramt sie in ihrem Wäscheschrank und zaubert einige „Ableger“ hervor, während sie sich mit Opa über die Verstorbenen der letzten Wochen und – was ihr noch mehr Erregung zu bereiten scheint – über die unheilbar Kranken des Ortes unterhält. Währenddessen überreicht sie mir einen ganzen Pack an alten Blusen und Unterleibchen mit einem Augenzwinkern und dem Vermerk, dass ich doch Vintage-Sachen so gerne hätte und sie mir diese nun – mit warmen Händen, wie sie betont - vererben würde.

Oh Geister, bleibt wo ihr seid!

Ich mache gute Miene zum bösen Spiel und probiere ein paar Kleidungsstücke an, um Tantchen zu zeigen, wie gut sie mir stehen und muss entdecken, dass diese dermaßen jucken und auf der Haut scheuern, dass ich mich alleine bei dieser kurzen Modeschau schon blutig kratze. Da haben sich wohl sämtliche Geister der ganzen Ortschaft drin verfangen, schießt es mir durch mein friedhofsblondes Kopferl und ich komme langsam dahinter, dass es sich dabei ausschließlich um jene Wäsche handelt, die sie im Vorjahr unvorsichtigerweise so zwischen 25. Dezember und 6. Jänner gewaschen und provokativ zum Trocknen aufgehängt hatte. So ein falsches Luder, dieses Tantchen!

Schließlich verabschieden wir uns bei gutem Wind und ich empfehle Tantchen einen Weichspüler. Den mit den Faserschmeichlern. Dann klappt’s auch mit den Geistern und Kobolden – ohne Soiferl und Ringelblumen.