Dienstag, 12. Januar 2021

Bloß ein Vogel?

Manchmal bin ich echt krawutisch, da geht mir alles total schnell auf die Nerven und dann wieder - im Handumdrehen - rührt mich was und ich bin kurz davor in Tränen auszubrechen. Was ist das bloß? Hormonelle Umstellungen kurz vor dem Verdorren? Eine bisher unentdeckte Hochsensibilität? Das Blankliegen der Nerven, weil’s einfach auf der Welt so drunter und drüber geht oder bloß ein Vogel?

Kleinigkeiten sind es, die mich an die Decke gehen lassen:

da legt ein betagter Mann hinter mir im Geschäft seine Ware schon aufs Fließband, wenn ich noch gar nicht fertig bin und vermeintlich keinen Platz mehr habe, und ich könnt ihm schon durch die Maske ein wütendes „Hast keine Augen im Kopf, du Fetzenschädl?“ rüberspradern, doch im selben Moment sehe ich, wie zittrig seine Hände sind und wie erloschen sein Glanz in den Augen, was mir gleich die Tränen ins Gesicht schießen lässt vor Rührung, weil dieses alte Männlein sich so plagt, noch alleine einkaufen zu gehen.

Oder ich sehe auf facebook Postings über Viecher, die ein- oder entgangen sind, und krieg gleich sooooo einen Hals. Lasst’s mich doch in Ruh mit euren zerzausten Läuseteppichen, habt ihr nichts anderes im Kopf als die blöden Tiere, bin ich versucht, in den Kommentaren zu schreiben, kurz bevor es mir im Herzen sticht, wie arm doch diese Hundsis und Katzis sind, welch Qualen sie aushalten mussten und wie grauenvoll die Kreatur Mensch doch sein kann.

Dann schreibt mir ein Bekannter, ob ich mit ihm auf einen „Café“ gehe. Auf einen „Café“ !!!! KAFFEE, KAFFEE, KAFFEE schreibt man das Getränk, das andere ist das WIRTSHÄUSL, wo der KAFFEE serviert wird, hast du denn gar nichts in deinem Schädel, du Loser du, möchte ich zurückschreiben, doch im nächsten Moment schießt es mir durch mein blondes Köpfchen, wie nett der eigentlich ist, möchte sich mit mir treffen, sucht den Kontakt zu mir, bemüht sich und eigentlich ist es doch nur MEIN Rechtschreib-Vogel, der mich so auszucken lässt. Schick ihm ein dickes Café-…ähm… Kaffee-Häferl zurück.

Oder die Kinder stellen das pickige Saftglas zum x-ten Mal ganz an den Rand der Arbeitsfläche, sodass ich es mit meinen weit schwingenden Armen beinah zu Fall bringe und sie merken es sich nicht. Nicht und nicht. Auch nicht nach tausendmaligem Ermahnen. „Ja, seid ihr denn zu gar nichts zu gebrauchen, ihr Gschrappen, wie lange wollt ihr mich noch nerven?“, schreit es in mir und ich bin versucht, sämtliche Gläser wegzusperren und die Kids von der Wasserleitung zuzeln zu lassen, doch dann denk ich mir, wie süß die eigentlich sind, wie pflegeleicht. Und ich bin unendlich dankbar für ihre geistige, körperliche und psychische Gesundheit und dafür, dass wir uns so gut verstehen, obwohl wir 24/7 beieinander picken. Dann wein ich wieder ein bisschen. Wegen eines Saftglases.



Und überhaupt ist es so finster draußen und so kalt und alles und alle sind krank und diese Katastrophe wird immer ärger und die Leute werden immer spinnender und es gibt kein Entrinnen und überhaupt keine Hoffnung auf irgendwas mehr und wir werden alle sterben. (Aber nicht heute). Und außerdem hab ich euch alle so lieb und freue mich schon auf alle wieder so sehr und bin so froh, dass alles seine geregelten Bahnen geht trotz Ausnahmesituation.

Es könnt‘ mir nicht besser gehen. Darauf wird gleich wieder eine Runde geheult! Schluchz.



2 Kommentare:

  1. Bringst mich fast zum Weinen....wiegel- wogel oder so
    Super!

    AntwortenLöschen
  2. Danke! Jaaaa! Das ganze Leben ist ein einziger Wiglwogl, Licht und Schatten, rauf und runter...

    AntwortenLöschen