6. Fahrt: Graz Marathon und eine unfreiwillige Reise in Österreichs Süden
Ich überlege im Vorfeld lange hin und her, wäge ab, sage zu, bin wieder unschlüssig, dabei ist die Aufregung doch schon so groß: mein Jüngster und mein Schwiegersohn in Spe nehmen samt ein paar Freunden und Verwandten beim Graz-Marathon teil, üben schon lange und hart dafür, zwirbeln sich gegenseitig hoch und pushen sich solange, bis auch jene, die vermeintlich weniger geübt sind, tapfer dort teilnehmen.
Wir reden hier von 42,195 km, die
man laufend hinter sich bringen muss. Für mich jenseits jeglicher
Vorstellungskraft und gleichzeitig eine der faszinierendsten, bodenständigsten
Sportarten. Der Gang, der sich zum Lauf entwickelt, ein sukzessives Erobern eines
Weges, ohne Hilfsmittel, mit wenig Schnickschnack, einfach ein Bein nach dem
anderen. Ein sehr ehrlicher Sport, der besonders mich als Mensch mit
Gehbehinderung sehr fasziniert.
Ich möchte zusehen und die Jungs
supporten, das steht fest. Aber ich habe meine Zweifel und Kalamitäten: Die
Straßen sind in Graz an diesem Tag großräumig gesperrt, es gibt Ersatzverkehr
bei den Öffis, und es sind unglaublich viele Leute unterwegs. Wie wird es mir
in einem vollgestopften Bus gehen? Wie lange kann ich am Straßenrand stehen,
ohne dass mir meine Wirbelsäule einen Strich durch die Rechnung macht? Und wie
weit muss ich gehen, um immer wieder zu den Läufern zu kommen und sie anfeuern
zu können? Halte ich die 4-5 Stunden durch?
Irgendwann kommt dann schließlich
der Punkt, an dem ich mir meine Schreckensszenarien und Ängste selber nicht
mehr ganz glaube und mutig zusage: die Mami ist dabei – in welcher Form und wie
lange auch immer!
Den Start um 10:00 Uhr lasse ich
ausfallen, ich setze mich erst um 11:18 Uhr in den Interregio 15511 (was ist
das eigentlich für eine lange Zahl?) nach Graz und bin erstaunt, dass um 11:22
Uhr der nächste Zug (IR 581) gleich hinterher fährt. Diese beiden werden
letztendlich in Bruck mit einem wilden Ruck zusammengehängt. Der Schaffner
warnt uns zuvor, nichts desto trotz geht ein leises Raunen durch die Menge, als
es uns mit einem lauten Krach 2 Meter nach vor und 3 Meter wieder
zurückschiebt. Selbst der eingefleischteste Handyglotzer schaut kurz auf und
checkt, ob wir nicht schon alle im Graben liegen. „Manchmal ruckelt’s ein
bisserl bei der Vereinigung“, kichert eine ältere Dame mit ihrer Sitznachbarin
schelmisch.
Zu mir hat sich ein sportlicher
Mann gesetzt, er trägt Sonnenbrillen im Haar und starrt in seinen Laptop. Als
ich meine Jause anfange zu essen, beginnt er parallel dazu offensichtlich mit
seiner Körperpflege. Ein ungünstiger Zeitpunkt: Beim Vollkornweckerl, in das
ich zuerst noch freudig beiße, bohrt er herzhaft in der Nase und wischt sich
die Rauber abwechselnd in den Bart oder in den Mund nach dem Motto: „die Guten
ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen“. Beim Cherry-Smoothie werden die
Ohren in Angriff genommen, und er dreht sich das Ohrenschmalz genussvoll in den
Bart. Bartwachs wird überbewertet, es geht viel natürlicher. Meine noch
mitgebrachte Banane esse ich nimmer, das wird mir jetzt zu viel, wer weiß, was
ihm dabei noch alles einfallen würde. Dabei schaut er völlig abwesend in seinen
Computer. Ich bin mir sicher, dass dem nicht bewusst ist, was er tut. Dennoch
graust mir unsäglich. Da laust einen ja der Affe!
In Graz erwische ich in der
Unterführung, in der normalerweise die Straßenbahnen fahren, einen „E“-Bus
Richtung Jakominiplatz, er ist komplett überfüllt, ich kann mich kaum aufrecht halten,
als er loszischt. Ich versuche mich auf einen Platz zu hanteln zwischen einer
ausladenden Dame, die quer sitzt und einem Herrn mit einem Kleinkind und einer
Babyschale auf den Knien. Kurz wanke ich Richtung Babyschale, dann entscheidet
die Fliehkraft allerdings, dass ich eher gegen die Stöckelschuhe der Lady trete
– und schon sitze ich. Und habe keine Ahnung, wo ich hinfahre und wo ich
aussteigen sollte.
Meine Tochter rettet mich mit
ihrem Anruf, sie steigt bald selber auch in den Bus dazu und gibt mir quer über
die Köpfe des Pulks Anweisungen, wann ich auszusteigen habe. Sie findet auch
bald einen guten Platz, an dem wir die Läufer hautnah miterleben können, dank
irgendeiner App, wo sie die Standorte von ihrem Freund und ihrem Bruder immer
stalken kann.
Die Straße ist abgesperrt, zwei Polizisten stehen Wache, auf dem Gehsteig sitzt ein Mann und singt lautstark „I like to move it, move it. Move it!“ Wir stimmen ein, wir nennen die Läufer beim Namen, den sie auf ihren Schildern tragen und motivieren sie zum Weiterlaufen. Sie haben zu diesem Zeitpunkt bereits über 30 km hinter sich. Man sieht es vielen bereits an. Ich bin hin und weg. Außerdem sage ich anscheinend immer das Falsche, denn mein „hopp, hopp“ wird von der Jugend nicht akzeptiert. Irgendwas Englisches sollte ich rufen, aber das wird auch nix G’scheites. Und viele von diesen Helden sind ohnehin schon knapp vorm Delirium, die antworten nur mehr mit kurzen Handbewegungen, können den Kopf kaum mehr heben.
Unsere Jungs laufen noch, der
Eine hatte gerade einen Boost in Form irgendeines Gels, der Andere kämpft mit
sich und der Welt. Ich könnte weinen vor Ehrfurcht.
Danach folgt eine weitere
Bus-Runde mit meinem Töchterchen, wir müssen beide irgendwo zusammengequetscht
stehen, die Leute sind teilweise ziemlich unappetitlich, auch bin ich es nicht
mehr gewohnt, so eng mit jemandem Fremden aneinander zu kleben , seit ich
sozusagen auf dem Land wohne. Dort kommt man sich selten so nahe. Es ist
kompliziert.
Am Jakominiplatz treffen wir
weitere Bekannte und Verwandte und bilden damit ein ganz nettes Grüppchen von
Fans und Supportern. Von hier sind es nur mehr ein paar 100 Meter bis ins Ziel.
Es ist unglaublich faszinierend, diese Leute hier einlaufen zu sehen. Viele
hinken bereits stark und haben irgendwie eine Schräglage, manche werden von
Cheerleadern oder Freunden kurz begleitet, auch Kinder laufen mit, man kann
schräge Outfits und originelle Rückentattoos beobachten.
Meine Tochter gibt immer wieder
den neuesten Stand von ihrer App bekannt, wenn irgendwer besorgt nachfragt:
„Läuft er noch?“ – „Ja, er bewegt sich noch“, ist dann die tröstende Antwort.
Es könnte natürlich auch ein Rettungsauto sein, in dem er sich bewegen lässt,
aber wir wollen uns solche Sachen gar nicht ausmalen.
Unsere Jungs kommen gut ins Ziel,
ich bin hin und weg. Was, bitte, ist das für eine Meisterleistung und
gleichzeitig aber schon etwas grenzwertig, seinen Körper so überzustrapazieren!
Aber man macht dies eh nicht jeden Tag, das relativiert dann die Sache ja. Wir
sind alle sehr berührt und glücklich.
Ich trenne mich dann von der
Gruppe, bin erstaunt, wie wenig Schmerzen ich habe, obwohl ich doch schon 4
Stunden herumgehe und -stehe und fahre mit einem jetzt endlich leeren Bus
wieder auf den Bahnhof. Eine kurze Einkehr beim Schachtelwirt sollte es noch
werden und dann ab nach Leoben. Das war zumindest der Plan.
Der Besuch beim McDonald’s
verläuft ohne Probleme, einige Läufer bestellen sich 5 oder 6 Schachteln mit
Riesenburgern und ein fettes Stück Torte. Zu erkennen sind die Typen an den
weißen Salzrändern auf ihren meist dunklen T-Shirts und an einem etwas streng
riechenden Duft, den sie nach sich ziehen. Draußen im Bahnhofsgebäude stellen
sich Obdachlose mit leeren Pfandplastikflaschen beim Rückgabeautomat an, denn
heute ist ein guter Tag für sie, da findet sich viel Müll in den Straßen,
einige Menschen hinken vor sich hin und man weiß genau, wo die herkommen. Andere
Leute sind mit Koffern unterwegs und scheinen nach einem Wochenende zu Hause wieder
in ihren Arbeits- oder Studienalltag zurückzufahren.
Und was tue ich? Etwa in den
Alltag zurückfahren? Wie fad! Wie lächerlich!
In der Meinung, ich nehme einen
Zug, der übers Murtal nach Kärnten fährt und dabei Leoben passiert, steige ich
in eine tolle Garnitur, die fast wie ein Flugzeug aussieht, wundere mich noch,
dass die „Westbahn“, wie sie auf der Außenseite groß bedruckt ist, jetzt auch
in den Norden fährt, ergattere einen luxuriösen Platz mit großer Beinfreiheit
und gedämpftem Licht und merke plötzlich, dass ich in einem Zug sitze, der
durch den relativ neuen Koralm-Tunnel nach Kärnten fährt. Na wumm!
Nicht nach Leoben, nein!, an den
Klopeiner See fährt er! Nicht mit meinem steirischen Klimaticket befahrbar,
nein!, zum Extrazahlen! Mir wird heiß und kalt, ich hüpfe wieder auf und renne
zur Tür, doch es ist zu spät, ich kann sie nicht mehr öffnen.
Wie konnte mir sowas passieren? Offensichtlich hatten die beiden Züge dieselbe Abfahrtszeit, aber einen anderen Bahnsteig. Und Villach als Ziel hat mich auch nicht sonderlich abgeschreckt, ist man doch früher immer über Leoben gefahren, wenn man nach Kärnten wollte. Da sitz ich nun, erzähle laut den Menschen um mich herum, was mir jetzt widerfahren ist und bin verzweifelt. Nicht nur, dass ich unendlich viel Zeit vergeuden würde, sondern ich bräuchte ja eine gültige Fahrkarte. In meiner Naivität buche ich mir sofort auf der ÖBB-App ein Ticket, wundere mich abermals, dass ich den richtigen Zug nicht finden kann, nehme aber dennoch eine Karte, die in den nächsten Stunden auf dieser Strecke gültig ist. Meiner Meinung nach auf jeden Fall. Ich würde so vielleicht eine Strafe vermeiden. Man darf nämlich nicht ohne gültigen Fahrausweis in einen Zug steigen.
Und dann war er auch schon da,
der Schaffner. Mit einem grün-blauen Gewand. Nicht rot-schwarz-weiß wie die
ÖBBler, nein! Grün und Blau. Und Gott sei Dank sehr freundlich, denn als ich
ihm den QR-Code der ÖBB Karte hinhalte, kommt der nächste Schock: „Diese
Fahrkarte ist in diesem Zug nicht gültig, Sie befinden sich in der Westbahn und
haben für die ÖBB bezahlt.“
Dieser Moment stellt dann meine
bisherigen Blutdruckspitzen in den Schatten, denn jetzt habe ich wohl alles,
was man versemmeln kann, ad absurdum getrieben. Doch der Schaffner hat
Erbarmen, als ich ihm erkläre, dass ich eigentlich mit meinem steirischen
Klimaticket nach Leoben möchte und lässt mich tatsächlich bis zur nächsten
Station, Kühnsdorf-Klopeinersee, gratis mitfahren, mit der Auflage, dass ich
aussteigen und sofort den Bahnsteig wechseln sollte, denn dort würde 3 Minuten
später der nächste ICE wieder nach Graz fahren.
Ich bin zwar etwas erleichtert,
doch kann ich die Fahrt mit 245 km/h durch den Koralm-Tunnel kaum genießen. Mir
fallen die Ohren zu und in meinem Kopf drehen sich die Gedanken, wie mir solch‘
ein Fauxpas bloß passieren konnte.
Am Klopeinersee ist es schön.
Herrlich mildes Wetter, toller Himmel im Abendlicht, aber ich habe eine Mission
und kann mich mit solchen Oberflächlichkeiten nicht aufhalten: ich muss 3
Stockwerke über Stiegen hoch auf die Geleise-Überführung, diese zügig
überqueren und am anderen Ende wieder die 3 Stockwerke runtergehen, damit ich
auf den richtigen Bahnsteig Richtung Graz gelange. Ehe ich mich versehe, ist
der ICE 117 da. Es ist die deutsche Bahn. Ich flippe erneut kurz aus, frage aber
meinen Großen, der in solchen Sachen sehr bewandert ist, ob ich denn nun
endlich ein Ticket über die ÖBB buchen darf und mache dies noch schnell über
die App.
Dann fahre ich mit großer Geschwindigkeit wieder retour nach Graz, ohne dass ich kontrolliert werde. Das heißt, wenn ich genug Nerven und kriminelle Energie gehabt hätte, wäre ich beide Strecken gratis gefahren. So habe ich 48,70 € in den Wind bzw. Tunnel geschossen und 2 Stunden verloren.
In Graz ergattere ich auf
Bahnsteig 2 sogar eines der 12 kalten Metallsessel, die man für die ca. 456
Wartenden aufgestellt hat und muss 4 Minuten vor Abfahrt durch einen
Lautsprecher erfahren, dass der Zug heute von Bahnsteig 7 abfährt. Also wieder
eine kleine Rallye durch die Unterführung, hinein in den vollgestopften Waggon
und gemütlich gemacht bei zwei olfaktorisch grenzwertigen Marathonläufern, die
sich ihr Bier mit der Medaille öffnen mit den Worten: „Ah, für DAS kann man sie
verwenden!“ Halbmarathon sind sie gelaufen, die Jungs, ich spreche sie kurz an,
weil ich mich mit ihnen freue.
Und ich freue mich, als ich
endlich in Leoben ankomme und den Abend, an dem ich so viele hinkende Leute
sah, wie sonst das ganze Jahr nicht, mit einem Bierchen mit meinem
Marathon-Helden genieße. Was für ein beeindruckender Tag!
Facts:
Ich bin insgesamt ca. 270 km mit
dem Zug gefahren (inkl. 156 Fleißaufgaben-Kilometer nach Kärnten), 3 km mit dem
Rad, eine nicht bekannte Strecke mit den Ersatzbussen und so 1 oder 2 Kilometer
zu Fuß gegangen.
Die heutige Reise hätte ohne
Klimaticket 38,80- € gekost, vielleicht auch noch 7,20 € für eine
24-Stunden-Karte für die Öffis.
Für meine Westbahn-Fahrt ins
Blaue habe ich schmerzhafte 48,70 € abgedrückt – man gönnt sich ja sonst nix!
Was ich besser organisieren
oder mir merken muss:
Endlich die neuen
Streckenführungen der ÖBB kapieren. Von meinem „das war schon immer so“-Wissen
runtersteigen und die Koralm bei jedem Gedankengang miteinfließen lassen.
Nie in einen fremden Zug steigen
und mit keinem fremden Zug mitfahren! Niemals!



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