Wenn jemand eine Reise tut, ...
Schon Matthias Claudius wusste im 18. Jahrhundert: „wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“ und so reihe ich mich ein in deren Reigen: Ich habe in Frankreich Rosenkranz gebetet und Wunderheilungen beigewohnt, sprang nackig neben der Schweinebucht auf den Kanaren in den Atlantik, wurde zweimal in Osteuropa ins Spital eingeliefert, weil ich mir entweder den Haxn auskegelte oder von einer Mücke zerstören ließ, saß auf der Polizei auf Ischia, weil man mir die Fotoausrüstung gestohlen hatte, war an einer Verfolgungsjagd in den Südstaaten von Amerika beteiligt, machte hinter dem Eisernen Vorhang in Russland seltsame „Rubeltausch“-Geschäfte und versäumte mein Flugzeug in England um einen ganzen Tag, während mein Gepäck verschwand.
Mir wurden mehrmals in Frankreich
männliche Geschlechtsteile unaufgefordert in U-Bahnen und Jugendherbergen
demonstriert, ich wurde in Linz als Einzige aus dem Flugzeug vom Zoll gefilzt, ich
ritt auf einem Kamel in Tunesien, das mich anwischelte und ich hatte
Brechdurchfall und Fieber in Prag. Ich fuhr durch Brunsbüttel, nur in Pforzheim
war ich nie.
Bin durch mittelalterlich
gepflasterte Straßen in Tschechien gestolpert, bin im Watt an der Nordsee in
den Schlamm gefallen, wurde vom KGB in Russland beobachtet, weil ich
Traubenzucker verteilte, roch mich durch die Blumenpracht in englischen Gärten,
kackte zwischen den Disteln in Griechenland, schlief während der
Mitternachtssonne in einem 10er-Männer-Zimmer auf den Lofoten und haute eine
fremde Kamera vor dem Gebäude des Prager Fenstersturzes um die Erde.
Ich war in Afrika, Amerika und
Asien, war 10 mal in Griechenland, 13 mal in Prag und 16 mal in Venedig, war
auf Burgen, Türmen und Wendeltreppen, streckte meine Füße in schwarzen Sand,
ging über Kalkterrassen und auf vulkanischem Tuffgestein, war in Trulli und
Sassi, fuhr mit Zug, Bus, Schiff, Zahnrad- und Standseilbahn, verfiel dem
Geschwindigkeitsrausch beim Starten etlicher Flugzeuge und im TGV, machte
Kaffeefahrten mit nicht sonderlich erquickenden Werbevorträgen. Ich gönnte mir
All inclusive Urlaube oder war Selbstversorger, residierte in prunkvollen
Zimmern oder Appartements mit Kakerlaken, in Villen mit Pool und auf der
Luftmatratze unter Strommasten und Sternenhimmel. Ich machte Strandurlaube,
Städte- und Kulturreisen und war auf Interrail durch halb Europa unterwegs.
Damals.
Begleitet haben mich Freunde,
Liebhaber und Kinder, ich war mit Frauenpower-Weibern und katholischen Gruppen
unterwegs, reiste auch viel und gerne allein. Ich habe den Reiseleiter gespielt
oder mich unterhalten lassen. Manche Begleitung war eine Tratschl-Kathl und
hielt ihr Mundwerk bis spät in die Nacht nicht, manche weinte, weil sie sich
vor Ausländern im Ausland fürchtete, manche ließ sich von allem, was Puls
hatte, nageln und manche hatte zu tief ins Glas geguckt. Iiiiich war das nicht,
iiiiiich nicht…
Ich sprach Englisch, Deutsch und
Französisch, probierte es mit Russisch und Portugiesisch, mit Händen, Füßen und
Zunge, mal verstand man mich, mal wollte man mich nicht verstehen und sehr oft
war es wirklich nur gequirlte Luft, die aus mir dampfte.
Und jetzt?
Es ist alles aufgeschrieben,
abfotografiert und eingekastelt, es ist genug gegrübelt, behirnt und
durchdacht, aufgearbeitet und eingeordnet, verdaut und verstaut.
Der Jungwuchs steht auf eigenen
Beinen, die Altvorderen sind versorgt. Wer nicht bleiben wollte, ist gegangen.
Die Arbeit ist getan, und es ist wieder an der Zeit, neugierig zu werden und
die Fühler über den Suppenschüsselrand rauszustrecken.
Ich möchte Menschen mit roten
Brillen und viereckigen, orangen Rucksäcken sehen. Frauen mit weißen Zöpfen und
Stirnbändern darüber, Männer mit Waldviertler Schuhen und karierten Gilets über
gestreiften Hemden und Hosenträgern. Ich möchte Leute sehen, die statt mehrerer
Handys mehrere Bücher in ihren Händen tragen und ihre Kinder mit zerzausten
Haaren und vom Spielen schmutzigen Hosen in Bollerwägen hinter ihrem Fahrrad
herziehen. Vielleicht komme ich ins Gespräch mit Menschen, die das Leben zu
schätzen wissen, die sich dieses großen Geschenkes bewusst sind, die mit
anderen sorgfältig umgehen, die dankbar und achtsam sind, die respektvoll mit
Lebewesen agieren.
Ich freue mich auf herbstliche
Weingärten, mittelalterliche Häuser, hohe Bergspitzen, grüne Wälder, rauschende
Bäche, Kornfelder und glitzernde Seen. Auf Kaffee- und Tortenspezialitäten, auf
gute Suppen und frischen Käse. Aufs Grenzland und die Alpen.
Und deshalb habe ich beschlossen,
erneut auf Reise zu gehen. In MEINEM Rahmen, im kleinen Rahmen. In dem, was
möglich ist: Ich kaufe mir also ein Klimaticket für die Steiermark und werde
innerhalb der nächsten 365 Tage damit überall hinfahren dürfen, wo Bahn und Bus
des Verkehrsbundes umhergondeln. Sogar ein Ausflug nach Szentgotthárd an der
burgenländisch-ungarischen Grenze ist inbegriffen. Wieso, das wissen nur Gott
und die ÖBB.
Und ja, es ist auch ein mulmiges
Gefühl dabei, denn ich bin mir nicht ganz sicher, wie anstrengend dies alles
wird und wie lange und wie viel ich durchhalten werde. Es zwickt und zwackt
doch schon an allen Ecken und Enden bei mir, kaum ein Gelenk ist noch von
Trübsal verschont. Manchmal schmerzen jeder Schritt und jede Position, manchmal
habe ich sogar Schweißausbrüche dabei. Und der Wechsel tut das Seinige: von
grauenvollen Stimmungsschwankungen angefangen, über Ungeduld, Wut, Ohnmacht,
depressive Verstimmung und Ratlosigkeit bis hin zu Hungerattacken und
Herzstolpern ist alles dabei.
Aber die Neugierde und die Freude
auf Abenteuer lassen mich mutig sein und mich auf meinen Weg begeben. Und es is
ja wurscht – im Prinzip. Denn wenn ich nimmer kann, setze ich mich einfach in
den nächsten Zug nach Hause, ohne irgendetwas verloren zu haben und starte
erneut durch, wenn mein Zustand es wieder zulässt.
(Für alle, die’s interessiert:
das Klimaticket Classic kostet 532,-€ mit Foto, das Übertragbare kostet 646,-€.
Ich habe mich für letztere Variante entschieden und werde es redlich teilen.)
Und los geht die Reise!


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