2. Ausflug: Neuberg mit Zug und Rad

Warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden? Ungefähr einmal in der Woche fahre ich nach Neuberg in meinen Heimatort, um meine Mama mit ihren 24-Stunden-Hilfen zu besuchen, nach dem Rechten zu sehen, Sachen zu erledigen und zu besprechen und natürlich den schönen Ort und ein tolles Mittagessen nach rumänischer Art zu genießen.

Normalerweise fahre ich mit dem Auto, zumal ich öfters Einkäufe o.ä. zu transportieren habe und die Fahrt mit dem Zug auch in Mürzzuschlag jäh enden würde, geht von dort weg nämlich nur sehr, sehr, sehr, sehr sporadisch ein Bus „in den Graben“. Es wäre natürlich mit viel Einteilung und Disziplin möglich, zusammen mit der Rückfahrt würde dies aber sicher in einem äußerst anstrengenden Tagesausflug enden, der mich vom ersten Hahnenschrei bis zum tiefsten Einbruch der Nacht auf Trab halten würde.

Meine Lösung? Ich fahre mit meinem Rad im Gepäck MIT dem Zug nach Mürzzuschlag und strample dann die ca. 12 km einen wunderbaren Radweg entlang zu meinem Elternhaus und wieder auf dieselbe Weise retour: mit dem Klimaticket alles im Preis inbegriffen, ich ertüchtige mich beim gemäßigten Radfahren und schone die Umwelt. CO2 Ersparnis gegenüber einer Autofahrt: 23,6 kg. Was bin ich doch gut!

Los geht meine Reise erstaunlich zeitig, da ich mit meinem Rad ja nicht nur zur Bahnstation fahren und dort zumpferln muss, dass ich den richtigen Zug-Eingang erwische, um mein Rad ordnungsgemäß abstellen zu dürfen, sondern ich sollte auch noch Schokolade beim Lidl für Mama besorgen. Die gibt’s nur dort, dafür braucht sie mich als Dealer. Kurzum: ich bin nervös.

Die Schokolade habe ich in Windeseile gefunden, an der Kassa sind keine Leute und ich bin in 2,5 Minuten wieder aus dem Geschäft raus, brauche weitere 1,4 Minuten zur Bahnhaltestelle und stehe nun geschlagene 25 Minuten zu früh dort im kalten Schatten mit metallenen, noch viel kälteren Sitzplätzen im Betonwindfangs-Wartehäuschen. Dass auch immer alles klappen muss, wenn man genug Zeit hat! Verflixt und zugenäht. Konnte sich nicht diese Schokolade unter mehreren Verpackungen und noch nicht geöffneten Schachteln verstecken? Konnte nicht eine Warteschlange an der Kassa die sorgsam aufgesparte Zeit blitzartig dahinschmelzen lassen, während ich mich über jemanden ärgere, der das Ganze aufhält, weil er seine Einkaufs-App nicht findet? Konnten nicht die zwei Ampeln langsamer schalten, die ich auf meinem Weg noch passieren musste? Das gibt’s doch alles gar nicht! Da sitze ich nun und friere mir mein hängendes Gesäß ab, klotze auf einen mehrfach vollurinierten Betonpfeiler und erkenne in meiner Fadesse darin sogar eine Ähnlichkeit mit dem Gemälde „der Schrei“ von Edvard Munch.

Bald wird der Bahnsteig voller und voller, ein Multikulti-Publikum rennt mit mir um den schönsten Platz im Zug um die Wette. Gott sei Dank sind die Radplätze frei, ich setze mich daneben auf die Rollstuhl-Klappsitze und werde bis Bruck von einem Typen fixiert, der sich in sein barockes Baucherl ein geschmeidiges Frühstückshüserl laufen lässt. Wenn er doch nur zum Starren aufhören würde! Da ich heute ja in die Wiege meiner Kindheit und Jugend zurückfahre, sei mir an dieser Stelle ein Spruch aus jenen Zeiten erlaubt: „Warum schaust denn so blöd? Ich kauf dich eh nicht.“ – „Weil ich Augen hab‘ und keine Hosenknöpfe!“

Das Umsteigen in Bruck gestaltet sich stressfrei und easy: zweimal mit einem E-Scooter-Typen in denselben Lift quetschen und schon bin ich beim Anschlusszug. Ich rede Höflichkeitsformeln vor mir her („Geht sich das eh aus mit dem Platz? Bitte! Ah jo, passt schon… danke!“), während der junge Herr stumm in sein Handy starrt. Und mir kommt vor, ich sah ihn sogar ein paar Mal die Augen genervt überdrehen.


Der doppelstöckige City-Jet ist dann allerdings eine weitere Kategorie für sich: Der Boden hat fließende Höhenunterschiede wie der Parcours eines Fun-Hauses am Rummelplatz, ich stoße mir dreimal das Schienbein bei meinem Rad an, bis ich beim richtigen Standplatz bin und kann nur mit geduldigem Paralleleinparken das Rad zwischen den viel zu eng gebauten Abgrenzungssäulen positionieren. Was danach folgt, strapaziert jede Geduld bis aufs Äußerste. Die Gurte zum Anhängen lassen sich immer nur ein kleines Stück herausziehen, danach stoppen sie oder gehen wieder ein paar Zentimeter zurück. Es ist mir auch nach längerem Probieren und ersten Kreuzverspannungen nicht möglich, mein Rad anzuhängen. Aber es wird ohnehin nicht umfallen, denn es ist ja genau zwischen den Säulen eingequetscht. Der Schaffner, den ich um Hilfe bitte, zischt nach einigen eigenen misslungenen Versuchen mit hochrotem Kopf ab und verspricht, er werde dies melden. Danke für Nix.

Zwei weitere Radfahrer versuchen im Laufe der Fahrt ihr Glück mit den Gurten, und tatsächlich lässt sich von den vier möglichen ein einziger gebrauchen. Die Zwei haben einen goldenen Humor, besonders die Frau gibt sich mit mir eine Doppel-Conference: „Die haben die alten ‚Wiesel‘-Züge in Wien ausrangiert und sie nun bei uns am Land bei den Trotteln eingesetzt!“ und „Bei diesen Bodenunebenheiten ersparen wir uns einen Rausch, das ist billiger.“ Selbst in Mürzzuschlag beim Lift schreit sie mir noch nach: „Geht der etwa auch nicht?“ … und lacht mit einer göttlichen Gelassenheit.

Durch all die Aufregung vergesse ich doch glatt, mein erstes Jauserl zu mir zu nehmen und vielleicht auch einen Toilettenbesuch zu wagen, was mir bei den ersten Metern auf dem Rad sofort auf die Decke zu fallen scheint: Schon in der Frachtenstraße in Mürzzuschlag – und da ist man noch nicht mal auf dem Radweg Richtung Neuberg – weiß ich, dass es für diese meine zwei Probleme bald mal eine Lösung geben muss, weshalb ich hurtig in die Pedale trete und am nächsten sonnigen Bankerl eine ordentliche Zwischenmahlzeit zu mir nehme. Danach lassen sich die ersten Kilometer bis Kohleben zünftig befahren, es ist teilweise sehr schattig und kalt, aber wunderschön klar und ruhig. Das alte Bahnhofshäuschen dient mir als Sichtschutz für einen naturbelassenen Abort, auch beginne ich dort meine Jugenderinnerungen aufzufrischen, bin ich doch 8 Jahre lang mit dem Zug auf der Strecke des heutigen Radweges in die Schule gefahren und habe dort so manche Höhen und Tiefen erlebt: Schulängste und -freuden, Liebeskummer und Angst vorm Ausgelacht werden, schöne Erfolge und lustige Erlebnisse mit Freunden, Trauer, Neid, Streit, Zusammenhalt und Hoffnung. Also von allem ein bisschen, was so ein Teenager-Herz aushalten muss.

Ich genieße die weitere Radfahrt nach Neuberg, manchmal überholt mich jemand, ich hingegen überhole nie jemanden. Die sind mir alle zu schnell unterwegs, die Herrschaften. Dafür kann ich in vollen Zügen jede Schattierung des herbstlichen Laubes wahrnehmen, den Duft von feuchter Erde und das Zwitschern der Vögel. Ich sehe Hühner und Kühe, weiche nicht immer erfolgreich gefallenen Äpfeln und Zapfen aus und erfreue mich an der grün-blau glitzernden Mürz, die mir durch die Haselsträucher in die Augen blitzt.

Im Arzbach ein erneuter Halt samt Auffrischen meiner Bahnkarriere aus den 1980ern: ich betrete durch ein Strauchwirrwarr das alte Wartehäuschen, es wandelt mich im Geäst herum, ich falle und stolpere ein paarmal, schaffe es aber unbeschadet auf den Bahnsteig und traue meinen Augen nicht: das Häuschen ist fast unversehrt und könnte sofort wieder in Betrieb genommen werden, auf den Geleisen allerdings wachsen kleine Bäume, durch die die Sonne scheint. Ich beobachte das Schauspiel vom vermoosten Bahnsteig aus und rieche in meinem Kopf direkt den Duft der neuen Schulbücher, Hefte und Umschläge, mit denen ich im Herbst dort aus dem Zug gestiegen bin, mich jedes Mal freuend, dass ich schon wieder in einer höheren Klasse war, die Hausaufgaben noch wenig und die Schularbeiten und Referate noch fern waren.


Anschließend fällt mir auch wieder der Weg auf der anderen Seite der Station ein, über den man ohne Strauchgewirr und ohne Probleme mit ein paar Schritten auf den Radweg kommt. Jetzt weiß ich es – fürs nächste Mal Nostalgietanken…

Auf der Schafbrücke verlasse ich den Weg und schlängle mich über Schleichpfade zu meinem Elternhaus. Ein zufälliges Treffen mit einer Freundin erheitert mir zusätzlich meinen Tag.


In der Küche des alten Hauses riecht es schon gut nach Gekochtem, Mamas 24-Stunden-Hilfe zaubert uns ein 3-gängiges Menü mit Suppe, Ofenkartoffeln mit Gemüse, buntem Bohnensalat und Tiramisu. Was geht es uns doch gut!


Nach einem kurzen Tratscherl mache ich mich auf den Rückweg, vor mir liegen schließlich nochmals ca. 12 Kilometer, die zwar leichter zu befahren sind, weil die Straße fällt, jedoch leidet auch schon meine Kondition, der Popo schmerzt, der kleine Finger rechts wird taub, das Knie zwickt, der Rucksack wird immer schwerer und das Gemüse startet mit dem Tiramisu im Bauch ein Battle.


Es wird Zeit für die S-Bahn, die Gott sei Dank in Mürzzuschlag schon bereit steht und wo ich ohne Stress im stehenden Zug mein Rad ordentlich einparken kann, ohne dabei das Gleichgewicht oder die Geduld zu verlieren. Auf dem Viererplatzerl neben mir nimmt ein junger Herr mit lauten Kopfhörern Platz und bittet den Schaffner, dass er ihn bis Graz fahren ließe, obwohl er nur bis Bruck seine Karte gelöst hatte. „Ich hab momentan kein Geld, bekomme von einer Freundin dann eines, ich bin nämlich erst aus dem Gefängnis raus,“, war seine Begründung. Nach einem ersten kurzen Schockmoment lässt ihn der Schaffner tatsächlich weiterfahren und winkt seinen Verbleib im Zug ängstlich-gütig ab.

In Bruck steige ich für heute das letzte Mal um und werde am Bahnsteig schon von einem freundlichen Herrn begrüßt, der galant den Türknopf für Kinderwägen und Rollstühle drückt und mir erklärt, dass ich mein Rad ruhig auch zu seinem dazustellen dürfe. Es mache ihm nichts aus und es habe noch Platz. Wie nett von Ihnen, Herr Wichtschas, ohne Sie wäre ich verloren…

Weiters erzählt er mir ungefragt von seinen erfolglosen Versuchen, auf diesem gottverlassenen Bahnhof am Samstag-Nachmittag ein Bier zu kaufen, was mich eilig ein paar Sitze weiter Platz nehmen lässt, denn auf dieses Biergequatsche kann ich gut verzichten. Für heute reicht’s nämlich schon mit den Eindrücken, ich bin fetzenhin, freue mich aber dennoch über diesen schönen Tag.

Facts:

Ich bin laut Zeitachse 102 km (oder laut Routenplaner: 110 km) mit dem Zug gefahren, 3 km mit dem Rad zum Bahnhof und 24 km von Mürzzuschlag nach Neuberg und retour, also insgesamt 27 km.

Die heutige Reise hätte ohne Klimaticket 32,60 € inkl. Fahrrad gekostet.

Was ich besser organisieren oder mir merken muss:

Aufs WC gehen, wenn eines da ist und nicht warten, bis keines mehr da ist.

Mit Männern, die zum Frühstück Bier trinken oder verzweifelt den Zug verlassen, um nach einem solchen zu suchen, keine Konversation starten!

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