1. Reise: Bad Radkersburg. "Bitte nicht aus der Haut fahren!"
Ich möchte in den Süden. Bei herrlichem Herbstwetter in die „steirische Toskana“, nach Bad Radkersburg – falls die dort überhaupt ist. Ich möchte über Mais- und Sonnenblumenfelder flanieren und in der lauen Luft zwischen den uralten Häusern spazieren. Ich möchte Leute beobachten und mir dabei ihre Lebensgeschichten ausphantasieren, in der Herbstsonne sitzen und einen Espresso trinken.
Es kam anders, dies sei schon mal
verraten…
Regen ist angesagt. Schon Tage
vorher durchforste ich sämtliche Wetter-Apps, schaue mir die Vorhersagen sogar
im Fernsehen an und warte ungeduldig auf die Zusendung meines Klimatickets, das
man mir nicht sofort ausstellen konnte, sondern – da übertragbar – erst zwei
Wochen nach Kauf zuschicken würde. Und es ist knapp: Einen Tag später und es
wäre bereits gültig, aber nicht „befahrbar“ gewesen. Es geht jedoch alles gut,
das Ticket landet zeitgerecht in meinem Briefkasten und die Wetter-Apps
schlagen auch immer wieder auf trockene Phasen um, weshalb ich beschließe,
diese doch sehr lange Reise als erstes in Angriff zu nehmen.
Ich packe mir etwas Jause ein,
meine Muskelrelaxanzien in Form von Tabletten, den gewichtigen Fotoapparat und
etwas zu trinken. Der Rucksack ist bereits beim Verlassen des Hauses recht
schwer und drückt auf Schultern und Kreuz. Doch noch bin ich fit und
reisefiebrig, weshalb ich nicht viel davon merke. Ich schwinge mich auf mein
Rad und fahre im Nieselregen zum Bahnhof, lasse selbiges samt Helm abgesperrt
zwischen zig verrosteten und vergammelten Drahteseln stehen und hoffe darauf,
dass niemand auf die Idee kommt, Schaden anzurichten.
Der Interregio führt mich nach
Graz, dies sollte der erste von drei Zügen bis ans Ziel sein. Er ist überfüllt,
da offensichtlich heute in der Steiermark Wandertag ist und junge Leute mit
schreienden Lehrern die Waggons befüllen. Die restlichen Fahrgäste stehen
ratlos herum, ich ergattere einen Klappsitz vor der Toilette und starre direkt
auf die Anzeige, ob es besetzt ist oder nicht und muss miterleben, wer welches
Geschäft zu verrichten hätte, erkennbar an Dauer und nach sich ziehenden
Duftnoten. Das sollte nun für die nächste Dreiviertelstunde mein Horizont sein?
Nein danke, nicht mit mir, SO kann man seine Reise nicht beginnen, weshalb ich
mich im bereits anfahrenden Zug mutig erhebe, dahinwackle und doch noch einen
Platz im offenen Waggon ergattere.
Auf diesem sitzt aber leider eine
dicke Tasche, doch dies ließe sich ja mit der Besitzerin klären – so hoffe ich
zumindest. Sie macht mir den Sitz zwar unwillig frei, legt jedoch ihren offenen
Riesenbeutel unwirsch auf das Tischchen, blockiert somit den Zugriff der
anderen noch am Viererplatzerl Sitzenden und versperrt mir einen Teil der Sicht
aus dem Fenster. Die zwei Anderen können nicht mal ihr Handy ablegen, die Dame tut,
als ob sie alles Anrecht auf diese vier Sitzplätze alleine hätte. Sie sammelt in
ihrem großen Beutel Werbeprospekte, die sie einzeln durchblättert und die
Angebote dann auf einer handgeschriebenen Liste ergänzt, natürlich ohne ein
Ohrwaschl zu rühren.
Jetzt weiß ich auch, warum auf
der Info-Screen unentwegt eine Karikatur mit der Aufforderung um Contenance
auftaucht: „Bitte nicht aus der Haut fahren!“ steht hier. Ich versuche es. Ja,
ja, ich bin stark, ich kann mich beherrschen. Ich fahre Zug und nicht aus der
Haut. Jawohl.
In mir brodelt es. So hatte ich
mir mein „neugierig aus der Suppenschüssel schauen“ nicht vorgestellt. Ich merke,
wie es schon wieder in mir hochkriecht. Wie ich wütend werde auf rücksichtslose
Menschen, wie ich mich hineinzusteigern beginne. Doch STOP! Nicht mit mir,
nicht heute. Es geht mich nichts an. Es ist warm, es ist trocken, ich bekomme
Luft, ich kann weich sitzen, ich sehe einen Teil der Landschaft. Es ist eine
völlige Energieverschwendung, wenn ich mir das Verhalten dieser Dame zu Herzen
nehme. Ich bin Beobachter, ich schaue mir die Menschen an. So war es gedacht.
Und es klappt. Nach Zurückfahren des Blutdruckes und der Normalisierung des
Herzrhythmus verbringe ich schließlich doch noch eine nette Fahrt entlang der
Mur nach Graz, in einen Beutel glotzend…
Ein kurzer und schmerzloser Umstieg in den Interregio nach Spielfeld-Straß durch die grölenden Wandergruppen beendet den Platzmangel, und ich kann mich wunderbar im zweiten Zug an diesem Tag ausbreiten. Wir fahren an stehenden Gewässern vorbei, deren grüne Farbe auf Algenblüte und das Kippen des Wassers schließen lässt und durchqueren verdorrte Maisfelder, an denen kein einziger gesunder Kolben hängt, kurzum: Kloaken und vergammeltes Gemüse – ein Bild des Schreckens. Wahrscheinlich dem viel zu trockenen, heißen Sommer geschuldet.
Ich muss nicht erwähnen, dass
sich am Endbahnhof in Spielfeld-Straß, einem Grenzort zu Slowenien, wieder eine
schulische Wandergruppe um mich schart, dessen Lehrer mich sogar fragt, wie man
weiter nach Bad Radkersburg käme. Ich empfehle ihm, denselben Zug wie ich zu
nehmen und zwar den, auf dem in großen digitalen Lettern der von uns
angestrebte Zielort steht, er glaubt mir aber anscheinend nicht und fragt über
die Geleise brüllend sicherheitshalber noch den Bahnhofsvorstand.
Das Seltsame ab hier ist, dass
man in den Bahnhöfen oder Haltestellen keinerlei Unter- oder Überführungen hat,
sondern einfach vorm (hoffentlich) noch stehenden Zug die Geleise überquert und
sich nur durch ein ungeduldiges Hupen des Lokführers abschrecken lässt, was ich
besonders auf der Fahrt in meinem dritten Zug noch öfters beobachten werde.
Denn auch dort gibt es genügend Schüler, die ungezähmt oder gelangweilt über
die Gleise hüpfen.
Der kleine Zug (S51) ist langsam. Und schmutzig. Und bleibt nur „on demand“ stehen, wenn man „in good time“ den „request button“ drückt, wie Chris Lohner unermüdlich und zweisprachig von sich gibt. Wir schlängeln uns durch die Landschaft entlang der slowenischen Grenze, wieder vorbei an verdorrten Maisfeldern und seltsamen Häusern mit noch seltsameren Gärten: überall stehen Steinaufschüttungen oder Steingärten mit kleinen Wichteln oder Dekofiguren dazwischen. Und nicht nur, dass dies Einzelfälle wären – nein! – jedes zweite Haus ist dermaßen verschandelt. Manchmal gibt es auch einen jungen Baum, der kaum Schatten spendet, aber eine Bank unter seiner kleinen Krone stehen hat. Auch bei fast jedem Haus. Und Bananen haben sie hier. Tatsächlich als Strauch im Garten in die Erde gepflanzt: eine Bananenstaude. Die wird offenbar auch im Winter hier nicht kaputt, das Klima macht’s möglich.
Wir tuckern vorbei an
Haltestellen, an denen man seinen Kinderwagen mit Sicherheitsgurt parken kann,
wie ausführlich an den dazugehörigen Säulen erläutert wird, ich verleibe mir
mit ein paar Bissen meiner Jause ein und weiß in dem Moment, dass sie zu wenig
ist, aber bald bin ich – nach nicht ganz zweieinhalb Stunden - an meinem
Zielort angekommen und muss mich von nun an auf meine eigenen Beine stellen und
die eisernen Schienen verlassen. Mit einer wandernden Schulklasse natürlich.
Wir stehen dann alle vor dem Bahnhof und haben keine Ahnung, wohin wir müssen, um ins wunderbare Zentrum von Bad Radkersburg zu gelangen. Es werden Einheimische gefragt und Wegweiser studiert, bald strömen alle in verschiedene Richtungen, nur ich stehe ratlos da, weil ich mir im Kopf nicht klar werden kann, in welche Himmelsrichtung ich mich wenden muss, damit ich die Beschreibungen auf der Blechtafel richtig deute. Nur die Verfolgung der wandernden Schulklasse und ein doch noch entdecktes eindeutiges Hinweisschild mit der Aufschrift „Zentrum“ lässt mich die richtige Richtung einschlagen.
Und ich flaniere durch KEINE
Sonnenblumenfelder, ich genieße NICHT die alten Häuser und trinke KEINEN
Espresso wie geplant, denn die Straße, die ich zu gehen habe, ist stark
befahren, gesäumt von Baustellen, aufgelassenen Fabriken und Recyclingbetrieben
und will und will kein Ende nehmen. Ein einziges Geschäft säumt meinen Weg:
eine Farbenhandlung, die „Spätauf“ heißt. Sie hat um 11:30 Uhr noch nicht
geöffnet. Nomen ist eben Omen.
In der Innenstadt mit ihren
wunderbaren Häusern angekommen, bin ich erschöpft, habe Schmerzen, komme
windschief daher und kann mich kaum auf die alte, bröckelnde Bausubstanz
konzentrieren, da ich mir selber genauso vorkomme. Auch mit einem kleinen
Kaffeetscherl gebe ich mich nicht zufrieden, sondern bestelle mir im
überschwänglichen Wahnsinn gleich einen Riesen-Eiskaffee um zarte 9,50€, denn
man will ja das südliche „steirische Toskana-Flair“ voll genießen, obwohl der
Himmel über dem Gastgarten gefährlich zuzieht und der Kellner mir den Eisbecher
wieder entziehen will, weil ich es wage, kurz auf die Toilette zu verschwinden.
„Jetzt hob i di schon g‘suacht!“ gibt er von sich, während er meine
Kalorienbombe wieder Richtung Lokal tragen möchte.
Das Publikum, das sich am Hauptplatz tummelt, trägt Sommerdaunen, Seidenschals und Sonnenbrillen, die Männerfüße stecken ohne Socken in Mokassins und tragen Siegelringe. Also die Männer, nicht deren Beine. Sie trinken Sturm, Aperol und kaufen sich die ersten Maroni am dort ansässigen Standl. Sie debattieren über die nächste Cremeschnitte und die Sauberkeit in der Therme. Dazwischen brausen Radfahrer mit und ohne E-Bikes, tragen rosa Sportkleidung oder schwarze, enge Radlerhosen mit eingenähten Inkontinenz-Einlagen.
Eine Frau schüttet ein Glas um
und bittet den Kellner um Entschuldigung mit der Frage, ob dies schlimm sei.
Der Kellner, nebenberuflich Philosoph, erklärt daraufhin lautstark dem gesamten
anwesenden Gastgarten-Volk: „Schlimm ist, wenn man einen Autounfall hat oder
krank ist, aber ein Glas, das noch dazu gar nicht zerbricht, und nur
Flüssigkeit verliert, ist nicht schlimm.“ Merke!
Bereichert von diesen belehrenden
Worten schlängle ich mich durch ein paar Gassen zurück Richtung Bahnhof,
fotografierend und von vielen jungen Leuten gegrüßt werdend. Wie freundlich die
hier sind! Der Kaffee gibt mir einen Extraboost und ich genieße eine Musik, die
aus einem renovierten Haus dringt: eine slawische Schnulze, die gerade
unfassbar gut hierher in dieses milde Klima und in diese ruhige Stadt passt.
Jetzt bin ich angekommen.
Der Weg zurück gestaltet sich zum Schluss dann doch etwas zach, ich frage eine junge Radfahrerin zur Sicherheit nochmal, ob ich richtig bin und warte schließlich - ich muss es nicht erwähnen, oder? - mit einer wandernden Schulgruppe ein Zeiterl auf den Zug. Dort werfe ich meine Ohrstöpsel mit Kabel in meinen Gehörgang, was mich noch Alien-mäßiger unter diesem ganzen jugendlichen Volk erscheinen lässt: wer zum Geier hat heutzutage noch Kopfhörer mit Verbindungskabel…
Nach der dritten Aufforderung von
Chris Lohner, „in good time“ nun endlich für eine Haltestelle zu „voten“, sehe
ich sie tatsächlich: meine „natürlichen“ Kinderlein, die ich mir im Vorfeld
ausfantasierte, die in Flip-Flops mit zerknautschten Jogginghosen neben dem Zug
herlaufen, frisch vom Spiel im ausgetrockneten Maisfeld kommend und
irgendjemanden freudig erwartend. Sie hüpfen unbeschwert neben den Geleisen herum,
ihre Frisuren sind ihnen egal, ihre schmutzigen Hände auch.
In Spielfeld-Straß steige ich in
einen Zug aus Maribor, in dem alles slowenisch angeschrieben und durchgesagt
wird: „Na Postaji: Gradec – nächster Halt: Graz“ wird hier etwa von sich
gegeben und mir kommt vor, ich war auf einem langen Urlaub im Ausland. Keine
Spur von „bitte fahren Sie nicht aus der Haut“. Oder wurde es eh durchgesagt
und ich hab’s nur nicht verstanden?
Im blöden Interregio nach Leoben
(ich mag diesen Zug jetzt schon nicht, das kann ja ein lustiges Jahr werden mit
dieser Einstellung…) bekomme ich wieder nur mit Hundsnöten einen Sitzplatz,
obwohl die Wandergruppen mittlerweile ganz von der Bildfläche verschwunden
sind. Ich nehme neben einem Hünen von jungem Mann Platz, der nimmt großen Raum
mit seinem Jogging-Anzug und seinen zwei Handys ein, telefoniert lautstark mit
dem einen und spielt online-Kartenspiele mit dem anderen, während er mit einem
Bein „näht“, d.h. er lässt es so dermaßen stark auf und ab wippen, dass es mich
daneben rhythmisch mitfedert. Bis Frohnleiten bin ich gut durchmassiert und
-gepäppelt.
Jetzt riecht der Typ auch noch
nach Schweiß. Oder ist es dieses scheußliche Parfum, das ich bei Männern so
hasse und das so richtig in meiner Nase beißt? Ich weiß es nicht, er hört auf
jeden Fall dann mit der Wipperei auf, es dürfte auch ihm zu anstrengend gewesen
sein, als er zu transpirieren begann. „Lieber Schweißperlen als gar keinen
Schmuck“, wird er sich gedacht haben, mein unfreiwilliger Ganzkörper-Vibrator.
Gegenüber unterhalten sich zwei
ältere Damen übers Geld, über Ärzte, unverschämte Bankmitarbeiter und günstige
Angebote von Tommy Hilfiger. Oder will man demnächst doch wieder nur zur Fussl
Modestraße?
Muss ich mir eigentlich so einen
sinnentleerten Schas anhören? Ja. Das war der Deal.
…Nicht aus der Haut fahren. Nicht
aus der Haut fahren. Ooooommmm, Oooommmm, Oooommm.
In Leoben hat es 20 Grad weniger
als im Süden, dem Regen bin ich Gott sei Dank entkommen und mein Rad ist auch
noch da. Ich bin doch recht müde, aber freue mich über meine ersten Eindrücke ober
dem Rand meiner Suppenschüssel. Zur Feier des Tages gönne ich mir eine solche
und schlüpfe zufrieden zurück in meine eigene Haut.
Facts:
Ich bin laut Routenplaner: 280 km
mit dem Zug gefahren, 3 km mit dem Rad und 3 km zu Fuß gegangen.
Die heutige Reise hätte ohne
Klimaticket 71,60 € gekostet.
Was ich besser organisieren
muss:
die Jause: mehr und gesünder
Anschluss-Busse: unbedingt
herausfinden, wie man mit Bussen von den Bahnhöfen in die Zentren gelangt,
sonst verliere ich zu viel Zeit und Kraft und mir bleiben zum eigentlichen
Sightseeing und Genießen keine Reserven mehr.
Den Interregio zu Stoßzeiten
umgehen.
Sich nicht zu „vibrierenden“
Männer setzen.
Literatur/Ch.Wadl/Reise Herbst 26/1.Etappe - als geruhsamer Abschluss einer als "Erholtag" geplanten Stress-und-Stress-und-Stress-und... Abfolge!
AntwortenLöschen