3. Ausfahrt: Eisenerz - wo sind die Häusln?
Einfach in einen Bus setzen und fortfahren? Ohne viel Planung, ohne viel Aufwand? Nicht genau zu wissen, wo man aussteigt und was einen dort erwartet? Da braucht es etwas, worin ich ganz schlecht bin: Spontaneität und Flexibilität. Und Vertrauen, dass einem zum richtigen Zeitpunkt das Richtige passiert und das Gute in den Schoß fällt. Einfach einmal nicht alles im Kopf durchspielen, für alle Eventualitäten gerüstet sein – für mich sehr, sehr schwierig, zumal ich ja, wenn ich nicht gerade extra noch eine Hungerattacke bekomme, ohnehin bald mal an meine Fortbewegungsgrenzen stoße. Ich kann es mir also aussuchen: Entweder bin ich gerüstet und weiß ungefähr, was mich an Fußmärschen erwartet, während ich aus meinem Jausenproviant schöpfe, oder es wird ein Höllentrip.
Dieses Mal nehme ich mir vor, mich im Vorfeld nicht zu viel vorzubereiten und vor allem: nicht aufzuregen. Ganz relaxed und freudig wie ein Kind auf einen Ausflug zuzusteuern: ich setze mich also nach einer kleinen Radfahrt in den Bus mit der Aufschrift „Eisenerz“, schnalle mich an – als Einzige natürlich! – und genieße die Fahrt durch Leoben. Dass sich von früher her nichts geändert hat, erkenne ich erst später: die Coolen sitzen im hinteren Teil des Busses, die Loser vorne. Also ich.
Die Sessellehnen sind mir zu
flach, bald schiebe ich meine dicke Jacke zwischen die Lehne und L1 bis L5
(umgangssprachlich auch „Kreuz“ genannt), und irgendwie kommt mir vor, dass mich
der Sitz vor mir mit seiner Rückseite traurig anschaut, obwohl wir durch so
eine schöne Gegend fahren. Es geht nämlich hinaus aufs Land und steil bergauf
über den Präbichl in die Skiarena Richtung Erzberg bei herrlicher Felskulisse
unter dem wolkenlosen, blauen Himmel mit goldener Herbstfärbung der Blätter und
weidenden Kühen zwischen alten Kirchen und Marterln.
In den kleinen Ortschaften dazwischen sieht man immer wieder Aufschriften und Werbungen, da heißt es etwa auf einem Parkplatz „Bedienstete des Kindergarten“ oder auf einem Plakat steht „eine Welt voll Möglichkeiten“. Da ich kopftechnisch wenig zu tun habe, weil ich mich heute ja nicht mit „was wäre, wenn“-Schreckensszenarien auseinandersetzen möchte, grüble ich über diese zwei Aufschriften so lange nach, bis ich mir selber nicht mehr sicher bin: sollte es nicht „des KindergartenS“ und „eine Welt vollER Möglichkeiten“ heißen? Und was wäre, wenn ich Recht hätte? Verblödet die Menschheit zusehends oder ändert sich eben die Sprache im Laufe der Zeit und es werden der Einfachheit halber Endungen einfach verschluckt, weil wir alle keine Zeit mehr haben? Oder habe einfach ICH einen Riesenklopfer???
Hinunter vom Präblichl wird’s
schon spannender, denn genau an der höchsten Stelle der Brücke ist wegen einer
Baustelle eine rote Ampel, an der wir ein paar Minuten warten müssen. Hier
merkt man erst das Gewicht eines Busses, der mit der Trägheitskraft unbedingt nach
unten drängt, aber von den Bremsen zurückgehalten wird. Jetzt bemerke ich, wie
mein Körper auch ins Tal will. Ich vertraue jedoch auf die Technik. Die Bremsen
werden uns wohl halten. Auf der Gepäcksablage über den vorderen Reihen stehen
schließlich eine uralte Aktentasche mit einer Thermoskanne und anständige Schuhe,
dies dürfte für den Chauffeur die Notausrüstung sein. Der braucht immerhin auch
sein Jauserl und ein gutes Schuhwerk, falls er aussteigen und den Bus
reparieren müsste. Oder aus dem Graben ziehen oder Leute bergen… oder was weiß
ich was.
Eine weitere Eigenheit, die ich
schon seit Trofaiach beobachte, ist, dass die Leute beim Aussteigen laut
„Danke“ und „Auf Wiedersehen“ rufen, ihnen aber niemand antwortet. Ich finde
das grundsätzlich einen guten Brauch, dass man sich verabschiedet, wenn man
einen Raum verlässt und vielleicht auch dankbar dafür ist, dass der Chauffeur
die richtigen Schuhe anhatte oder dass er nicht unterzuckert war – kurzum: dass
man die Fahrt überlebte. Aber – ich gestehe - ich tat es ihnen nicht gleich. So
stieg ich in Eisenerz stumm aus dem Bus, in dem ohnehin nur mehr eine einzige
Frau saß. (Ich bedanke mich ja schließlich auch nicht beim Koch im Restaurant,
dass er mich NICHT vergiftet hat.) Aber ich werde mir diese Bräuche auf meinen
Reisen weiter anschauen, eventuell für gut befinden und vielleicht auch bald
mal übernehmen.
Eisenerz ist auf jeden Fall wunderliebst. Vor einer atemberaubenden Bergkulisse liegt das mittelalterliche Zentrum mit seinen Sgraffito-Häusern aus der Renaissance-Zeit ruhig und unaufgeregt in der Vormittagssonne. Wenn man hier mal so einen berühmten Instagramer herlocken würde, wäre dann Eisenerz ein Insta-Hotspot, der sich vor lauter Touristen nicht mehr erwehren könnte? Würde dies klappen?
Heute ist auf jeden Fall kaum
jemand unterwegs, eine Frau führt ihren flauschigen Hund spazieren, zwei Damen
in rosa Jogging-Anzügen eilen keppelnd durch die Gassen, ein
gemütlich-rundlicher Herr steuert auf den Gastgarten mit den
„Gösser“-Sonnenschirmen zu und vor der Bücherei kichern 3 Jugendliche beim Snap-Chatten.
Ein paar Pflasterer machen vor dem Bergmannsbrunnen etwas Krach, der einzig der
Verschönerung gilt und in diesem Fall leicht zu verkraften ist.
Ich durchstreife die Stadt mit ihren alten Handwerks-, Radmeister-, und Krippenhäusern, so gut wie auf jedem ist ein Schild mit einer interessanten Erklärung. Auch wage ich den Aufstieg zur Oswaldi-Kirche samt Burg. Auf den Stufen dorthin befinden sich der Kunstklub und die Krampusse des „Diablo Passes“. Unter den Schildern wachsen Feigen, Kakteen, Lavendel und Palmen. Im Freien. In Eisenerz. Mehr möchte ich über dieses Teufelsspiel nicht sagen.
Die Burganlage und der Mesnerturm sind hochinteressant, da man hier viel Geschichte einatmet und auch Informationen bekommt, z.B. setzt man durch einen Bewegungsmelder Licht und Musik in Gang, hört ins Ohr und Herz gehende Bergmannslieder oder wahlweise im 2. Stock die Engel singen.
Zurück im Zentrum bin ich etwas
unschlüssig: soll ich wieder heimwärts fahren, schließlich habe ich bereits an
die 100 Fotos geschossen und der Bus fährt nur jede Stunde. Oder soll ich mich
noch tiefer in die Materie stürzen und etwa Touristeninformationen und Gaststätten
aufsuchen? Am End‘ noch mit den Einheimischen reden? Die Entscheidung fällt mir
in jenem Moment leicht, als mir ohnehin der Bus vor der Nase davonfährt und das
WC am Busbahnhof seit zwei Monaten umgebaut wird und somit gesperrt ist. Ich
stelle mich auf eine neue Stunde des Besichtigens ein und wanke zurück in die
Stadt. Nun sollte ich aber trotzdem handeln, denn ich habe nicht nur Hunger,
Durst und andere Kalamitäten, sondern finde weder ein schönes Café, noch eine
öffentliche Toilette. Der Garten jenes Kaffeehäuschens, das ich von früheren
Besuchen kannte, ist heute etwas verwuchert, und es steht überall Baumaterial
herum. So gehe ich wild entschlossen in die Touristeninformation und frage
nicht etwa um Sehenswürdigkeiten oder Ausflugsmöglichkeiten, sondern ganz banal
um eine Toilette. Sie befindet sich tatsächlich gleich neben dem
Bergmannsbrunnen - die fleißigen Pflasterer hatten sie bloß verdeckt. Es gibt
keine Klobrille und Gott sei Dank auch kein Licht, ich will gar nicht wissen,
was rund um mich geschieht.
Auf einer Bank nehme ich danach mein
mitgebrachtes Jauserl ein – DAS habe ich natürlich schon organisiert und
mitgedacht und nicht gewartet, bis mir etwa die Feigen von der Kirchenstiege
wie von Teufelshand in den Schoß fallen würden. Bei meiner weiteren
Entdeckungsreise komme ich auf eine bereits vergessene Funktion meines
Fotoapparates drauf, welche mich die Gipfelkreuze der umliegenden Berge und die
kleinsten Fenster auf weit entfernten Häuser abbilden lässt: Die doppelte
Vergrößerung des bereits Gezoomten ist plötzlich möglich und ich sage Euch:
auch das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Leider trete ich bei meiner
Foto-Safari in Fäkalien, was mich mehrmals nasses Gras aufsuchen lässt, damit
ich meinen Schuh wieder halbwegs sauber bekomme. Das mit den Klos ist hier
scheinbar so eine Sache…
Am Ende der Reise kann ich nicht umhin den Busbahnhof zu betreten, der schon von weitem nicht sehr einladend aussieht. Sei es wegen eines etwas abgehalfterten Publikums, das dort herumlungert oder wegen des überaus dreckigen Bodens und der Bänke. Bei näherem Hinschnuppern wird auch klar: in Ermangelung der öffentlichen Bedürfnisanstalt wurde hier offensichtlich auf jede freie Fläche gebrunzt. Igitt!
Um mir die Zeit zu vertreiben,
bediene ich eine riesige digitale Anzeigentafel, auf der der Fahrplan
sämtlicher Busse abgebildet war. „War“ – wohlgemerkt. Denn als ich hingreife
und den Riesencursor bewege, verschwinden sämtliche nützliche Informationen und
ich bin plötzlich auf der Homepage des Tourismusvereins Eisenerz. Und es gibt
kein Zurück! Was ich auch anstelle und wo ich auch hinklicke, ich drehe mich im
Kreis und komme nimmermehr zum Fahrplan, der vielleicht die Wartenden mehr
interessiert hätte als die Schipisten in der Umgebung.
Gott sei Dank kommt der Bus sehr
pünktlich und ich verschwinde rasch in seinem Inneren, bevor ich noch mehr
Schaden anrichten kann. Die Fahrt zurück ist genauso idyllisch wie die Hinfahrt
und ich komme heil – dank der Sicherheitsschuhe des Chauffeurs – wieder in
Leoben an. Ich bedanke mich auch nicht beim Aussteigen. Schon wieder nicht.
Dabei war’s soooo ein schöner Ausflug.
Facts:
Ich bin laut Routenplaner 64 km
mit dem Bus gefahren, 3 km mit dem Rad zum Bahnhof und 1 km zu Fuß gegangen.
Die heutige Reise hätte ohne
Klimaticket 23,40 € gekostet.
Was ich besser organisieren
oder mir merken muss:
Nicht auf fremde Touch-Screens
drücken!
Nicht auf nach Pisse riechende
Bänke setzen!
Nicht in Büsche gehen, um ein
gutes Foto zu erhaschen!

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