5. Reise: Leibnitz - Auf der Suche nach jungen Römern.
Die schönen Herbsttage noch nutzen, den Altweibersommer auskosten, das ist der Plan. Weinberge sehen, bunte Blätter, mildes Klima. Wieder einmal schlägt es mich in den Süden, diesmal steht Leibnitz auf dem Programm. Und ich bin nicht ganz alleine (das bin ich ohnehin selten…), bei mir ist mein Fahrrad. Man weiß es ja nie, wie weit man vom Bahnhof in ein Zentrum zu gehen hat und außerdem habe ich vor, ein bisschen den Römerradweg R6 oder auch Weinstraßenweg entlang zu fahren. Im besten Fall würde er rund um Leibnitz gehen, nicht zu anstrengend und superwunderbarschön sein. Als Ziel setze ich mir „Flavia Solva“, die einzige ausgegrabene Römerstadt der Steiermark.
Wie immer bin ich reisefiebrig.
Es ist noch dunkel, als ich aus den Federn krabble, und ja natürlich bin ich
ausgeschlafen, die klimakterische Bettflucht hat mich voll erwischt und erlaubt
mir nach meiner stundenlangen Morgenroutine bereits den 8:00 Uhr-Zug zu
erreichen. Er hat ein bisserl Verspätung. Also manchmal: auf der App zum Beispiel
4 min., auf der Anzeige am Bahnsteig ist er pünktlich, Chris Lohner schreit den
Wartenden allerdings ins Ohrwaschl: „5-10 min“. Wann er letztendlich dann
eintrifft, weiß ich nimmer, ich konzentriere mich voll darauf, dass ich heute
für mein Fahrrad eine Extrakarte kaufen muss, da ich den Zug in der Stoßzeit
benütze (vor 9:00 Uhr) und man ja den richtigen Eingang erwischen muss, was ich
tue. Allerdings sitzen Schüler samt Lehrer ohne Fahrräder auf den Klappsesseln,
hinter denen die Radabsperrungen angebracht sind und rühren allesamt kein Ohr,
als ich mich mit meinem Drahtessel in die richtige Position zu quälen versuche.
Dem Herrn Lehrer schaue ich dann ganz tief in die Augen und frage höflich, ob
ich denn dort mein Rad abstellen dürfe. Wenn Blicke töten könnten! Der schaut
mich an….brrrrr,…. dass ich es mit der Angst zu tun bekomme, ich fühle mich,
als ob ICH was falsch gemacht hätte und die Frechheit besäße, IHN hier zu
vertreiben. Hier, wo er nichts zu suchen hat und eigentlich gar nicht sitzen sollte.
Er weicht von mir, und ich bringe mein Rad in Position.
Als ich mir einen Klappsessel
runterkippe, stoße ich noch mit dem Hosentascheninhalt eines weiteren
Fahrgastes zusammen: weiß der Geier, was der da in seiner Jeans mitschleppt,
(also auf der Seite, nicht vorne…) ich zwicke es auf jeden Fall zwischen den
Klappsesseln ein, woraufhin er endlich auf mich reagiert und in Zeitlupe seine
volle Hosentasche wieder aus der Klapp-Spalte rauszieht.
Das ist ja alles ein Wahnsinn!
Was ist mit den Leuten los? Sind die alle sediert? Können nicht mehr fühlen,
hören, lesen, sehen die nicht mehr, was in der Realität vor sich geht?
Nicht aus der Haut fahren, nicht
aus der Haut fahren!
Die Mädchengruppe auf den
restlichen Fahrradabstellplätzen fällt kurz vor Bruck fast in Ektase, als sie
bei der Post einen Fuhrpark an gelben Autos sehen. „Ein gelbes Auto“ ist ein
Reisespiel, das vor allem junge Leute gerne machen. Man muss danach noch
jemandem auf den Arm schlagen. Da hier ca. 20 Autos stehen, kommt es fast zu
einer Massen-Schlägerei und das Mädel, das die Karren als erstes sah, rechnet
gekonnt: „Boah, das ist jetzt schon mein 1.939stes oder 1.993stes gelbes Auto!“
Die kleinen Zahlenverdreher können schon mal passieren, wenn man zu irgendwas
20 dazuzählt und der Lehrer, noch immer grimmig blickend, neben einem sitzt.
In Bruck habe ich jede Menge Zeit
zum Umsteigen, ich warte geduldig auf die S1 nach Leibnitz und steige mit 3
Radfahrern in den Zug, schnalle schnell mein Rad an und verschwinde auf die
hinteren Plätze, da die 3 Silberlöwen bereits beginnen, mit mir Blödsinn zu
reden. Ich kann nicht, ich will nicht. Ich höre gar nicht zu. Leider ist das
nicht so einfach, denn Einer von ihnen hat eine so laute Stimme, dass er ohne
Mikrofon auch noch außerhalb des Zuges sprechen und die Chris Lohner in Grund
und Boden reden könnte. Und er redet und redet. Und wir alle hören zu und das
erste Mal heute fällt mir ein, dass ich meine Ohrstöpsel vergessen habe – ein
großer, großer Fehler. Der darf wirklich nie wieder vorkommen!
So werde ich Zeugin von diesem
Geschnatter, die Männer kommen mit Meldungen wie: „Ach, essen willst gehen?
Essen wird überbewertet, Hauptsache, wir haben was zum Trinken!“ Dann kommt der
Schaffner, ein cooler Typ mit einem langen, rechteckig zugeschnittenen Bart,
der beim Kaugummikauen aussieht, als ob eine lebendig gewordene Serviette auf
der Hemdsvorderseite Polka tanzt. Er trägt seine langen Haare mit einer
Plastikspange hochgezwirbelt und ist ruhig und freundlich, erklärt geduldig die
verschiedenen Preise der Fahrkarten („es kommt darauf an, wann und wo man eine
Karte kauft. Je später und je mehr Menschen daran beteiligt sind, desto teurer
wird sie.“) Als die drei Herren dann sagen, sie würden dies verstehen, aber es später
auch noch ihren unterbelichteten Damen erklären müssen und „Frauen sind ja so
kompliziert“ von sich geben, geht der Schaffner einfach weiter.
Ich erkläre diesem sodann, dass
Frauen keineswegs kompliziert sind und glaube es selber in jenem Moment nicht,
in dem ich es ausspreche. Des Schaffners göttliche Gelassenheit und die
augenscheinliche Freude an seinem Job hingegen lassen seinen Bart einfach noch
höher hüpfen und er zieht amüsiert von dannen.
Kurz bevor die Männer das Weite
suchen, erzählt der Lautsprecher noch von seinen gesundheitlichen Kalamitäten:
„Mir tut’s bei A…. runter so weh, dass i heute Nacht mit der Wärmeflasche
geschlafen und dann zwei Tabletten genommen hab. Jetzt passt’s eh wieder, das
war der Ischias!“ Kurz wollte ich mich einmischen und dem mal was von MEINEN
vier Buchstaben erzählen, aber ich verstecke mich weiterhin und freue mich, als
die endlich aussteigen. Ich wünsche ihnen sehr viel Spaß mit der Kombination
„Schmerztabletten, Alkohol und Radfahren“. Mögen sie heute wieder gesund bei
ihren Wärmflaschen ankommen.
Die nächste Männergruppe steht bereits in den Startlöchern und ehe ich mich versehe, steigen 5 Leute mit E-Bikes beim gleichen Türl ein, können ihre Räder kaum bewegen, regen sich über meines auf und hängen sie alle – obwohl man dort nur vier parken darf – so ungünstig an, dass man kaum noch durchgehen kann. Sie sind gekleidet wie auf einer Mondexpedition (Helm, Tücher, Brillen, ausgestopfte Sitzbeinhöcker-Teile, usw.) und schimpfen lautstark vor sich hin: „Die Sch…. Bahn! Nix funktioniert! Nicht einmal der Sch… Bildschirm, da ist immer dieselbe Sch….-Uhrzeit, so ein Sch…!“ Es kommt leider auch sonst aus ihnen selber nur das soeben erwähnte Material heraus, und sie machen eine frauenfeindliche Bemerkung nach der anderen, veräppeln sowohl Leute, die sie am Bahnsteig sehen, als auch die seit Graz diensthabende Schaffnerin, die sich an den Rädern ihre Beine stoßt. Es kommen kompromittierende Meldungen über ihr Gewicht und jenes der anderen, meist weiblichen Fahrgäste. Zum Speiben. Steigt’s bitte aus!
In Leibnitz angekommen, ist es
mir ein Leichtes auf den Hauptplatz zu gelangen, der irgendwie ein Wirrwarr
ist. Die Straßen werden plötzlich zu geschwungenen Einbahnstraßen, auf denen
aber in zweiter Spur auf einmal parkende Autos stehen, die Radwege führen im
Slalom neben den Gastgärten vorbei, manchmal ist ein durchgestrichenes Rad auf
dem Asphalt zu erkennen und das Rathaus inmitten dieses Tohuwabohus ist vernachlässigt,
die Fassade blättert ab und davor stehen völlig ohne Konzept ein Klapotetz, ein
paar Palmen, Fahnen und die Pestsäule – oder was immer das auch alles sein mag.
Mein erster Weg führt mich in die
Touristeninformation. Die Dame zeigt mir auf mehreren Landkarten die Radwege
der Umgebung, stets mit dem Hinweis, dass ich zu früh aus dem Zug gestiegen
sei, denn die „steirische Toskana“, die ich noch immer suche, sei erst im Raum
von Ehrenhausen/Stainz zu finden und die Radwege dort führten steil über die
Weinberge und wären nur mit einem Mountainbike befahrbar. Als sie merkt, dass
ich eher am Römerradweg interessiert bin und mein anvisiertes Ziel eh bloß 6 km
entfernt sei, zeigt sie mir auch dieses, mit dem Kugelschreiber nun schon die
dritte Landkarte voll kritzelnd und der Warnung: „Flavia Solva? Da dürfen Sie
sich nicht zu viel erwarten. Da ist bloß ein Café, aber da ist auch keiner. Und
die Ausgrabungen hat man fast alle wieder zugedeckt.“
Oooookaaaay…
Nichts desto trotz nehme ich diese Strecke in Angriff, finde auch dank der guten Beratung sofort auf den Radweg, entscheide mich instinktiv sogar für die richtige Richtung und fahre durch Acker- und Flussauengebiet, passiere Häuser, Siedlungen und Firmen, sehe aber weder einen einzigen Weinstock, geschweige denn einen (jungen) Römer. Die Herbstfärbung lässt zu wünschen übrig, bloß am Horizont hinter mir liegt als Blickfang das Schloss Seggauberg.
Nachdem der Radweg R6 dann
plötzlich endet und nur mehr der Murradweg R2 weiter- bzw. wieder Richtung
Leibnitz zurückführt, finde ich schließlich mit ein paar Umwegen und
Verkehrsüberschreitungen die alte Römerstadt. Und tatsächlich: man hat über die
Ausgrabungen beinhart ein Kaffeehäusl gebaut, das auf Stelzen steht, einige
Informationstafeln enthält und geschlossen ist. Auf jeden Fall noch 10 Minuten,
denn von Mittwoch bis Samstag (oder Sonntag) ab 12:00 Uhr hat es offen. Das
hätte die Touristeninfo-Lady wissen müssen, kommt mir vor. Aber die wollte mich
dort irgendwie nicht haben, weder auf dem Radweg, noch in Steiermarks einziger
Römerstadt.
Der Rückweg gestaltet sich dann etwas schwieriger: erstens geht ein unglaublicher Wind, zweitens finde ich nicht alle Wegweiser, drittens kann ich mich nicht mehr erinnern, woher ich gekommen bin.
Just hinkende Lotta problems…
Kurzum: ich verfahre mich ganz
schön, habe aber Glück und finde immer wieder auf die richtige Spur zurück,
einmal bleibt die Kette stecken und ich muss abrupt vom Rad springen, und ein
anderes Mal weht mir der Wind irgendwelche harte Samen oder Zapfen von einem
Baum ins Gesicht; und meine Jeans ist vor allem auf der Sitzfläche kein ideales
Radfahrgewand, es versuchen nämlich meine Körperteile immer mehr, die
Stoffnähte zu fressen, was mit der Zeit zu einer unangenehmen, beginnenden
Wolfs-Affaire wird. Dabei bin ich erst 14 läppische Kilometer gefahren. Ach,
hätte ich doch jetzt die Verkleidung der primitiven Männer-Radpartie vom Zug,
die mit ihren Tüchern und Radlerhosen!
Zurück in Leibnitz nehme ich in
der Pizzeria Nova Platz, die restlichen Lokale sind meines Erachtens alles
Bäckereien oder Bars, die Leute sitzen hier entweder mit Alkohol oder Kaffee,
einzig ein kleiner alternativer Laden preist auf seiner Kreide-Tafel „Spitzwegerich-Tee“
an. Nein, danke. In der Pizzeria bestelle ich einen Falafel-Kebab mit ohne
scharf und habe große Mühe, das Ding so zu essen, dass man mir nicht aufgrund
meines Verschmutzungsgrades im Gesicht einen Baby-Hochsitz und ein Trenzpatterl
anbietet.
Das Kraut beginnt sogleich mit
der Kohlensäure des Colas in mir zu wirbeln und ich habe einen Extraboost, um
zum Bahnhof zu gelangen, den ich aber auch nötig brauche, da ich mich viermal
verfahre, etliche Leute um Rat frage und besonders an zwei Passanten scheitere:
der Erste erzählt mir in breitestem Dialekt, dass er aus Weiz sei und selber
nicht wüsste, wo er sich befände und die Zweite versteht nicht, worum ich sie
frage und bringt ihrerseits ihr Anliegen vor, ob ich wüsste, wo ihr Zahnarzt
ist. Welch‘ skurriles Szenario! Beide reden wir aufeinander ein, halten uns
unsere Handys gegenseitig vors Gesicht und geben lautstark Straßennamen von
uns.
Sie findet ihren Zahnarzt und ich
meinen Bahnhof, … um die Geschichte abzukürzen.
Im Zug befinden sich wieder
mehrere Schüler, die wild herumwirbelnd laute Schimpfwörter von sich geben („Du
Schwaunz!“ -„Du Bastard!“) und ein Mann, der sich zuerst zu mir setzt, sich
aber bei der erstbesten Gelegenheit aus dem Staub auf einen freien Viererplatz
macht und ständig telefoniert. Der aufmerksame Zuhörer entnimmt seinen
Gesprächen – nicht, dass ich gelauscht hätte! – dass er keine Schüler mag, aber
für die Bildungsdirektion arbeitet.
Für heute habe ich genug gesehen
und gehört. Ich bin sehr froh, dass ich heil zuhause ankomme, pflege dort mein
vom Wind strapaziertes, brennendes Gesicht und schlüpfe in eine gaaaaaanz
weiche, ausgeleierte Hose, so eine, wie sie vielleicht auch die steirischen
Römer unter ihrer Toga trugen.
Facts:
Ich bin laut Zeitachse 203 km mit
dem Zug und 15 km mit dem Rad gefahren.
Die heutige Reise hätte ohne
Klimaticket 58,- € gekost, ich musste für den Transport des Fahrrades außerhalb
der erlaubten Gratis-Zeiten insgesamt 4,60€ bezahlen.
Was ich besser organisieren
oder mir merken muss:
Adäquate Kleidung tragen, nicht
alle Gespräche aufschnappen, nicht alle Gespräche ernst nehmen und sich vor
allem nicht alle Gespräche bis in Ewigkeit merken oder gar wortwörtlich in
meinem Blog zitieren.
Upsi…
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