10. Ausflug: Wettmannstätten - einmal Topfengolatsche und retour
Wer kennt es nicht? Wettmannstätten. Ein Ort mit ca. 1.700 Einwohnern und Endstation der Graz-Köflach-Bahnlinie S61. Waaaaas? Sie wussten das nicht? Ich auch nicht. Bis heute zumindest. Und ich hätte es nie erfahren, wäre ich nicht schon wieder spontan gewesen…
Und das kam so: Nun, die Tage
werden trüber und feuchter, Radfahrten in unbekanntes Gefilde traue ich mir
nicht mehr zu wegen rutschiger Blätter auf den Wegen, und lange Spaziergänge
kann ich auch nicht mehr riskieren, da mein linkes Knie beleidigt ist. Aber
sowas von.
Den Wecker mag ich nicht stellen,
obwohl es die besten Zugverbindungen natürlich in den Morgenstunden (für die
Pendler) gibt und das Hirn reicht nicht zum Mitnehmen wenigstens eines
Reisepasses oder einer wirklich feudalen Jause. Dies hätte mich schon nach
Ungarn fahren lassen können. Szentgotthart ist also wieder keine Option.
Mein Weg führt mich auf jeden
Fall mal zum Bahnhofsspar, wo ich mir einen Apfel zu kaufen versuche. Er heißt
laut Ausschilderung „Kronprinz Rudolf“ und die Etikettenklebewaage erkennt ihn
als „Elstar“. Dieses neumodische Ding lässt mir keinerlei Chance auf Korrektur
und verrechnet 47 Cent dafür. Und was mache ich? Ehrlich, wie ich bin, gehe ich
zu einer Verkäuferin und erkläre ihr, dass dies nicht stimmen könne, dies müsse
ein „Kronprinz“ sein. „Das hamma glei!“, gibt die resolute Dame von sich, hat
selber wohl keine Ahnung, um welche Sorte es sich wirklich handelt, hackt sich mit
ein paar nicht nachvollziehbaren Griffen in die Software der Waage ein und
verrechnet mir 10 Cent mehr für meinen Prinzen. So ein Adeliger hat seinen
Wert. Danke für nix.
Spontan entscheide ich mich für den nächstbesten Zug, der von Leoben abfährt, egal in welche Richtung und wohin. Das Schicksal entscheidet sich wieder mal für Graz. Juhu. Der Interregio ist gut besucht, ich sitze aber bei gesitteten Leuten, die sowohl ihre Medien als auch ihre Beine, Taschen und Rotzbemmerl unter Kontrolle haben. Im Gegenteil, man ist in diesem Zug offensichtlich sehr bedacht, sich hübsch zu machen und drei junge Damen beginnen unabhängig voneinander mit der Morgentoilette: sie schaffen es irgendwie, sich die Augen in diesem wackeligen Zug zu schminken, nachdem sie gefrühstückt oder noch ein kleines Nickerchen gemacht hatten. Auch ihren Haaren verabreichen sie den letzten Schliff. Ich konnte früher nicht mal meine Aufgabe auf den schaukelnden Tischchen machen, als ich mit der Neuberger Bahn zur Schule fuhr, und die malen ganze Kunstwerke auf ihre Äuglein, ohne sie sich auszustechen. Beachtenswert.
Da ich natürlich nicht schon wieder in Graz bleiben möchte, agiere ich auch beim Umsteigen sehr intuitiv, disponiere jedoch noch einmal um, als ich erfahre, dass die S1 nach Leibnitz Verspätung hat. Ich entscheide mich für Wettmannstätten. Auf Bahnsteig 9. Den gibt es aber irgendwie nicht. Ich komme überhaupt erst spät dahinter, dass es scheinbar zwei Abgänge mit Unterführungen in Graz gibt, die einen haben nur Stiegen, die anderen Rolltreppen. Ich bin bei denen mit den Stiegen gelandet und komme nur äußerst kompliziert zu meinem Wunschgleis: Treppab, treppauf, rüber über Steig 7, vorbei an Lift 8 und da stehe ich nun vor einer seltsamen Bahn, auf deren Tafel „Betriebsfahrt, nicht einsteigen“ steht. Dass dies keinen kümmert, muss ich wohl nicht extra erwähnen, denn die Leute drängen in den Zug, als ob’s kein Morgen gäbe. Und ich natürlich mit rein in die „GKB“, deren Logo irgendwie sehr unglücklich gewählt ist, worüber ich bis Oisnitz-St. Josef nachdenke. In Preding-Wieseldorf ist mir das dann aber Wurscht, denn Alling-Tobisegg gefällt mir so wunderbarst, dass ich beschließe, hier irgendwann mal auszusteigen. So eine schöne Landschaft: großzügige Wiesen und Felder, kleine Hügerl und auf jedem ein Gehöft mit putzigen Häuschen und Apfelbäumchen. Der Traum meiner Jugendtage. Ohne diese Landschaft jemals gesehen zu haben, war dies früher ein nie wahr gewordener Gedanke von mir, hier als glückliche Obstbäuerin mit Hühnern und Familie zu hausen, einen gesunden Zugang zur Natur und zum Leben zu haben und am Abend mit zerzausten Haaren, roten Wangen und ein bissserl Hühnerdreck zwischen den Zehen in mein Federbett zu fallen.
Aus dem wurde nichts, dazu bin
ich im falschen Körper, wie vielleicht schwer zu erraten ist. Ich kenne beim
Spar nicht einmal die Äpfel auseinander und vor Hühnerkacke ekelt es mich
inzwischen. Aber nun kenne ich Alling-Tobisegg. Das hilft mir übers Schlimmste
hinweg. Und reimt sich sogar ein bisschen (holprig).
In Wettmannstätten ist Endstation. Ich orientiere mich kurz und nehme die schnurgerade Straße in Richtung des Dorfes in Angriff, vorbei an einigen Busunternehmen und Reisveranstaltern. Es gibt dort üppige Gemüsefelder, eine massive Baustelle auf der Hauptstraße, ein Marterl, eine Brücke über die Laßnitz und eine Bäckerei. Und einen SB-Shop, welches Schild sich mir jedoch nicht gleich erschließt. So betrete ich die fast leere Bäckerei, sehe nur ein paar Laibe Brot in einer Kiste achtlos hinter der Budl abgestellt und werde von keiner Menschenseele begrüßt. In der Backstube hört man zwar Stimmen, aber für mich interessiert sich keiner. Als ich mich weiter umsehe, entdecke ich in einem Nebenraum eine Unmenge an gestapeltem Backwerk, jedes einzelne in dicker Plastikfolie eingeschweißt. Es gibt eine kleine Handkassa und einen Taschenrechner.
Eine Topfengolatsche, die einzige
in diesem Mehl-Plastik-Gestaple, finde ich sogar, gehe aber wieder in den
Verkaufsraum zurück und hoffe auf ein bisschen menschliche Zuneigung. Irgendwer
sieht mich dann, ruft nach der Bedienung, diese stürmt aus der Backstube und
begrüßt mich mit „Hulln Sei die Striezln ob?“ Nein, aber das wäre auch eine
Möglichkeit gewesen, ohne Diskussionen zu etwas Süßem zu kommen.
Als ich der Dame erkläre, dass
ich bloß die Golatsche zahlen möchte, hält sie mir einen kleinen Vortrag auf
Weststeirisch. Ich glaube, es handelt sich um die Instruktionen für den
Selbstbedienungs-Shop und dass ich mich das nächste Mal nicht so dumm anstellen
solle, es sei ja eh alles beschriftet. Aber so genau weiß man nicht, was die
resolute Bäckerin von sich gibt. Sie spricht Weststeirisch, wie gesagt.
Auf meinem Weg zum Kirchplatz,
der auch der Hauptplatz zu sein scheint, grüßen mich absolut alle Leute, denen
ich begegne. Welch‘ freundliche „Wettmänner“ und „-frauen“, denke ich mir noch
und schon reißt ein Typ beim Kirchenwirt die Türe auf und prophezeit mir laut
nachrufend: „I foahr gllllei weg mit’n Auto, göll!“ Aha. Interessant. Als ich
ihn verständnislos anschaue, erklärt er mir, dass er dachte, ich sei die
Fahrerin eines von ihm zugeparkten Fahrzeuges.
Was eine Fremde in so einem
kleinen Nest auslösen kann! Jeder hat seine eigene Geschichte zu mir: die
Bäckerin glaubt, ich hätte Striezeln bestellt und der Stammtischbruder vom
Kirchenwirt schenkt mir ein Auto. Wer weiß, was man mir sonst noch so in die
Schuhe geschoben hätte, wenn ich länger geblieben wäre. Ich aber mache es mir
nur kurz auf einer nassen Bank vor der eher modernen Kirche gemütlich und
verzehre meine mühsam erkämpfte Topfengolatsche, deren dickes Plastik ich ohne
Werkzeug kaum öffnen kann.
Zurück geht es wieder im Sauseschritt und mit freundlichen Zurufen der Leute, ich steige aber scheinbar in einen anderen Zug als in den, mit dem ich gekommen war und fahre eine komplett andere Strecke zurück nach Graz: durch Tunnels, sehr rasch und durch sehr viel Industrie- und Stadtrand-Gegend. Keine Spur mehr von meinem schönen Alling-Tobisegg.
Die Schaffnerin, wie auch schon
jene auf der Hinfahrt, möchte nicht den QR-Code meines Klimatickets sehen,
sondern die Vorderseite mit dem Ablaufdatum, sie ist auch nicht mit einem
Handy, wie alle anderen Schaffner, bewaffnet, sondern noch mit einer Zange, mit
der sie scheinbar die Karten entwertet. Außerdem steht auf meinem Zug: „Mieten-kaufen-db-Gebrauchtzug“.
Wenn mein Klimaticket ausläuft, denk ich mal darüber nach. So einen Zug hat schließlich
nicht jeder.
Sachen gibt’s…
Auch in der S1, mit der ich von
Graz nach Bruck fahre, benimmt sich der Schaffner äußerst seltsam: er stellt
sich auf die Stiege des Zugangs zur „Ruhe und Bitte-leise-Zone“, auf der zig
Piktogramme anzeigen, dass man weder das Handy verwenden, noch laut sprechen
darf, und führt lautstark mit Raumlautsprecher ein Privatgespräch. Irgendwie
fühle ich mich von dem veräpfelt.
Aber das regt mich alles nicht
auf, denn ich kenne jetzt Alling-Tobisegg und mampfe gemütlich meinen
„Kronprinz“ und den letzten Zipfel der Topfengolatsche. Ich war meinem Traum
von der „g‘standenen Obstbäuerin und Zugbesitzerin“ noch nie so nah.
Facts:
Ich bin insgesamt ca. 200 km mit
dem Zug gefahren, 4 km mit dem Rad und 2 km zu Fuß gegangen.
Die heutige Reise hätte ohne
Klimaticket 53,80 € gekostet.
Was ich besser organisieren
oder mir merken muss:
Keine menschliche Ansprache
erhoffen, wenn etwas mit „SB“ beschriftet ist.
Der Etikettenwaage Recht geben,
wenn sie einen Prinzen nicht als solchen erkennt.
Sparen! So ein gebrauchter Waggon
samt Schienen kostet sicher viel.
Mich einmal im Zug schminken
probieren – nur so zum Spaß. 😊




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