Dienstag, 8. Dezember 2020

Ein Tag ohne Regeln

Die Kinder sind weg. Ab zum Herrn Papa. Juhu. Gleich eins vorweg, bevor da irgendwelche Missverständnisse entstehen. ICH LIEBE MEINE KINDER. Ich bin sehr, sehr gerne mit ihnen zusammen. Aber ich bin auch gerne allein. Sehr sogar. Einmal nur für mich, unbeobachtet von meinen Teenager-Mitbewohnern, einfach tun und lassen, was ich will, auf die Vorbildfunktion wird für kurze Zeit gsch…en.

Herumliegen, im Bett essen, dummes Zeug im Fernsehen schauen, halbnackt durch das Haus laufen, ungesunde Mahlzeiten zubereiten, am Tisch bröseln und mit dem Handrücken mal so herzhaft das Kernöl vom Goscherl wischen. Ausgedehnte Badewannenaufenthalte mit zu hohem Heißwasserverbrauch, möglicherweise sogar mit einem Gläschen Sekt, am Tag die Vorhänge zuziehen und vor sich hinrüsseln, nicht das Haus verlassen, sich nicht körperlich ertüchtigen, auch auf die Frischluft wird gepfiffen. Naschen, obwohl man Hunger hat und genau weiß, dass ein vernünftiges, nahrhaftes Essen jetzt besser wäre, laute Musik spielen und dazu singen, am Handy hängen, obwohl man schon viereckige Augen hat usw. Das war der Plan.

Und nun zur Realität: nachdem die Kids die Tür hinter sich zugeschlagen haben, weiß ich erst gar nicht, was von den vielen Sachen ich als erstes anpacken soll. Meine vormittäglichen Yoga-Übungen lass ich natürlich aus, bin halt dann ein bisschen steif, aber wurscht. Da ich immer hungrig bin, beschließe ich, mir Spagetti mit Käsesauce zu kochen. Keinen Salat, kein Obst, kein Gemüse. Nur ein primitiver Nudelhaufen mit einer geilen Sauce drauf. Ich habe kein Schlagobers zuhause, aber Sauerrahm wird’s wohl auch tun, einkaufen geh ich nämlich wirklich nicht. Die Nudeln kochen eine Unendlichkeit vor sich hin und bleiben dennoch hart. Ich bereite meine improvisierte Sauce vor, was jedoch darin endet, dass der Sauerrahm zuerst die halben Küchenwände vollspritzt und danach ausflockt, der Käse zwar schmilzt, dann aber wieder nur in großen Klumpen am Löffel picken bleibt. Wurscht. Da muss ich jetzt durch, ich misch mir alles auf einem Teller zusammen, ein Teil der Sauce pickt am Tellerrand und als ich das Essen in mein Bett abschleppe, bemerke ich erst zu spät, dass besagte Saucenkreation auch unter dem Teller klebt und somit mein gesamtes Umfeld, sprich: Hose, Leintuch, Decke verschmutzt. Gut gemacht, Lotta, herzlichen Glückwunsch.

Danach nehme ich ein heißes Vollbad und ja, richtig erraten, ich schleiche zuvor noch in den Keller und will mir Sekt holen. Habe jedoch die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn ich finde nur mehr einen sauren alten, bereits geöffneten Wein. Und der wirkt. Fährt sofort in alle Glieder meines Leibes, gekoppelt mit dem heißen Wasser, bin ich nahe an einem Kreislaufkollaps. Ich habe ein knallrotes Untergestell wie ein Spanferkel, die Wangen glühen, mir ist schwindelig. Und schlecht. Und Sodbrennen hab ich. Mit letzter Kraft entsteige ich ungelenk der Wanne und bete zu Gott, dass ich nicht ohnmächtig werde, in die Wanne zurückfalle und mich am End dann noch die Kinder nackert und gegart mit einem Weinglas in Hand finden und einen Nachbarn rufen, der ihnen dann hilft, mich ins Trockene zu bringen.



Uff, ich hab’s geschafft. Bin zurück in meinem Sauerrahm-Käse-Sauce-Bett, wo ich ein kleines Schläfchen mache. Zur Belohnung für die viele, heute schon geleistete Arbeit. Dabei zieh ich mir eine Serie nach der anderen rein. Als ich wieder zu mir komme, habe ich dermaßen Kreuzweh, dass ich vom Bett kaum mehr hochkomm. Hätte meine Dehnungsübungen am Vormittag doch nicht ausfallen lassen sollen. Außerdem hab ich vom Schlafen jetzt wieder Hunger bekommen und bin total krawutisch. Unausgeglichen und zornig. Hätte doch sollen in die frische Luft gehen, das viele Wohnungshocken tut mir nicht gut. Das übertriebene Schlafen auch nicht.

Ich beschließe, das Naschkasterl zu stürmen, esse die restlichen Osterhasen – jawohl, da waren noch welche übrig – zerlassen auf ein paar fetten Bananen. Während des Essens schreibe ich ein paar unanständige WotSepp-Nachrichten an Leute, mit denen ich seit Monaten, um nicht zu sagen Jahren, keinen Kontakt mehr habe, was noch unangenehme Kommunikationen mit sich ziehen würde. Aber das ist eine andere Geschichte. Und dann drehe ich die Musik mal so richtig laut auf und tanze. Dazu mischt sich erneutes Sodbrennen der bösesten Art, es entfleuchen mir ein paar lautstarke Flatulenzen und der Nachbar klopft das erste Mal, seit wir hier wohnen, an die Wand, weil er den Lärm nicht mehr erträgt. Fast 20 Jahre und 3 Kinder lang hat er durchgehalten, doch mein Auftritt heute lässt das Fass überlaufen.

Damit die Sache nicht noch mehr eskaliert, räume ich die Küche zusammen, was angesichts der an den Wänden klebenden Käsesauce ein Halbtagesprojekt wird, überziehe mein Bett, reinige das Badezimmer und versuche den auf WotSepp angerichteten Schaden in Zaum zu halten. Was für ein Tag – so ganz ohne Regeln…

Bitte, liebe Kinder, kommt recht schnell wieder zurück. Ohne euch ist eure Mami komplett verloren.

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