Sonntag, 22. November 2020

Ich bin spröde geworden ...

 

Gut, zuerst dachte ich, es wird schon seinen Sinn haben, so eine Pandemie, irgendeine schöpferische Erneuerung wird es wohl bereithalten für uns, das Universum. Ein bisschen runterfahren halt wieder die erhitzten Gemüter, die gestressten Workaholics auf Werkeinstellung zurücksetzen. Uns aufs Wesentliche, Wichtige besinnen lassen, zu uns selbst finden.

Aber jetzt bin ich spröde geworden… zerbrechlich und zerknittert….

Zuerst ging’s noch, da war alles irgendwie anders und gar nicht mal so schlecht: durch‘s Distance Learning der Kinder gab’s keine Konflikte mehr im Pausenhof, die Kopfläuse blieben komplett aus, der Schularzt attestierte kein einziges Mal mehr Masseneisenmangel und Massenplattfüße , die öden Elternabende mit verbohrten Helikopter-Eltern und ihren abstrusen haarsträubenden Ideen fielen aus, niemanden interessierte mehr „die gesunde Jause“ und ob man zum Trendsport in die Berge oder zur Sissi nach Wien in der Schulwoche tingeln würde.

Die von mir so lästig empfundene Links-rechts-Busslerei zur Begrüßung fiel weg, man gab sich keine verschwitzten Hände mehr und wischte dann heimlich seine eigene Hand angeekelt ins Tischtuch der Nachbarin, man roch sich und die anderen nicht mehr – entweder aufgrund des stets mitgeführten Babyelefanten oder aufgrund des Nasen-Mund-Schutzes. Steril kroch man in sich selbst hinein, schnitt Grimassen, die keiner sah, jegliche Mimik verhallte im blau-weißen Fetzen und akustisch verstanden wir uns alle auch bald nimmer.

Die Adventmärkte , wo sich in seliger Glühwein-Laune die Schnapsnasen mit ihren batteriebetriebenen Zipfelmützen unterm grell beleuchteten Riesenradl zuprosteten und herumstänkerten, brauchte ich nicht mehr zu besuchen, was mir jedes Jahr von irgendwem aus meinem Freundeskreis zur Pflicht gemacht wurde und eigentlich war ich völlig ohne Stress und Kalender, weil es sowieso hieß „treffen Sie niemanden!“



Klang für mich zumindest am Anfang mal richtig gut und entspannend. So eine Pause von zu viel Menschelndem.

Aber jetzt bin ich spröde geworden. Sehr sogar.

Ich möchte euch alle wieder riechen, die Parfums und Cremen auf eurer Haut, die Shampoos auf euren Haaren, den Zigarettenduft in euren Bärten, den Schweiß auf euren Wangen. Ich möchte euch fühlen, wenn wir uns umarmen – und sei es nur für den kurzen Augenblick der Begrüßung, des flüchtigen Beschnupperns für ein paar Sekunden.

Ich möchte mich austauschen mit anderen Eltern, möchte deren Sichtweise erfahren, möchte mich mit Plattfüßen und Eisenmangel herumschlagen und das lästigste Übel, vor dem ich mich und meine Familie schützen würde müssen, sollten wieder diese verdammten Kopfläuse sein und nicht eine Krankheit, die so viele Gesichter und Erscheinungsformen hat wie die Hydra aus der griechischen Mythologie.

Und ja, ich möchte mich wieder mit den Dumpfbacken auf dem Christkindlmarkt herumschlagen und kopfschüttelnd nach Hause gehen und nicht durch die Thujenhecke des Nachbarn klettern, damit ich die Ausgangssperre umgehe.

Ich möchte meinen Kindern eine gesunde Jause richten und sie zum Schulbus in die Finsternis hinausschicken, wissend, dass sie an der nächsten Ecke schon ihre Freunde treffen und es zwischen ihnen ein Gekuder und ein Juchee geben wird.

Zerbrechlich fühl ich mich. Spröde und zerknittert.

Für Corona und das 2020er-Jahr hab ich genau noch einen Satz übrig: „Schleich di, du Oarschloch!“.

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